Herausforderung Salafismus

7.2.2018 | Von:
Harald Weilnböck
Milena Uhlmann

Thesen zu guter Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung

Aus Anlass des Vortrags "Zum internationalen Stand der Extremismusprävention in Europa - Ansätze und Erfahrungen": 20 Prinzipien guter Praxis

Diskussion der 20 Thesen auf der Fachtagung in Mannheim im Dezember 2017Diskussion der 20 Thesen auf der Fachtagung in Mannheim im Dezember 2017 (© bpb)

Im Rahmen der Fachtagung der Bundeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg - "Grenzenloser Salafismus - Grenzenlose Prävention? - Radikalisierung, politische Bildung und internationale Ansätze der Prävention" - im Dezember 2017 in Mannheim haben Milena Uhlmann (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und Dr. Harald Weilnböck (Cultures Interactive e. V.) "Thesen zu guter Praxis in der Extremismusprävention und in der Programmgestaltung" vorgestellt. Dieser erste Aufschlag vereint Praxiserfahrungen und Forschungsergebnisse, behördliche Perspektiven und zivilgesellschaftliche Erkenntnisse mit Ergebnissen aus der Evaluation der Beratungsstelle "Radikalisierung" und verschiedenen Expertenrunden im Rahmen des Radicalisation Awareness Network (RAN) ("RAN-Derad Declaration of Good Practice", "Good practice in 'policy making'") [1].

Die Thesen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern stellen lediglich einen ersten Impuls dar, der zur Diskussion anregen soll. Diese wollen wir hier mit Ihnen führen. Daher bieten wir an, nach und nach ausgewählte Kommentare zu den Thesen zu veröffentlichen. Wenn auch Sie mit debattieren möchten, schicken Sie Ihren maximal 1.000 Zeichen umfassenden Kommentar an: radikalisierungspraevention@redaktion-kauer.de.

I. Prinzipien in der Präventions-, Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit

1. Vertrauensbildung, Respekt, Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität sind das non plus ultra in der Präventionsarbeit für zivilgesellschaftliche und behördliche Akteure; sowohl gegenüber den Klienten und Klientinnen als auch im kollegialen Miteinander. Dazu zählt auch das Gewähren vom Vertraulichkeit und eingeschränkter Berichtspflicht gegenüber den Behörden, die das Programm finanzieren (in Fällen, die keine Eigen- oder Fremdgefährdung betreffen). Sie sichern die Niedrigschwelligkeit des Angebots und bilden die Grundlage für die Arbeit mit den Klienten und Klientinnen.

2. Freiwilligkeit und ein lebensweltlich orientierter Ansatz sind von zentraler Relevanz für die Umsetzbarkeit von Präventionsprogrammen. Nachhaltige persönliche Veränderungen und Entwicklungen können nicht unter Zwang geschehen. Hier liegen stets individuelle, in der persönlichen Lebenswelt und Biografie verortete Bedürfnisse zugrunde, die Präventionsarbeitende erkennen und einordnen können müssen.

3. In der Extremismusprävention liegt der Schwerpunkt auf emotionalem und sozialem Lernen, weniger auf kognitivem Lernen. Emotionale Kompetenz und emotionale Intelligenz sind daher von grundlegender Relevanz in diesem Arbeitsfeld. Konflikte, Ambivalenzen, Unsicherheiten, Scham, Furcht, Aggression, Freude, Sinnkrisen, Diskriminierungserfahrungen, geopolitisches Weltgeschehen, Ohnmachtsgefühle, mangelnde Handlungsoptio-nen und/oder -kompetenz in Bezug auf das Weltgeschehen, den eigenen Alltag, Probleme im Beruf/in der Schule und Konflikte in der Familie, Traumata, Gewalterfahrungen – für all diese Themen muss ein Gesprächs- und Lernraum geöffnet werden.

4. Kreative und gestalterische Methoden können ein sehr effektives Element von Präventionsansätzen sein. Verfahren des gestalterischen Selbstausdrucks (Theater, Jugendkulturen etc.) eignen sich, um den Kontakt zu jungen Leuten herzustellen, die ansonsten für präventive oder pädagogische Maßnahmen nur sehr schwer erreichbar sind. Auch kann kreativer Selbstausdruck Impulse der persönlichen Veränderung und Entwicklung unterstützen.

5. Narrativ-erzählenden Ansätzen – als Ausdruck von persönlich erlebter Erfahrung – ist zunächst der Vorzug gegenüber argumentativen Ansätzen zu geben. Argumente polarisieren oft, Erzählen verbindet und erschließt die für die jeweilige Person wichtigen Erfahrungsthemen, ohne die eine nachhaltige persönliche Veränderung und Entwicklung nicht gelingen kann. Gleichwohl sollte die Haltung kritisch-zugewandt sein, also sowohl akzeptierende als auch konfrontierende Elemente verbinden.

6. Gute Präventionsarbeit lenkt den Blick von Defiziten auf Ressourcen. Sie hilft Klienten und Klientinnen dabei, Kompetenzen aufzubauen, um ihr Leben selbsttätig zu meistern, und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken. Sie behandelt den Menschen stets als Subjekt, niemals als Objekt. Klienten und Klientinnen werden nicht präventiert oder deradikalisiert, sondern sind immer handelnde Akteure.

7. Unter bestimmten Voraussetzungen kann Prävention und Ausstiegsarbeit sehr von Gruppenarbeit und gruppendynamischem Lernen profitieren, da soziales und emotionales Lernen hier besonders intensiviert wird. Die Themen und Anliegen kommen dabei von den Teilnehmenden selbst (siehe Prinzipien 2. und 3.) und werden durch die Leitung in einem prozessoffenen Ablauf moderiert.

8. Gender-Themen haben im Extremismus eine Schlüsselfunktion – und müssen auch in der Prävention vorrangig bearbeitet werden. Extremisten und Extremistinnen, die nicht gleichzeitig auch sexistisch und homophob eingestellt sind, gibt es eigentlich nicht. Die Rekrutierungsstrategien aller Extremismen legen deutliches Zeugnis davon ab. Was vermeintlich ein Mann ist (Maskulinität) oder was eine wahre Frau ist (Femininität), steht oft im Zentrum der Affekte von extremistischen Reden und Gewalttaten. Ansichten über und Erfahrungen in Sexualität und Liebe sind hoch bedeutsam (jedoch von Prävention meist unberücksichtigt).

9. Präventionsmaßnahmen müssen lokale Strukturen einbeziehen und den Kontext der Durchführung miteinbeziehen sowie auf die Expertise angrenzender Fachbereiche zurückgreifen, bestenfalls schon in der Entwicklungsphase. Die verschiedenen Akteure im lokalen, aber auch nationalen Handlungsfeld müssen sich und ihre Kompetenzgebiete, Aufgaben- und Verantwortungsbereiche kennen. Die Schnittstellen zwischen den Akteuren müssen klar sein und regelmäßig auf die Aktualität der eingebundenen Expertise überprüft werden.

10. Kenntnis, Bewusstsein und Einbezug der politischen Debatten und Mediendiskurse sowie der gesellschaftlichen ‚Befindlichkeiten‘ ist ein ebenso wichtiger Teil der Arbeit in dem Handlungsfeld. Präventionsarbeit findet nicht in einem Vakuum statt. Das gesellschaftliche Klima ist ebenso relevant für Prozesse der Radikalisierung und der Distanzierung wie das soziale Umfeld.

11. Nachhaltige (vor allem sekundäre und tertiäre) Prävention lässt sich nur im Rahmen einer direkten, persönlichen (Arbeits-)Beziehung bewirken – Medienprodukte und Internet können hier lediglich unterstützende Elemente darstellen. Dass das Internet bei Radikalisierungsverläufen eine gewisse Rolle spielt, bedeutet keineswegs, dass Internet und soziale Medien auch für Prävention und Deradikalisierung zentral wichtig wären. Die Abwendung von einer affektiv verankerten Selbst- und Weltanschauung stellt eine tiefgreifende persönliche Veränderung dar. Dies kann durch die Rezeption von Medienmaterial nicht nachhaltig erzielt werden. Eine direkte, persönliche und pädagogische Mentor und Mentorinnen-Beziehung ist unerlässlich.

II. Prinzipien in der Politik- und Programmgestaltung

12. Gute Politik- und Programmgestaltung wird tunlichst nicht auf nur eine Form von gewaltbereitem Extremismus Bezug nehmen, sondern stets zwei oder mehrere einschlägige Phänomenbereiche zusammen im Blick haben. Zum einen stehen gewaltförmige Extremismen in einem reziproken Verhältnis der wechselseitigen Eskalation. Zum anderen führt jegliche Fokussierung auf nur eine Form von Extremismus unvermeidlich zu Polarisierungen und Stigmatisierungen. Prävention und Deradikalisierung sollten aber keinesfalls polarisieren und stigmatisieren – oder unabsichtlich Kampagnen gegen bestimmte Personengruppen Vorschub leisten.

13. Der beständigen Verführung, die Themen von Extremismus und Prävention für parteipolitische Strategien zu missbrauchen, muss nachdrücklich vorgebeugt werden. Wir blicken auf Jahrzehnte der gegenseitigen parteipolitischen Schuldzuweisung zwischen rechts und links zurück, die mehr oder weniger trefflich gewesen sein mögen, aber letztlich der gemeinsamen Sache des Schutzes der demokratisch-menschenrechtlichen Gesellschaften keinen guten Dienst erwiesen haben. Extremismusprävention muss in systematischer und gut organisierter Weise als überparteiliches, gesamtgesellschaftliches Anliegen gehandhabt werden.

14. Gute Politik- und Programmgestaltung wird sich nicht in erster Linie auf die religiösen bzw. ideologisch-weltanschaulichen Gesichtspunkte beziehen, sondern vielmehr die sozialen, biographischen und psychoaffektiven Charakteristika von gefährdeten oder radikalisierten jungen Menschen in den Vordergrund heben. Praxisforschung hat vielfach unterstrichen, dass ideologische oder religiöse Aspekte zwar durchaus Belang haben, aber in ihrer Wirkung bei Radikalisierung und guter Präventionsarbeit überschätzt werden. Biographisch-Persönliches, Soziales, und Psycho-affektives sind mindestens ebenso wichtig. Zudem trägt ein Fokus auf Ideologie oder Religion stets indirekt zur Polarisierung und Stigmatisierung von Gruppen bei. Das Sprechen über Ideologie oder Religion führt oft zu Streit und Trennung – ein gelingen-des Gespräch über Persönliches und Erlebnishaftes verbindet und stiftet Dialog.

15. Prävention ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, die ein gutes Zusammenspiel der relevanten Bereiche erfordert und insbesondere auf Partnerschaften zwischen zivilen und behördlichen Akteuren angewiesen ist. Sicherheitsbelangen ist Rechnung zu tragen. Gleichzeitig wirkt Radikalisierung jenseits sicherheitsrelevanter Aspekte tief in unsere Gesellschaften hinein. Umso wichtiger ist die Rolle der Zivilgesellschaft, die durch starke Partnerschaften mit behördlichen Akteuren sowohl die Gesellschaft als auch Individuen stärken und gemeinsam allen Formen der Radikalisierung entgegenwirken kann.

16. Eine ausreichende Präsenz und Mitwirkung von erfahrenen Praktikern und Praktikerinnen in der Programm- und Politikgestaltung ist unumgänglich. Handlungskonzepte, Methoden und Instrumente müssen von unten nach oben (bottom-up) und in enger Rückkopplung mit der Arbeit im Feld entwickelt werden. Die Praktiker und Praktikerinnen vor Ort kennen die einschlägigen Zielgruppen und die erfolgversprechenden Methodiken am besten. Die Zusammenarbeit zwischen Politik-/Programmgestaltung, Wissenschaft und Praktikern und Praktikerinnen muss auf selber Augenhöhe fungieren.

17. Die aktive Vernetzung und der fortwährende Austausch unter allen relevanten Akteuren sind von großer Bedeutung. Ziel ist das gegenseitige voneinander Lernen und eine funktionierende Kooperation. Es gibt kein Patentrezept für Prävention und Deradikalisierung, aber Folgerungen aus gemachten Erfahrungen können und sollen einer Überprüfung unterzogen und dort wo passend an die jeweiligen nationalen und lokalen Kontexte angepasst werden (tailor-made approach).

18. Die Zeithorizonte zur Konzeptualisierung von Präventionsprogrammen sollten so bemessen werden, dass sie auf behördlicher Seite grundlegend vorbereitet und im Folgenden unter Einbezug der späteren weiteren Netzwerkakteure weiterentwickelt werden können. Die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der verschiedenen Akteure müssen ausdifferenziert und in klaren Prozessketten aufeinander beziehbar sein. Hierfür muss stets klar sein, was das Ziel des jeweiligen Programms ist (z. B. Demobilisierung, Ausstieg, Integration, Deradikalisierung, Prävention) und welches die Zielgruppe ist.

19. Strategien gegen Radikalisierung in den Extremismus sollten sich nicht nur mit Symptombehandlung befassen. Das Stattfinden von Radikalisierung deutet immer auch auf Defizite unserer Gesellschaften hin. Effektive Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen des Phänomens erfordern ganzheitliche gesellschaftliche Strategien zunächst auf nationaler, aber auch auf internationaler Ebene.

20. Präventions- und Ausstiegsprogramme sind keine "Musterdemokratenmaschinen", und sollen es auch nicht sein. Weder gibt es eine Erfolgsgarantie, noch sollen radikale Ideen an und für sich ‚ausgetrieben‘ werden. Die allgemeine Zielvorstellung, auf die wir hinarbeiten, ist weder eine Konditionierung a la "Brave New World" noch eine Gedankenpolizei a la "1984", sondern eine pluralistische Gesellschaft, die in ihrer Diversität lebenswert für alle ist. Prävention ist zunächst nicht gegen, sondern vor allem für – sie bekämpft nicht (nur), sondern schafft und baut auf. Dies gilt es in der Programmgestaltung, -einbettung und -zielausrichtung zu berücksichtigen.

Quellen (Auswahl):

El Difraoui,Asiem/Uhlmann, Milena/Micheron, Hugo (2015): Les politiques de dé-radicalisation. Allemagne, Grade Bretagne et Danemark, Paris: SciencesPo.

Uhlmann, Milena (2017): Evaluation der Beratungsstelle „Radikalisierung“ – Abschlussbericht. Forschungsbericht 31, Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, S. 14-16.

Weilnböck, Harald/Örell, Robert et al. (2015): RAN Derad Declaration of Good Practice – Principles of Sustainable Interventions in Disengagement and Rehabilitation (Deradicalisation) from Involvement in Violent Extremism and Group Hatred. Online unter http://cultures-interactive.de/de/fachartikel.html.

Weilnböck, Harald (2013): The Narrative Principle: Good Practice in Anti-Hate Crime Interventions within the Radical-isation Awareness Network. In: Right-Wing Extremism in Europe. Country analyses, counter-strategies and labor-market oriented exit-strategies. Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 379-408. Online unter http://weilnboeck.net/pages_en/essays.html.

Weilnböck, Harald (2017): Good practice in “policy making” about preventing/ distancing of violent extremism – and group hatred. Demnächst auf http://cultures-interactive.de/de/fachartikel.html.

Fußnoten

1.
In der Arbeitsgruppe Deradikalisierung des RAN haben ca. 80 felderfahrene Praktikerinnen und Praktiker, die aus diversen europäischen Ländern kommen und mit unterschiedlichen Formen von gewaltförmigem Extremismus und Gruppenhass befasst sind, von 2011 - 2015 ehrenamtlich zusammengearbeitet. Daraus ging die "RAN-Derad Declaration of Good Practice" und die Empfehlungen zu "Good practice in 'policy making'" hervor, die hier mit zugrunde liegen.
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Autoren: Harald Weilnböck, Milena Uhlmann für bpb.de
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