Herausforderung Salafismus

5.3.2018 | Von:
Samy Charchira

Möglichkeiten der Einbindung muslimischer Institutionen und Moscheegemeinden in die Radikalisierungsprävention

Muslimische Institutionen und Moscheegemeinden können in einer gesamtgesellschaftlichen Präventionsstrategie wichtige Aufgaben übernehmen - nicht nur als Träger, sondern auch als Experten, Kooperationspartner und Vermittler. Samy Charchira analysiert die Potenziale und Herausforderungen muslimischer Träger in der Radikalisierungsprävention und gibt Einblicke in aktuelle Angebote.

Gebet in der Şehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln am Tag der offenen MoscheeGebet in der Şehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln am Tag der offenen Moschee. (© picture-alliance, NurPhoto)

Insbesondere seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien ist die schnell voranschreitende Radikalisierung von Musliminnen und Muslimen ein omnipräsentes Thema in der deutschen Öffentlichkeit, das für kontroverse und mitunter auch islamfeindliche Debatten sorgt. Muslimische Institutionen, Moscheegemeinden und Islamtheologen wurden nur zögerlich an Präventions- und Deradikalisierungsprogrammen beteiligt, nicht zuletzt deshalb, weil lange Zeit die Annahme vorherrschte, dass ein enger Zusammenhang zwischen zunehmender Religiosität und beschleunigten Radikalisierungsprozessen bestünde, sodass religiöse Vertreter in Prävention und Deradikalisierung zunächst außen vor bleiben sollten. Eine Annahme, die sich angesichts des aktuellen Forschungsstandes kaum halten lässt.[1]

Dabei können muslimische Institutionen und Moscheegemeinden in einer gesamtgesellschaftlichen Präventionsstrategie durchaus wichtige Aufgaben übernehmen, nicht nur als Träger, sondern auch als Experten, Kooperationspartner und Vermittler.

Als das Bundesfamilienministerium 2010 das Förderprogramm "Initiative Demokratie stärken" gegen unterschiedliche Formen von Extremismus auflegte, gehörten im Bereich der Modellprojekte gegen islamistischen Extremismus gerade einmal zwei (von 39) muslimische Institutionen zu den Trägern (fünf Prozent).[2] Inzwischen erkennt man sie jedoch immer mehr als wichtige Partner im Kampf gegen religiös begründeten Extremismus an. Im aktuellen Förderprogramm "Demokratie Leben!" (seit 2015) liegt ihr Anteil bei 28 Prozent.[3]

Dieser Anstieg ist wichtig und notwendig. Zum einen wecken mangelnde Partizipationsmöglichkeiten von muslimischen Trägern an den Förderprogrammen nicht nur bei diesen, sondern auch bei vielen radikalisierungsgefährdeten muslimischen Jugendlichen den Eindruck, dass Prävention "staatlich verordnet" werde. Dies verursacht durchaus eine oppositionelle Grundstimmung. Zum anderen verfügen islamische Verbände [4] und Moscheegemeinden mit ihren vielfältigen Angeboten [5] über wichtige Zugänge zu den als gefährdet geltenden Jugendlichen und ihren Familien, mit denen sie mehr als 150.000 Menschen pro Woche erreichen (mehr als 100 Kinder und Jugendliche pro Gemeinde und Woche).[6] Hinzu kommt, dass für muslimische Institutionen eine islamistische Radikalisierung im Widerspruch zu ihrer eigenen Glaubenspraxis steht und sie daher ein Eigeninteresse daran haben, sich gegen eine Radikalisierung im Namen des Islams zu stellen.

Potenziale muslimischer Träger in der Radikalisierungsprävention

Für die Einbindung muslimischer Institutionen in eine übergeordnete Präventionsstrategie gibt es also gute Gründe. Ihre Verortung im kommunalen Raum und ihre seit Jahren zu beobachtende steigende Zahl machen sie zu potenziell wichtigen Partnern in der Radikalisierungsprävention.

Vertraute Zugänge und Basisstrukturen nutzen

Moscheegemeinden sind nicht nur Orte der religiösen Praxis, sondern auch Orte der Begegnung, des Lernens, der Vergemeinschaftung und der sozialen Teilhabe. Mehr als 10.000 Personen engagieren sich hier ehrenamtlich, vor allem in den Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe sowie Seniorenarbeit.[7] In 80 Prozent der Gemeinden der in der Deutschen Islam Konferenz vertretenen islamischen Verbände gibt es offene Freizeitangebote für Jugendliche in einem Umfang von bis zu zehn Stunden pro Woche und in 58 Prozent der Gemeinden Jugendbildungsangebote, etwa zur Berufsorientierung, Sprachförderung oder Hausaufgabenhilfe. Mehr als 880 Moscheegemeinden bieten Jugendlichen und ihren Eltern Beratungsangebote bei Schul- und Erziehungsproblemen, aber auch zu den Themen Sucht, Diskriminierung, Depression und Gewalterfahrung.[8] Darüber hinaus werden Jugendreisen, Kinderbetreuung, Seniorentreffs, Bildungsangebote für Senioren, Hausbesuchsdienste und vieles mehr angeboten.

Viele Jugendliche identifizieren sich in hohem Maße mit ihren Gemeinden und sehen sie als "authentische Wirkungsräume" (d.h. Orte, wo sie im Einklang mit ihren religiösen Überzeugungen teilhaben und ihre Projekte und Ideen verwirklichen können), als Orte der Ruhe und der freien Entfaltung, wo sie vertrauensvoll und in einem geschützten Rahmen ihre Haltungen, Positionen und Gedanken reflektieren können. Das bietet für sie nicht selten eine wichtige emotionale Entlastung. Daher genießen auch die theologischen und seelsorgerischen Angebote der Moscheegemeinden bei diesen Jugendlichen eine hohe Wertschätzung. Theologisch versierte Multiplikatoren werden von ihnen als Autoritätspersonen angenommen.[9] Deshalb können Moscheegemeinden einen erheblichen Beitrag dazu leisten, radikal-islamistisches Gedankengut zu verurteilen und Jugendlichen aufzuzeigen, dass es in einem zeitgemäß verstandenen Islam keine reale Grundlage hat.

Durch aufklärende Lernarrangements können Gemeindeakteure gefährdete Jugendliche erreichen, ihnen ein modernes Islamverständnis nahebringen und verhindern, dass sie sich radikalen Gruppen zuwenden. In solchen Lernsituationen geht es darum, die Jugendlichen in den Mittelpunkt von Lernprozessen zu stellen, um stärker auf ihre Lebenswelten eingehen zu können. Jugendliche sollen die eigene Ambiguitätstoleranz ergründen, das eigene Religionsverständnis hinterfragen und den Umgang mit Andersgläubigen üben. Zugleich stehen ihre speziellen Interessen und Bedürfnisse im Vordergrund und müssen partizipativ eingebracht werden. Allerdings erfordern solche Lernarrangements didaktische und pädagogische Kenntnisse, die bei religiösen Autoritäten selten vorhanden sind. So findet nicht jeder Imam einen adäquaten pädagogischen Zugang zu den Jugendlichen. Es können hier durchaus Probleme in der Kommunikation oder in der Vermittlung auftreten. Auch haben Imame nicht immer ausreichende Kenntnisse über die Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen. Es ist deshalb erforderlich, religiöse Expertise und sozialpädagogische Fachkenntnisse zusammenzubringen. Dies kann z.B. durch Schulungen und Qualifizierungen von Multiplikatoren, die ohnehin für die Jugendarbeit in den Gemeinden zuständig sind, geschehen. Doch bleibt die Einstellung von pädagogischem Fachpersonal, das ein Höchstmaß an Professionalität gewährleisten kann, unabdingbar. So können sie z.B. die seit Jahren durchgeführten Angebote der Kinder- und Jugendhilfe optimal in die Radikalisierungsprävention einbinden.

Gelingt dies, können muslimische Jugendliche in den Gemeinden so gestärkt werden, dass sie selbst als Multiplikatoren gegenüber Jugendlichen, die sich von radikalen Ideologien angesprochen fühlen, fungieren. Diese Ansätze oder auch solche, die auf Tandemlösungen von sozialpädagogischer und religiöser Intervention setzen, haben bisher nur peripher in die Präventionsforschung zum islamisch begründeten Extremismus Eingang gefunden, wenngleich sie in der Praxis bereits seit Längerem erprobt werden. Dabei können hier Erfahrungen und Erkenntnisse gewonnen werden, die auch für Wissenschaft und Forschung relevant sind.

Fußnoten

1.
Längst ist bekannt, dass einige Dschihadisten versuchten, sich vor ihrer Ausreise mit niedrigschwellig gestalteten Publikationen (z.B. "Islam für Dummies") den Islam erklären zu lassen; vgl. z.B. "Islam für Dummies": Mit diesem Buch ziehen Europas IS-Kämpfer in den Dschihad, Focus Online, 26.08.2014, http://www.focus.de/politik/ausland/krise-in-der-arabischen-welt/unwissend-aber-bereit-zu-sterben-islam-fuer-dummies-dieses-buch-kaufen-europas-is-kaempfer-vor-dem-dschihad_id_4086131.html (letzter Zugriff: 09.08.2017). Aber auch die kürzlich veröffentlichte Studie "Lasset uns in sha’a Allah ein Plan machen", die mithilfe eines WhatsApp-Chats das Islamverständnis einer Gruppe Jugendlicher offenlegt, zeigt sehr deutlich, wie wenig Wissen militante Jugendgruppen über die eigene Religion haben und wie sie versuchen, sich einen eigenen "Lego-Islam" zu basteln; vgl. Michael Kiefer u.a.: "Lasset uns in sha’a Allah ein Plan machen", Wiesbaden 2017.
2.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Abschlussbericht des Bundesprogramms "Initiative Demokratie stärken", Berlin 2014, https://www.demokratie-leben.de/fileadmin/content/PDF-DOC-XLS/Abschlussberichte/Abschlussbericht-IDS.pdf (letzter Zugriff: 11.08.2017).
3.
Acht Projektträger von insgesamt 28; vgl. https://www.demokratie-leben.de/mp_modellprojekte-zur-radikalisierungspraevention.html#t-1 (letzter Zugriff: 22.06.2017).
4.
Unter dem Oberbegriff "islamische" bzw. "muslimische Verbände" werden im allgemeinen die großen islamischen Religionsverbände, z.B. DITIB oder ZMD, gefasst.
5.
Mehr als 40 Prozent der Moscheegemeinden bieten Hilfesuchenden eine Sozial- und Erziehungsberatung an; mehr als die Hälfte von ihnen unterstützen Schülerinnen und Schüler bei ihren Hausaufgaben und rund 36 Prozent leisten Angebote der Gesundheitsberatung; vgl. Dirk Halm/Martina Sauer/Jana Schmidt/Anja Stichs: Islamisches Gemeindeleben in Deutschland, im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Forschungsbericht 13, Nürnberg 2012, http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb13-islamisches-gemeindeleben.pdf?__blob=publicationFile (letzter Zugriff: 11.08.2017).
6.
Vgl. Dirk Halm/Martina Sauer: Soziale Dienstleistungen der in der Deutschen Islamkonferenz vertretenen religiösen Dachverbände und ihrer Gemeinden, hrsg. vom Bundesministerium des Innern im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, Berlin 2015, https://www.deutsche-islam-konferenz.de/SharedDocs/Anlagen/DIK/DE/Downloads/WissenschaftPublikationen/soziale-dienstleistungen-gemeinden.pdf?__blob=publicationFile (letzter Zugriff: 11.08.2017).
7.
Vgl. ebd.
8.
Die hier beschriebenen Angebote werden aus Eigenmitteln und ehrenamtlichem Engagement der islamischen Verbände erbracht. Eine staatliche Finanzierung oder Refinanzierung ist hier nur selten gegeben.
9.
Die hier dargestellte Situation bezieht sich auf muslimische Jugendliche mit Bezug und Zugang zu den Moscheegemeinden. Selbstverständlich erreichen islamische Dachverbände und ihre Gemeinden nur einen Teil der Muslime in Deutschland.
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Autor: Samy Charchira für bpb.de
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