Herausforderung Salafismus

5.3.2018 | Von:
Samy Charchira

Möglichkeiten der Einbindung muslimischer Institutionen und Moscheegemeinden in die Radikalisierungsprävention

Wertedialoge und Werteerziehung in den Moscheegemeinden initiieren

Eine der zentralen Debatten unserer Gesellschaft dreht sich um die Frage der "Werte" und Wertevermittlung. Insbesondere im Zusammenhang mit der Forderung vieler Muslime, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilzuhaben – bei gleichzeitiger Muslimfeindlichkeit in Teilen eben dieser Gesellschaft –, wird diese Debatte verschärft geführt und nicht selten begleitet von gruppenspezifischen Konstruktionen von "Wir" (unsere Werte) und die "Anderen" (andere Werte). Interessant ist es, zu beobachten, dass reale oder vermeintliche Wertekollisionen nur peripher entlang von Werten verlaufen, dafür aber stark entlang von Normen und Erwartungshaltungen. Das hängt auch damit zusammen, dass es sich bei vielen vermeintlichen Wertekollisionen eher um Normkollisionen handelt und Werte nicht selten gleichgesetzt werden mit Normen. Mit dem Grundgesetz haben wir in Deutschland einen Wertekonsens, der die fundamentalen Grundrechte jedes Einzelnen sichert und zugleich einen Wertekanon bereitstellt, der nicht nur Staat und Politik prägt, sondern auch eine große Ausstrahlungskraft auf die Gesellschaft und die Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger ausübt.[10]

Aus diesem Wertekonsens leiten sich Normen, im Sinne von konkreten Handlungsanweisungen ab, die für das gesellschaftliche Zusammenleben von fundamentaler Bedeutung sind. Dies erfolgt nicht immer in Form von Gesetzen, sondern ebenso in Form von positiven "Verhaltenserwartungen". Allerdings müssen die Werte, die hinter den Normen stehen, in Beziehung zu diesen gesetzt werden, wenn sie zu kollidieren scheinen, wie etwa in der Debatte um religiöse Symbole in Schulen. Lange war das Tragen christlich-religiöser Symbole durch Lehrerinnen und Lehrer als Ausdruck freier Religionsausübung akzeptiert. Fundamentale Werte der politischen Bildung, wie etwa das Überwältigungsverbot, schienen nicht gefährdet zu sein. Ein lauter gesellschaftlicher Disput entfachte sich jedoch über den Anspruch muslimischer Lehrerinnen, das Kopftuch in der Schule tragen zu dürfen. Viele Kritiker sahen hier eine Kollision zwischen freier Religionsausübung und dem Überwältigungsverbot. Wie passt das zusammen?

Es gibt kaum einen besseren Weg zu einer friedlichen und solidarischen Gemeinschaft, als einen Wertekonsens, der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen trotz ihrer kulturellen, religiösen und sonstigen Unterschiede vereint. Geeignete Maßnahmen, diesen Wertekanon und den dazugehörigen Dialog in den Moscheegemeinden zu etablieren, sind weiterhin notwendig – vor allem im Hinblick darauf, dass muslimische Jugendliche an diesem Wertedialog nicht nur partizipieren, sondern diesen auch aktiv mitgestalten können. Insbesondere für Jugendliche sind Respekt, Toleranz, Vielfalt, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit zentrale Werte, die ihnen Halt und Orientierung geben.[11] Wenn Jugendliche, gefestigt in ihrer Persönlichkeit, nach diesen Werten denken und handeln, werden sie kaum anfällig für Eindeutigkeitsansprachen radikalisierter Gruppen und Radikalisierungsprozesse sein.

Daher besteht der größte Nutzen muslimischer Institutionen und Moscheegemeinden im Hinblick auf Radikalisierungsprävention unter anderem darin, muslimischen Jugendlichen diese Werte zu vermitteln und sie in den gesellschaftlichen Wertedialog einzubinden. Freundschaft, Respekt vor dem Gesetz und grundlegende Regeln des Gemeinwesens sind für Jugendliche inzwischen wichtiger als der Wunsch, "das Leben zu genießen".[12] Diese Haltungen, vor allem wenn sie mit einem erhöhten Grad der Verantwortung gegenüber anderen einhergehen, stehen im Widerspruch zu jeglicher Isolierungs- und Abschottungstendenz, wie man sie etwa bei radikalisierungsgefährdeten Jugendlichen beobachten kann.

Für viele muslimische Jugendliche können Moscheegemeinden daher ein Ort sein, an dem sie einen natürlichen und respektvollen Umgang mit anderen Religionen und gesellschaftlichen Lebensentwürfen erlernen – ein Ort, an dem die eigene gesellschaftliche Verortung entlang der eigenen spezifischen Identitätsmerkmale und getragen von Solidarität und Toleranz reflektiert werden kann – und darüber hinaus ein Ort, an dem die eigene Religion in Einklang mit dem freiheitlich-demokratischen Wertekanon gebracht werden kann. Dies würde auch den Rekrutierungsstrategien neosalafistischer [13] Gruppen entgegenwirken. Denn nicht selten suggerieren diese den Jugendlichen eine vermeintliche Diskrepanz zwischen einer muslimischen Identität und der Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft.

Besonders effizient kann diese Form der Werteerziehung sein, wenn sie nicht starr und mechanisch tradiert erfolgt, denn "Werte-Erziehung kann in einer modernen Gesellschaft nicht Werte-Vermittlung im Sinne von Werte-Indoktrination sein" [14]. Vielmehr müsste dieser normative Ansatz auf Reflexion setzen. Im Rahmen von Dialoggruppen können muslimische Jugendliche eine eigene Werteklärung betreiben und Werthaltungen überprüfen. Moscheegemeinden und muslimische Institutionen bieten hierfür authentische Rahmenbedingungen und haben die Aufgabe, fundamentalistische und islamistische Inhalte (mit dem gebotenen Abstand) zu thematisieren und durch einen moderierten Dialog mit Jugendlichen daran zu arbeiten, diese zu dechiffrieren und die Missbrauchsmomente aufzuzeigen. Selbstverständlich müsste diese Dialogarbeit von Familie, Schule, Jugendarbeit und anderen Institutionen flankiert und ergänzt werden.

Dialogarbeit und ehrenamtliches Engagement in den Moscheegemeinden

Durch Dialogarbeit und professionell moderierte Dialoggruppen können Moscheegemeinden und muslimische Institutionen außerdem dem viel kritisierten Vakuum in der Angebotsstruktur sozialer Arbeit mit muslimischen Jugendlichen entgegenwirken. Dies ist von enormer Bedeutung, weil radikale Gruppen und Hassprediger gern in dieses Vakuum vorstoßen und gesellschaftlichen Raum besetzen. Dialogarbeit kann einen wichtigen Beitrag zur Förderung kognitiver Entwicklung leisten und somit die alters- und entwicklungsabhängige moralische Urteilsfindung fördern. In konkreten Situationen, etwa bei der Bewältigung persönlicher Krisen oder der Überprüfung der eigenen Lebensentwürfe, können Jugendliche mit wichtigen Fragestellungen konfrontiert werden, z.B.: Wie ist die eigene Identität und Religiosität in gesellschaftlichen Zusammenhängen zu verorten? Welcher Umgang mit Andersgläubigen ist adäquat? Welches Verhältnis hat die Scharia zum Grundgesetz? Welche Stellung nimmt Gewalt im Islam ein? Der Fundus der methodischen Gestaltung dieser Lernumgebungen bietet eine Reihe von Formaten, z.B. Kurse zur Konfliktbewältigung, Biografieseminare oder interreligiöse Begegnungen.

Mindestens genauso ergiebig kann Dialogarbeit sein, wenn sie sich auf Lernarrangements zu "Dilemma-Situationen" stützt, anhand von Fragen, die in muslimischen Communitys immer wieder thematisiert werden, aber keine eindeutigen Lösungen zulassen, z.B.: Wie viel Religion oder Säkularisierung braucht eine integrative Gesellschaft? Was ist uns wichtiger: Leitkultur oder Multikultur? Oder moralische Fragen, etwa: Dürfen undemokratische Regierungen, z.B. in Syrien, auch mit Waffengewalt gestürzt werden?

Dialogarbeit in den Moscheegemeinden eignet sich aber auch, um Empathiefähigkeit zu fördern. Das Solidaritätsempfinden unter muslimischen Jugendlichen könnte auf andere gesellschaftliche Gruppen übertragen werden, z.B. indem Jugendliche die Perspektiven der "Anderen" einnehmen und sich in sie hineinversetzen. Jugendliche können so ihr Gewissen prüfen und ihr Urteilsvermögen schärfen. Sie können dadurch aber auch lernen, besser zwischen verschiedenen Werten, Fairness, Solidarität oder Eigeninteresse etc. abzuwägen.

Dialogarbeit nimmt in der pädagogischen Arbeit mit muslimischen Jugendlichen eine besondere Rolle ein, weil diese nicht selten mit divergierenden Wertesystemen zwischen Elternhaus, Peergroups und Mehrheitsgesellschaft konfrontiert werden. Ihr Prozess der Identitätsfindung kann sich langwierig und konflikthaft gestalten. Dialogarbeit kann helfen, Fragen zu den Rollenanforderungen zwischen traditionsbestimmten Familienzusammenhängen und öffentlichem Raum zu lösen.

Die moderierten Dialoggruppen können ethische Lernziele setzen und mithilfe von Gruppendynamik erfolgreich auf diese hinarbeiten. Insgesamt lernen Jugendliche so, mehr Verantwortung zu übernehmen, und erfahren mehr Selbstwirksamkeit. Durch "Service-Lernen", bei dem Jugendliche mit hilfsbedürftigen Gruppen (z.B. behinderten Menschen oder Obdachlosen), mit denen sie im Alltag nur wenige Berührungspunkte haben, zusammenkommen, kann Empathie, Kommunikation, Kooperation und Verantwortungsbewusstsein gefördert werden. Außerdem können Konflikte besser eingeschätzt und bearbeitet werden. Gewaltfreie Konfliktaustragung kann als Lernziel geübt werden.[15] So engagiert sich z.B. der Gelsenkirchener Verein Tuisa e.V. bereits seit 2011 für Obdachlose an deutschen Hauptbahnhöfen.[16]

Mit Wohlfahrt gegen Radikalisierung

Jugendschutz, zu dem auch der Schutz vor ideologischer Indoktrination gehört, ist eine Querschnittaufgabe, die umso erfolgreicher ist, je früher sie beginnt. Wertevermittlung, freie Persönlichkeitsentwicklung und ein respektvoller Umgang mit Religiosität und Säkularisierung lassen sich schon im frühen Kindesalter erlernen und üben. Deshalb dürfen Präventionsmaßnahmen nicht erst dann ansetzen, wenn Jugendliche mit konkreten Eindeutigkeitsangeboten konfrontiert werden, sondern dies muss viel früher und diversifizierter im Sinne einer aktuell viel diskutierten "Muslimischen Wohlfahrtspflege" geschehen. Dazu gehören unterstützende Angebote in der frühkindlichen Erziehung, im Primarbereich und vor allem in der sensiblen Phase des Heranwachsens von Jugendlichen. Die Tatsache, dass muslimische Jugendliche immer mehr von Eindeutigkeitsangeboten radikalisierter Gruppierungen angesprochen werden, zeigt, dass die etablierten Konzepte kommunaler und freier Wohlfahrtspflege oft nur unzureichend auf sie ausgerichtet sind. Notwendig ist zum einen ein verstärkter Fokus der etablierten Jugendhilfe auf muslimische Jugendliche, zum anderen die Professionalisierung der seit Jahrzehnten durchgeführten muslimischen Jugendarbeit vieler islamischer Institutionen und Verbände. Beides sind entscheidende Ansätze zur Stabilisierung der Lebenssituationen der betroffenen Jugendlichen und ihrer "Immunisierung" gegen radikale Ansprache.

Muslimische Wohlfahrtspflege vermag nicht nur, muslimische Lebensrealitäten in Deutschland zu "normalisieren", sondern auch die soziale Teilhabe von Muslimen zu garantieren und dem religiösen Pluralismus im Land Rechnung zu tragen. Allerdings kann dieser präventive Ansatz nur dauerhaft gelingen, wenn ein Paradigmenwechsel vom Ehrenamt hin zum professionellen Hauptamt gelingt. Dazu müssen ohne Zweifel die finanziellen Ressourcen in den Moscheegemeinden aufgestockt und das ehrenamtliche Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf ein professionelles Fundament gestellt werden. Genauso wichtig ist auch, dass ein nachhaltiger Transformationsprozess seitens der muslimischen Institutionen angestoßen wird, wenn sie professioneller Dienstleister sozialer Arbeit sein möchten, einschließlich der Einhaltung von Qualitätsstandards und der Etablierung von adäquaten Organisationsstrukturen.

Fußnoten

10.
Vgl. Joachim Detjen: Die Werteordnung des Grundgesetztes, Wiesbaden 2009.
11.
Vgl. Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2015. 17. Shell-Jugendstudie, Frankfurt/Main 2015.
12.
Ebd.
13.
Der Begriff "Neosalafismus" bezeichnet einerseits eine Bewegung, die eine dogmatische Haltung zu den frühen religiösen Quellen des Islams besitzt. Andererseits signalisiert das Präfix "Neo" den Bruch mit dieser dogmatischen Haltung, um Veränderungen hinsichtlich der Ideologie und Methodik des Salafismus Platz zu machen; vgl. Rauf Ceylan/Michael Kiefer: Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention, Wiesbaden 2013.
14.
Sibylle Reinhardt: Werte in der Politischen Bildung, in: Dirk Lange (Hrsg.): Konzeptionen Politischer Bildung, Baltmannsweiler 2010, S. 157ff.
15.
Vgl. Bertelsmann Stiftung: Religionsmonitor. Verstehen was verbindet. Sonderauswertung Islam 2015. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick, Gütersloh 2015.
16.
http://www.tuisa.de/aktuell/?id=32.
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Autor: Samy Charchira für bpb.de
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