Herausforderung Salafismus
25.4.2018 | Von:
Lisa Kiefer

Clearingverfahren: Wie kann Radikalisierungsprävention an Schulen gelingen?

Wie lassen sich im schulischen Kontext Radikalisierungsprozesse frühzeitig erkennen und unterbrechen? Und welche Methoden sollten hierbei zum Einsatz kommen? Dafür gibt es bislang keine erprobten Konzepte. Im Rahmen eines Modellprojekts werden seit April 2016 an sechs Schulen in Deutschland Clearingverfahren getestet. Die Projektkoordinatorin Lisa Kiefer gibt einen Einblick in das Konzept und die ersten Erfahrungen aus der Praxis.

Workshop mit Lehrkräften im Rahmen eines pädagogischen Tages an der Elisabeth-Selber-Gesamtschule in BonnWorkshop mit Lehrkräften im Rahmen eines pädagogischen Tages an der Elisabeth-Selber-Gesamtschule in Bonn (© Aktion Gemeinwesen und Beratung e. V.)

Radikalisierung als Gefährdung für Kinder und Jugendliche stellt nicht nur Eltern, sondern auch Lehrkräfte und Schulsozialarbeit vor große Herausforderungen. Die Sorge, Anzeichen einer Radikalisierung möglicherweise zu übersehen, führt an vielen Schulen zu Unbehagen. Gleichzeitig reagieren Lehrkräfte gelegentlich unangemessen, wenn sie vermeintlich radikale Äußerungen oder Verhaltensweisen ihrer Schülerinnen und Schüler beobachten. Dies kann kontraproduktiv wirken und die pädagogische Beziehung zerstören, die – auch bei einer tatsächlichen Radikalisierung – als Brücke zu den Betroffenen dienen kann.

Der Bedarf danach wächst, schulische Akteure im Umgang mit sich radikalisierenden jungen Menschen zu schulen und ihnen Methoden an die Hand zu geben, diese Prozesse zu erkennen, zu unterbrechen oder zumindest aufzuhalten. Daran anknüpfend steigt auch der Bedarf an pädagogischen Formaten für den Umgang mit Themen wie Verschwörungstheorien und Antisemitismus.

Zugleich herrscht an vielen Schulen ein Mangel an Ressourcen: Zeit ist generell knapp, nur wenige Lehrkräfte sind für das Thema Radikalisierung sensibilisiert und ausgebildet und es gibt kaum Fachleute, die Schulen im Umgang damit unterstützen können und direkt an der Schule arbeiten.

Was passiert im Modellprojekt?

Seit April 2016 wird an sechs Schulen bundesweit ein modellhaftes Verfahren erprobt, das auf den Bedarf reagiert. Das Projekt trägt den Namen "Clearingverfahren und Case Management: Prävention von gewaltbereitem Neosalafismus und Rechtsextremismus". Träger ist die Aktion Gemeinwesen und Beratung e. V., das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. Das Projekt soll Ende 2019 mit einer umfangreichen Handreichung abgeschlossen werden.

Vor allem ein mögliches Vorgehen im Hinblick auf Radikalisierung an Gesamtschulen und Berufskollegs soll hierbei genauer erprobt werden. Es sollen Methoden entwickelt werden, mit deren Hilfe es gelingen kann, Radikalisierungsprozesse zu unterbrechen. Hierbei werden dem jeweiligen Fall angemessene Methoden der sozialen Arbeit angewendet, wie beispielsweise die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl R. Rogers. Darüber hinaus kommen auch Methoden aus der systemischen Beratung zur Anwendung wie beispielsweise zirkuläres Fragen oder die Arbeit mit einem sogenannten Familienbrett.

Darüber hinaus werden neben der konkreten Fallarbeit zusätzlich flankierende Maßnahmen der primären und sekundären Prävention durchgeführt. Hierbei geht es vor allem um demokratiefördernde Elemente sowie um gezielte Fortbildungen und Workshops für Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter sowie Schülerinnen und Schüler. Ziel ist es hierbei, einen "unaufgeregten" und professionellen Umgang mit der Thematik zu fördern. Die Maßnahmen, die für Schülerinnen und Schüler angeboten werden, umfassen außerdem gestalterische und kreative Methoden wie Theater, Hip-Hop und Comic-Workshops.

Die sechs Schulen im Projekt haben sich um eine Teilnahme beworben. In den Bewerbungen wurde deutlich, dass der Schwerpunkt des Bedarfs in der grundlegenden Präventionsarbeit liegt: Mögliche Radikalisierungen sollen von vornherein verhindert werden. Offenbar bereitet es Lehrkräften Probleme, mit Schülerinnen und Schülern über bestimmte Themen zu sprechen. So sorgen im Klassenzimmer Themen wie der Nahostkonflikt, der Syrienkrieg, aber auch der Rechtsruck in Europa für Auseinandersetzungen, die nur schwer wieder zu beruhigen sind und in denen Lehrkräfte sich oft nicht ausreichend informiert und entsprechend unsicher fühlen.

Mitunter haben die Schulen in den Bewerbungen auch konkrete Anliegen gemeldet. Dabei ging es um Themen, die auch an vielen anderen Schulen bekannt sein dürften. Anlässe waren die Nachfrage von Schülerinnen oder Schülern nach einem Gebetsraum, Äußerungen extremistischer Positionen im Religions- oder Politikunterricht und die Verbreitung von Aufklebern und Flyern rechtspopulistischer und rechtsextremer Gruppen.

Das Clearingverfahren – Ansatz und Voraussetzungen

Der Begriff Clearingverfahren steht für ein strukturiertes Verfahren mit dem Ziel, einen bestimmten Sachverhalt beziehungsweise Fall zu klären. Mit Case Management ist die Steuerung der Klärung eines bestimmten Falles gemeint, die von einer pädagogischen Fachkraft geleistet wird. Im Projekt wird diese Fachkraft als Clearingbeauftragte oder Clearingbeauftragter bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine pädagogische Fachkraft, deren Arbeitsort die Schule ist. Sie ist an die Schulsozialarbeit angegliedert und steht allen schulischen Akteuren als Ansprechpartnerin oder Ansprechpartner und Beraterin oder Berater zur Verfügung. Bei konkreten Anfragen trägt der beziehungsweise die Clearingbeauftragte alle Informationen zusammen. Zudem ist ihre oder seine Aufgabe, alle anschließenden Maßnahmen zu planen, die Durchführung zu organisieren und den Überblick über den Fall zu behalten.

Ein weiteres wichtiges Element des Clearingverfahrens ist das sogenannte Clearingteam. Dort kommen alle schulischen Akteure zusammen, besprechen gemeinsam den Fall und planen pädagogische Maßnahmen. Schulleitung, Klassenleitung, Clearingbeauftragte oder Clearingbeauftragter und Schulsozialarbeit arbeiten hier strukturiert zusammen.

Bezüglich des Umgangs mit möglichen Radikalisierungsprozessen ist die Problemlage an Schulen oft unübersichtlich und mehrschichtig. Daher sieht das Clearingverfahren mehrere klar definierte Schritte vor (siehe Übersicht "Schritte im Clearingverfahren"). Zudem werden die Rollen der Akteure geklärt. Ein solches hoch strukturiertes Verfahren schafft klare Zuständigkeiten und kann auf diese Weise helfen, im schulischen Kontext "Helferkarusselle" zu vermeiden, bei denen die Verantwortung im Kreis der Beteiligten weitergereicht wird.

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Autor: Lisa Kiefer für bpb.de
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