Herausforderung Salafismus

25.4.2018 | Von:
Lisa Kiefer

Clearingverfahren: Wie kann Radikalisierungsprävention an Schulen gelingen?

Voraussetzungen für eine gelingende Radikalisierungsprävention

Eine gelingende Radikalisierungsprävention benötigt inhaltliche sowie organisatorische Voraussetzungen. Auch im Clearingverfahren müssen die allgemeinen Bedingungen für Präventionsarbeit berücksichtigt werden. Darüber hinaus gibt es spezielle organisatorische Grundlagen.

Allgemein gilt für die Präventionspraxis: Ein gemeinsamer Präventionsbegriff und gemeinsame Präventionsziele sind ebenso wichtig wie eine klar umrissene Zielgruppe. Um die Bedeutung des Präventionsbegriffes zu veranschaulichen, ist es notwendig, dass akzeptierte Indikatoren festgelegt werden, die eine mögliche Radikalisierung anzeigen können. Indikatoren sollten allerdings nie als Checkliste genutzt werden, sondern lediglich eine Hilfestellung sein. Denn alle bekannten Indikatoren können auch aus anderen Gründen auftreten und bedeuten nicht zwangsweise, dass eine Radikalisierung vorliegt.

Speziell im Clearingverfahren gibt es weitere Voraussetzungen für das Gelingen: Organisatorisch ist zu gewährleisten, dass der oder die Clearingbeauftragte für eine funktionierende Steuerung und ein durchgehendes Monitoring des Fallgeschehens sorgt. Diese Voraussetzung ist eng verknüpft mit einer Teamstruktur, die Rücksprachemöglichkeiten auf kurzem Wege zulässt. Melde-, Handlungs- und Kommunikationsroutinen sind Grundlagen für ein professionelles Handeln. Zudem muss jede Lehrkraft der Schule darüber informiert werden, an wen sie sich mit Hinweisen und Fragen wenden kann. Dies beinhaltet auch die Aufklärung von Lehrkräften und Schulleitung über den Umgang mit Meldungen an Polizei und Verfassungsschutz.

Um all diese Voraussetzungen zu schaffen und entsprechende Maßnahmen der Radikalisierungsprävention an Schulen durchführen zu können, braucht es ausreichend qualifizierte Fachkräfte. Die Voraussetzungen sollten in einer Kooperationsvereinbarung zwischen Schule und Jugendhilfeträger festgehalten werden.[1]

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Schritte im Clearingverfahren

Auslöser
  1. Vorrecherche
  2. Clearingteam: Information an alle Akteure
  3. Vertiefte Recherche
  4. Clearingteam: Beschluss von Maßnahmen
  5. Durchführung der Maßnahmen
  6. Clearingteam: Evaluation der Maßnahmen und ggf. Umsteuerung
  7. Weiterführung der Maßnahmen
Abschluss

Der Ablauf des Verfahrens

1. Vorrecherche

Das Clearingverfahren startet dann, wenn ein Hinweis auf eine mögliche Radikalisierung eines Schülers oder einer Schülerin an die pädagogische Fachkraft herangetragen wird und diese in der Vorrecherche feststellt, dass es hier tatsächlich Anhaltspunkte für eine beginnende Radikalisierung gibt. Die Vorrecherche beinhaltet vor allem Gespräche mit der Lehrkraft, die den ursprünglichen Hinweis gegeben hat. Unter Umständen kann auch die Ansprache von weiteren Lehrkräften dazugehören. Die Erfahrung im Projekt hat gezeigt, dass vor allem in dieser ersten Phase die meisten Unsicherheiten auftauchen, da die Problemlage nie eindeutig ist. Es muss also immer genau abgeklärt werden, ob es sich um einen Fall für das Clearingverfahren oder aber um einen Fall für die Schulsozialarbeit handelt. Diese Einschätzung ist oft nicht einfach und muss bei jedem Fall individuell vorgenommen werden. Unsicherheiten bei dieser Bewertung rühren oft daher, dass eine beginnende Radikalisierung und andere Problemstellungen wie familiäre oder schulische Probleme meist Hand in Hand gehen. Auffällige Veränderungen im Verhalten und den schulischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern sind in der Regel der Anlass zur Sorge für Lehrkräfte. Doch die Veränderungen können mitunter viele Auslöser haben. Wichtig ist daher, im Clearingverfahren zunächst zu überprüfen, ob die Hinweise Substanz haben und tatsächlich auf eine Radikalisierung hindeuten oder ob es sich um unbegründete Befürchtungen handelt.

2. Clearingteam: Information an alle Akteure

Wenn der beziehungsweise die Clearingbeauftragte aufgrund der Vorrecherche zu der Einschätzung gelangt, dass eine beginnende Radikalisierung möglich ist oder bereits stattfindet, muss dies im Clearingverfahren geklärt werden. Zunächst wird das Clearingteam einberufen, um alle schulischen Akteure zu informieren. Hilfreich kann es dabei auch sein, Partner aus dem sozialraumbezogenen Netzwerk einzubinden. Das können zum Beispiel das Jugendamt, die Polizei oder auch Trainerinnen und Trainer aus Sportvereinen oder sonstige externe Bezugspersonen des betreffenden Jugendlichen sein.

3. Vertiefte Recherche

Die vertiefte Recherche dient dazu, sich ein ganzheitliches Bild der Situation zu verschaffen. Hierbei können vor allem Methoden der systemischen Beratung hilfreich sein. Der beziehungsweise die Clearingbeauftragte erstellt eine Analyse des sozialen Umfelds der betroffenen Jugendlichen, vor allem durch Gespräche mit Eltern, Jugendlichem und Lehrkräften oder anderen Schlüsselpersonen. Hierbei können Ressourcen für die weitere Fallbearbeitung generiert werden in Form von Bezugspersonen, zu denen die Jugendlichen Vertrauen haben. Zudem ist es in dieser Phase wichtig, die für die Fallarbeit unabdingbare Beziehungsarbeit zu beginnen – mit allen Akteuren, vor allem aber mit dem Jugendlichen. Die vertiefte Recherche dient außerdem dazu, den Grad der Ideologisierung und auch mögliche bereits vorhandene Szenekontakte abzuklären.

4. Clearingteam: Beschluss von Maßnahmen

Die pädagogische Fachkraft stellt in einem weiteren Treffen die Ergebnisse der vertieften Recherche vor. Gemeinsam berät das Clearingteam nun über die pädagogischen Maßnahmen und formuliert Ziele, die im Clearingverfahren erreicht werden sollen. Ziele können hier beispielsweise ein erfolgreicher Schulabschluss oder das Unterbrechen von gewaltbefürwortenden Tendenzen sein, oder auch die Förderung von Interessen und Fähigkeiten, welche die Resilienz gegenüber extremistischen Positionen stärken. Als positiv wirksam haben sich hier vor allem Methoden der systemischen Beratung erwiesen, aber auch narrativ-erzählende Ansätze, die vor allem auf der Grundlage einer guten Vertrauensarbeit zu einem erfolgreichen Abschluss des Falls beitragen können.

5. Durchführung der Maßnahmen

Bei der Durchführung der Maßnahmen ist es wichtig, dass alle Mitwirkenden gegenüber dem Jugendlichen Präsenz zeigen und als starke Allianz auftreten.[2] Die Maßnahmen müssen nicht von der pädagogischen Fachkraft des Projekts durchgeführt werden, sondern können auch an andere Akteure delegiert werden.

Fußnoten

1.
Kiefer, Michael 2015: Prävention gegen neosalafistische Radikalisierung in Schule und Jugendhilfe, online unter https://www.bpb.de/politik/extremismus/radikalisierungspraevention/212435/
2.
Das Konzept der "Wachsamen Sorge" von Haim Omer kann hierbei sehr hilfreich sein. Vgl. Omer, Haim 2015: Wachsame Sorge – Wie Eltern ihren Kindern ein guter Anker sind
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Autor: Lisa Kiefer für bpb.de
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