Herausforderung Salafismus

25.4.2018 | Von:
Lisa Kiefer

Clearingverfahren: Wie kann Radikalisierungsprävention an Schulen gelingen?

6. Clearingteam: Evaluation der Maßnahmen

Nach einer vorher festgelegten Zeitspanne ruft die pädagogische Fachkraft das Clearingteam erneut zusammen. Gemeinsam wird überprüft, ob die Maßnahmen zum Ziel geführt haben oder ob man gegebenenfalls umsteuern muss.

7. Schritt: Weiterführung der Maßnahmen

Schritt 6 und 7 können sich wiederholen, bis die Ziele im jeweiligen Fall erreicht sind.

Im Clearingverfahren ist es nicht zwingend notwendig, alle sieben Schritte zu durchlaufen. Es kann auch bereits nach dem zweiten oder dritten Schritt zu einem Abschluss oder auch einem Abbruch des Verfahrens kommen. Ein Fall im Clearingverfahren gilt dann als abgeschlossen, wenn ...
  • die formulierten Ziele erreicht worden sind,
  • der Jugendliche oder Schlüsselpersonen nicht kooperieren,
  • der Fall an eine andere Institution abgegeben wird,
  • der Auftrag erfüllt wurde oder es keinen Auftrag von Seiten der Schule oder dem Jugendlichen mehr gibt.

Fallbeispiele aus dem Clearingverfahren-Projekt

Im Folgenden sollen anhand von fiktiven Fallbeispielen bisherige Erfahrungen aus dem Projekt veranschaulicht werden. Die Fallbeispiele sind so gewählt, dass sie den Alltag der pädagogischen Fachkräfte und typische Abläufe im Clearingverfahren wiedergeben. Es handelt sich daher um Fälle, die nicht außergewöhnlich erscheinen und auch an anderen Schulen auftreten könnten.

Jedoch sind es solche Fälle, mit denen sich das Projekt hauptsächlich auseinandersetzt. Und gerade sie verdeutlichen den Bedarf der Schulen nach einem strukturierten Verfahren im Bereich der Radikalisierungsprävention. Auch Stolpersteine, die im Verlauf des Verfahrens auftreten können, werden hier diskutiert. Fälle, in denen die Jugendlichen Kontakte zur extremistischen Szene haben oder bereits ideologisch gefestigt sind, stellen im Rahmen des Projekts eher die Ausnahme dar.

Salafismus

Fallbeispiel 1: Yusuf

Yusuf (Name geändert) ist 12 Jahre alt. Er kommt aus einer muslimischen Familie, in der Religion aber keine herausragende Rolle spielt. In der Schule fällt Yusuf allerdings immer wieder auf, weil er Mitschülerinnen und -schüler in Bezug auf religiöse Praktiken maßregelt, beispielsweise beim Thema Fasten im Ramadan. Eine Lehrkraft spricht die Clearingbeauftrage auf diese Vorfälle an, und diese beginnt mit der Vorrecherche. Durch einen Besuch in der Klasse verbunden mit einer Unterrichtseinheit zum Thema Toleranz stellt die Clearingbeauftragte den ersten Kontakt zu Yusuf her. Ihr fällt auf, dass sich Yusuf für Pierre Vogel und andere salafistische Prediger interessiert und deren Videos anschaut.

Die Clearingbeauftragte beruft daher das Clearingteam ein. Sie informiert alle Mitglieder des Clearingteams über den Sachstand und darüber, dass im Fall von Yusuf weitere Schritte unternommen werden sollten.

Die Clearingbeauftrage beginnt im Anschluss mit der vertieften Recherche. Sie führt Gespräche mit Yusuf und einigen seiner Freunde. Dabei baut die Clearingbeauftragte eine Beziehung zu den Jugendlichen auf und spricht mit ihnen über die Inhalte der Videos. Yusuf berichtet auch von seinen Aktivitäten auf verschiedenen Social-Media-Kanälen. Schließlich vertraut er der Clearingbeauftragten an, dass er dabei von einem Mann angesprochen worden sei, der vorgab, in Syrien zu kämpfen. Yusuf habe allerdings nach dem ersten Kontakt die Verbindung zu dem Mann wieder gelöscht, da diese ihm doch etwas "zu krass" vorkam.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind bereits zwei Monate vergangen, denn die Gespräche mit Yusuf und seinen Freunden waren sehr zeitintensiv. Der Kontakt zu einem vermutlich militanten Mann führt zu einer neuen Bewertung der Situation und macht deutlich, dass es eine Gefährdung gibt. Da zudem Yusufs Begeisterung für salafistische Prediger offenkundig ist, beschließt die Clearingbeauftragte gemeinsam mit den Mitgliedern des Clearingteams, die Eltern einzuschalten.

Allein die Kontaktaufnahme nimmt jedoch ebenfalls einige Wochen in Anspruch, da die Eltern zunächst ein Gespräch ablehnen. Erst viele Telefonate und letztendlich das Aufsuchen der Eltern zu Hause gemeinsam mit einem Schulsozialarbeiter, der den gleichen kulturellen Background wie die Familie hat, führen zu einem Gespräch. Dieses verläuft positiv und die Eltern erkennen ebenfalls die Gefährdung für ihr Kind. Zusammen wird beschlossen, dass Yusuf seinen Eltern sowohl sein Handy als auch seinen Laptop zeigt. Er versichert ihnen glaubhaft, keinen Kontakt mehr zu den besagten Personen zu haben.

Da der Schüler erst 12 Jahre alt ist, wird diese einseitige Schutzmaßnahme in dieser Situation als notwendig angesehen. Nach wenigen Tagen melden sich die Eltern bei der Clearingbeauftragten und versichern, dass ihr Sohn keinen Kontakt mehr zu den Personen habe und sich auch selbst von diesen distanziert habe. Seitdem ist die Clearingbeauftrage weiterhin mit Yusuf und seinen Eltern in Kontakt.

Dieses Fallbeispiel zeigt, wie eine Gefährdungslage an der Schule erkannt werden kann und wie ein professioneller, strukturierter Umgang mit dem Phänomen dafür sorgen kann, die Lage zu klären und gegebenenfalls Gefahren für den Jugendlichen abzuwenden. Schulleitung, Klassenleitung, Schulsozialarbeit und Clearingbeauftragte haben hier gemeinsam mit den Eltern nach anfänglichen Schwierigkeiten gut zusammengearbeitet. Möglich wurde die frühe Intervention dadurch, dass Yusuf durch die Gespräche Vertrauen zur Clearingbeauftragten gefasst hat. Durch diese Beziehungsarbeit im Vorfeld ist auch ein weiteres Arbeiten mit Yusuf und seinen Eltern möglich geworden und es wurden die Grundlagen für eine Allianz mit den Eltern geschaffen. Positiv herauszuheben ist in diesem Fall darüber hinaus, dass die Klassenleitung nach ersten Hinweisen schnell die Clearingbeauftragte einbezogen hat.

Auf der anderen Seite zeigen die ersten Erfahrungen aus dem Projekt auch, dass nicht abgesprochene Maßnahmen oder konfrontatives Vorgehen unter Umständen auch Schaden anrichten können. Insbesondere eine konfrontative Vorgehensweise von schulischen Akteuren kann eine mögliche Beziehungsarbeit erschweren oder sogar verhindern, zum Beispiel wenn Lehrkräfte religiöse Kleidung oder religiöse Verhaltensweisen ihrer Schülerinnen und Schüler direkt kritisieren. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn junge Frauen immer wieder auf ihr Kopftuch angesprochen und ihnen die Nachteile durch das Tragen eines Kopftuchs aufgezählt werden. Auch unbeabsichtigt können Lehrkräfte hier Schülerinnen diskriminieren und damit auch eine mögliche Radikalisierung beschleunigen.

Das Modellprojekt kann in dieser Hinsicht auch Unterstützung für Lehrkräfte bieten und helfen, Unsicherheiten abzubauen. Die Präsenz von Clearingbeauftragten direkt an der Schule eröffnet die Möglichkeit, kurzfristig und unkompliziert eine kollegiale Fallbesprechung anzusetzen oder zumindest eine zweite Meinung einzuholen.

Rechtsextremismus

Fallbeispiel 2: Sebastian

Das Modellprojekt zielt auf verschiedene Formen von Extremismus, und so gibt es auch im Bereich Rechtsextremismus erste Erfahrungen. Das folgende Beispiel zeigt, wie gerade narrativ-erzählende Ansätze in der Präventionsarbeit hilfreich sein können. Auch hier wird die Bedeutung einer Allianz zwischen Eltern und Schule deutlich.
Sebastian (Name geändert) ist 17 Jahre alt und besucht ein Berufskolleg in Berlin. Im Politikunterricht fällt er immer wieder durch rechtsextreme Parolen auf. Die Politiklehrerin wendet sich daher an den Clearingbeauftragten, der mit dem Start des Modellprojekts neu an die Schule gekommen ist.

Der Clearingbeauftragte führt zunächst mehrere Gespräche mit der Klassenleitung von Sebastian und weiteren Fachlehrkräften, um sich ein Bild von dem Schüler zu machen. Dabei wird deutlich, dass Sebastian auch bei anderen Lehrkräften bereits durch sein negatives Verhalten gegenüber Mitschülerinnen und -schülern mit Migrationshintergrund aufgefallen ist. Außerdem erfährt der Clearingbeauftragte, dass Sebastian sehr viele Fehlstunden hat und seine Versetzung gefährdet ist. Da Sebastian außerdem bereits gegenüber Mitschülern gewalttätig geworden ist, erwägt die Schulleitung einen Verweis von der Schule.

Im Clearingteam werden diese Informationen zusammengetragen. Hier wird auch zum ersten Mal deutlich, dass es einen Zielkonflikt zwischen Schule und Clearingbeauftragtem gibt. Ziel der Schule ist es, den bereits mehrfach verwarnten Schüler aus der Schulgemeinschaft auszuschließen. Ziel des Clearingbeauftragten hingegen ist es, den Schüler weiter an der Schule zu behalten, um mit ihm arbeiten zu können.

In der vertieften Recherche finden Gespräche mit Sebastian und seiner Mutter statt. Hierbei wird klar, dass der Schüler bereit ist, die Klasse zu wechseln, um noch eine Chance an der Schule zu bekommen. Auch die Mutter bietet ihre Unterstützung an und will darauf hinwirken, dass ihr Sohn die Schule besucht und weniger Fehlstunden sammelt. In den Gesprächen wird außerdem deutlich, dass es schwerwiegende familiäre Probleme gibt und die Situation zu Hause sehr angespannt ist.

Sebastian gibt zudem an, Mitglied in einer Kameradschaft zu sein und sich dort die meiste Zeit aufzuhalten, wenn er nicht in der Schule ist. Der Clearingbeauftragte kann bei seinen Nachforschungen allerdings keine Kameradschaft in dem Stadtteil ausfindig machen und auch lokalen Beratungsstellen ist nichts bekannt. Es scheint sich eher um eine Jugendclique zu handeln, die sich selbst als Kameradschaft bezeichnet.

Im Clearingteam werden mehrere Maßnahmen beschlossen. Zum einen schulische Maßnahmen: ein Antigewalttraining und ein Wechsel der Klasse. Zum anderen soll es pädagogische Maßnahmen im Rahmen des Clearingprojekts geben. Hier werden Beratungsgespräche sowohl mit der Mutter als auch mit dem Schüler vereinbart. Ziel ist, die familiäre Situation zu entspannen. Außerdem führt der Clearingbeauftragte mit Sebastian narrative Interviews. Diese Methode zielt darauf, dass durch das Reflektieren der eigenen Verhaltensweisen in der Vergangenheit des Jugendlichen persönliche Veränderungen und Entwicklungen angestoßen werden. Die Umsetzung der Maßnahmen zieht sich über mehr als sechs Monate. Sebastian kommt währenddessen regelmäßiger zur Schule und besucht wieder öfters einen Jugendclub, in dem er früher viele Freunde hatte. Vor seinem Abschluss entschließt sich Sebastian die Schule zu verlassen und eine Ausbildung in einem sozialen Bereich zu beginnen.

Der Clearingbeauftragte führt ein Abschlussgespräch mit der Mutter und Sebastian. Auch wenn es nicht gelungen ist, Sebastian zu seinem angestrebten Bildungsabschluss zu führen, so hat er dennoch eine Perspektive und eine Zukunft, auf die er sich freut. Zudem konnte der Clearingbeauftrage Sebastian in seiner Berufswahl unterstützen. Dass er nun im sozialen Bereich arbeitet und hier unter anderem auch seine Empathie und Impulskontrolle steuern und erlernen kann, kann als positiv bewertet werden.

Fazit: Was zeigen die bisherigen Erfahrungen?

Über diese Fallbeispiele hinaus zeigen die Erfahrungen aus dem Modellprojekt, dass die Schulen und die betroffenen Jugendlichen davon profitieren, wenn Lehrkräfte und andere Beteiligte immer wieder zu kleinen Teambesprechungen zusammenkommen und kollegiale Fallberatungen in Anspruch nehmen können. So kann auch Überreaktionen oder voreiligen Entschlüssen vorgebeugt werden, zu denen es kommen kann, wenn Schulen mit Situationen konfrontiert sind, hinter denen eine Radikalisierung vermutet werden kann.

Allerdings wird auch deutlich, dass im Zweifel die Entscheidungshoheit über schulische Angelegenheiten bei der Schulleitung liegt. Sie kann sich gegebenenfalls über die Empfehlung des Clearingteams hinwegsetzen und einseitig Maßnahmen beschließen. So ist es vorgekommen, dass Schulleitungen der teilnehmenden Schulen erwogen haben, Sicherheitsbehörden einzuschalten, während das Clearingteam dies nicht für notwendig hielt. Dies macht deutlich, wie wichtig es ist, auch die Schulleitungen zu sensibilisieren und über die gesetzlichen Regelungen und entsprechenden Verfahren zu informieren.[3]

Die bisherigen Erfahrungen aus dem Projekt bestätigen, dass es aus Sicht der Radikalisierungsprävention an Schulen wichtig ist, dass Lehrkräfte vor allem eine "wachsame Sorge"[4] für die Kinder und Jugendlichen entwickeln, die von Respekt geprägt ist. Eine Dramatisierung und eine negative Markierung sollten dagegen vermieden werden. Dies ermöglicht, mit einer wertschätzenden Neugier am Leben der Schülerinnen und Schüler teilzuhaben und in Gesprächen zu religiösen oder politischen Themen nachzufragen, wenn dies geboten scheint.

Zudem wird das Clearingverfahren offensichtlich als wertvolle Unterstützung an den Schulen angenommen. Es bietet den Rahmen dafür, Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung qualifiziert im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen zu bewerten. Die Clearingbeauftragten ergänzen die vorhandenen Kompetenzen und Handlungsmöglichkeiten des Kollegiums, indem sie Fälle steuern, offene Fragen systematisch klären und gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen initiieren, die sich an den individuellen Bedürfnissen des Schülers oder der Schülerin orientieren.

Zum Weiterlesen

Ceylan, Rauf; Kiefer, Michael: Radikalisierungsprävention in der Praxis – Antworten der Zivilgesellschaft auf den gewaltbereiten Neosalafismus. (Springer, 2018)

Lemme, Martin; Körner Bruno: Neue Autorität in der Schule – Präsenz und Beziehung im Schulalltag. (Carl-Auer, 2017)

Fußnoten

3.
Natürlich kann es ratsam sein, Sicherheitsbehörden einzuschalten. Wenn konkrete Hinweise auf eine Gefährdung des Jugendlichen oder Dritter vorliegen, besteht sogar die Pflicht dazu. Solange dies nicht der Fall ist, sollte bei der Einbindung von Sicherheitsbehörden deren Rolle und die möglichen Konsequenzen geklärt sein. Wenn es um politisch motivierte Kriminalität geht, wird der Staatsschutz tätig, ein eigener Arbeitsbereich der Polizei. Dessen Aufgabe ist jedoch die Ermittlungsarbeit und Strafverfolgung, nicht die pädagogische Beratung. Hinweise zu einer möglichen Radikalisierung können dort als Meldung einer geplanten Straftat gewertet werden. Die Ermittlungen können für die betroffenen Schülerinnen und Schüler gravierende Konsequenzen haben.
4.
Omer, Haim 2015: Wachsame Sorge – Wie Eltern ihren Kindern ein guter Anker sind
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Autor: Lisa Kiefer für bpb.de
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