Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Globalisierung

Im Zuge der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung werden auch Ambivalenzen sichtbar. Während die kulturelle Globalisierung in unteren sozialen Schichten homogenisierend wirkt, entfaltet sich in einkommensstärkeren Schichten ihre heterogenisierende Wirkung.

In solchen Reflexen zeigt sich ein tiefes Unbehagen an der kulturellen und wiederum – in enger Wechselwirkung damit – auch wirtschaftlichen Globalisierung, wie sie seit 1945 bis heute zunehmend spürbar geworden ist.

Die Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung

Die wirtschaftliche Globalisierung ist dabei Schrittmacher gewesen. Viele Handelsschranken zwischen Nationalstaaten sind abgebaut worden. Die Güterproduktion wird einem Prozess immer weiter voranschreitender Arbeitsteilung unterworfen, bei dem die einzelnen Teilproduktionen auch räumlich separiert werden können, so dass jeder Produktionsschritt am kostengünstigsten Ort stattfindet. Auch darüber hinaus ist die wirtschaftliche Produktion und erst recht das Finanzkapital von Banken und Anlegern zunehmend räumlich mobil, wozu die Fortschritte der Verkehrs- und Telekommunikationstechnologien entscheidend beigetragen haben. Damit geraten nationale Wirtschaftsstandorte unter einen immer stärkeren Konkurrenzdruck hinsichtlich der Ansiedlung von Unternehmen, insbesondere aus Wachstumsbranchen; und diese Konkurrenz wird u. a. auch durch steuerliche Anreize, Subventionen und den Abbau sozialstaatlicher Leistungen, die den Produktionsfaktor Arbeit verteuern, ausgetragen. Die inzwischen realisierte 24-Stunden-Echtzeit-Ökonomie des weltweiten Börsennetzes schließlich sorgt für eine enorme Beschleunigung finanzieller Transaktionen und Spekulationen – mit allen dadurch ausgelösten Turbulenzen, die nicht erst im Herbst 2008 deutlich geworden sind.

Die widersprüchlichen Wahrnehmungen der Globalisierungsfolgen

Die Ambivalenzen – aus Sicht der Menschen hierzulande – bereits der wirtschaftlichen Globalisierung für sich genommen sind unübersehbar. Einerseits ist Deutschland als langjähriger "Exportweltmeister" wirtschaftlich existentiell auf einen offenen und wachsenden Weltmarkt angewiesen, und die deutschen Konsumenten bedienen sich weidlich auf dem Weltmarkt – ob es nun um frischen Spargel im Januar, eingeflogen aus Gott-weiß-woher, oder um preisgünstig in der Dritten Welt hergestellte Designermode oder auch um einen kompetenten telefonischen Ansprechpartner für Computerprobleme geht, der in Indien zu dort nachtschlafender Zeit in einem Callcenter sitzt und Anrufer aus Deutschland geduldig in perfektem Deutsch dabei unterstützt, Software zu installieren. Diese Beispiele stehen für tausend andere; und allen ist gemeinsam, dass die Globalisierung der Güter- und Dienstleistungsproduktion es Menschen in der westlichen Welt ermöglicht, einen individualisierten Lebensstil zu kultivieren. Andererseits werden schon seit längerem Arbeitsplätze, die geringe Qualifikationsanforderungen stellen, entweder durch Technisierung gänzlich eliminiert oder aber in die Dritte Welt exportiert – und wer so seinen Job verliert, kann mit dem Warenangebot des Weltmarkts wenig anfangen.

Kulturelle Globalisierung und ihre Folgen

Ähnlich ambivalent werden die Begleiterscheinungen der kulturellen Globalisierung aufgenommen. Güter des Massenkonsums werden durch die sich globalisierende Wirtschaft weltweit verbreitet und transportieren unverkennbare kulturelle Botschaften überall hin – von Coca-Cola bis zu Ceran-Herden und Welthits der Popmusik. Werbung, Unterhaltungssendungen des Fernsehens und Kinofilme führen vielfältige Lebensweisen und Lebensprinzipien über nationale Grenzen und Kontinente hinweg vor Augen. Die Massenmedien berichten aus aller Welt und schaffen ein globales Bewusstsein. Die räumliche Mobilität der Menschen – vom Tourismus bis zur Auswanderung – ist ein weiterer wichtiger Träger kultureller Globalisierung. Nicht zuletzt die Globalisierungsgegner müssen paradoxerweise eine weltweite Verbreitung ihrer Anliegen und Forderungen betreiben: Nur noch global lässt sich Globalisierung bekämpfen.

Kulturelle Heterogenisierung

Hieran wird zunächst eine Heterogenisierung je lokaler, regionaler oder nationaler Kulturen sichtbar. Man hat an einem gegebenen Ort – etwa in Berlin – nicht länger nur die dort traditionell verankerten kulturellen Orientierungen, Praktiken und Güter zur Auswahl, sondern vermag darüber hinaus auf mehr oder weniger zahlreiche und mehr oder weniger andersartige Kulturtraditionen zuzugreifen. Die je individuelle Auseinandersetzung mit den insgesamt bereitstehenden kulturellen Offerten kann dabei sehr unterschiedliche Grade an Intensität aufweisen. Jemand mag Gefallen an chinesischer Küche finden, vielleicht auch nur an einer eingedeutschten Version ausgewählter Gerichte, ohne sich weiter um chinesische Kultur zu kümmern; oder er mag – das andere Extrem – sich auch für chinesische Musik, Malerei und Geschichte zu interessieren beginnen. Kulturelle Heterogenisierung heißt, je intensiver sie stattfindet, dass der Einzelne aus kulturellen Begrenzungen seines Denkens und Handelns, die oft unhinterfragte Selbstverständlichkeiten sind, freigesetzt wird. Er bemerkt, dass die Dinge auch ganz anders gesehen werden können, und gewinnt unter Umständen eine immer größere Wahlfreiheit zwischen kulturellen Orientierungen und Praktiken. Das Problem ist allerdings, dass dies leicht zu weit gehen kann. Dann ist Orientierungslosigkeit die Folge. Pointiert gesagt: Wenn alles gleich gültig ist, ist alles gleichgültig. Und um dem zu entgehen, pocht man dann umso entschiedener auf die "deutsche Leitkultur".

Kulturelle Homogenisierung

Heterogenisierung ist allerdings nur die eine Seite kultureller Globalisierung. Die andere ist Homogenisierung, wie sie als globale "Verwestlichung" bzw. genauer gesagt "Amerikanisierung" auftritt. Dabei stehen die kulturellen Güter des Massenkonsums und die damit verbundenen Praktiken und Orientierungen im Vordergrund, die von westlichen Großkonzernen auf ihrer zwanghaften Suche nach Absatzmärkten rund um die Welt vertrieben werden. Kurzfristig geht damit zwar nur eine oberflächliche Angleichung von Lebensstilen, vor allem in ihren Ausdrucksformen, einher – wenn etwa chinesische Jugendliche mit der Cola-Flasche in der Hand lässig Coolness demonstrieren. Längerfristig ist allerdings, so steht zu vermuten, mit einer subtilen Resozialisation auch hinsichtlich tiefersitzender Normen und Werte zu rechnen. Durch "Amerikanisierung" wird also der weltweit existierende Reichtum an kulturellen Orientierungen reduziert. Für die Individuen schlägt sich dies in einem Optionenverlust nieder. Wenn beispielsweise, wie überall in der Welt, auch in Deutschland seit den 1960er-Jahren die einheimische Fimproduktion in den Kinos und im Fernsehen gegenüber Hollywood den Kürzeren zieht, geht eine Form der Auseinandersetzung mit den eigenen kulturellen Gepflogenheiten verloren, und stattdessen beginnt man, auch im "wirklichen Leben" unmerklich und bedenkenlos den "american way of life" zu übernehmen.

Schichtspezifische Reaktionsweisen

Kulturelle Heterogenisierung und Homogenisierung geschehen parallel, teilen sich aber die Bevölkerung auf. Kulturelle Homogenisierung ist eher das Schicksal der unteren sozialen Schichten, während kulturelle Heterogenisierung eher die Chance – aber auch das Risiko – der gebildeteren und einkommensstärkeren Schichten darstellt. Damit ist Homogenisierung der zahlenmäßig überwiegende Trend. Die sogenannte "Massenkultur" wird immer amerikanischer. Eine gegenläufige Heterogenisierung bleibt zwar Minderheitenprogramm, verfügt aber gerade als solches über eine elitäre Legitimation – von wo aus man dann das "Unterschichtenfernsehen" der Privatsender trefflich kritisieren kann. Während eine solche Kritik, wie sie das Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert an den "unkultivierten" Freizeitvergnügungen der Arbeiterschaft übte, damals dazu führte, dass sich die Arbeiterbildung an der bürgerlichen Leitkultur orientierte, was bis hin zu den Volkshochschulen der Nachkriegszeit einen enormen Bildungsschub auslöste, steht zu erwarten, dass dieselbe Art der Kritik heute ins Leere läuft. Damit reduzieren sich die ohnehin geringer gewordenen Chancen sozialen Aufstiegs aus der Unter- in die Mittelschicht noch weiter; und eine kulturelle Spaltung der Gesellschaft schreitet – über die ohnehin bestehenden Differenzen der Lebensstile hinaus – immer mehr voran.