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Etappen der Parteigeschichte der CSU

Frank Decker

/ 12 Minuten zu lesen

Auf dem Weg zur Dominanz in Bayern setzte sich die CSU gegen konkurrierende Parteien durch. Seit 1957 regiert sie dort ohne Unterbrechung, seit 2008 allerdings meist ohne absolute Mehrheit.

Franz-Josef Strauß auf dem Oktoberfest 1979. (© picture-alliance)

Der Gründung der CSU in Bayern am 8. Januar 1946 lag der gleiche Gedanke einer Zusammenführung der bürgerlichen Kräfte zugrunde wie den Gründungen von Unionsparteien in den übrigen deutschen Ländern. Neben der Überwindung der konfessionellen Spaltung stellte insbesondere die Integration der Bauernschaft eine Herausforderung dar. Um deren Gunst hatte zur Zeit der Weimarer Republik neben der Bayerischen Volkspartei auch der Bayerische Bauernbund rivalisiert. Zudem konkurrierte die CSU mit dem Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), der FDP und den Sozialdemokraten um die Stimmen der - in Bayern überwiegend sudetendeutschen - Flüchtlinge (Hopp 2012: 76 f.).

Aufstieg zur bayerischen Hegemonialpartei

Der Weg zu einer breiten Sammlungspartei gestaltete sich schwierig, da es innerhalb der Partei zunächst noch starke Kräfte gab, die die CSU in derselben altbayerisch-katholischen und bayerisch-vaterländischen Tradition sahen wie die Bayerische Volkspartei der Weimarer Republik (Mintzel 1975: 83 ff.). Der Konflikt entzündete sich vor allem an der Frage des Umgangs mit der im Oktober 1946 gegründeten Bayernpartei, die an diese Linie gezielt anknüpfte. Während die Befürworter einer konfessionellen Öffnung und Abkehr vom bayerischen Partikularismus um Josef Müller eine strikte Abgrenzung von der Bayernpartei empfahlen, traten die Traditionalisten um Alois Hundhammer und Fritz Schäffer ebenso leidenschaftlich für eine Zusammenarbeit ein. Wie stark die neue Konkurrenz war, zeigt ein Vergleich der ersten und zweiten bayerischen Landtagswahl. Konnte die CSU die Stimmen im christlich-bürgerlichen Lager 1946 fast geschlossen auf sich vereinigen und über die Hälfte der Wählerstimmen verbuchen (52,3 Prozent), so fiel sie vier Jahre später, als die Bayernpartei (17,9 Prozent) und die Vertriebenenpartei BHE (12,3 Prozent) erstmals antraten, auf die Hälfte dieses Werts zurück (27,4 Prozent).

Dass die Modernisierer und Befürworter einer programmatischen Öffnung letztlich die Oberhand behielten und die CSU den bayerischen "Bruderkampf" für sich entscheiden konnte, lag im Wesentlichen an zwei Gründen. Zum einen hatte die Gründung der Bundesrepublik den radikal-föderalistischen Kräften den Boden entzogen, was dem Modell einer selbstständigen Landespartei innerhalb des Unionsverbundes ebenso in die Hände spielte wie der sich abzeichnende wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland. Zum anderen setzte die CSU alles daran, den Konkurrenten von der Macht fernzuhalten. Die von Konrad Adenauer ursprünglich beabsichtigte Aufnahme der Bayernpartei in die Bundesregierung scheiterte 1949 am Einspruch von Franz Josef Strauß, der als Landesgeschäftsführer damals die Funktion eines informellen Generalsekretärs und Parteisprechers ausübte. Und nach der Landtagswahl 1950 entschieden sich die Christsozialen, in Bayern mit der SPD zu koalieren - auch um eine weitere Aufwertung der Bayernpartei zu verhindern.

Der Aufstieg der CSU zur bayerischen Hegemonialpartei vollzog sich nicht bruchlos. Einen herben Rückschlag musste die Partei 1954 verkraften, als die Bildung einer Koalition mit der FDP und dem GB/BHE ausgerechnet an einem religionspolitischen Thema scheiterte - ihrem Festhalten an der konfessionellen Lehrerausbildung (Strauß 1989: 530 ff.). Die Niederlage führte zu einer Stärkung des Modernisierungsflügels unter dem neuen Vorsitzenden Hanns Seidel, der den Wandel der CSU von einer Interner Link: Honoratioren- zu einer modernen Massenpartei einleitete und sie nach dem Sturz der Viererkoalition aus SPD, FDP, GB/BHE und Bayernpartei 1957 an die Regierung zurückführte. Dem vorausgegangen war eine vergleichsweise harmlose Affäre um illegal erworbene Spielbankenlizenzen, die von der CSU gezielt geschürt wurde, um die Bayernpartei politisch weiter zu schwächen und bedeutungslos zu machen. Bis zur Landtagswahl 1962 bildete die CSU eine Koalition mit der FDP und dem GB/BHE. 1962 erreichte sie zwar erstmals die absolute Mehrheit, nahm aber bei der Regierungsbildung die inzwischen deutlich geschrumpfte Bayernpartei dennoch mit ins Boot. Von 1966 bis 2008 sollte sie Bayern dann ununterbrochen alleine regieren.

Die - auch im Vergleich zu anderen Landesverbänden - ungewöhnliche Dominanz lässt sich auf drei miteinander verbundene Faktoren zurückführen. Erstens waren die Christsozialen durch die Konkurrenz der Bayernpartei in stärkerem Maße als die CDU-Landesverbände gezwungen, organisatorische Strukturen aufzubauen, um die Wähler dauerhaft an sich zu binden. Zweitens profitierten sie als Landespartei von ihrer Regierungsbeteiligung auf Bundesebene, wo insbesondere Strauß die von ihm übernommenen Ministerien für Atomfragen (1955/56) und Verteidigung (1956 bis 1962) nutzte, um die Entwicklung Bayerns zu einem modernen Industrie- und Technologiestandort zu forcieren. Diese Weichenstellungen gelten als wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung Bayerns und verschafften dem Freistaat einen strukturellen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Regionen in der Bundesrepublik. Drittens wurde der bundespolitische Einfluss der CSU durch die personelle Konstellation begünstigt. Strauß, der seit 1961 Parteivorsitzender war, hätte noch vor seinem von der Interner Link: Spiegel-Affäre erzwungenen Rücktritt als Verteidigungsminister 1962 das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten übernehmen können. Auf Drängen der Landesgruppe blieb er in Bonn und bestimmte weiterhin die bundespolitische Linie der CSU. Der neue Regierungschef Alfons Goppel konzentrierte sich dagegen ganz auf die Rolle des Landesvaters. Die Rollenteilung gestaltete sich weitgehend konfliktfrei und trug dazu bei, der Wählerschaft das Bild einer geschlossen auftretenden, im Land wie im Bund durchsetzungsstarken Partei zu vermitteln.

Auseinandersetzung mit der CDU unter Strauß

Nach dem Wechsel zur sozial-liberalen Koalition in Bonn 1969 musste die CSU ihre bundespolitische Rolle als Vertreterin der bayerischen Interessen erstmals aus der Opposition heraus wahrnehmen. Dies schadete ihrem Wählerzuspruch nicht, brachte sie aber in heftige Auseinandersetzungen mit der Schwesterpartei CDU. Strauß wollte gegenüber den beiden Regierungsparteien einen harten Konfrontationskurs einschlagen, um die Rückkehr zur Macht zu erreichen. Die CDU-Vorsitzenden Rainer Barzel und ab 1973 Helmut Kohl setzten dagegen auf eine kooperativere Linie. Sie wollten ein vorzeitiges Scheitern der Regierung vermeiden und die FDP als möglichen Koalitionspartner schonen. Die Auseinandersetzung zwischen den Unionsparteien mündete in die Aufkündigung der gemeinsamen Fraktionsgemeinschaft durch die CSU nach der Bundestagswahl 1976, bei der CDU und CSU nur äußerst knapp unterlegen waren und die CSU ihr bis dahin bestes Zweitstimmenergebnis erzielt hatte. Der Beschluss wurde von Strauß allerdings zurückgenommen, nachdem sich in der Partei Widerstand regte und Kohl keinen Zweifel daran ließ, dass die CDU eine Bundesausdehnung ihrer Schwester mit der Gründung eines eigenen Landesverbandes in Bayern beantworten würde (Jäger 2009).

1978 nutzte der CSU-Vorsitzende Strauß die Gelegenheit, um nach dem Ausscheiden Alfons Goppels in das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten zu wechseln. Da Kohl als Oppositionsführer in Bonn wenig Fortune zeigte, gelang es Strauß überdies, seinen Anspruch auf die Kanzlerkandidatur 1980 innerhalb der Union durchzusetzen. Bei der Bundestagswahl unterlag er dem Amtsinhaber Helmut Schmidt deutlich. Kohls Kalkül, den Machtwechsel mithilfe der FDP noch während der folgenden Legislaturperiode zu schaffen, ging 1982 auf. Damit musste Strauß auch seine Ambitionen auf das Amt des Außenministers begraben, das bei der FDP und Hans-Dietrich Genscher verblieb. Der neue Kanzler begegnete der von Strauß offen artikulierten Unzufriedenheit mit der gemeinsamen Regierung geschickt, indem er den CSU-Chef bei der Vermittlung eines Milliardenkredits an die DDR unterstützte. Die Rolle von Strauß bei der finanziellen Stützung des SED-Regimes löste in Teilen der CSU Empörung aus und war der Anlass für die Abspaltung einer neuen rechtskonservativen Partei, der „Interner Link: Republikaner“.

Nach Strauß' Tod 1988 wurden die Ämter des Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden wieder in verschiedene Hände gelegt. Bayerns Finanzminister Max Streibl zog in die Staatskanzlei ein, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag Theo Waigel übernahm den Parteivorsitz. Der Führungswechsel fiel in eine Umbruchsphase des Parteiensystems. 1989 erzielten die Republikaner ihre ersten spektakulären Wahlerfolge. Gleichzeitig konfrontierte die sich anbahnende deutsche Einheit die CSU mit der Perspektive eines dauerhaften bundespolitischen Bedeutungsverlustes. Die Partei versuchte dem mit einer Strategie für die neuen Länder zu begegnen (Kießling 2004: 170 ff.). Anfängliche Überlegungen, die CSU zumindest auf den Süden der DDR auszudehnen, wurden wegen des absehbaren Widerstands der CDU bald aufgegeben. Stattdessen setzte man auf die Gründung einer eigenständigen Ost-CSU. Diese ging als Deutsche Soziale Union (DSU) Anfang 1990 an den Start, konnte die in sie gesetzten Hoffnungen aber nicht erfüllen.

Edmund Stoiber in eimem Fernsehinterview am Abend der bayerischen Landtagswahl 2003. Die Wahl und die ihr folgende Zweidrittelmehrheit der CSU im Bayerischen Landtag markierten den Höhepunkt seiner 14-jährigen Amtszeit als Ministerpräsident. (© picture-alliance/dpa)

Stoiber: Zweidrittelmehrheit und gescheiterte Kanzlerkandidatur

Max Streibl, der als Ministerpräsident an den landesväterlichen Stil Alfons Goppels anknüpfen wollte, geriet wegen seiner Amtsführung frühzeitig in die Kritik. Sein Rücktritt im Zuge der „Amigo-Affäre“ lenkte die Aufmerksamkeit auf die engen Verflechtungen öffentlicher und privater Interessen in der CSU-Politik. Diese galten als Begleiterscheinungen der langen ununterbrochenen Regierungszeit seit der Ära Strauß. In der Streibl-Nachfolge setzte sich Bayerns Innenminister Edmund Stoiber 1993 gegen Waigel durch, der als Parteivorsitzender und Bundesfinanzminister der natürliche Anwärter für das Amt gewesen wäre. Da Waigel Kohls Regierungspolitik loyal mittrug, herrschten zwischen ihm und Stoiber häufig Spannungen. Die größten Meinungsverschiedenheiten bestanden bei der Einführung des Euro, die Stoiber als übereilt ablehnte. Nach der klaren Niederlage der Union in der Bundestagswahl 1998, für die viele in der CSU auch Waigel verantwortlich machten, gelang es Stoiber, diesen von der Parteispitze zu verdrängen.

In den folgenden Jahren baute Bayern seine wirtschaftliche Vorrangstellung in der Bundesrepublik weiter aus. Stoibers Kanzlerkandidatur bei der Bundestagswahl 2002, die die Union gegen die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder nur knapp verlor, und die Zweidrittelmehrheit der CSU bei der Landtagswahl 2003 markierten die Höhepunkte seiner 14-jährigen Amtszeit als Ministerpräsident. Danach setzte ein rascher Abstieg ein, der vielfach auch auf innerparteiliche Konflikte zurückgeführt wurde. Der Rückhalt für Stoiber schwand aus mehreren Gründen. Kritisiert wurden sein zunehmend als abgehoben wahrgenommener Führungsstil, seine kurzfristig rückgängig gemachte Ankündigung, 2005 als Minister in die Bundesregierung wechseln zu wollen, und eine Bespitzelungsaffäre um die Fürther Landrätin Gabriele Pauli ließen den Rückhalt für den Vorsitzenden schwinden. Stoiber hielt zunächst an seinen Ämtern fest und wurde vom neuen Führungsduo Günther Beckstein und Erwin Huber 2007 zum Rücktritt bewegt (Oberreuter 2008).

Horst Seehofer war von 2008 bis 2018 Bayerischer Ministerpräsident und bis 2019 Parteivorsitzender der CSU. (© picture-alliance/dpa)

Koalitionsregierungen in Bayern und sinkender bundespolitischer Einfluss

Der Absturz bei der Landtagswahl 2008 kostete die CSU die absolute Mehrheit und zwang sie zum ersten Mal seit 1966, eine Koalition einzugehen - mit der FDP. Gleichzeitig beendete er nach nur einem Jahr die Phase des Führungsduos aus dem Ministerpräsidenten Beckstein und dem Parteivorsitzenden Huber. Nachfolger in beiden Ämtern wurde Horst Seehofer, der Huber bei der Wahl zum Parteivorsitzenden im Jahr zuvor noch unterlegen war. Er führte die CSU bei der Landtagswahl 2013 zur absoluten Mehrheit zurück. Seehofers Führungsstil galt als wechselhaft und bisweilen populistisch. Der bundespolitische Einfluss der Partei sank unter seinem Vorsitz weiter und blieb geringer als unter Strauß oder Stoiber. Ob das zunehmend konfrontative Auftreten der CSU in der Bundesregierung und gegenüber der CDU hierin seine Ursache hat, oder eine Reaktion darauf darstellt, ist umstritten.

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte dieses Agieren in der Flüchtlingskrise, wo die Forderung der CSU nach einer Begrenzung und Kontrolle der Zuwanderung zu einem Zerwürfnis mit Kanzlerin Merkel und einem Großteil der CDU führte. Seehofer nutzte den Streit auch dazu, seine Autorität in der CSU wiederherzustellen, die er durch seine Ankündigung, 2018 nicht mehr als Ministerpräsident antreten zu wollen, selbst unnötig beschädigt hatte. Der Amtsinhaber machte keinen Hehl daraus, dass er Markus Söder als künftigen CSU-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten verhindern wollte. Söder hatte sich als bayerischer Finanzminister und früherer Generalsekretär der Partei die beste Ausgangsposition im Kampf um die Nachfolge gesichert. Seehofers Versuch, Söder durch einen Wechsel nach Berlin aus der Landespolitik zu verdrängen, blieb erfolglos. Daraufhin kündigte der Parteivorsitzende und Ministerpräsident entgegen seiner ursprünglichen Absicht an, 2018 für beide Ämter erneut zu kandidieren (Sebaldt 2025: 255). Das schlechte Ergebnis bei der Bundestagswahl 2017, bei der die Partei in Bayern mit einem Verlust von 10,5 Prozentpunkten gegenüber 2013 auf 38,8 Prozent der Stimmen zurückfiel, sollte diese Absicht jedoch durchkreuzen. Auf parteiinternen Druck hin willigte Seehofer nun in eine Ämterteilung mit Söder ein. Dieser übernahm ab März 2018 das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten, während Seehofer Vorsitzender blieb und als Innenminister für die CSU in die Bundesregierung wechselte. Neuer Landesgruppenvorsitzender im Bundestag wurde der bisherige Verkehrsminister Alexander Dobrindt.

Das schwache Abschneiden der CSU bei der Bundestagswahl hing vor allem damit zusammen, dass es der Partei nicht gelungen war, den Streit mit der CDU über die Flüchtlingspolitik rechtzeitig vor der Wahl beizulegen. Zu einem Kompromiss über die von der CSU geforderte „Obergrenze“ kam es erst im Vorfeld der Koalitionsverhandlungen mit Grünen und FDP. Damit war zugleich die wichtigste Voraussetzung für eine Verständigung mit den Grünen erfüllt, deren Eintritt in die Regierung letztlich nicht an der CSU, sondern an der FDP scheiterte. Bei den anschließenden Verhandlungen mit der SPD über eine Neuauflage der Großen Koalition konnte die CSU wesentliche Teile ihrer Forderungen sowie eine vorteilhafte Ressortverteilung durchsetzen.

Das bundes- und landespolitische Agieren der Partei stand in der Folge ganz im Zeichen der im Herbst 2018 anstehenden bayerischen Landtagswahl (Deininger 2020: 26 ff.). Seehofer nutzte seine Zuständigkeit als Bundesinnenminister, um die CSU als Vertreterin eines härteren Kurses in der Flüchtlingspolitik zu profilieren. Söder setzte in Bayern überdies auf symbolträchtige Maßnahmen wie ein verschärftes Polizeigesetz und eine Interner Link: Kreuzpflicht in öffentlichen Gebäuden. Damit wollte die CSU dem wachsenden Einfluss der AfD am rechten politischen Rand begegnen. Beide Versuche wirkten stark polarisierend und stießen zum Teil auch in den eigenen Reihen auf Widerspruch.

Im Juni 2018 kündigte Seehofer einen umfassenden „Masterplan Migration“ an, der als „nationale Maßnahme“ auch die Möglichkeit von einseitigen Zurückweisungen an der Grenze vorsah. Kanzlerin Merkel und die CDU lehnten dies ab und traten stattdessen – genauso wie die SPD – für eine europäische Lösung des Asylproblems ein. Das Beharren der CSU auf ihrer Forderung führte zu einem erbitterten, auch auf der persönlichen Ebene ausgetragenen Streit zwischen den Schwesterparteien, der erst nach drei Wochen mit einem Formelkompromiss beigelegt werden konnte. Seehofer, Söder und Dobrindt nahmen dabei kurzzeitig sogar einen Bruch der Fraktionsgemeinschaft sowie der Regierung in Kauf.

Bei der Landtagswahl im Oktober 2018 fiel die CSU mit 37,2 Prozent auf ihr schlechtestes Ergebnis seit 1950. Erneut musste sie eine Koalition eingehen – diesmal mit den Freien Wählern. Der Verbleib von Markus Söder im Amt des Ministerpräsidenten war dennoch unstrittig. Die Hauptverantwortung für die Wahlniederlage lastete man Seehofer an, der nach Abschluss der Regierungsbildung im Januar 2019 seinen Rückzug vom Parteivorsitz erklärte. Da der Europaabgeordnete und Parteivize Manfred Weber auf eine Kandidatur verzichtete, wurde der Weg für Söder auch in dieses Amt frei. Dieser hatte bereits während des Wahlkampfes einen bemerkenswerten Image- und Strategiewandel eingeleitet, indem er besonnenere Töne im Asylstreit anschlug und gegenüber der AfD fortan auf strikte Abgrenzung setzte. Um der aufstrebenden Konkurrenz der Grünen zu begegnen, rückte die CSU gleichzeitig umweltpolitische Themen verstärkt in den Vordergrund (Deininger / Ritzer 2020).

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident seit 2018 und CSU-Vorsitzender seit 2019, mit Mund-Nasen-Schutz mit bayerischem Rautenmuster. Aufgrund seiner Wahrnehmung als entschlossener Krisenmanager nach Ausbruch der Corona-Pandemie wurde er auch als möglicher Kanzlerkandidat der Union für die Wahl 2021 gehandelt. (© picture-alliance)

Verlust und Wiedererlangung der Regierungsmacht auf Bundesebene

Söder gelang es auch, ein Vertrauensverhältnis zu Kanzlerin Merkel und zur neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer aufzubauen. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie wurde Söder vielfach als entschlossener Krisenmanager wahrgenommen. Die CSU näherte sich dadurch in Umfragen wieder der 50-Prozent-Marke. Gleichzeitig entstand nach dem angekündigten Rücktritt von Kramp-Karrenbauer ein Machtvakuum in der CDU, das dazu führte, dass Söder 2021 die gemeinsame Kanzlerkandidatur der Union für sich und die CSU reklamierte und damit den neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet offen herausforderte. Anders als Strauß und Stoiber vor ihm gelang es Söder aber am Ende nicht, seinen Anspruch durchzusetzen. Der erbittert ausgetragenen Machtkampf hinterließ bei beiden Aspiranten heftige politische Schäden, die für den anstehenden Wahlkampf eine schwere Bürde darstellten (Münch 2023: 205 ff.). Söders mangelnde Loyalität gegenüber Laschet im Wahlkampf und seine an Stimmungen ausgerichteten häufig wechselnden Positionierungen in der Migrationspolitik und beim Klimaschutz verstärkten jetzt auch in den eigenen Reihen Zweifel an dessen Führungsqualitäten und trübten die Hoffnungen auf einen Stimmenzuwachs bei der 2023 anstehenden Landtagswahl ein. Trotz der erstarkten Konkurrenz der Freien Wähler und der AfD konnte die CSU bei der Landtagswahl einen größeren Rückgang verhindern. Das Ergebnis von 37,0 Prozent lag annähernd auf dem Niveau von 2018.

Durch die selbstverschuldete Wahlniederlage mussten CDU und CSU 2021 nach 16 Jahren erstmals wieder auf den Oppositionsbänken Platz nehmen. Im Bundestag bildeten jetzt der CDU-Vorsitzende Merz als Fraktionsvorsitzender und Alexander Dobrindt als Stellvertreter und CSU-Landesgruppenchef das neue Führungsduo. Obwohl die Ampelkoalition seit 2022 ein zunehmend schlechteres Bild abgab, was sich unter anderem in schlechten Landtagswahlergebnissen und sinkenden Umfragewerten niederschlug, profitierten die Unionsparteien davon nur mäßig. Dennoch war ihr Sieg bei der vorgezogenen Bundestagswahl am 23. Februar 2025 ungefährdet, wobei die Zugewinne im Vergleich zu 2021 bescheiden ausfielen (plus 4,4 Prozentpunkte). Die CSU trug dazu überdurchschnittlich bei, indem sie sich in Bayern von 31,8 Prozent 2021 auf 37,2 Prozent steigerte.

In der neuen schwarz-roten Bundesregierung unterstützte die CSU den von Merz auf Druck der SPD vorgenommenen Kursschwenk in der Finanz- und Wirtschaftspolitik, der eine Lockerung der Schuldenbremse und die Einrichtung eines 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögens für die Infrastruktur vorsah. Dies fiel der CSU auch deshalb leicht, weil sie im Gegenzug eine Reihe von eigenen Forderungen im Koalitionsvertrag durchsetzen konnte. Dazu gehörten die Ausweitung der Mütterrente, Steuererleichterungen beim Agrardiesel und für die Gastronomie sowie die Erhöhung der Pendlerpauschale. Einige dieser Vorhaben stießen innerhalb der CDU auf Vorbehalte.

Bei der Ressortverteilung wurde die CSU mit drei Ministerien bedacht. Wie schon 2018 bis 2021 unter Horst Seehofer fiel das Innenministerium erneut der CSU zu. Von Beginn an nutzte der neue Innenminister Alexander Dobrindt das Amt, um öffentlichkeitswirksam eine restriktivere Migrationspolitik zu vertreten. Alois Reiner erhielt das von der CSU schon vor der Wahl geforderte Agrarressort und Dorothee Bär das um den Bereich Raumfahrt erweiterte Forschungsministerium.

Quellen / Literatur

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  • Deininger, Roman (2020), Die CSU. Bildnis einer speziellen Partei, München.

  • Deininger, Roman / Uwe Ritzer (2020), Markus Söder. Der Schattenkanzler, München.

  • Handwerker, Christoph (2019), Die gespaltene Union zwischen Macht und Werten. Die Flüchtlingskrise als Zerreißprobe für CDU und CSU?, in: Oliver Hidalgo / Gert Pickel (Hg.), Flucht und Migration in Europa, Wiesbaden, S. 127-159.

  • Hirscher, Gerhard (2012), Die Wahlergebnisse der CSU. Analysen und Interpretationen, München.

  • Hopp, Gerhard (2012), Die Volkspartei CSU in Bayern. Rahmenbedingungen, Strukturmerkmale und aktuelle Zukunftsperspektiven eines Erfolgsmodells auf dem Prüfstand, in: Ralf Thomas Baus (Hg.), Parteiensystem im Wandel, Sankt Augustin/Berlin, S. 73-98.

  • Jäger, Wolfgang (2009), Helmut Kohl setzt sich durch, 1976-1982, in: Hans-Peter Schwarz (Hg.), Die Fraktion als Machtfaktor, Bonn, S. 141-159.

  • Kießling, Andreas (2004), Die CSU. Macherhalt und Machterneuerung, Wiesbaden.

  • Mintzel, Alf (1975), Die CSU. Anatomie einer konservativen Partei 1945-1972, Opladen.

  • Münch, Ursula (2023), Zwischen „Kandidat der Herzen“ und Dauer-Sticheln“: Wie sich die gescheiterte Kandidatur ihres Parteivorsitzenden auf die CSU auswirkte, in: Uwe Jun / Oskar Niedermayer (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2021, Wiesbaden, S. 201-220.

  • Oberreuter, Heinrich (2008), Stoibers Sturz. Ein Beispiel für die Selbstgefährdung politischer Macht, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 39 (1), S. 112-118.

  • Sebaldt, Martin (2025), Christlich-Soziale Union in Bayern e.V. (CSU), in: Frank Decker/Viola Neu (Hg.), Handbuch der deutschen Parteien, 4. Aufl., Wiesbaden, S. 252-266.

  • Strauß, Franz Josef (1989), Die Erinnerungen, Berlin.

  • Weigl, Michael (2013), Die Christlich-Soziale Union in Bayern e.V. (CSU), in: Oskar Niedermayer (Hg.), Handbuch Parteienforschung, Wiesbaden, S. 469-495.

Fussnoten

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Prof. Dr. Frank Decker lehrt und forscht am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Parteien, westliche Regierungssysteme und Rechtspopulismus im internationalen Vergleich.