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16.7.2018 | Von:
Frank Decker

Wahlergebnisse und Wählerschaft der GRÜNEN

Seit Gründung der GRÜNEN hat sich das Alter ihrer Wählerschaft geändert: Von 80 Prozent ist der Anteil der unter 35-Jährigen auf 10 Prozent gesunken. Auch die soziale Zusammensetzung hat sich gewandelt. Die Wähler der Partei haben überdurchschnittlich hohe Einkommen und sind vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt.

Mitarbeiter von Bündnis 90/Die Grünen sitzen am 19.09.2013 auf dem Breitscheid-Platz in Berlin in einem transparenten Zelt und beantworten Wählerfragen. Sie nehmen am Online-Wahlkampf der Grünen "3-Tage-wach" teil, bei dem rund um die Uhr Fragen von Wählern beantwortet werden.Online-Wahlkampf der Grünen zur Bundestagswahl 2013. Bei Jungwählern und Frauen erzielen die Grünen überdurchschnittliche Wahlergebnisse. (© picture-alliance/dpa)

Gemessen an Wahlerfolgen und Regierungsbeteiligungen ist es den Grünen schon in den 1990er-Jahren gelungen, der FDP die Position als dritte Kraft im deutschen Parteiensystem streitig zu machen. Diese Stellung konnten sie auch in der Konkurrenz mit der 2007 entstandenen gesamtdeutschen Linken behaupten. Die Hochburgen der Partei liegen in den urbanen Zentren der alten Bundesrepublik und hier vor allem in den Universitätsstädten. In den neuen Ländern schneidet sie trotz des Aufwärtstrends seit Mitte der 2000er-Jahre schlechter ab. Bei der Bundestagswahl 2017 lagen die Grünen dort erneut deutlich unter den Werten in Westdeutschland und erreichten nur zwischen 3,7 und 5,0 Prozent der Stimmen.

Aktuelle Wahlergebnisse

Wahlergebnisse bei den letzten Wahlen zu Landesparlamenten, dem Bundestag und dem Europäischen Parlament

WahlDatumProzentualer AnteilStimmenanzahl
AnteilGewinn
Verlust
StimmenGewinn
Verlust
Bayern115.09.20138,6%-0,8%1.019.373+20.262
Hessen22.09.201311,1%-2,6%348.661-7.379
Europäisches Parlament25.05.201410,7%-1,4%3.139.274-55.235
Sachsen31.08.20145,7%-0,7%93.857-21.106
Brandenburg14.09.20146,2%+0,5%60.767-17.783
Thüringen14.09.20145,7%-0,5%53.407-11.505
Hamburg215.02.201512,3%+1,1%432.713+48.211
Bremen310.05.201515,1%-7,3%176.807-117.186
Baden-Württemberg13.03.201630,3%+6,1%1.623.107+416.925
Sachsen-Anhalt13.03.20165,2%-2,0%58.209-12.713
Rheinland-Pfalz13.03.20165,3%-10,1%113.261-175.228
Mecklenburg-Vorpommern04.09.20164,8%-3,8%38.836-20.168
Berlin18.09.201615,2%-2,4%248.243-8.820
Saarland26.03.20174,0%-1,0%21.392-2.860
Schleswig-Holstein07.05.201712,9%-0,3%190.181+15.228
Nordrhein-Westfalen14.05.20176,4%-5,0%539.062-345.236
Bundestag24.09.20178,9%+0,5%4.158.400+464.343
Niedersachsen15.10.20178,7%-5,0%334.131-155.342

1Bayern: Gesamtstimmen (bis zu zwei Stimmen je Wähler)
2Hamburg: Landesstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)
3Bremen: Personen- und Listenstimmen (bis zu fünf Stimmen je Wähler)

Sozialwissenschaftler haben die Entstehung der Grünen auf die Herausbildung einer neuen Konfliktlinie in den westlichen Gesellschaften zurückgeführt, die durch den Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie und einen Bedeutungsanstieg nicht-materieller ("post-materialistischer") Werthaltungen bestimmt sei. Im Unterschied zu ihren später entstandenen und weniger erfolgreichen Schwesterparteien in anderen Ländern konnten die deutschen Grünen dabei auf dem Fundament eines durch die Studenten- und Alternativbewegungen formierten Milieus aufbauen, dessen Kern die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation bildeten (Walter 2010: 73 ff.).

Vergleicht man die heutige Wählerschaft der Grünen mit ihrer Wählerschaft in der Entstehungs- und Etablierungsphase, so fällt zuerst der Altersanstieg ins Auge. Waren im Jahre 1980 fast 80 Prozent der Grünen-Wähler jünger als 35, so liegt deren Anteil heute unter 10 Prozent. Wahlforscher sprechen mit Blick auf diese Entwicklung vom "Ergrauen" der Grünen. Viele Wähler, die die Partei in ihrer Entstehungsphase unterstützten, hielten ihr auch später die Treue. Dieser Generationeneffekt wird allerdings durch ein lebenszyklisches Muster überlagert, das den Grünen in den nachwachsenden Alterskohorten der Jungwähler bis heute überdurchschnittliche Ergebnisse sichert (Klein / Falter 2003: 144 ff.). Auch bei der Bundestagswahl 2017 erfuhr die Partei die prozentual größte Unterstützung mit knapp 15 Prozent in der – zahlenmäßig allerdings überschaubaren – Gruppe der 18- bis 24-jährigen Wähler; hier konnte sie gegenüber 2013 zugleich am stärksten hinzugewinnen.

Infolge des Generationeneffekts hat sich die Grünen-Wählerschaft in der sozialen Zusammensetzung stark verändert. Die Jungwähler aus den 1980er-Jahren sind heute beruflich, familiär und gesellschaftlich arriviert. Die "Verbürgerlichung" der Grünen ist daran ablesbar, dass ihre Wähler nicht nur über die höchsten Bildungsabschlüsse verfügen, sondern auch überdurchschnittlich verdienen. Vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt, lassen sie sich sozialstrukturell den neuen Mittelschichten zuordnen. Unter Arbeitern, Arbeitslosen und gering Qualifizierten konnte die Partei dagegen bisher nur wenig Unterstützung verbuchen. Am schwächsten bleibt ihr Zuspruch bei den Über-60-Jährigen (Probst 2013: 530 f.).

Die Grünen werden häufiger von Frauen gewählt als von Männern. Die Geschlechterlücke, die sich im Osten genauso zeigt wie im Westen, ist bei den drei letzten Bundestagswahlen (2009, 2013 und 2017) sogar noch größer geworden. In ihr spiegelt sich die feministische Ausrichtung der Partei, die den Kampf für die Gleichberechtigung von Anfang an auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

Fragt man nach Einstellungen und politischen Positionen, so haben sich die Grünen von der Homogenität der einstigen Milieupartei weit entfernt. Ihre Wähler stehen heute nur noch in gesellschaftspolitischen Fragen klar links, nicht mehr dagegen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Die im Wahlprogramm 2013 geforderten Steuererhöhungen lehnten sie z.B. mehrheitlich ab. Ein überraschend hoher Anteil der Wähler versteht sich sogar als unpolitisch und präferiert die Partei vor allem aus Lifestyle-Gründen (etwa beim Kauf von Bio-Lebensmitteln). Die Zusammenführung dieser unterschiedlichen Wählersegmente birgt für die Grünen eine große Herausforderung, die ihre Programmdiskussion in den nächsten Jahren mit bestimmen dürfte (Walter 2010: 80 ff.).

Literatur zu den GRÜNEN

  • Anan, Deniz (2017), Parteiprogramme im Wandel. Ein Vergleich von FDP und Grünen zwischen 1971 und 2013, Wiesbaden.
  • Fücks, Ralf (2013), Intelligent wachsen. Die grüne Revolution, München.
  • Klein, Markus / Jürgen W. Falter (2003), Der lange Weg der Grünen. Eine Partei zwischen Protest und Regierung, München.
  • Kleinert, Hubert (1992), Vom Protest zur Regierungspartei. Die Geschichte der Grünen, Frankfurt a.M.
  • Kronenberg, Volker, Hg. (2016), Schwarz-Grün. Erfahrungen und Perspektiven, Wiesbaden.
  • Mende, Silke (2011), "Nicht links, nicht rechts, sondern vorn". Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München.
  • Probst, Lothar (2013), Bündnis 90/Die Grünen (GRÜNE), in: Oskar Niedermayer (Hg.), Handbuch Parteienforschung, Wiesbaden, S. 509-540.
  • Probst, Lothar (2015), Bündnis 90/Die Grünen: Absturz nach dem Höhenflug, in: Oskar Niedermayer (Hg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2013, S. 135-158.
  • Raschke, Joachim (1993), Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind, Köln.
  • Raschke, Joachim (2001), Die Krise der Grünen. "So kann man nicht regieren", Frankfurt a.M.
  • Switek, Niko (2012), Bündnis 90/Die Grünen: Zur Entscheidungsmacht grüner Bundesparteitage, in: Karl-Rudolf Korte / Jan Treibel (Hg.), Wie entscheiden Parteien? (ZPol-Sonderband), Baden-Baden, S. 121-154.
  • Walter, Franz (2010), Gelb oder Grün? Kleine Parteiengeschichte der besserverdienenden Mitte in Deutschland, Bielefeld.
  • Walter, Franz / Stephan Klecha / Alexander Hensel, Hg. (2015), Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte, Göttingen.

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Autor: Frank Decker für bpb.de
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