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Einstieg: Sprache und Politik


15.7.2010
Sprache ist nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit. Welche Funktionen übernimmt Sprache in der Politik? Welcher sprachlicher Mittel bedienen sich Politiker? Und warum gibt es immer wieder Verständigungsprobleme?

Beispiele für Sprachhandlungen in der Politik: Horst Köhler während einer "Berliner Rede", Gregor Gysi in einer Bundestagsdebatte, Claudia Roth im Sommer-Interview, Angela Merkel in der politischen Talkshow "Anne Will", Frank-Walter Steinmeier beantwortet Fragen von Journalisten, Guido Westerwelle währen einer Parteitag-Rede. Fotos: APBeispiele für Sprachhandlungen in der Politik: Horst Köhler während einer "Berliner Rede", Gregor Gysi in einer Bundestagsdebatte, Claudia Roth im Sommer-Interview, Angela Merkel in der politischen Talkshow "Anne Will", Frank-Walter Steinmeier beantwortet Fragen von Journalisten, Guido Westerwelle währen einer Parteitag-Rede. (© AP)

Politik als sprachliches Handeln



Rechtschreibreform, Kernenergie, Klimawandel: Letztlich kann alles politisch werden, was von öffentlichem Interesse ist. Politik umfasst die verschiedensten Sach- und Handlungsbereiche und kann somit alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringen. Unter diesem weit gefassten Politikbegriff lässt sich auch das Verhältnis von Sprache und Politik betrachten. Politische Akteure müssen die Öffentlichkeit informieren, politisches Handeln begründen, analysieren, kritisieren und rechtfertigen. Sie bewerten bestimmte Sachverhalte positiv oder negativ, stützen die eigene Position argumentativ, stellen sich glaubwürdig dar, greifen die gegnerische Position argumentativ an und werten den Gegner ab. In den Printmedien, im Fernsehen, im Rundfunk und im Internet wird über das politische Tagesgeschehen informiert, werden politische Sachverhalte kommentiert und interpretiert. Dies alles geschieht mit und durch Sprache. Sprache ist darum nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit.

Sprache in der Politik bedeutet vor allem sprachliches Handeln. Es ist die Handlungspotenz von Sprache, die für die Politik konstitutiv ist. Wie der Politiker Erhard Eppler (SPD) hervorhebt, lässt sich in der Politik nur schwer zwischen Reden und Handeln unterscheiden, "weil das Reden sehr wohl Handeln bedeutet" (Eppler 1992: 7). Wenn Reden Handeln bedeutet, dann heißt das nichts anderes, als dass Sprechen wie jede andere Handlung auch eine bestimmte Funktion besitzt und bestimmte Folgen hat. Unmittelbar einleuchtend ist dies bei einer sprachlichen Handlung wie den RÜCKTRITT ERKLÄREN. Wenn ein Bundespräsident sagt "Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten", ist der Rücktritt die Funktion der Äußerung und zugleich ihre unmittelbare Folge.

Überredung und Information



Eine zentrale, wenn auch nicht die einzige Funktion politischer Sprache ist 'Persuasion' (=Überredung). Sie bezieht sich auf alle Versuche mit Hilfe sprachlicher Mittel die Meinungen und Einstellungen der Adressaten zu beeinflussen und Vertrauen in die Richtigkeit des Gesagten und den politischen Akteur zu schaffen (vgl. Klein 2009: 2114). Da politische Kommunikation in demokratischen Staaten darauf zielt, Politik öffentlich zu machen, politisches Handeln zu legitimieren und Zustimmungsbereitschaft zu erhalten, ist es für die politischen Akteure unabdingbar, ihr sprachliches Handeln persuasiv auszurichten. Im Idealfall geht Persuasion dabei den Weg überzeugender Argumentation. Die persuasive Funktion findet sich beispielsweise in Debattenreden, politischen Talkshows oder auch in Wahlslogans. Da sich persuasive und informative Funktion oft vermischen, spricht man auch von der 'informativ-persuasiven Funktion' politischer Sprache.

Die zentrale Rolle der informativ-persuasiven Funktion macht deutlich, dass Sprachhandeln in der Politik eng mit der Machtfrage verknüpft ist. Es geht um Deutungshoheit und Verwendungshoheit von Sprache. Denn Sprache ist ein Instrument zur Erlangung, Sicherung, Ausübung und Kontrolle von Macht. In einer freiheitlichen Demokratie ist die informativ-persuasive Funktion allerdings keine Einweg-Kommunikation. Sie kennt nicht nur die Kommunikationsrichtung Politikerinnen und Politiker – Bürgerinnen und Bürger, sondern lebt vielmehr auch von der aktiven politischen Partizipation der Bürger. Dazu gehören unter anderem die Beteiligung an Wahlen, die aktive Mitarbeit in Parteien oder Bürgerinitiativen, das regelmäßige Sich-Informieren als notwendige Voraussetzung und Grundlage politischen Handelns und die Fähigkeit und Bereitschaft zur politischen Diskussion.

Wenn auch der Sprache in der Politik eine entscheidende Rolle zukommt, so ist sie doch nicht die Politik selbst. Öffentlich-politische Kommunikation hat sehr viel mit der Erzeugung von Aufmerksamkeit zu tun und weniger mit den tatsächlichen Entscheidungen. Sie flankiert und ergänzt die Politik, sie organisiert und steuert die Bereitschaft, einer bestimmten Politik zuzustimmen. Wenn man Politik als "die Kunst im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen" (Lübbe 1975: 107) definiert, dann wird nur ein – gleichwohl zentraler – Aspekt hervorgehoben, der auch als 'Darstellungspolitik' bezeichnet wird. Darstellungspolitik ist eine auf die Öffentlichkeit ausgerichtete Politik, die zum größten Teil medienvermittelt ist. Ihr steht die Entscheidungspolitik gegenüber, die in der Regel nichtöffentlich stattfindet und die bestimmte Verfahren wie zum Beispiel das Gesetzgebungsverfahren beinhaltet. Auch in der Entscheidungspolitik spielt Sprache eine wichtige Rolle, da Entscheidungen erst einmal sprachlich vorbereitet und ausgehandelt werden müssen: etwa durch DISKUTIEREN, VERHANDELN oder FRAGEN und ANTWORTEN.

Rahmenbedingungen und Merkmale politischer Kommunikation



Öffentlichkeit und Massenmedialität

Mit dem Verweis auf die Darstellungspolitik sind auch schon zwei zentrale Rahmenbedingungen bzw. Merkmale politischer Kommunikation angesprochen, die einander bedingen: Öffentlichkeit und Massenmedialität.

Politische Kommunikation findet zu einem großen Teil öffentlich statt und wird über die Massenmedien Fernsehen, Presse, Rundfunk und Internet verbreitet. Die Öffentlichkeit als Grundprinzip und Voraussetzung freiheitlicher Demokratie hat einen unmittelbaren Einfluss auf das sprachliche Handeln, dessen spezifische Ausprägungen in der heutigen Zeit wesentlich von den Massenmedien mitbestimmt werden. Als Folge von Öffentlichkeit und Massenmedialität ist sprachliches Handeln oft 'mehrfach adressiert', also an mehrere Personengruppen gleichzeitig gerichtet. So kann sich beispielsweise eine Rede im Bundestag gleichzeitig an die Mitglieder der eigenen Partei, an die Mitglieder der anderen Parteien und an die Bürgerinnen und Bürger richten.

Politiker in TV-Talkshows: "Auf einen Schlag mehr Menschen, als man sie in allen Hinter- und Vorderzimmer- veranstaltungen pro Jahr zu Gesicht bekommt."Politiker in TV-Talkshows: "Auf einen Schlag mehr Menschen, als man sie in allen Hinter- und Vorderzimmer- veranstaltungen pro Jahr zu Gesicht bekommt." (© AP)
Die massenmediale Ausrichtung politischer Kommunikation bringt zudem spezifische mündliche Interaktionstypen hervor. Der heutige Prototyp eines solchen Interaktionstyps ist die im Fernsehen ausgestrahlte politische Talkshow. Sie bietet den politischen Akteuren Gelegenheit, sich vor einem Millionenpublikum dem politischen Wettbewerb zu stellen, eigene Positionen zu vermitteln und sich als Person zu profilieren. Wie der Politiker Wolfgang Gerhardt (FDP) zu Recht ausführt, erreichen Politiker mit der Teilnahme an einer politischen Talkshow "auf einen Schlag mehr Menschen, als man sie in allen Hinter- und Vorderzimmerveranstaltungen pro Jahr zu Gesicht bekommt. Die Quoten für Anne Will, Maybrit Illner oder hartaberfair liegen beständig weit jenseits der Zwei-Millionen-Marke, was bedeutet: Man müsste das Berliner Olympiastadion 30-40 Mal bis auf den letzten Platz füllen, um von der gleichen Anzahl Menschen bewusst wahrgenommen zu werden." (Gerhardt 2009: 184).

Die Ausrichtung auf ein Massenpublikum hat zur Folge, dass politisches Sprachhandeln inszeniert wird. Die Teilnehmer einer politischen Talkshow kommunizieren faktisch mit zwei Personengruppen bzw. Adressaten. Erstens kommunizieren sie direkt mit den anderen Gästen bzw. der Moderatorin oder dem Moderator. Zweitens kommunizieren sie indirekt aber auch mit den Fernsehzuschauern. Es entstehen somit zwei Kommunikationsebenen, die den 'Inszenierungscharakter' politischen Sprachhandelns deutlich machen. Was auf der ersten (inszenierten) Ebene als Diskussion erscheint, stellt sich auf der zweiten Ebene als Persuasion der Öffentlichkeit dar. Der Einfluss der Massenmedien auf politisches Handeln wird oft auch kritisch mit den Stichworten 'Politainment' oder 'Mediokratie' umschrieben. Politik als Unterhaltung und die Dominanz der Medien bestimmen die Politikvermittlung und damit die Art und Weise, wie Bürger Politik wahrnehmen.

Die öffentliche Ausrichtung der politischen Kommunikation hat auch zur Folge, dass die sprachlichen Anforderungen an die politischen Akteure steigen. Sobald sie in der Öffentlichkeit auftreten, wird das Gesagte einer ständigen Beobachtung und Kontrolle unterzogen. Sie müssen ihre Botschaften exakt, prägnant und verständlich übermitteln. Oft entsteht daher der Eindruck, dass sie – mediengerecht verpackt – immer die gleichen Phrasen und Worthülsen von sich geben. Mediale Erfahrung und rhetorische Geschultheit gehören somit zu den Kernkompetenzen politischer Akteure.

Gruppenbezogenheit und Repräsentanz

Neben Öffentlichkeit und Massenmedialität sind Gruppenbezogenheit und Repräsentanz wichtige Merkmale öffentlich-politischer Kommunikation. Politische Kommunikation ist geprägt durch Wettbewerb und die Konfrontation der Meinungen. Die politischen Akteure stellen sich dem Wettbewerb mit dem politischen Gegner, wobei sie in der Regel als Repräsentanten bestimmter Gruppen, Parteien oder Verbände agieren. Grob gesagt lassen sich, je nach Standpunkt, eine positiv bewertete Eigengruppe und eine negativ bewertete Fremdgruppe unterscheiden. Die Mitglieder der Eigengruppe besitzen gleiche Deutungs- und Interpretationsmuster, die ein gruppenspezifisches Bewusstsein konstituieren. Alles, was in Zusammenhang mit der Eigengruppe steht, wird als positiv bewertet. Alles, was von den Einstellungen der Eigengruppe abweicht, wird hingegen als negativ bewertet.

In dem Gegensatz von Eigen- und Fremdgruppe zeigt sich das für politisches Handeln oft typische Schwarz-Weiß-Denken. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe hat Auswirkungen auf das sprachliche Handeln und die Erwartungshaltung der Adressaten. Von Politikern wird erwartet, dass sie bestimmte kommunikationsethische Maximen erfüllen. Sie sollen etwa die Wahrheit sagen, klar und verständlich reden und fair sein. Gleichzeitig müssen sie aber auch strategische Maximen verfolgen: den Gegner abwerten, die eigene Position positiv darstellen, sich in relevanten Gruppen möglichst wenig Gegner machen.

Kommunikationsethische und strategische Maximen können in Konflikt treten. Etwa wenn Politiker sich aus wahltaktischen Gründen bewusst vage ausdrücken, um sich nach der Wahl Koalitionsoptionen offen zu halten. Als ähnlich problematisch erweist sich auch das Versprechen in Form eines (strategischen) Wahlversprechens. Die Wähler wissen sehr wohl, dass es sich in Wirklichkeit um gar kein Versprechen handeln kann. Zum Versprechen gehört nämlich notwendigerweise, dass wer etwas verspricht, auch in der Lage sein muss, das Versprechen einzulösen. Verspricht ein Politiker aber vor der Wahl Steuersenkungen, kann er oder sie sich nach der Wahl auf den Standpunkt zurückziehen, die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ließen nun keine Steuersenkungen mehr zu.

Institutionsgebundenheit

Institutionsgebundenheit ist ein weiteres wichtiges Merkmal der politischen Kommunikation. Diese ist immer an spezifische institutionelle Gegebenheiten geknüpft, die das parlamentarisch-demokratische System vorgibt, etwa in Form von parlamentarischen Geschäftsordnungen. Aber auch die Medien geben bestimmte Regeln vor. Auch das lässt sich zeigen am Beispiel der politischen Talkshow. Diese sind hinsichtlich des Rederechts, der Rededauer, der Themenordnung und der Zulässigkeit bzw. Unzulässigkeit bestimmter Sprechhandlungen normiert. So wird etwa die Sprechhandlung BELEIDIGEN als unangemessen zurückgewiesen und kann entsprechend sanktioniert werden. Solche Reglementierungen haben natürlich Einfluss auf das Sprechhandeln der politischen Akteure, die ihren Gesprächsbeitrag in einem begrenzten Zeitfenster unterbringen müssen.

Prozessualität und Diskursvernetzung

Ein weiteres typisches Merkmal öffentlich-politischer Kommunikation ist ihr hoher Grad an Prozessualität und Diskursvernetzung. Darunter versteht man die Tatsache, dass politische Kommunikation immer in übergreifende Zusammenhänge eingebettet ist (z. B. Kampagnen wie Wahlkämpfe) und sich die thematisierten Gegenstände immer schon auf bereits Vorangegangenes beziehen und auf Künftiges ausgerichtet sind.

Sprachliche Mittel politischer Kommunikation: Wort, Sprechhandlung, Text



Die politischen Akteure bedienen sich spezifischer sprachlicher Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Eine besondere Bedeutung im Kommunikationsbereich Politik kommt den Wörtern zu, insbesondere dem so genannten 'Ideologievokabular'. Darunter versteht man Bezeichnungen für die einer politischen Gruppierung bzw. der Gesellschaft zugrunde liegende Wertvorstellungen und Denkmuster wie z B. Freiheit, Gerechtigkeit oder Frieden. 'Ideologie' ist dabei durchaus wertneutral zu verstehen und meint nicht etwa in einem alltagsprachlichen Sinne Auffassungen, die im Besitz der Wahrheit zu sein glauben, in Wirklichkeit aber die Wahrheit verzerren oder falsch darstellen.

Schlagwörter und semantische Kämpfe

Sprache strukturiert die Welt, sie prägt unser Denken. Das Wort bildet die Wirklichkeit nicht unmittelbar eins zu eins ab, sondern immer nur ideologisch gebrochen. Das Ideologievokabular ist von zentraler Bedeutung, da es sich hier um Wörter handelt, die eine starke emotionale Anziehungskraft auf die Adressaten ausüben und die die komplexe Wirklichkeit vereinfachend darstellen. Die Wörter des Ideologievokabulars bezeichnet man auch als 'Schlagwörter'. Schlagwörter können sowohl positive Wertung (z. B. Demokratie) als auch negative Wertung haben (z. B. Terrorismus). Ihnen kommt eine dreifache Leistung zu, was am Beispiel von Demokratie verdeutlicht werden kann: Demokratie bezeichnet etwas (Demokratie ist eine 'Staatsform'), bewertet etwas (Demokratie ist ein hohes Gut) und fordert zu etwas auf (die Menschen sollen für Demokratie eintreten).

Schlagwörter mit positiver Wertung sind oft Gegenstand so genannter 'semantischer Kämpfe'. Dabei geht es darum, die Bedeutungshoheit und die Verwendungshoheit über das Schlagwort zu erlangen und es so für die eigene Partei zu vereinnahmen. Ein Beispiel hierfür ist das Schlagwort soziale Gerechtigkeit. Parteiübergreifend besitzt dieses Schlagwort eine positive Wertung und jeder will es sich an seine Fahne heften. Was aber genau unter sozialer Gerechtigkeit zu verstehen ist, was also dieses Schlagwort genau bezeichnet, ist abhängig vom jeweiligen ideologischen Standpunkt. Gemeinsam ist allen Standpunkten, dass mit sozialer Gerechtigkeit eine ungleiche Verteilung von Gütern, Lasten und Rechten thematisiert wird. Der Streit um soziale Gerechtigkeit dreht sich dabei vor allem um die Frage, nach welchen Kriterien die Güterverteilung erfolgen soll.

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Bedeutungskonkurrenz und Bezeichnungskonkurrenz

Soziale Gerechtigkeit ist ein Beispiel von 'Bedeutungskonkurrenz', die typisch für den politischen Wettbewerb ist. Auch das Schlagwort Leistungsträger weist Bedeutungskonkurrenz auf. Ein Leistungsträger ist jemand, der durch seine Leistung einen gesellschaftlichen Beitrag leistet. Auch hier ist die Art der Leistung und des gesellschaftlichen Beitrags vom jeweiligen parteilichen Standpunkt abhängig. Wer als Leistungsträger bezeichnet werden kann und auch bezeichnet werden darf (die Krankenschwester, der Manager, der Spitzenverdiener), ist Gegenstand semantischer Kämpfe.

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Neben der Bedeutungskonkurrenz spielt auch 'Bezeichnungskonkurrenz' eine wichtige Rolle. Bei der Bezeichnungskonkurrenz stehen verschiedene Wörter zur Bezugnahme auf ein und denselben Sachverhalt zur Verfügung. Diese Wörter stellen jeweils unterschiedliche Sichtweisen auf den Sachverhalt heraus und bewerten diesen zumeist auch unterschiedlich. So kann man von genverändertem oder genmanipuliertem Mais sprechen, von Atomkraft oder von Kernenergie, von Freiheitskämpfern oder Terroristen. Im Zusammenhang mit dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan wird von Mission, Friedenseinsatz, Stabilisierungseinsatz oder auch von Krieg gesprochen. Dabei kann oft schon von den unterschiedlichen Bezeichnungen einer Sache auf die jeweilige Bewertung dieser Sache geschlossen werden: Von Kernenergie werden eher die Befürworter dieser Art der Energiegewinnung sprechen, Gegner von der Atomkraft.

Zu persuasiven Zwecken besonders geeignet sind Wortzusammensetzungen (Komposita) und Metaphern. Mit Wortzusammensetzungen bietet sich den politischen Akteuren die Möglichkeit, bestimmte Eigenschaften des thematisierten Sachverhaltes besonders hervorzuheben. Sie enthalten oft bereits verkürzte Urteile, die nur bestimmte, im parteispezifischen Interessen liegende Merkmale hervorheben. Beispiele dafür sind Solidaritätsabgabe, Öko-Steuer, Umweltprämie oder Kopfpauschale. Metaphern, die auch in Gestalt von Wortzusammensetzungen auftreten können, sind in der politischen Kommunikation unentbehrliche Mittel, um komplexe politische Sachverhalte zu vereinfachen, zu interpretieren und zu bewerten. Als Beispiele seien hier soziales Netz, Aufschwung, Sparpaket, Rettungsschirm, Schuldenbremse oder die in Zusammenhang mit dem Zuwanderungsdiskurs verwendete Überschwemmungs- und Eindämmungsmetaphorik in Form von Ausdrücken wie z. B. Flut, Schwemme, Strom und Damm genannt. Durch den Gebrauch von Metaphern erscheinen politische Sachverhalte in einem neuen Licht und können vor dem Hintergrund bereits vertrauter Erfahrungen leichter vermittelt werden.

Verständigungsprobleme zwischen Politikern und Bürgern



Die in der öffentlich-politischen Kommunikation verwendeten Wörter sind aber oft auch Ursache von Verständigungsproblemen zwischen politischen Akteuren und Bürgerinnen und Bürgern. Unterschiedliche Bedeutungen im Falle der Bedeutungskonkurrenz und unterschiedliche Wertungen im Falle der Bezeichnungskonkurrenz können dazu führen, dass das von den politischen Akteuren tatsächlich Gemeinte nicht mehr erkannt wird. Hinzu kommt das Phänomen, das Wörter unterschiedliche fachsprachliche Bedeutungen haben oder fachsprachliche und alltagssprachliche Unterschiede in den Wortbedeutungen bestehen. Das oben bereits erwähnte Schlagwort Leistungsträger hat neben seiner ideologischen Bedeutung 'jemand, der durch seine Leistung einen gesellschaftlichen Beitrag leistet' die fachsprachliche Bedeutung 'Institution, die Transferleistungen z. B. sozialer Natur vornimmt'. Es ist somit gleichermaßen ein Wort der politischen Ideologiesprache und der politischen Institutionssprache. Hinzu kommt sogar noch die sportsprachliche Bedeutung 'jemand, der durch die eigene Leistung entscheidend zu einer Gesamtleistung, zu einem Gesamterfolg beiträgt'.

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Als Beispiel für fachsprachliche und alltagssprachliche Unterschiede in der Wortbedeutung kann die Verwendung von Krieg im Zusammenhang mit dem Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan angeführt werden. So gibt es mindestens zwei Lesarten von Krieg, eine fachsprachlich-juristische Lesart, die auch die regierungsoffizielle Lesart ist, und eine alltagssprachliche Lesart. Während in der ersten Lesart Krieg nur als Konflikt zwischen zwei Staaten bzw. zwischen einer Kolonialmacht und einer Befreiungsbewegung definiert ist, liegen der alltagssprachlichen Lesart ganz bestimmte Assoziationen und Stereotypen zugrunde, die mit Krieg verknüpft sind. Die alltagssprachliche Lesart beruht in einigen Fällen auf konkreter Erfahrung, ist zumeist aber Ergebnis des kulturellen Gedächtnisses und wird durch die mediale Berichterstattung aktiviert. Krieg ruft Konzepte wie 'Soldaten, Armeen, Fronten, Schlachten, Waffengewalt, Opfer, Verluste, Tod, Grausamkeit' usw. hervor.

Wörter sind immer in umfassendere Sprechhandlungen eingebettet, wie beispielsweise INFORMIEREN, AUFFORDERN, BETROFFENHEIT ÄUSSERN, VORWERFEN oder DEN RÜCKTRITT ERKLÄREN. Eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste komplexe Sprechhandlung im Bereich der öffentlich-politischen Kommunikation ist das ARGUMENTIEREN. Argumentieren heißt in erster Linie, Handlungen bzw. handlungsbezogene Einstellungen der Eigengruppe zu rechtfertigen und Handlungen bzw. handlungsbezogene Einstellungen der Fremdgruppe anzugreifen. Es lassen sich in der politischen Kommunikation typische Argumentationsmuster, auch Argumentationstopoi genannt, beobachten. So werden Handlungen beispielsweise durch den Prinzipientopos gerechtfertigt, bei dem man sich auf leitende Prinzipien, Normen oder Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit oder das Volk beruft. Das Beispiel des Prinzipientopos zeigt auch, dass die inhaltliche Füllung der Argumentationstopoi durch lexikalische Mittel erfolgt. Schlagwörter mit positiver Wertung sind prädestiniert für den Prinzipientopos, da ihre emotionale Anziehungskraft Ausdruck einer gesellschaftlichen Wertehaltung ist.

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Wörter und Sprechhandlungen werden wiederum in größere Handlungsrahmen und Handlungszusammenhänge eingebettet, in so genannte Texttypen und (gesprächsorientierte) Interaktionsformate. Neben den klassischen Text- und Interaktionstypen der öffentlich-politischen Kommunikation (z. B. politische Rede, Parteiprogramm, politische Talkshow, Debatte, Interview) gewinnt zunehmend das Internet als Medium der politischen Kommunikation an Bedeutung. Neue Kommunikationsformen und –plattformen wie beispielsweise Twitter, Weblog oder Podcast eröffnen den politischen Akteuren zahlreiche neue Möglichkeiten sich medial zu inszenieren, sich zu profilieren und ihre Botschaften zu verbreiten. Zudem bietet das Internet ein großes Potenzial für neue Formen der politischen Partizipation, da hier ein Maximum an politischer Information bereitsteht und einem großen Nutzerkreis die Mitwirkung an der aktuellen politischen Diskussion ermöglicht wird.


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