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Sprachvermittlung und Sprachprobleme


15.7.2010
Politiker stehen oft vor einer großen Herausforderung: Einerseits sollen sie komplexe Sachverhalte so vermitteln, dass die Bürger sie verstehen. Andererseits müssen Politiker auch unter strategischen Gesichtspunkten kommunizieren.

Zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken.Zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken. (© BPB)

Eine zentrale Eigenschaft politischer Kommunikation besteht darin, dass sie eine Form der Massenkommunikation ist, an der Menschen mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen beteiligt sind. Es können zahlreiche Verständigungs- und Vermittlungsprobleme auftreten, wobei zunächst einmal unterschieden werden muss, in welchem Funktionsbereichen politischer Kommunikation diese vorkommen. Je nachdem, welche Akteure in der politischen Kommunikation interagieren und welche Kommunikationsrichtung die politische Sprache hat, lassen sich zwei Funktionsbereiche unterscheiden: die politische Binnenkommunikation und die politische Außenkommunikation.

Politische Binnen- und Außenkommunikation



Die politische Binnenkommunikation umfasst die institutionsinterne Kommunikation, also die Kommunikation innerhalb und zwischen den drei Staatsgewalten Legislative, Judikative und Exekutive. Sie weist eine hohe Frequenz institutioneller und fachsprachlicher Ausdrücke auf. Da die Bürger und die Öffentlichkeit insgesamt in der Regel von der politischen Binnenkommunikation ausgeschlossen sind, spielen Vermittlungs- bzw. Verständlichkeitsprobleme hier in der Regel keine Rolle. Kommt es in der politischen Kommunikation zu Verständigungsproblemen zwischen Politikern und Bürgern, dann sind diese vor allem in der politischen Außenkommunikation zu suchen.

Die politische Außenkommunikation richtet sich dagegen an die Öffentlichkeit. Hier kann zwischen einer institutionsexternen Außenkommunikation, die die Kommunikation zwischen staatlichen Behörden und Bürgern umfasst, und der öffentlich-politischen Kommunikation, also der Kommunikation zwischen den politischen Akteuren und der Öffentlichkeit unterschieden werden. Bei der institutionsexternen Außenkommunikation geht es um die administrativ geregelte Kommunikation zwischen den staatlichen Institutionen und den Bürgern. In gewisser Weise handelt es sich hier um eine Kommunikationsrichtung von 'oben' nach 'unten'. Ein typisches Handlungsmuster ist das Regulieren, das sich etwa in Texten wie Gesetzen, Verordnungen oder Erlassen manifestiert. Die institutionsexterne Außensprache ist für die Bürger oft unverständlich, da es sich beispielsweise bei der Verwaltungssprache um Texte mit fachsprachlichen Ausdrücken und einem typischen grammatischen Stil handelt, der für einen ungeübten Leser nur schwer aufzulösen ist. Aus diesem Grunde gibt es zahlreiche Bemühungen etwa Gesetzestexte zu vereinfachen. So hat beispielsweise die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden (www.gfds.de) einen Redaktionsstab beim Deutschen Bundestag in Berlin, der Gesetzentwürfe, Verordnungen und andere Texte auf sprachliche Richtigkeit und Verständlichkeit überprüft. Die gleichen Ziele verfolgt ein Redaktionsstab Rechtssprache der Gesellschaft für deutsche Sprache, der das Bundesministerium der Justiz berät.

Verletzung kommunikationsethischer Maximen



Innerhalb der öffentlich-politischen Kommunikation sind Verständigungs- und Vermittlungsprobleme von größter Brisanz. Sie wirken sich direkt auf den Prozess der Meinungs- und Willensbildung aus und tragen nicht zuletzt auch ihren Teil zur viel beschworenen Politikverdrossenheit bei. Nimmt man den Blickwinkel des Politikers ein, dann stellt sich für ihn folgendes Problem: Einerseits sollten komplexe Sachverhalte so vermittelt werden, dass der Bürger sie versteht, andererseits müssen sie aber auch unter strategischen Gesichtspunkten vermittelt werden.

Indirektes Sprechen



Ein in der politischen Kommunikation weit verbreitetes Mittel politischer Akteure, ihre Absichten oder unangenehme Wahrheiten zu verschleiern, Fragen von Journalisten auszuweichen oder Themen in eine andere Richtung zu verlagern, ist die Indirektheit. Indirektes Sprechen liegt dann vor, wenn das Gesagte und das Gemeinte auseinanderklaffen. Das Gemeinte muss vom Adressaten erst mit Hilfe von Schlussprozessen ermittelt werden. Ein entscheidender Vorteil der Indirektheit liegt auch darin, später nicht auf das wörtlich Gesagte festgelegt zu werden. Man kann davon sprechen, dass die politischen Akteure bewusst bestimmte kommunikationsethische Maximen zugunsten strategischer Maximen verletzen. Wichtige kommunikationsethische Maximen, an die sich die Beteiligten unter rationalen Gesichtspunkten halten sind die Wahrheit sagen, nur zum Thema Relevantes sagen, die erwartete Inforationsmenge geben (nicht zuviel und nicht zu wenig) und sich klar und verständlich ausdrücken. Diesen kommunikationsethischen Maximen liegt ein umfassenderes Kooperationsprinzip zugrunde, das davon ausgeht, dass alle Kommunikationspartner an einem rationalen Austausch von Inhalten interessiert sind. Aus vielerlei Gründen kann es nun im Interesse von Politikern liegen, die kommunikationsethischen Maximen bewusst zu verletzen: sei es aus parteitaktischen, wahltaktischen oder individuellen Gründen der Selbstdarstellung und Profilierung. Die nachfolgenden Beispiele aus Interviews mit Politikerinnen und Politikern sollen dies veranschaulichen:
  • Interview mit dem Bundesumweltminister Norbert Röttgen (Quelle: www.rp-online.de vom 28.11.2009)

    Frage: Der Atomausstieg gilt?
    Röttgen: Kernenergie ist eine Brückentechnologie und dient als solche der Überführung in die regenerative Energieversorgung.

    Der Bundesumweltminister vermeidet aus strategischen Gründen eine eindeutige Antwort. Er antwortet auf die Frage nicht etwa mit ja oder nein, sondern liefert mehr Informationen als nötig, indem er genauer auf die gegenwärtige und zukünftige Rolle der Kernenergie verweist. Die Relevanz der Antwort wird erst klar, wenn die Adressaten Schlussfolgerungsprozesse ziehen. Diese werden aber möglicherweise dadurch erschwert, dass sich der Bundesumweltminister nicht für alle Adressaten klar und verständlich ausdrückt. Was genau mit Brückentechnologie und Überführung in die regenerative Energieversorgung gemeint ist und ob dies die Frage nach dem Atomausstieg beantwortet, erschließt sich erst auf der Basis von Hintergrundwissen. Indirektheit kann also auch eine Ursache von Verständigungsproblemen zwischen den politischen Akteuren und den Bürgern werden. Mit dieser Vermeidungsstrategie gelingt es dem Bundesumweltminister eine für ihn unangenehme Frage unter Aufrechterhaltung des Kooperationsprinzips zu beantworten.
     
  • Interview mit dem hessischen Justizminister Jörg-Uwe Hahn (Quelle: www.hna.de vom 14.6.2010 / Kontext: Wahl des deutschen Bundespräsidenten am 30. Juni 2010)

    Frage: Eine letzte Frage. Die Grünen haben mit Hildegard Hamm-Brücher eine ehemals prominente Liberale zur Wahlfrau für den 30. Juni bestimmt. Ihr Kommentar?
    Jörg-Uwe Hahn: Ich freue mich, sie in Berlin zu sehen.

    Der hessische Justizminister verletzt hier eindeutig die kommunikationsethische Maxime zum Thema Relevantes sagen, um die ihm unangenehme Frage, wieso eine ehemals prominente Politikerin seiner Partei Wahlfrau der Grünen wird, nicht kommentieren zu müssen. Er bringt seine Wertschätzung ihr gegenüber zum Ausdruck, vermeidet aber eine politische Stellungnahme.
     
  • Interview mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel (Quelle: bundesregierung.de vom 13.06.2010 / Kontext: Fußballweltmeisterschaft 2010)

    Frage: Mehrere Nationalspieler werden die Nationalhymne nicht singen. Ist das in Ordnung?
    Merkel: Ich freue mich über jeden Nationalspieler, der die Nationalhymne singt.

    Die Bundeskanzlerin vermeidet mit dieser Antwort eine explizite Bewertung derjenigen Nationalspieler, die nicht die Nationalhymne singen. Die Bewertung erfolgt indirekt, indem ein Schlussfolgerungsprozess in Gang gesetzt wird: Wenn sich die Bundeskanzlerin über jeden Nationalspieler freut, der die Nationalhymne singt, dann freut sie sich nicht über diejenigen, die die Nationalhymne nicht singen. Der Vorteil einer solchen Stellungnahme liegt auf der Hand: Wenn ihr jemand vorwerfen sollte, sie ärgere sich über bestimmte Nationalspieler, dann kann sie zu Recht darauf verweisen, dies nie wörtlich gesagt zu haben.
     
  • Beispiel 4: Interview mit dem Bundesaußenminister Guido Westerwelle (Quelle: bundesregierung.de vom 14.6.2010)

    Frage: Mehrerer Minister, darunter auch der Verteidigungsminister, sollen mit Rücktritt gedroht haben. Was ist da dran?
    Westerwelle: Mir ist so was mit keiner Silbe zu Ohren gekommen.

    Dass der Bundesaußenminister von möglichen Rücktrittsdrohungen nichts gehört hat, ist eher unwahrscheinlich. Mit seiner Äußerung vermeidet er eine direkte Kommentierung des Vorgangs. Da er die Rücktrittsdrohungen auch nicht dementiert, ist davon auszugehen, dass seine Antwort hier in ironischer Weise zu verstehen ist. Er verletzt bewusst die kommunikationsethische Maxime die Wahrheit sagen, allerdings in ironischer Absicht. Eine Verletzung der kommunikationsethischen Maxime die Wahrheit sagen ist auch die Lüge. Im Gegensatz zur Ironie soll aber der Adressat bei der Lüge die Maximenverletzung nicht erkennen. Wird sie aber doch als solche erkannt, hat das für Politikerinnen und Politiker meist Sanktionen zur Folge.



 

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