Obama

15.10.2010 | Von:
Ekkehard Felder

Einstieg

Welche Bedeutung hat der Begriff Ideologie? Und hat die Ideologie einer Person auch Einfluss auf ihren Sprachgebrauch? Ist Sprache vielleicht überhaupt kein neutrales Medium und eine ideologiefreies Sprechen damit unmöglich?

Teaser_SuP_Ideologie_u_Sprache_EinstiegIdeologie und Sprache (© bpb/wordle.net)

Der Begriff "Ideologie" ist ein besonders schillernder und interessanter Begriff, weil mit ihm die Frage nach Objektivität und Wahrheit unmittelbar verbunden ist. Nicht nur in der Alltagssprache, mitunter auch in wissenschaftlichem und politischem Kontext ist mit der Behauptung, eine Person vertrete eine Ideologie, eine Abwertung des jeweiligen Standpunktes oder sogar der jeweiligen Person beabsichtigt. Die so bezeichnete Einstellung soll herabgesetzt werden, indem ihr zum Beispiel ein dogmatisch-totalitärer Herrschaftsanspruch oder eine intolerante Gesinnung unterstellt wird.

Wie ist ein solcher Wortgebrauch möglich, wenn (doch) das Wort Ideologie im etymologischen Sinne völlig unverdächtig nur auf die 'Lehre von Ideen' verweist? Inwiefern gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Ideen haben bzw. eine Ideologie vertreten und wie ist er zu bestimmen?

Für die Beantwortung dieser Fragen ist es hilfreich, einen kurzen und zielgerichteten Blick in die jüngere Geschichte zu werfen. Denn Worte haben nicht per se Bedeutung, vielmehr schreiben Menschen Worten im konkreten Sprachgebrauch Bedeutung zu, "machen sie mit Worten Bedeutung" auf Basis ihrer bisherigen Kommunikationserfahrungen. Im Folgenden werden nur die beiden Eckpunkte eines sich unverträglich gegenüber stehenden Gegensatzes skizziert.




Ideologie, Wissen, Wahrheit

"Während Marx und Engels noch die Möglichkeit, ideologische Verzerrungen der Wahrnehmung zu durchschauen, also Ideologiekritik zu betreiben, konstatieren" (Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie 1998; S. 228), so vertritt Karl Mannheim (1929) in seinem Werk Ideologie und Utopie die wissenssoziologische Auffassung, alles Denken sei standortabhängig und ideologisch. Diese Auffassung ist letztlich kompatibel mit poststrukturalistischen Auffassungen, die sich von der Vorstellung, dass man allgemein gültige Wahrheiten und "harte" Fakten entdecken könnte, abkehren und stattdessen das Ringen um das Richtige als einen Aushandlungsprozess in Diskursen verstehen. In diesen Diskursen versuchen Akteure Geltungsansprüche von Sichtweisen durchzusetzen, indem sie Gültigkeitsbedingungen von Aussagen im gesellschaftlichen Diskurs zu etablieren versuchen.

Im philosophischen und sprachtheoretischen Kontext steht der Ideologiebegriff in einem Spannungsverhältnis zu dem Begriff des Wissens und dem der Wahrheit. Das Begriffsfeld eröffnet den Spielraum, dass es zum einen so etwas wie unzweifelhaft richtiges Wissen und zum anderen so etwas wie "unwirkliches Wissen" geben muss. Damit sind wir angelangt beim Problem des Erkennens und bei den Bedingungen, Erfahrungen zu machen. Die Frage nach den Dingen an sich, dem Sein, wird seit Immanuel Kant ersetzt durch den Blick auf die Formen der Anschauung (Raum, Zeit) und durch die Kategorien des Verstandes, welche unsere Sichtweise prägen.


Erkennen, Erkenntnis und Erfahrung

In diesem Zusammenhang stellen sich zwei Fragen. Erstens: Kann man die Wirklichkeit ohne Vorwissen und Voreinstellung, also gewissermaßen unvoreingenommen wahrnehmen? Zweitens und im Anschluss daran lässt sich fragen: Können wir nur denken, wofür wir schon (a priori) Kategorien, Begriffe oder andere mentale "Schubladen" haben, wie die vorherrschende philosophische Sichtweise seit Immanuel Kant proklamiert?

Die erste Frage ist klar zu verneinen. Unsere Wahrnehmungen sind stets beeinflusst von Vorwissen, Einstellungen, Erwartungen, kulturellen Prägungen und all dem, was wir bereits zu wissen glauben. Man denke nur daran, dass wir zum Beispiel nach Medienberichten oder Medienkampagnen über Obdachlose auf einmal viel mehr Mitmenschen in den Städten wahrzunehmen glauben, von denen wir vermuten, sie könnten zu dieser Gruppierung gehören.

Die zweite Frage berührt die philosophische Grundsatzfrage nach den Möglichkeiten und Bedingungen von Erkennen, Erkenntnis und Erfahrung. Es würde zu weit führen, diese hier zu diskutieren, aber als Lese-Empfehlung sei hier der berühmte Roman Sofies Welt von Jostein Gaarder genannt, der dieses philosophische Grundproblem in einer fiktiven Geschichte erörtert. Wir spitzen stattdessen den Problemkreis unter sprachlichen Aspekten zu. Es ist – unabhängig von der differenzierten Beantwortung der gestellten Fragen – zweifellos richtig, dass wir uns zum Austausch unserer Erfahrungen, Gefühle, Einstellungen, und Wissensbestände der natürlichen Sprache bedienen müssen. Auf Grundlage dieser Erkenntnis gab es im 20. Jahrhundert einen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel. Fortan wurden die Sprache, ihre Formen und Wirkungen in den Mittelpunkt der Geistes- und Sozialwissenschaften gestellt (als Referenzpunkt gilt in diesem Zusammenhang das Werk The linguistic turn von Richard Rorty von 1967).

Somit können wir festhalten: Jede Erkenntnis und Erfahrung ist auch sprachabhängig, weil Sprache das Medium ist, in dem wir unser Wissen über die Welt ausdrücken. Pointiert formuliert könnte man sagen: Da sich die Menschen in der kommunikativen Interaktion nur mit Hilfe sprachlicher Mittel über die Sachverhalte in der Welt austauschen können, schafft die Sprache die Realität, über die wir uns verständigen. Dies schließt nicht aus, dass vor der kommunikativen Verständigung auch sprachunabhängig Primärerfahrungen mit Hilfe unserer Sinne gemacht wurden. Wollen wir aber über diese Eindrücke und Erfahrungen sprechen, müssen wir uns der Worte bedienen.

Ersttags-Briefkouvert "25 Jahrestag antifaschistischer Schutzwall". Quelle: Privatarchiv Hans-Hermann HertleErsttags-Briefkouvert "25 Jahrestag antifaschistischer Schutzwall". (© Privatarchiv Hans-Hermann Hertle)
Die grundlegende Relevanz dieser Gedanken für das Problem der Ideologie soll an zwei Beispielen gezeigt werden:

Ein zur Hälfte gefülltes Glas (das berühmte Beispiel) ist unabhängig von der Bezeichnung, ob es "halb voll" oder "halb leer" genannt wird, mit den Augen wahrnehmbar. Insofern relativiert sich die Benennungsbrisanz dieses Alltagsbeispiels, wenn alle Anwesenden den Gegenstand direkt wahrnehmen können und nicht nur auf seine sprachliche Vermittlung oder Beschreibung angewiesen sind.

Weitaus spannender und politisch interessanter ist das Beispiel der Berliner Mauer, die beinahe dreißig Jahre lang zwei deutsche Staaten trennte. Auch sie konnte man direkt wahrnehmen, von verschiedenen Seiten mit unterschiedlichem Abstand (von der Westseite aus konnte man sie direkt anfassen, von Osten her war sie weiträumig abgesperrt). Warum gab es zwischen Ost und West so einen heftigen Streit, ob dies "ein antifaschistischer Schutzwall" oder eine "menschenverachtende Grenze" war? Kann es in dieser Frage einen ideologiefreien Standpunkt geben, also einen unideologischen?


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