Obama

15.10.2010 | Von:
Ekkehard Felder

Diskursanalyse von politischer Sprache

Rentnerschwemme, Leitkultur, Bonzenwohlstand: Zum Meinungsstreit gehört auch die Auseinandersetzung um eine angemessene Ausdrucksweise und die Fähigkeit, zwischen Wort und politischem Inhalt unterscheiden zu können.

"Rentnerschwemme" - kreativ oder diskriminierend? Renter auf einer Demonstration in Berlin im Jahr 2003. Foto: AP"Rentnerschwemme" - kreativ oder diskriminierend? Renter auf einer Demonstration in Berlin im Jahr 2003. (© AP)

"Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen 'Realitäten'. Wer definiert, greift aus der Fülle möglicher Aspekte einen heraus, natürlich denjenigen, der ihm wichtig erscheint." So schreibt der Politologe Martin Greiffenhagen schon 1980 in seinem Buch "Kampf um Wörter" – und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Politische Wirklichkeit wird in Sprache ausgehandelt. Unsere sprachunabhängige Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung durch Primärerfahrung ist untrennbar verbunden und durchzogen von den sprachlichen Äußerungen, mit denen wir und unsere Mitmenschen über die Wirklichkeit kommunizieren. Das Reden über unsere Außenwelt beeinflusst (schon) in seiner Wortwahl unser Bild von Wirklichkeit. Unsere Wahrnehmungskategorien sind also durch Begriffe vorgeprägt. In Zeiten wirtschaftlicher Krisenstimmung werden wir durch unsere Wahrnehmung der allgemeinen ökonomischen Entwicklung, wie sie von den Medien geprägt und vermittelt wird, beispielsweise dazu veranlasst, größere Kaufentscheidungen grundlegender zu überdenken, unabhängig davon, ob die Krise schon negative Spuren in unseren (eigenen) wirtschaftlichen Verhältnissen hinterlassen hat oder nicht.


Da das Produzieren und Verstehen jeder sprachlichen Äußerung in Text- und Gesprächskontexte eingebunden ist, kann man behaupten, dass Politik Gegenstand von Diskursen ist, in denen um die Gültigkeit von Sichtweisen und Auffassungen gerungen wird. Nur derjenige, der sich mit seinen Positionen in (den) Diskursen wahrnehmbar macht, vermag die Mitbürger zu erreichen. Ob er sie zu beeinflussen oder zu überzeugen vermag, darüber ist hiermit nichts ausgesagt. So ist jede Bundesregierung gleich welcher Couleur stets darauf bedacht, gerade in krisenhaften Zeiten Optimismus zu demonstrieren und Zuversicht verbreitende Auswege aufzuzeigen.

Beschreibungs- und Beurteilungsebene

Insofern stellt sich die Frage, welche Vorgehensweise sich dazu eignet, den politischen Sprachgebrauch zu beschreiben. Grundlegend ist dabei die Trennung von politischen Inhalten und politischer Sprache. Alle am politischen Diskurs Interessierten und Beteiligten sollten sich im Klaren darüber sein, ob sie sich über die Angemessenheit der Wortwahl in Bezug auf den politischen Inhalt äußern oder ob sie über die Inhalte selbst streiten. Im ersten Fall geht es also "nur" um die Beschreibung und Reflexion sprachlicher Mittel – etwa die Frage: Darf man von "Rentnerschwemme" sprechen oder geht mit der Wortverwendung eine Diskriminierung älterer Menschen einher? Im zweiten Fall steht die Bewertung des politischen Sachverhalts selbst im Mittelpunkt – hier also der demographische Wandel und die Konsequenzen für die Altersversorgung.

Diese Trennung von Beschreibungs- und Beurteilungsebene verdeutlicht auch, dass Inhalte in der Demokratie stets umstritten sind bzw. auch bleiben. Zudem kann ein umstrittener politischer Inhalt im Medium Sprache nicht derart beantwortet werden, dass eine bestimmte Bezeichnung oder Formulierung objektiv richtig oder falsch ist. Vielmehr gehören zum differenzierten Meinungsstreit gleichsam das Bewusstsein und gegebenenfalls die Auseinandersetzung um die angemessene Ausdrucksweise. Eine Gesellschafts- und Staatsform, die also in dieser Form auf Kommunikation angewiesen ist, benötigt mündige Bürger, die zu hören und zwischen den Worten und den politischen Inhalten zu differenzieren wissen. So ist die Diskussion darüber, ob in der bundesrepublikanischen Gesellschaft eine Leitkultur prägend sein sollte, strikt davon zu trennen, ob schon der Ausdruck Leitkultur selbst – besser seine Verwendung im Diskurs – eine kulturdiskriminierende Konnotation gegenüber Minderheiten mit sich bringt.

Handeln mit sprachlichen Mitteln

Wenn wir hier von politisch angemessener Ausdrucksweise in Diskursen sprechen, so dürfen wir den Blickwinkel nicht auf die Wortebene verengen, sondern müssen auch Mehrwortverbindungen (z.B. Freiheit statt Sozialismus oder Gerechtigkeit vor Bonzenwohlstand) bis hin zu Sätzen und Texten in Augenschein nehmen. Die politischen Akteure im engeren, aber auch die Staatsbürger als Politakteure im weiteren Sinne nehmen an politischen Diskursen teil, wenn sie politisches Handeln auch als ein sprachliches Handeln oder besser gesagt als ein "Handeln mit sprachlichen Mitteln" verstehen. Diskurs meint – allgemein gesprochen – Texte und/oder Gespräche, die ein gemeinsames Diskursthema haben (z.B. Bundeswehreinsätze im Ausland, gerechte Steuerpolitik) und von daher als ein aufeinander verweisendes und als ein zusammengehörendes Text- und Gesprächsnetz zu einem Thema zu verstehen sind. Dabei gilt es zum Zwecke einer Diskursanalyse politischer Sprache verschiedene Betrachtungsebenen zu unterscheiden, wie die folgenden Beispiele illustrieren.

Schlüssel-, Fahnen- und Stigma-Wörtern

Auf der Wortebene ist zwischen Schlüssel-, Fahnen- und Stigma-Wörtern zu differenzieren

Schlüsselwörter

Schlüsselwörter (Leitvokabeln) sind häufig vorkommende Ausdrücke, die in besonders verdichteter Weise einen komplexen Zusammenhang in einem Wort zusammenfassen (z.B. Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit, Stabilität).

Fahnenwörter

Fahnenwörter sind Ausdrücke mit besonders integrierendem und werbewirksamem Charakter, die von politischen Akteuren benutzt werden, um für positiv eingeschätzte Sachverhalte, Ideen oder Haltungen möglichst viele Anhänger zu gewinnen (z.B. Freiheit, Bildungschancen, sichere Zukunft, Friede, soziale Gerechtigkeit, Wohlstandssicherung).

Stigmawörter

Dahingegen werden Stigmawörter eingesetzt, um die politische Ansicht oder das Handeln des politisch Andersdenkenden durch pejorative Bezeichnungen abzuwerten und damit die eigene politische Gruppierung aufzuwerten. Hierfür wird das Gegenteil der abgewerteten Haltung – also die positive Entsprechung – der eigenen Gruppe zugeschrieben. So impliziert der Ausdruck Politik der sozialen Kälte als Zuschreibung für den politischen Gegner, dass die eigene politische Gruppierung für ein sozialverträgliches Miteinander einsteht. Weitere Sprachbeispiele sind: Seilschaften, leistungsfeindliche Politik, Politik auf dem Rücken sozial Schwacher, Klientelpolitik.

Mehrwortverbindungen

Eine häufig gestellte Frage im Kontext von Sprache und Politik lautet: "Darf ich die Wortverbindung 'stolz sein auf' verwenden – und zwar in Kontexten wie 'stolz, ein Deutscher oder eine Deutsche zu sein'?" Eine entsprechende Wortverbindung sei in anderen Sprachen wie zum Beispiel dem Spanischen immer wieder zu hören, ohne dass dabei eine politische Einordnung des Sprechers feststellbar wäre. Im Deutschen sei die Formulierung mit Problemen behaftet, weil die Mehrwortverbindung stolz sein auf von rechtsradikalen Gruppen verwendet werde und die Wörter selbst durch den nationalsozialistischen Sprachgebrauch vorbelastet erschienen. Wie kann man aus dieser Formulierungsklemme herauskommen, wenn man einen ähnlichen Gedanken ausdrücken möchte, ohne mit anti-demokratischen Bewegungen in Verbindung gebracht zu werden?


Publikationen zum Thema

Sprache

Sprache

Sprache ist allgegenwärtig – durch sie verleihen wir unseren Gedanken Ausdruck...

Sprache und Politik

Sprache und Politik

Wachstumsbe-
schleunigungs-
gesetz? Lohnzurück-
haltung?

Zum Shop