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Zehn Stigmavokabeln


15.7.2010
Anschluss, Gleichschaltung, Selektion: Viele in der NS-Zeit benutzte oder neugeschöpfte Wörter sind heute aufgrund ihrer ideologischen Instrumentalisierung stigmatisiert. Ein Überblick auf zehn Vokabeln und ihre Entwicklung.

Wien, 12. März 2008: Mit 80.000 Kerzen gedenken Menschen der Annexion Österreichs durch die Nazis und der Opfer des Krieges. Foto: APWien, 12. März 2008: Mit 80.000 Kerzen gedenken Menschen der Annexion Österreichs durch die Nazis und der Opfer des Krieges. (© AP)

Anschluss



Der Ausdruck Anschluss ist seit dem 19. Jahrhundert im Deutschen in der Bedeutung "politischer Zusammenschluss" belegt. Er bezeichnet völkerrechtlich den Eintritt eines Staates in einen anderen Staatenverbund bzw. die Angliederung eines Landes an ein anderes.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs bezog er sich vor allem auf den im Vertrag von Saint Germain verbotenen Zusammenschluss Österreichs mit dem Deutschen Reich zu Großdeutschland. Die Nationalsozialisten verboten nach der "Machtergreifung" 1933 die Verwendung des Wortes durch eine Presseanweisung, um ihre Expansions- und Eroberungspläne zu verheimlichen. Nach der Besetzung und Annexion Österreichs am 12.3.1938 war Anschluss reichsgesetzliche Konkurrenzvokabel zu Wiedervereinigung im österreichischen Bundesverfassungsgesetz. Beide Gesetze "legalisierten" den Einmarsch deutscher Truppen.

Nach 1945 wurde die Bezeichnung Anschluss wegen der widerrechtlichen Besetzung Österreichs negativ verwendet. Im Rahmen der sogenannten Saarfrage Mitte der fünfziger Jahre, bei der es um die Rückgliederung des Saargebietes an die Bundesrepublik Deutschland per Volksabstimmung ging, wurde der Ausdruck Anschluss von deutscher Seite verwendet, um die befürchtete Angliederung des Saarlandes an Frankreich zu diskreditieren. In der seit Ende der sechziger Jahre verstärkt einsetzenden Diskussion über eine Normalisierung der Beziehungen der Bundesrepublik zur DDR, war immer wieder umstritten, ob eine mögliche Vereinigung als Anschluss zu bewerten sei. Besonders brisant wurde die Vokabel Anschluss und damit der Vergleich mit dem "Anschluss Österreichs" nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989. In der Wendezeit 1989/90 wurde der Ausdruck als diffamierender wie warnender Vergleich gezielt von der SED/PDS, den GRÜNEN, Linken und Intellektuellen – darunter nicht wenige Historiker – aus der DDR und der Bundesrepublik verwendet, um die Wiedervereinigungspolitik der Regierung Kohl anzugreifen. Sie kritisierten damit die "Fremdbestimmung" des Schicksals der DDR und stellten dem eine positiv betrachtete Selbstbestimmung der DDR gegenüber. Nachdem die Volkskammer der DDR den Beitritt nach Art. 23. GG am 23.8.1990 endgültig beschlossen hatte, setzte sich in der Folgezeit der Verfassungsterminus Beitritt durch, während die stigmatisierende Bezeichnung Anschluss nur noch selten verwendet wurde.

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