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15.7.2010 | Von:
Thorsten Eitz

Zehn Stigmavokabeln

Reichskristallnacht

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 steht in der Berliner IFasanenstraße die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Charlottenburg in Flammen. Mehr als die Hälfte aller Synagogen oder Gebetshäuser in Deutschland und Österreich werden in dieser Nacht zerstört, mehr als 1.300 Menschen ermordet. Foto: APIn der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 steht in der Berliner Fasanenstraße die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Charlottenburg in Flammen. Mehr als die Hälfte aller Synagogen oder Gebetshäuser in Deutschland und Österreich werden in dieser Nacht zerstört, mehr als 1.300 Menschen ermordet. (© AP)
Der Ausdruck Reichskristallnacht bzw. Kristallnacht bezeichnet die von SA und NSDAP in der Nacht vom 9.11. auf den 10.11.1938 im ganzen Deutschen Reich inszenierten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung, bei denen 267 Synagogen und mehr als 7.000 jüdische Geschäfte in Brand gesetzt und geplündert wurden. 91 Menschen wurden getötet und ca. 30.000 in Konzentrationslager verschleppt.

Die Herkunft des Ausdrucks ist bis heute nicht endgültig geklärt. Fest steht lediglich, dass er keine offizielle Bezeichnung der Nationalsozialisten für die Pogrome war. Auch gibt es keine Belege dafür, dass die Nationalsozialisten versucht haben, ihn zu verbieten. Es finden sich jedoch etliche Zuschreibungsversuche der Urheberschaft der Bezeichnung. Zumeist wird sie dem Berliner Volksmund oder dem Berliner Kabarettisten Werner Fink zugeschrieben. Nach 1945 setzten sich die Bezeichnung Kristallnacht und Reichskristallnacht trotz ihrer umstrittenen Herkunft durch und konnten bis zum Beginn der achtziger Jahre weitgehend problemlos und undistanziert im öffentlichen Sprachgebrauch verwendet werden. Nachdem frühe Versuche, den Ausdruck durch Reichspogromnacht zu ersetzen, gescheitert waren, finden sich vermehrt kritische und distanzierende Thematisierungen des Ausdrucks Reichskristallnacht in Folge der 1984 beginnenden Auseinandersetzungen um die Bewertung des Endes des Zweiten Weltkriegs.

Politisch aktuell und in sprachlicher Hinsicht brisant wurde die Vokabel Reichskristallnacht 1988 im Umfeld der umstrittenen Gedenkrede des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger (CDU) zum 50. Jahrestag der Pogrome vor dem Bundestag. In der Folge dieser Kontoversen wurde der Ausdruck als verharmlosend, euphemistisch, politisch inkorrekt und vermeintlich dem NS-Sprachgebrauch zugehörig kritisiert und zunehmend gemieden. Im öffentlichen wie offiziellen Sprachgebrauch wurde er vielfach durch die Bezeichnungen Reichpogromnacht bzw. Pogromnacht, seltener November-Pogrom bzw. Judenpogrom ersetzt, die ihrerseits wiederum als verharmlosend kritisiert wurden. Dennoch ist der öffentliche Sprachgebrauch bei der Bezeichnung der Pogrome bis heute heterogen.


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