Obama

15.10.2010 | Von:
Cornelia Schmitz-Berning

Vokabeln im Nationalsozialismus

Einige bis heute verwendete Begriffe gehörten zum festen Wortschatz der NS-Zeit. Aber welchen Ursprung und Bedeutung hatten Ausdrücke wie "betreuen" oder "Kulturschaffende" im "Dritten Reich"?

Abstammungsbescheid



Für die meist auf Antrag einer staatlichen Institution herbeigeführte Entscheidung der Reichsstelle für Sippenforschung über die Frage, welcher Kategorie von Menschen eine Person gemäß den Nürnberger Gesetzen vom 15.9.1933 zuzurechnen sei.

Worttyp: NS-Neubildung.
In Zweifelsfällen, ob eine Person von fremdrassigen Blutseinschlägen frei sei, konnte von Ämtern und Organisationen, aber auch von der Person selbst, "ein 'Abstammungsbescheid' der Reichsstelle für Sippenforschung, Berlin ... eingeholt werden... Diese 'Abstammungsbescheide' haben dann, je nachdem, ob sie entsprechend den Bestimmungen des Reichsbeamtengesetzes oder nach den Aufnahmebedingungen der NSDAP ausgestellt sind, bei allen staatlichen Stellen und bei allen Dienststellen der NSDAP und ihren Gliederungen volle Beweiskraft." [1]


Die Preußische Akademie der Künste wendete sich zum Beispiel mit folgender Anfrage an die Reichsstelle für Sippenforschung: "Da immer wieder das Gerücht auftaucht, daß das Mitglied unserer Akademie, Bildhauer Ernst Heinrich Barlach, nicht arischer Abkunft sei, würde die Akademie für eine gefällige amtliche Nachprüfung dankbar sein..." [2] Die Antwort: "Abstammungsbescheid. Der Bildhauer Ernst Heinrich Barlach in Güstrow, geboren zu Wedel am 2.1.1870, ist deutschen oder artverwandten Blutes im Sinne der ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935. ... Die Abstammung wurde hier nachgeprüft." [3]



Ausrichtung, ausrichten


Personen, Organisationen, Institutionen Disziplinen nach der Richtschnur der NS-Ideologie auf eine Linie bringen.

Worttyp: zusätzliche NS-Bedeutung, hohe Frequenzsteigerung
Das aus der Militärsprache übernommene ausrichten bezeichnete die nie abgeschlossene Aufgabe, dem Denken und Fühlen des Volkes eine total einheitliche nationalsozialistische Richtung zu geben. Es begegnet daher überall in Texten und Reden. "Wir sprechen viel von politischer Ausrichtung des deutschen Menschen, auch von politischer Ausrichtung des wissenschaftlichen Arbeiters. Die Notwendigkeit dieser Ausrichtung wird auf vielen Gebieten aber ungern anerkannt. Und doch ist der gleiche Marschtritt die primitivste Voraussetzung für das Vorwärtskommen einer geschlossenen Truppe. Deshalb ist selbstverständlich, wer nicht den richtigen Tritt des Volksmarsches hat, für den heißt es 'Tritt gewechselt'. Wer das Kommando nicht versteht, der muß nachexerzieren, bis er es gelernt hat. Das ist einfache Tatsache in der Wissenschaft so selbstverständlich wie beim Militär." [4] "Wir wollen in diesem Rahmen dafür arbeiten und kämpfen, daß in dem studentischen Nachwuchs eine einheitlich ausgerichtete, politisch klare, charakterlich harte und geistig mutige Schicht entsteht, welche dereinst in ihren Besten, verbunden mit den Besten der Jungarbeiterschaft, die Führung des Reiches übernehmen kann." [5] "In 1723 Jugendappellen und Jugendbetriebsabenden erhielten unsere Jungen und Mädel die weltanschauliche Ausrichtung zur Erfüllung ihrer Aufgaben als die kommenden Träger der Gemeinschaft." [6]



betreuen


versorgen, pflegen. Offiziell auch: Personen erfassen, beeinflussen, kontrollieren, lenken; SS-sondersprachlich: deportieren und töten. Sachen verwalten, beschlagnahmen; Sachgebiete bearbeiten, überwachen.

Worttyp: hochfrequentes NS-Modewort; Tarnwort der SS.
Mit der Bedeutung 'pflegen, wofür sorgen' schon im Mittelhochdeutschen belegt, aber noch im ersten Drittel des 20. Jh.s selten. Erst mit der NS-Zeit explosionsartige Gebrauchssteigerung. Im durchorganisierten NS-Staat ist betreuen vieldeutige Chiffre für die Einwirkung der NSDAP auf die Volksgenossen. Immer ist weltanschauliche Schulung und Ausrichtung mitgemeint. "Die Politischen Leiter führen die praktische Arbeit durch und betreuen das Volk." [7] "Es ist die Absicht der Partei, ... daß [sie] durch eigene Initiative entsprechend dem Willen des Führers laufend alle Volksgenossen erfaßt und betreut." [8]] "Wie ... bereits ausgeführt will die DAF [Deutsche Arbeitsfront] den schaffenden deutschen Menschen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht betreuen." [9] Das breite Bedeutungsspektrum machte es einfach, betreuen auch euphemistisch für alle Arten von Zwangsmaßnahmen zu verwenden: z. B. für Zensur durch die "nationalsozialistische Schrifttumsbetreuung" der PPK, [Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums], für Enteignung: "Verordnung über die Betreuung von Vermögen aus Anlaß der Absiedlung in Lothringen vom 28.1.1943". In der internen Sondersprache der SS stand betreuen für Mord. In einem 'Tätigkeitsbericht' der Waffen-SS vom 3.8.1942 heißt es: "Die Judentransporte trafen in regelmäßigen Abständen in Minsk ein und wurden von uns betreut ... So beschäftigten wir uns ... bereits... wieder mit Ausheben von Gruben im Siedlungsgelände." [10]



Eintopfsonntag

Bezeichnung für je einen Sonntag in den Monaten Oktober bis März, an dem ein schlichtes Eintopfgericht gegessen und der dadurch ersparte Betrag dem Winterhilfswerk gespendet werden sollte.

Worttyp: NS-Neubildung.
"Die Regierung richtet dabei an die gesamte deutsche Öffentlichkeit den Appell, an diesen Sonntagen mittags lediglich ein Eintopfgericht im Preise von höchstens 50 Pf. pro Person zu verzehren." [11] "Der Landesinspekteur des Winterhilfswerks für Lippe sagt in einem Aufruf, daß Volksgenossen, die trotz mehrfacher Aufforderung ihre Spende zur Winterhilfe auch diesmal wieder nicht abführten, von jetzt ab öffentlich unter voller Namensnennung zur Spendenabführung aufgefordert würden. ... Gegen Saboteure des Eintopf-Sonntags, die auf dem Standpunkt ständen, 'wir kochen am Eintopf-Sonntag das, was wir wollen, wenn wir unsere Spende abgeführt haben', werde das Winterhilfswerk mit gleichen Maßnahmen vorgehen."[12] "Der Eintopfsonntag soll nicht nur materiell (durch die Spende), sondern auch ideell dem Gedanken der Volksgemeinschaft dienen. Es genügt nicht, daß jemand zwar eine Eintopfspende gibt, aber seine gewohnte Sonntagsmahlzeit verzehrt. Das ganze deutsche Volk soll bei diesem Eintopfsonntag bewußt opfern, sich einmal in seiner gewohnten Lebenshaltung einschränken, um bedürftigen Volksgenossen zu helfen." [13] Im Krieg wird die Bezeichnung Eintopfsonntag durch Opfersonntag ersetzt. 1942 verbietet eine Presseanweisung den Ausdruck Eintopfsonntag: "Die frühere Bezeichnung 'Eintopfsonntag' ist für die Opfersonntage nicht mehr zu verwenden."



Entjudung

  1. Verdrängung der Juden aus dem Berufs-und Wirtschaftsleben
  2. Beseitigung des jüdischen Einflusses
  3. Zwangsverkauf jüdischer Gewerbebetriebe, Enteignung
  4. Deportation und Ermordung der Juden

Worttyp: Neubedeutung, zum Wortschatz des eliminatorischen Antisemitismus.
Eugen Dühring, der 1881 den Ausdruck Rassenbewußtsein prägte, gebrauchte Entjudung bereits rassenantisemitisch: "Verjudung der Völker und aller Verhältnisse ist Thatsache, Entjudung die Aufgabe." [14] In der NS-Zeit wird der gleiche Ausdruck nicht für gedachte, sondern für konkrete Ausgrenzungs- und schließlich Vernichtungsmaßnahmen "zur Säuberung des deutschen Volkskörpers" [15] gebraucht: a) Das 'Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums' vom 7.4.1933 hatte das Ziel der "Entjudung der Rechtspflege und der Verwaltung". b) "Die gesamte Kunstkritik ist seit 1933 genau so wie die übrige Presse entjudet worden." [16] Der deutschkirchlich beeinflußte Flügel der Thüringer Deutschen Christen forderte "die Entjudung des Gesangbuchs durch Ausmerzung von Begriffen wie Jehova, Israel, Zion, Zebaoth." [17] c) "Die Verordnung zur planmäßigen Entjudung der deutschen Wirtschaft wurde mit Befriedigung aufgenommen." [18] Es folgte ein Erlaß über die Entjudung des jüdischen Grundbesitzes" vom Reichswirtschaftsministerium (6.2.1939), d) "Die Ghettoverwaltung ist im Zuge der Entjudung des Warthegaus im Zusammenarbeit mit der Geheimen Staatspolizei mit der Durchführung einer Sonderaktion [Massenexekution] beauftragt worden. Für die Abwicklung, die etwa bis Ende Oktober 1942 dauern wird, sind 25 Leute der Ghettoverwaltung abgestellt, die durchschnittlich 14-16 Stunden tätig sind."[19]


Fußnoten

1.
Der Ahnenpaß. Hg. v. Reichsverband d. Standesbeamten e. V. Berlin, o. J., S. 45
2.
H. Brenner: Ende einer bürgerlichen Kunst-Institution, 1972. Dok. Nr. 132, S. 142.
3.
Ebd. Dok. Nr. 133, S. 142
4.
M. Pechau: Nationalsozialismus u. Deutsche Sprache. In: NS-Monatshefte, 8/1937, S. 1058
5.
A. Feickert: Der völkische Weg d. Deutschen Studentenschaft. In: Der Deutsche Student, 4/Febr. 1936, S. 76.
6.
Jahres- u. Leistungsbericht d. Gauwaltung Düsseldorf 1938, S. 34
7.
Organisationsbuch d. NSDAP, 1943, S. 70.
8.
Ebd. S. 98 a.
9.
Jahres- und Leistungsbericht d. Gauwaltung Düsseldorf o. J. (1938), S. 29.
10.
In: H. G. Adler: Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland, 1974, S. 196
11.
Goebbels: Das deutsche Volk im Kampf gegen Hunger u. Kälte, 13. 9.1934. In: Signale d. neuen Zeit, 1934, S. 225. die Zeit
12.
Westfälische Zeitung, 12. 2. 1934. Zit. in Blick in die Zeit, 2/8. 3. 1934, S. 9.
13.
Meyers Lexikon, Bd. 3, 1937, S. 528.
14.
E. Dühring: Die Judenfrage als Racen-, Sitten- u. Culturfrage, 1881, S. 117.
15.
Völkischer Beobachter, 7. 4. 1933, S. 1
16.
Münchener Neueste Nachrichten, 30.11. 1936. In: E. Piper: Ernst Barlach und die "entartete Kunst", 1987, Dok. 140, S. 182.
17.
Die Religion in Geschichte u. Gegenwart, Bd. 2, 3. Aufl., 1986, S. 105.
18.
Monatsbericht d. Regierungspräsidenten v. Oberbayern, 9. 1. 1989. In: Bayern in d. NS-Zeit, 1977, S. 477.
19.
In: J. Wulf: Aus dem Lexikon der Mörder, 1963, S. 72.

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