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5.8.2019

UN-Tag der indigenen Bevölkerungen

Weltweit werden laut den Vereinten Nationen rund 370 Millionen Menschen indigenen Bevölkerungsgruppen zugerechnet. Ihre Lebensgrundlage ist bedroht: durch den zunehmenden Abbau natürlicher Ressourcen, die Folgen des Klimawandels und die fehlende Anerkennung ihrer Rechte. Darauf macht jedes Jahr am 9. August der UN-Tag der indigenen Bevölkerungen aufmerksam.

LA PAZ (BOLIVIA), 30/09/2011.- Aimaras natives march to show their support to Bolivian president, Evo Morales, in dosntown La Paz, Bolivia, 30 September 2011. Amazonian natives opose the construction of a highway that will divide the Tipnis natural reserve. EFE/Martin AlipazBolivien: Indigene bei einer Demonstration in La Paz (© picture-alliance/dpa)

"In der Stadt spüren wir die gleiche Unsicherheit, die Außenstehende im Wald befällt"[1], sagt Weißer Stein. Er gehört zu der indigenen Bevölkerungsgruppe der Awá, die im brasilianischen Regenwald lebt – isoliert von der Bevölkerungsmehrheit ihres Landes. Der Wald im Nordosten Brasiliens ist ihre Lebensgrundlage. Früher bedeckte er weite Flächen, heute ist er fast völlig verschwunden zugunsten zahlreicher Viehzuchtbetriebe. Das Schicksal der Awá ist eines von vielen.

Wie viele indigene Völker es weltweit gibt, lässt sich nicht genau ermitteln. Die Vereinten Nationen (UN) schätzen, dass weltweit 370 Millionen Indigene mit 5000 verschiedenen Kulturen in etwa 90 Staaten leben. Sie machen knapp fünf Prozent der Weltbevölkerung aus. Von den 7000 gesprochenen Sprachen weltweit werden mehr als 4000 von indigenen Völkern gesprochen.

Die mit Abstand größte Gruppe besteht aus über 100 Millionen in Indien lebenden Adivasi, eine Sammelbezeichnung für verschiedene indigene Völker – dies geht aus einer Volkszählung in Indien aus dem Jahr 2011 hervor. Eine weitere große Gruppe stellen die Amazigh (Berber) mit zehn bis 30 Millionen, die vor allem in den nordafrikanischen Ländern Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Mauretanien leben. Bekannte indigene Völker sind auch die Uiguren in China, die Aborigines in Australien, die Maori in Neuseeland die nordamerikanischen Cheyenne, Cree und Shoshonen oder die Samen in Teilen Skandinaviens.

Am Rande der Gesellschaft

Der Begriff "Indigene Völker" ("indigenous peoples") wurde erstmals 1986 vom UN-Sonderberichterstatter José Martínez-Cobo verwendet und bedeutet in etwa "in ein Land geboren". Eine völkerrechtlich verbindliche Definition gibt es nicht. Als indigene Völker werden meist die Nachfahren der Erstbewohnerinnen und -bewohner einer Region bezeichnet, welche das gegenwärtige Territorium eines Landes bereits bewohnten, bevor Menschen mit einer anderen Kultur oder aus anderen Teilen der Welt dort ankamen. In vielen Fällen unterwarfen oder vertrieben die Neuankömmlinge die dort ansässigen Völker und versetzten sie durch Eroberung, Besiedlung oder mit anderen Mitteln in eine untergeordnete oder koloniale Situation. Von der nicht-indigenen Bevölkerung eines Landes unterscheiden sich Indigene in der Regel durch eine eigene Kultur z.B. in Sprache, Religion oder Gesellschaftsorganisation. Eine Bevölkerungsgruppe gilt zudem als indigen, wenn sie sich selbst als solche beschreibt (Selbstidentifikation) und von der Gemeinschaft der indigenen Völker anerkannt wird (Fremdidentifikation).

Trotz ihrer kulturellen Unterschiede teilen indigene Völker aus der ganzen Welt gemeinsame Probleme im Zusammenhang mit dem Schutz ihrer Rechte als eigenständige Völker. Bis heute leben viele indigene Völker politisch, wirtschaftlich und sozial am Rande der Gesellschaft – oft auch im geografischen Sinne: in der afrikanischen Wüste, in Gebirgen, in den Polarregionen oder den Waldgebieten des Amazonas.

"Verwalter" der biologischen Vielfalt

Ihre Lebensräume sind zugleich die wichtigste Existenzgrundlage der Indigenen. Die UN betrachten diese kulturellen Minderheiten deshalb auch als "Verwalter" der biologischen Vielfalt. Das enge Verhältnis zur Natur macht sie aber auch verletzlich: Eingriffe in die Lebensräume, die mit einer Störung des Ökosystems einhergehen, haben viele Kulturen in den letzten Jahrhunderten ausgelöscht. Das Beispiel der Awá, deren Schicksal internationale Aufmerksamkeit genießt, zeigt, dass insbesondere der Schutz des Lebensraumes indigener Völker politisch umkämpft ist: Noch im Jahr 2014 hatte die brasilianische Regierung alle Viehzüchter und Holzfäller, die unerlaubt in das Gebiet der Awá eingedrungen waren, aus dem Gebiet der Awá ausgewiesen. Zugleich wurde der Schutz Ihres Landes beschlossen. Insgesamt machen indigene Schutzgebiete heute 13 Prozent des brasilianischen Territoriums aus. Laut internationalen Presseberichten wird dieser Schutz unter Präsident Jair Bolsonaro, der seit Anfang 2019 im Amt ist, nun nicht mehr konsequent durchgesetzt. Die Awá und andere indigene Völker in der Region scheinen erneut durch die Abholzung ihres Lebensraums bedroht.

Die Rechte der indigenen Völker

Prinzipiell haben die indigenen Völker kaum international verbriefte Rechte, um ihren Lebensraum gegenüber staatlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren zu verteidigen. Dennoch hat es in den vergangenen Jahren Fortschritte gegeben: Einen ersten Meilenstein stellte der "Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte" (ICCPR oder UN-Zivilpakt) dar, der im Jahr 1976 in Kraft trat. Der UN-Zivilpakt definiert ein grundlegendes Selbstbestimmungsrecht der Völker. Allerdings bezieht er sich nur auf anerkannte Völker – international sind die indigenen Bevölkerungsgruppen nicht einheitlich als Volk anerkannt, wodurch juristische Grauzonen entstehen.

Ein konkreteres Rechtsinstrument ist die 1991 in Kraft getretene Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dieses "Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern" definiert speziell den Schutz der Eigentums- und Besitzrechte der indigenen Völker. Dies umfasst auch die Nutzung und Erhaltung natürlicher Ressourcen. Die Konvention wurde aber bisher nur von 23 Staaten ratifiziert. Viele Länder, in denen Indigene leben, wie Kanada, die USA, Russland, China oder Finnland, haben die Konvention bisher nicht anerkannt. Dadurch erlangt sie nur eine geringe Geltungskraft. In Deutschland scheiterte die von Grünen und SPD beantragte Unterzeichnung der Konvention 2012 im Bundestag.

Das wichtigste international verbriefte Recht stellt die UN-Resolution von 2007 (61/295) dar, welche sich mit dem Schutz und der Anerkennung der Rechte befasst. Sie geht zu Teilen sogar über die ILO-Konvention hinaus, indem sie Entschädigungsrechte im Falle einer Enteignung festschreibt. Allerdings ist auch diese "Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker" rechtlich nicht verbindlich.

Die Bedrohung der Existenzgrundlage

Angesichts des zunehmenden Interesses an neuen Quellen natürlicher Ressourcen wie Öl- oder Gasvorkommen sowie der kommerziellen Abholzung von Wäldern und Umweltbelastungen, verschärft sich die Situation der indigenen Völker, deren Lebensräume zerstört werden. Aber auch andere Gründe zwingen sie zum Verlassen des Landes, zum Beispiel Verfolgung oder die Auswirkungen des Klimawandels. Nicht zuletzt verlassen viele Indigene ihre Heimatregion, weil sie in anderen Gebieten – auch in urbanen Regionen – auf bessere Lebensgrundlagen, etwa Arbeitsplätze und Bildungseinrichtungen, treffen. Einen relativ neuen Konfliktpunkt stellt die Biopiraterie dar: Konzerne eignen sich das spezielle Wissen der Indigenen um bestimmte Naturvorkommen an, um auf dieser Grundlage patentierte Kosmetika oder Medikamente zu produzieren – ohne dabei die Indigenen an den Umsätzen zu beteiligen. Dies soll künftig besser kontrolliert und die Indigenen stärker mit einbezogen werden. Ein entsprechendes UN-Regelwerk, das Nagoya-Protokoll – ein Übereinkommen über die biologische Vielfalt und deren ausgewogene und gerechte Aufteilung – ist 2014 in Kraft getreten. Deutschland ist dem internationalen Abkommen 2016 beigetreten.

Die UN widmet den indigenen Bevölkerungsgruppen seit 1994 am 9. August einen Gedenktag. 2019 ist der Internationale Tag der indigenen Völker dem Thema indigene Sprachen gewidmet, um diese und den Erhalt indigener Kultur zu stärken. Aus dem gleichen Grund hat die UNESCO 2019 zum Jahr der indigenen Sprachen ausgerufen. Denn aktuell fehlt Indigenen oft das Recht darauf, ihre Sprache im Alltag zu nutzen, zum Beispiel bei Behördengängen. Auch in der Schule dürfen sie häufig ihre Sprache weder erlernen noch sprechen. Auch darum sind viele indigene Sprachen gefährdet: Von den etwa 4000 Sprachen der indigenen Völker sind laut UN 2680 vom Aussterben bedroht.

Mehr zum Thema


Fußnoten

1.
http://www.survivalinternational.de/awa

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