Erde

UN-Tag der indigenen Bevölkerungen

7.8.2015
Weltweit werden laut den Vereinten Nationen rund 370 Millionen Menschen indigenen Bevölkerungsgruppen zugerechnet. Ihre Lebensgrundlage ist bedroht: durch den zunehmenden Abbau natürlicher Ressourcen, die Folgen des Klimawandels und die fehlende Anerkennung ihrer Rechte. Darauf macht jedes Jahr am 9. August der UN-Tag der indigenen Bevölkerungen aufmerksam.

LA PAZ (BOLIVIA), 30/09/2011.- Aimaras natives march to show their support to Bolivian president, Evo Morales, in dosntown La Paz, Bolivia, 30 September 2011. Amazonian natives opose the construction of a highway that will divide the Tipnis natural reserve. EFE/Martin AlipazBolivien: Indigene bei einer Demonstration in La Paz (© picture-alliance/dpa)

"In der Stadt spüren wir die gleiche Unsicherheit, die Außenstehende im Wald befällt"[1], sagt Weißer Stein. Er gehört zu der indigenen Bevölkerungsgruppe der Awá, die im brasilianischen Regenwald lebt – isoliert von der Bevölkerungsmehrheit ihres Landes. Der Wald im Nordosten Brasiliens ist ihre Lebensgrundlage. Früher bedeckte er weite Flächen, heute ist er fast völlig verschwunden zugunsten der zahlreichen Viehzuchtbetriebe. Das Schicksal der Awá ist eines von vielen.

Wie viele indigene Völker es weltweit gibt, lässt sich nicht genau ermitteln. Die Vereinten Nationen (UN) schätzen, dass weltweit 370 Millionen Indigene in etwa 90 Staaten leben. Sie machen fünf Prozent der Weltbevölkerung aus. Von den 7000 gesprochenen Sprachen weltweit werden mehr als 4000 von indigenen Völkern gesprochen.

Die mit Abstand größte Gruppe besteht aus über 100 Millionen in Indien lebenden Adivasi, eine Sammelbezeichnung für verschiedene indigene Völker – dies geht aus einer Volkszählung in Indien aus dem Jahr 2011 hervor. Eine weitere große Gruppe stellen die Amazigh (Berber) mit rund 12 Millionen, die in Algerien, Marokko und Tunesien ansässig sind. Bekannte indigene Völker sind auch die Uiguren in China, die Aborigines in Australien, die Maori in Neuseeland oder die nordamerikanischen Cheyenne, Cree und Shoshonen.

Am Rande der Gesellschaft



Der Begriff "Indigene Völker" ("indigenous peoples") wurde erstmals 1986 vom UN-Sonderberichterstatter José Martínez-Cobo verwendet und bedeutet in etwa "in ein Land geboren". Eine völkerrechtlich verbindliche Definition gibt es nicht. Als indigene Völker werden meist die Nachfahren der Erstbewohner einer Region bezeichnet – sie haben oft eine besonders enge Bindung an diese Region. Von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden sie sich hinsichtlich kultureller Besonderheiten z.B. in Sprache, Religion oder Gesellschaftsorganisation. Diese kulturelle Besonderheit bewahren sie. Dies findet auch starken Niederschlag in ihrer Selbstdefinition: Sie selbst sehen sich als indigen und als sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheidende Gruppe an. Bis heute leben viele indigene Völker politisch, wirtschaftlich und sozial am Rande der Gesellschaft – oft auch im geografischen Sinne: in der afrikanischen Wüste, in Gebirgen, in den Polarregionen oder den Waldgebieten des Amazonas.

"Verwalter" der biologischen Vielfalt



Die Lebensräume sind zugleich die wichtigste Existenzgrundlage der Indigenen. Die UN betrachten diese kulturellen Minderheiten deshalb auch als "Verwalter" der biologischen Vielfalt. Das enge Verhältnis zur Natur macht sie aber auch verletzlich: Eingriffe in die Lebensräume, die mit einer Störung des Ökosystems einhergehen, haben viele Kulturen in den letzten Jahrhunderten ausgelöscht. Das Beispiel der Awá, deren Schicksal internationale Aufmerksamkeit genießt, zeigt, dass beim Schutz des Lebensraumes indigener Völker auch Erfolge erzielt werden können: Im Jahr 2014 hat die brasilianische Regierung alle Viehzüchter und Holzfäller, die unerlaubt in das Gebiet der Awá eingedrungen waren, fortschaffen lassen und beschlossen, das Land fortan zu schützen.

Die Rechte der indigenen Völker



Prinzipiell haben die indigenen Völker kaum international verbriefte Rechte, um ihren Lebensraum gegenüber staatlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren zu verteidigen. Dennoch hat es in den vergangenen Jahren Fortschritte gegeben: Einen ersten Meilenstein stellte der "Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte" (ICCPR oder UN-Zivilpakt) dar, der im Jahr 1976 in Kraft trat. Der UN-Zivilpakt definiert ein grundlegendes Selbstbestimmungsrecht der Völker. Allerdings bezieht er sich nur auf anerkannte Völker – international sind die indigenen Bevölkerungsgruppen jedoch nicht einheitlich als Volk anerkannt, wodurch juristische Grauzonen entstehen.

Ein konkreteres Rechtsinstrument ist die 1991 in Kraft getretene Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dieses "Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern" definiert speziell den Schutz der Eigentums- und Besitzrechte der indigenen Völker. Dies umfasst auch die Nutzung und Erhaltung natürlicher Ressourcen. Die Konvention aber wurde bisher nur von wenigen Staaten ratifiziert und erlangt dadurch nur eine geringe Geltungskraft. Das wichtigste international verbriefte Recht stellt die UN-Resolution von 2007 (61/295) dar, welche sich mit dem Schutz und der Anerkennung der Rechte befasst. Sie geht zu Teilen sogar über die ILO-Konvention hinaus, indem sie Entschädigungsrechte im Falle einer Enteignung festschreibt. Allerdings ist auch diese "Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker" rechtlich nicht verbindlich.

Die Bedrohung der Existenzgrundlage



Angesichts des zunehmend rigorosen Interesses an neuen Quellen natürlicher Ressourcen wie Öl- oder Gasvorkommen, der kommerziellen Abholzung und Umweltbelastungen, verschärft sich die Situation der indigenen Völker. Einen relativ neuen Konfliktpunkt stellt die "Biopiraterie" dar: Konzerne machen sich das spezielle Wissen der Indigenen um die Naturvorkommen zu eigen, um auf dieser Grundlage patentierte Kosmetika oder Medikamente zu produzieren – ohne dabei die Indigenen an den Umsätzen zu beteiligen. Dies soll künftig besser kontrolliert und die Indigenen stärker mit einbezogen werden. Ein entsprechendes UN-Regelwerk, das Nagoya-Protokoll – ein Übereinkommen über die biologische Vielfalt und deren ausgewogene und gerechte Aufteilung –, ist 2014 in Kraft getreten. Ein deutscher Beitritt soll bald erfolgen.

Die UN widmet den indigenen Bevölkerungsgruppen seit 1994 am 9. August einen Gedenktag. Da 2015 auch die von der UN initiierte Zweite Internationale Dekade der indigenen Bevölkerungsgruppen der Welt endet, steht der diesjährige Gedenktag im Zeichen der zukunftsorientierten Politik: Wie kann zukünftig die Gesundheit der indigenen Bevölkerungsgruppen gesichert werden? Wie können sie besseren Zugang zu gesundheitlichen Versorgungsleistungen erlangen? Die Veranstaltung der UN zum Gedenktag kann am Montag, dem 10. August, ab 15 Uhr Ortszeit (New York) live im Webcast auf webtv.un.org verfolgt werden.


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Fußnoten

1.
http://www.survivalinternational.de/awa

 

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