Blick auf den Erdball vom Weltall aus. Im Zentrum des Betrachters ist die nördliche Halbkugel zu sehen. Sie ist kaum von Wolken bedeckt. Im Westen liegt der amerikanisch Kontinent, im Osten liegt Europa. Dazwischen leuchtet blau der Ozean Atlantik.

4.9.2012

Olympia 1972: Geiselnahme der israelischen Olympia-Mannschaft

Die XX. Olympischen Spiele 1972 in München sollten als "Fest des Friedens" in die Geschichte eingehen. Doch es kam anders: Am 5. September 1972 nahmen palästinensische Terroristen die israelische Olympiamannschaft als Geiseln. Bei der gescheiterten Befreiungsaktion starben insgesamt 17 Menschen.

Ein maskiertes Mitglied der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" zeigt sich auf dem Balkon des Gebäudes, in dem sie die israelische Olympiamannschaft gefangen hielten.Ein maskiertes Mitglied der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" zeigt sich auf dem Balkon des Gebäudes, in dem sie die israelische Olympiamannschaft gefangen hielten. (© picture-alliance, Olympische Spiele)

5. September 1972: Gegen 4.35 Uhr früh stürmen acht Mitglieder der palästinensischen Terrortruppe "Schwarzer September" das Quartier der israelischen Olympiamannschaft im Olympischen Dorf. Zwei israelische Sportler können flüchten, der Ringer Mosche Weinberg und der Gewichtheber Jossef Romano werden erschossen. Insgesamt gelingt es den Terroristen, neun israelische Sportler in ihre Gewalt zu bringen.

Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von über 200 in Israel inhaftierten Palästinensern sowie der beiden RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die in Stuttgart-Stammheim in Haft sitzen. Die deutschen Verhandlungsführer tendieren dazu, den Terroristen nachzugeben. Israel hingegen lehnt dies strikt ab: "Wenn wir nachgeben, wird sich kein Israeli irgendwo auf der Welt noch seines Lebens sicher fühlen", erklärt Premierministerin Golda Meir die Haltung der israelischen Regierung. Es folgen Stunden der Verhandlung und des Ringens um eine Strategie zur Überwältigung des palästinensischen Terrorkommandos. Deutsche Medien berichten live aus dem Olympischen Dorf, wodurch die Geiselnehmer die Aktionen der Sicherheitskräfte im Fernsehen mitverfolgen können. Die Terroristen ändern ihre Strategie und fordern nun, ungehindert mit den Geiseln in die ägyptische Hauptstadt Kairo auszufliegen.

Die Befreiungsaktion misslingt

Die Olympischen Spiele laufen derweil weiter. Erst am Nachmittag des 5. September unterbricht IOC-Präsident Avery Brundage die Sportveranstaltung. Am Abend eskalieren die Ereignisse. Gegen 21.00 Uhr verlassen die Terroristen samt der Geiseln das Olympische Dorf. In zwei Helikoptern fliegen sie zum Münchner Militärflughafen Fürstenfeldbruck, wo die geforderte Maschine zum Abflug nach Kairo bereitsteht. Kurz vor Eintreffen der Geiselnehmer flüchten mehrere als Besatzungsmitglieder getarnte Polizisten aus dem Flugzeug. Eigentlich sollten sie die Attentäter nach dem Betreten des Flugzeugs überwältigen. Doch ihr Einsatz wird abgebrochen, weil die Situation zu gefährlich erscheint. Fünf Scharfschützen sind in Stellung, sie sind allerdings schlecht ausgerüstet und haben keinen Kontakt über Sprechfunk. Es kommt zum Schusswechsel. Ein Terrorist wirft eine Handgranate in einen Hubschrauber, ein weiterer Terrorist schießt in den zweiten Hubschrauber. Alle neun israelischen Sportler werden dabei getötet sowie fünf der acht palästinensischen Terroristen und ein Polizist im Kontrollturm. Drei Geiselnehmer werden anschließend festgenommen. Sie werden aber wenige Wochen später durch die Entführung der Lufthansa-Maschine "Kiel" freigepresst.

"The games must go on!"

Nach der gescheiterten Befreiungsaktion werden Vorwürfe laut, dass der Polizeieinsatz schlecht organisiert gewesen sei. Der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber räumt damals ein: "Wir waren von der Munition, vom Recht, aber auch von der Psyche und von der Absicht die Spiele als friedliebende Spiele eines friedliebenden Deutschlands zu gestalten, überhaupt nicht vorbereitet." Die Olympischen Spiele 1972 sollten als "Fest des Friedens" bewusst Offenheit und eine friedliche Atmosphäre transportieren, um die Erinnerung an die Spiele im Jahr 1936 im nationalsozialistischen Deutschland positiv zu überlagern. Nach der eintägigen Unterbrechung und einer Trauerfeier lässt der damalige IOC-Präsident Avery Brundage die Olympischen Spiele mit dem Satz "The games must go on!" fortführen.

Innen- und außenpolitische Konsequenzen

Als Konsequenz der gescheiterten Befreiungsaktion von München wird am 26. September 1972 die Grenzschutzgruppe 9 (heute: GSG 9 der Bundespolizei) ins Leben gerufen, eine polizeiliche Spezialeinheit der Bundespolizei (damals: Bundesgrenzschutz) zur Bekämpfung von Terrorismus und schwerster Gewaltkriminalität. Auch Israel reagiert auf das Attentat. In der Folgezeit geht der israelische Geheimdienst Mossad mit gezielten Tötungsaktionen im Rahmen der "Operation Zorn Gottes" gegen die Mitglieder des "Schwarzen September" vor, bei denen auch Unschuldige sterben.

Keine offizielle Schweigeminute für die Opfer

Sportpolitisch ist der 5. September 1972 noch immer von Bedeutung. Die Angehörigen der ermordeten israelischen Sportler fordern bis heute - 40 Jahre nach dem Attentat - vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine angemessene Erinnerung, etwa in Form einer Schweigeminute. Bislang ist das IOC dieser Forderung nicht nachgekommen. Bei den Olympischen Spielen in London im Juli 2012 lehnte IOC-Präsident Jacques Rogge eine offizielle Schweigeminute während der Eröffnungsfeier erneut ab - mit der Begründung, dass dies nicht der richtige Rahmen sei. Stattdessen wurde den Opfern in einer separaten Zeremonie im olympischen Dorf von London gedacht. Das israelische IOC-Mitglied Alex Gilady begründet die ablehnende Haltung des Olympischen Komitees laut Medienberichten damit, dass eine Trauerminute "den Boykott einiger Länder begründen" - und damit der olympischen Einheit schaden könne.

Mehr zum Thema



Israel

Israel

Die Entwicklung Israels ist eine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung hat es Menschen aus über 120 Ländern in einen jüdisch-demokratischen Staat integriert. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land ist eine Hightech-Nation geworden.

Mehr lesen

Von der Idee zum Staat

Der Zionismus und die arabische Frage

Übersahen Zionisten die "arabische Frage"? Wie war die Haltung in der zionistischen Bewegung gegenüber den Arabern in Palästina? Anja Siegemund über die Positionen in den zionistischen Lagern.

Mehr lesen

Shlomo Shpiro und Jonathan Rynhold

Bestimmungsfaktoren der Außenpolitik

Viele Faktoren bestimmen die Außenpolitik Israels. Aber vor allem der Nahostkonflikt beeinflusst die außenpolitischen Beziehungen des Landes. Welche Rolle spielen die USA und die EU?

Mehr lesen

Deutschland Archiv Online 7/2012: Nach dem Mauerbau

Olympia zwischen Sport und Politik

Die Olympischen Spiele 1972 in München und deren Vorgeschichte werden von drei Neuerscheinungen behandelt. Die Darstellungen widmen sich den Sportbeziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg sowie dem sportpolitischen Stellenwert der Spiele, die von dem Terroranschlag auf die israelische Olympiamannschaft überschattet wurden.

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 6/2015)

Israel und Deutschland

Im Mai 1965 nahmen die Bundesrepublik und Israel diplomatische Beziehungen auf. 50 Jahre später besteht zwischen beiden Ländern ein gewachsenes Vertrauensverhältnis, das aber in der Breite steter Erneuerung bedarf.

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 24–25/2016)

Terrorismus

"Das Denken besetzen", so lässt sich die Strategie von Terroristen auf den Punkt bringen. Die islamistisch motivierten Attentate in Paris und Brüssel 2015 und 2016 haben die Angst vor Terrorismus geschürt. Nicht immer wird eine terroristische Bedrohung als solche wahrgenommen, wie der Fall des "Nationalsozialistischen Untergrunds" gezeigt hat.

Mehr lesen

Informationen zur politischen Bildung Nr. 326/2015

Transnationaler Terrorismus

Kennzeichen des transnationalen Terrorismus ist die länderübergreifende Vernetzung terroristischer Gruppen auf substaatlicher Ebene. Im Widerstand gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 bildete sich der islamistische Terrorismus heraus, der sich nicht nur gegen die herrschenden Verhältnisse in der arabischen Welt und in Südasien richtet, sondern auch den Westen und seine Werte bekämpft.

Mehr lesen