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Zehn Jahre Irak-Konflikt: Kein Ende der Gewalt in Sicht

17.7.2013
Vor über zehn Jahren begann der zweite Irakkrieg. Mittlerweile haben die US-amerikanischen Kampftruppen das Land verlassen, doch der Konflikt dauert an. Die Gewalt zwischen verschiedenen ethnisch-religiösen Gruppen droht den Irak in einen Bürgerkrieg zu stürzen.

Die Statue von Saddam Hussein in der Al Fardous-Straße in Bagdad stürzt am 9.4.2003 mit Unterstützung von US-Marines zu Boden.Symbolischer Moment des Irakkriegs: Die Statue von Saddam Hussein in der Al Fardous-Straße in Bagdad wird im März 2003 von amerikanischen Soldaten zu Boden gestürzt. (© picture-alliance / dpa)

Im März 2003 marschierte die US-amerikanische Armee gemeinsam mit ihren Verbündeten in den Irak ein. Innerhalb weniger Wochen drangen die Truppen bis in die Hauptstadt Bagdad vor. Am 1. Mai 2003 verkündete der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush, das Ende des Krieges.

Der eigentliche Krieg gegen Machthaber Saddam Hussein und seine Armee war schnell vorbei. Ihm folgten verlustreiche Jahre der Besatzung und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Gewalt erreichte ihren Höhepunkt 2006 bis 2008. Nach Schätzungen der UN kamen in dieser Zeit monatlich bis zu 3.000 Menschen ums Leben.

Laut einer »Studie der Brown-University« vom März 2013 sind seit Beginn des Irak-Konfliktes 2003 insgesamt 190.000 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 70 Prozent davon waren Zivilisten. Auch mehr als 4.400 US-amerikanische Soldaten starben während des Konflikts, so die Autoren.

Neues Aufflammen der Gewalt



Die Sicherheitslage und die humanitäre Situation im Irak haben sich auch seit dem Ende des Krieges und dem Abzug der US-Truppen 2011 nicht verbessert. Seit Anfang 2013 werden wieder fast täglich Anschläge auf Armee, Polizei und die Zivilbevölkerung verübt. Im Juli gab es bislang über 300 Tote, im Mai waren es über 1.000 – die höchste Zahl monatlicher Opfer seit 2008. Viele der Anschläge werden sunnitischen Aufständischen zugeschrieben. Auch Al-Qaida und andere islamistische Terrororganisationen sind im Irak aktiv.

Ethnisch-religiöse Spaltung der Gesellschaft



Ursache der Gewalt sind ethnisch-religiöse Spannungen, die die irakische Gesellschaft spalten. Der Großteil der irakischen Bevölkerung ist muslimisch (über 95 Prozent). Zwei Drittel davon sind Schiiten, ein Drittel Sunniten. Unter Saddam Hussein dominierte der sunnitische Teil der Bevölkerung die irakischen Machtzentren. Seit seinem Sturz wird das Land von einer schiitisch dominierten Regierung geführt.

Der seit 2006 amtierende Ministerpräsident Nuri al-Maliki von der schiitischen Dawa-Partei ist seit dem Jahr 2010 Chef einer breiten Regierungskoalition, an der neben Schiiten auch Sunniten und Kurden beteiligt sind. Die irakischen Kurden verfügen im Norden des Landes über eine weitreichende politische Handlungsfreiheit, streben aber nach mehr Unabhängigkeit ihres Autonomiegebiets.

Ein Land am "Scheideweg"



Die ethnisch-religiösen Spannungen und die andauernde Gewalt schüren Ängste vor einem Zerfall des Landes. Der Irak stehe "am Scheideweg", sagte der Leiter der UN-Mission im Irak (UNAMI), Francesco Motta, Anfang Juli gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Er befürchtet, dass das Land in einen Bürgerkrieg drifte. Auch der ehemalige UN-Sondergesandte im Irak, Martin Kobler, hatte sich Ende Juni 2013 gegenüber der Nachrichtenagentur AFP besorgt über die Lage geäußert, "weil das Sektierertum zunimmt und die Gewalt zunimmt". Der Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen lähme das ganze Land. Wichtige wirtschaftliche und soziale Reformen würden zudem nicht umgesetzt, da sich Schiiten, Sunniten und Kurden politisch gegenseitig blockieren.

Viele Irakerinnen und Iraker flüchten vor der alltäglichen Gewalt. Sie stellten 2012 die drittgrößte Gruppe anerkannten Flüchtlinge weltweit. Der Jahresbericht des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR spricht von 746.400 irakischen Flüchtlingen, die 2012 unter seinem Mandat standen. 82.000 irakische Flüchtlinge kehrten in ihr Heimatland zurück. Viele flohen aus dem Nachbarland Syrien vor dem dort schwelenden Konflikt. Für zwei Millionen vertriebene Iraker weltweit und innerhalb des Landes ist eine Rückkehr noch immer unmöglich.

Beziehungen zu den Nachbarn



Der Konflikt im Irak fügt sich in die komplizierte Spannungslage des Nahen Ostens ein, die derzeit vor allem durch die religiösen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten bestimmt ist. Der Syrien-Konflikt und die Spannungen zwischen Kurden und der Türkei belasten die außenpolitischen Beziehungen des Iraks. Das Land sieht sich nach Aussage seines Außenministers Hoschiar Sebari zudem nicht in der Lage, iranische Waffentransporte nach Syrien zu unterbinden.

Die Beziehungen zum Nachbarland Kuwait haben sich hingegen normalisiert. Der Irak hat die Reparationszahlungen an sein Nachbarland, das Saddam Hussein 1990 überfallen hatte, zu großen Teilen beglichen. Die seit 1991 bestehenden UN-Sanktionen gegen den Irak wurden mittlerweile fast vollständig aufgehoben. Zudem profitierte das Land seit dem Sturz Saddam Husseins von einem umfangreichen Schuldenerlass seitens der internationalen Gemeinschaft.

Wirtschaftliche Lage



Die irakische Infrastruktur ist durch Krieg und Bürgerkrieg in großen Teilen zerstört. Schon vor dem Einmarsch der USA wurde das Land durch wirtschaftliche Sanktionen geschwächt. Heute mangelt es an zuverlässiger Versorgung mit Strom und sauberem Wasser. Ein funktionierendes Gesundheitswesen existiert nicht.

Dabei ist der Irak eines der Erdöl-reichsten Länder der Welt: Über 90 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Ölexport. Seit 2008 erteilt die irakische Regierung ausländischen Investoren keine Rechte mehr an den landeseigenen Ölreserven selbst, zur Förderung ist das Land jedoch auf ausländische Firmen angewiesen. Bis 2020 will der Irak die Erdölproduktion verdoppeln. Um die Verteilung der Erlöse aus dem Ölexport wird innerhalb der irakischen Machtelite gestritten.

Die Kosten des Irakkrieges



Bis zum Abzug ihrer letzten Kampftruppen im Dezember 2011 hatte der Krieg den amerikanischen Staat 2,2 Billionen Dollar gekostet, so ein weiteres Ergebnis der Studie der Brown University. Zudem sind noch immer über 10.000 Amerikaner im Irak stationiert – offiziell als Mitarbeiter diplomatischer Vertretungen. Auch mehrere Tausend Mitarbeiter von privaten Sicherheitsfirmen arbeiten im Land, seit Kriegsbeginn zahlte die USA allein für deren Dienstleistungen rund 138 Milliarden Dollar. Heute arbeiten die privaten Sicherheitsfirmen vor allem im Ölsektor.

Regionalwahlen im April



Im April 2013 waren rund 14 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, neue Provinzräte zu bestimmen. Die Regionalwahlen waren die ersten Wahlen seit dem Abzug der US-amerikanischen Truppen. Aus Angst vor Anschlägen verhängte die Regierung ein landesweites Fahrverbot. In mehreren, meist sunnitisch dominierten Bezirken des Landes wurden die Wahlen wegen der schwierigen Sicherheitslage auf Juni verschoben. Es kam zu Anschlägen auf Wahllokale und Kandidaten. In den kurdischen Gebieten wird erst im September gewählt.

Die Beteiligung an den Wahlen war gering: Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten gaben ihre Stimmen ab. Als stärkste Kraft setzte sich auf regionaler Ebene die "Rechtsstaat-Allianz" von Ministerpräsident al-Maliki durch. 2014 sollen die nächsten Parlamentswahlen stattfinden.

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