Erde

45 Jahre Prager Frühling

19.8.2013
Demokratisch, sozial gerecht, modern – so stellt sich Alexander Dubcek, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, im Frühjahr 1968 die Zukunft des Landes vor. Doch in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 rücken Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR ein. Sie zerschlagen die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz".

Ein tschechoslowakischer Student weht mit seiner Nationalflagge, während er auf einem sowjetischen Panzer steht während einer sowjetisch-geführten Invasion und Besetzung Prags am 22. August 1968. Rauch steigt in den HintergrundEin tschechoslowakischer Student weht mit seiner Nationalflagge, während er auf einem sowjetischen Panzer steht (© AP)

Am 20. August 1968, kurz vor 22 Uhr, landet eine sowjetische Militärmaschine in Prag. Kurze Zeit später rollen die ersten Panzer der Warschauer-Pakt-Staaten in die tschechoslowakische Hauptstadt und andere Städte der CSSR ein. Der zivile Widerstand der Bevölkerung ist enorm: Friedlich protestieren sie gegen die Invasion. Doch gegen die Überzahl der Soldaten können sie letztendlich nichts ausrichten: Mit aller Brutalität schlagen die Truppen den Prager Frühling nieder. Etwa 150 Menschen kommen ums Leben, hunderte weitere werden verletzt.

Der Begriff "Prager Frühling" wird heute für zwei sehr unterschiedliche Ereignisse verwendet. Er beschreibt zum einen die Phase der Reformbewegung in der Tschechoslowakei unter Alexander Dubcek. Zum anderen ist der "Prager Frühling" als Synonym für die blutige Niederschlagung dieser Reformbewegung durch die Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die Geschichtsbücher eingegangen.

Dubceks Reformen



Die Wahl Alexander Dubceks zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei im Januar 1968 markiert den Auftakt einer innenpolitischen Wende: Dubcek löst Antonin Novotny ab und entwickelt sich zur Symbolfigur des Prager Frühlings. Er will den Sozialismus im Sinne eines Dritten Weges demokratisieren und ihm ein "menschliches Antlitz" verleihen. Zwar erlaubt auch Dubcek keine Oppositionsparteien. Er bringt jedoch ein umfassendes "Aktionsprogramm" auf den Weg, das weitreichende Liberalisierungs- und Demokratisierungsmaßnahmen vorsieht. Nach nur einem Monat an der Macht hebt Dubcek die Pressezensur auf, was zu einer Informationsflut in den Medien des Landes führt. Im April werden darüber hinaus die Rede- und Versammlungsfreiheit eingeführt, Reisen ins westliche Ausland erlaubt, Privatisierungen kleinerer und mittlerer Betriebe sowie Entscheidungskompetenzen für Betriebsräte eingeleitet.

Dubceks Reformeifer geht schnell auf seine Landsleute über, insbesondere die Jugend ist begeistert. Mit dem Reformkurs verbindet sich die Hoffnung, dem politischen und wirtschaftlichen Einfluss Moskaus zu entrinnen und mehr nationale Selbstständigkeit erlangen zu können.

Moskau sieht die Einheit des Ostblocks in Gefahr



Moskau, das die Wahl Dubceks zunächst noch gutgeheißen hatte, ist angesichts der Entwicklungen im "Bruderstaat" alarmiert: Der Kreml sieht durch die Reformen die Einheit des Ostblocks in Gefahr. Eine zusätzliche Provokation stellt das am 27. Juni erscheinende "Manifest der 2.000 Worte" dar – einer der wichtigsten Texte des Prager Frühlings. Verschiedene Intellektuelle unterzeichnen das Manifest, in dem weitere politische und gesellschaftliche Reformen gefordert werden. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) interpretiert den Text als eine Plattform der Konterrevolution. Die Moskauer Tageszeitung Prawda warnt vor einem "Umsturz" und der Restauration des Kapitalismus. Große Teile der Moskauer Führung sprechen sich für eine militärische Lösung aus, um die CSSR wieder auf Linie zu bringen.

Im Juli 1968 fordern die Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn, Polen und die DDR im "Warschauer Brief" die tschechoslowakische Führung zu einer Kurskorrektur auf. Der Tenor: Feindliche Kräfte würden die CSSR vom Weg des Sozialismus abbringen und eine Trennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen Gemeinschaft heraufbeschwören. Die Weichen für eine militärische Intervention sind gestellt.

Panzer gegen den friedlichen Protest



Als am Morgen des 21. August die Panzer auf Prag zurollen, versuchen die Bürger der CSSR ihre neu errungene Freiheit zu verteidigen: Mit Bussen, Baufahrzeugen und Bulldozern errichten sie Barrikaden gegen die Militärfahrzeuge. Eine wichtige Rolle kommt dabei den Radiosendern zu, die auf allen Wellen den passiven Widerstand organisieren.

Tschechoslowakische Politiker rufen über Rundfunk und Fernsehen zur absoluten Gewaltlosigkeit auf. Die sowjetischen Soldaten sollen lediglich von der Sinnlosigkeit ihres Tuns überzeugt werden. Frauen und Mädchen ziehen ihre feinsten Kleider an und hängen ihre Handtaschen an die Panzerläufe, um die Soldaten zu irritieren. Um die Besetzer mit falschen Informationen in die Irre zu führen, werden Straßenschilder abmontiert oder übermalt. Hinweisschilder weisen in die falsche Richtung oder tragen Aufschriften wie Moskau, Warschau, Budapest, Sofia oder Berlin.

Das Ende des Prager Frühlings



Trotz des zivilen Ungehorsams der Bevölkerung gewinnen die Soldaten der Warschauer-Pakt-Staaten die Oberhand. Blutig schlagen sie den friedlichen Protest nieder und ersticken die Reformbewegung im Keim. Dubcek und andere führende Parteimitglieder werden nach Moskau entführt. Dubcek wird gezwungen, das "Moskauer Protokoll" zu unterschreiben. Es sieht die Aufhebung fast aller Reformprojekte sowie die Stationierung sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei vor und markiert das Ende des Prager Frühlings.

Der sowjetische Regierungschef Leonid Breschnew rechtfertigte den Einmarsch nachträglich: Im November 1968 erklärte er einen Interventionsanspruch der Sowjetunion im Falle einer "Gefährdung des Sozialismus" durch politische Dynamiken in einem der Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts ("Breschnew-Doktrin"). Die Staaten des Warschauer Pakts verfügten damit de facto nur über eine beschränkte Souveränität: Sollte der Sozialismus gefährdet sein, hatten die "Bruderländer" die "internationalistische Pflicht", mit militärischen Mitteln einzugreifen.

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