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75. Todestag von Mustafa Kemal Atatürk

8.11.2013
Am 10. November jährte sich der 75. Todestag des Staatsgründers der türkischen Republik. Innerhalb weniger Jahre baute der "Vater der Türken" die junge Republik nach dem Vorbild der "modernen", säkularen europäischen Staaten um und brach dabei mit osmanischen Traditionen. Seine Vorstellung von Staat und Nation prägen bis heute die türkische Gesellschaft.

Das Atatürk-Kulturzentrum am Istanbuler Taksim-Platz: Der 1969 erbaute Komplex mit Oper war bis zu den Gezi-Protesten 2013 regelmäßig mit dem Bild des Staatsgründers geschmückt. Im Zuge des Umbaus des Taksim-Platzes soll das Gebäude abgerissen werden.Das Atatürk-Kulturzentrum am Istanbuler Taksim-Platz: Der 1969 erbaute Komplex mit Oper war bis zu den Gezi-Protesten 2013 regelmäßig mit dem Bild des Staatsgründers geschmückt. Im Zuge des Umbaus des Taksim-Platzes soll das Gebäude abgerissen werden. (© picture alliance / All Canada Photos )

1881 wird Atatürk im heutigen Thessaloniki geboren. Mit 14 Jahren besuchte er eine Militärschule, später die Kriegsakademie in Istanbul, die er als Hauptmann verließ. Die militärische Erziehung und die anschließende Anstellung im Kriegsministerium waren der Grundstein für seine spätere Popularität, die ihn bis an die Spitze des neuen Staates bringen sollte.

Aufstieg in der Armee



Während des ersten Weltkrieges machte Atatürk Karriere in der osmanischen Armee. Er wurde zum General befördert und erhielt den Titel Pascha. Im ganzen Land bekannt wurde er aber als der Sieger der Schlacht von Gallipoli 1915/1916, einer der größten und verlustreichsten Kämpfe des Ersten Weltkrieges.

Mit dem Ende des Krieges und der Niederlage des Osmanischen Reiches sollte die Armee aufgelöst und das Reich faktisch zwischen den Siegermächten aufgeteilt werden. Hinzu kam, dass die griechische Armee im Mai 1919 in Izmir einmarschierte. Atatürk organisierte den nationalen Widerstand und führte die Armee siegreich gegen die Griechen.

Am 23. April 1920 konstituierte sich neben der Istanbuler Regierung des Sultans die Große Nationalversammlung in Ankara, zu deren Vorsitzenden Mustafa Kemal gewählt wurde und die fortan die politische Souveränität für sich beanspruchte. Zwei Jahre später wurde das Sultanat abgeschafft und 1923 erkannte der Vertrag von Lausanne die Türkei als souveränen Staat an. Am 29. Oktober des gleichen Jahres rief Atatürk die Republik Türkei aus. Er wurde ihr erster Präsident.

Der Umbau der Republik beginnt



Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Abschaffung des Kalifats. Alle Angehörigen der Herrscherfamilie des Hauses Osman wurden damit des Landes verwiesen. Nur wenig später, am 20. April 1924, wurde die Verfassung verabschiedet, mit der die junge Republik ihr Fundament erhielt – ganz zugeschnitten auf den Staatsgründer, der das Zentrum der Macht bildete.

In den folgenden Jahren trieb Mustafa Kemal den Umbau der Republik nach westlichem Muster rigoros voran. Er verbot den Fes, die traditionelle Kopfbedeckung der Männer und verordnete, dass "religiöse Kleidung" generell nur noch von Geistlichen getragen werden durfte. Mit der Übernahme des Schweizer Zivilgesetzbuchs und des italienischen Strafgesetzbuchs im Jahr 1926 wurde das islamische Recht abgelöst. Frauen erhielten formal die gleichen Rechte wie Männer.

1928 wurde der Islam als Staatsreligion aus der Verfassung gestrichen. Ein Jahr später erklärte Atatürk das lateinische Alphabet zur offiziellen Schriftsprache der Republik, womit die Schriftbarriere zum Westen wegfiel. Die Anwendung der alten arabischen Schrift wurde verboten. Auch die islamische Zeitrechnung musste wenig später dem Gregorianischen Kalender weichen, um den Anschluss an die "westliche Zivilisation" Schritt für Schritt zu realisieren. Im Jahr 1934 erhielten Frauen das passive und aktive Wahlrecht, vor Ländern wie Frankeich und Italien.

Quellentext

Kemalismus

Auf den sechs Prinzipien des "Kemalismus" beruhte die Staatsideologie der Türkei bei ihrer Gründung.1937 fanden sie auch Eingang in die türkische Verfassung:
  1. Republikanismus als Ausdruck des Prinzips der Volkssouveränität als Grundlage aller politischen Entscheidungen. Damit ist gleichzeitig die Absage an die in der Figur des Sultans verkörperte personale Herrschaft des Osmanischen Reiches verbunden. Dabei wurde großzügig darüber hinweggesehen, dass das Volk im politischen Prozess keine Stimme hatte: Im Parlament fanden sich handverlesene Gefolgsleute der CHP.
  2. Populismus als Ausdruck der Gleichheit der türkischen Staatsbürgerinnen und -bürger, was die Herrschaft einer Klasse über andere ausschließt. Die autoritäre Einparteienherrschaft der CHP sprach dem ebenso Hohn wie die faktische Diskriminierung aller Minderheiten.
  3. Etatismus als Ausdruck einer staatlichen Beeinflussung der Wirtschaft, die allerdings nicht die Verstaatlichung der Produktionsfaktoren vorsah.
  4. Revolutionismus/Reformismus als Ausdruck der Notwendigkeit, die Modernisierungspolitik von oben kontinuierlich fortzusetzen.
  5. Laizismus als Ausdruck der Trennung von Staat und Religion
  6. Nationalismus als Ausdruck für das Zusammengehörigkeitsgefühl der neuen türkischen Bürgerinnen und Bürger.


"Glücklich, wer sich Türke nennt!"



Seine Vorstellung von einem Nationalstaat brachte Mustafa Kemal mit dem Ausspruch: Ne mutlu Türküm diyene! ("Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke!") zum Ausdruck. Gemeint war damit das Bekenntnis zur türkischen Kultur und Sprache sowie zu den Grundlagen der Republik. Die Nation war für den Staatsgründer eine untrennbare Einheit. Bis heute stehen die wichtigsten Symbole der Republik, wie etwa die Flagge, unter dem Schutz des Strafrechts.

Durchsetzung der Macht gegen jeden Widerstand



Der rasante Umbau zum laizistischen Staat nach europäischem Vorbild hatte jedoch seine Schattenseiten. Die Bevölkerung musste sich in Rekordzeit von politischen und religiösen Traditionen verabschieden. Atatürk setzte seine Reformen gegen oppositionelle Kräfte und den Widerstand der Bevölkerung durch. Oppositionelle Parteien und Gewerkschaften wurden verboten, politische Gegner unnachgiebig bekämpft. Die Reformen wurden vor allem vom Militär und Angehörigen der säkularen Bildungsschicht getragen. Anfang der 1930er Jahre hatte Mustafa Kemal seine Macht gefestigt: Widerstand gegen die Reformen war unterdrückt worden und die Einparteienherrschaft der CHP, der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi) unter seiner Führung etabliert. Auch symbolisch wurde der Personenkult festgeschrieben: 1934 wurden in der Türkei Nachnamen eingeführt. Die Große Nationalversammlung verlieh Mustafa Kemal den Namen "Atatürk" ("Vater der Türken"), den außer ihm bis heute niemand tragen darf.

Am 10. November 1938 um 9.05 Uhr starb Atatürk im Istanbuler Dolmabahçe-Palast. An seinem Todestag wird alljährlich um 9.05 Uhr eine Schweigeminute abgehalten, landesweit heulen Sirenen und Autohupen.

Atatürks Vermächtnis und seine Gegner



Die Ausrichtung am Westen führte in den 1950er Jahren zu demokratischen Reformen. 1945 wurde die Gründung politischer Parteien erlaubt und fünf Jahre später, bei den ersten freien Wahlen 1950, musste die bis dahin regierende kemalistische CHP die Regierung an die DP (Demokratische Partei) abgeben.

Atatürks Vorstellungen von Nation und laizistischem Staat prägen immer noch die innenpolitischen Kontroversen. Vor allem die Frage, welche Rolle die Religion im öffentlichen Leben einnehmen darf, ist bis heute stark umstritten.

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