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Vor 95 Jahren: Kaiser Wilhelm II. dankt ab

27.11.2013
Am 28. November 1918 dankte Kaiser Wilhelm II. ab. Damit endete die konstitutionelle Monarchie in Deutschland. Der Weg war frei für eine deutsche Demokratie.

Kaiser Wilhelm II., Abdankungsurkunde 1918Die handschriftlich unterzeichnete Abdankungsurkunde des Kaisers. (Klicken um das Bild zu vergrößern) (© picture-alliance/akg)

Als Wilhelm II. im niederländischen Exil seine Unterschrift unter die offizielle Abdankungsurkunde setzte, war diese zumindest innerhalb des Deutschen Reichs schon längst Makulatur. Bereits am 9. November 1918 hatte Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig den doppelten Thronverzicht des Kaisers verkündet und war damit Plänen Wilhelms zuvorgekommen, wenigstens die preußische Königswürde zu retten. Die Nachricht der Abdankung verbreitete sich rasch von Berlin aus über das ganze Reich und brachte die Novemberrevolution in Gang. Max von Badens Initiative ebnete so den Weg zur parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik. Der militärische und politische Zusammenbruch des Kaiserreichs ging dem schon voraus.

Quellentext

Wortlaut der Abdankungsurkunde des Kaisers

"Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte an der Krone Preussens und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone. Zugleich entbinde ich alle Beamten des Deutschen Reiches und Preussens sowie alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Marine, des Preussischen Heeres und der Truppen der Bundeskontingente des Treueeides, den sie Mir als ihrem Kaiser, König und Obersten Befehlshaber geleistet haben. Ich erwarte von ihnen, dass sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reichs den Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen, das Deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie, der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen."

Wilhelm II. am 28. November 1918 in Amerongen


Bereits in den Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs forderten große Teile der deutschen Gesellschaft eine Reform des politischen Systems. Nicht nur die liberale und sozialistische Linke, auch konservative und nationalistische Interessengruppen übten Druck auf die Monarchie aus, sich parlamentarisch zu öffnen. Bei den Reichstagswahlen 1912 gewann erstmals die liberale und sozialdemokratische Linke, SPD und Fortschrittliche Volkspartei (FVP), zusammen fast 50 Prozent der Stimmen. Die Krise des deutschen Kaiserreichs kam aber nicht mit demokratischen Wahlen, sondern mit dem Ersten Weltkrieg, der sich im Sommer 1918 dem Ende näherte.

Kriegsmüdigkeit und Parlamentarisierung



Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1900Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1900 (© picture-alliance/dpa)
Nach über vier Jahren Krieg standen das deutsche Herr und seine Verbündeten zunehmend unter dem militärischen Druck der Alliierten. Die nach dem mit Russland 1917 geschlossenen Frieden von Brest-Litowsk verbliebene Front im Westen begann sich aufzulösen. Die "Siegfrieden“-Strategie der militärischen und politischen Führung traf auf Widerstände unter den Soldaten. Viele weigerten sich, die Schützengräben zu verlassen, oder desertierten. Im August bildeten sich die ersten Soldatenräte an der Front.

Am 29. September 1918 forderte die Oberste Heeresleitung (OHL) die Reichsregierung auf, einen Waffenstillstand mit den Alliierten zu verhandeln. Die Verhandlungen sollten von einer neuen Reichsregierung geführt werden: Zu diesem Zweck wurde am 30. September das Parlamentarisierungsgesetz beschlossen. Die neue Regierung sollte vom Reichstag gewählt und gebildet werden. Damit wollten Kaiser, OHL und Reichskanzler der befürchteten "Revolution von unten“ mit einer "Revolution von oben“ zuvorkommen.

Waffenstillstand gegen Demokratisierung



Am 3. Oktober bildete sich die neue Regierung unter Führung des Reichskanzlers Max von Baden. Ihr gehörten nun erstmals auch die Mehrheitsparteien des Reichstags, SPD, Zentrum und FVP an. Einen Tag später bat die deutsche Regierung die Alliierten offiziell um einen Waffenstillstand. Diese lehnten jedoch ab, da US-Präsident Woodrow Wilson umfangreiche Bedingungen an einen Waffenstillstand knüpfte: die Entwaffnung und Demokratisierung des deutschen Reiches und damit ausdrücklich die Abdankung des deutschen Kaisers.

Parlament und Reichskanzler versuchten den Forderungen Wilsons entgegenzukommen. In einer Verfassungsreform beschloss der Reichstag am 28. Oktober, dass alle Kriegserklärungen und Friedensverträge seiner Zustimmung bedürfen. Die Verantwortung für alle politischen Handlungen des Kaisers wurde auf den Reichskanzler übertragen. Die Alliierten bestanden jedoch weiterhin auf der Abdankung Wilhelms II.

Das Regierungssystem des Kaiserreichs

Das Deutsche Kaiserreich wurde 1871 gegründet. Es war formell ein Fürstenbund und bestand als solcher aus 25 Bundesstaaten und dem Reichsland Elsass-Lothringen, die nach den Vorgaben der Reichsverfassung über zahlreiche Freiheiten verfügten.

Das Kaiserreich war eine konstitutionelle Monarchie. Der Kaiser (und König von Preußen) ernannte einen Reichskanzler, der gleichzeitig preußischer Ministerpräsident und Vorsitzender des Bundesrates war und die Regierungsgeschäfte führte. Die Legislative bestand aus zwei Kammern: Bundesrat und Reichstag waren gemeinsam für die Gesetzgebung verantwortlich - dabei hatte der Bundesrat als Vertretung der Bundesstaaten mehr Einfluss als der Reichstag.

Der Reichstag wurde durch allgemeine Wahlen von allen männlichen Deutschen über 25 Jahren gewählt. Seine politischen Gestaltungs- und Kontrollrechte waren aber durch die Bündelung fast aller Macht bei Kaiser und Reichskanzler äußerst begrenzt. Mit Zustimmung des Bundesrates konnte der Reichstag durch den Kaiser aufgelöst werden. Auch der jeweilige Reichskanzler war nur dem Kaiser, nicht dem Reichstag, politisch verantwortlich.

Mehr zum politischen System und der Verfassungsordnung des Kaiserreichs:
Obrigkeitsstaat und Basisdemokratisierung


Die Revolution kommt ins Rollen



Die Situation im Militär blieb weiterhin angespannt. Nachdem die deutsche Admiralität die Marine zu einem Angriff auf die britische Flotte im Ärmelkanal aufgefordert hatte, meuterten deutsche Matrosen am 29. Oktober in Kiel. Rasch griffen die Entwicklungen auch auf andere Städte über, im ganzen Reich bildeten sich Soldaten- und Arbeiterräte.

Die Zeitung Vorwärts berichtet am 9. November über die Abdankung des Kaisers.Die Berliner Ausgabe der SPD-Parteizeitung "Vorwärts" verbreitet die Abdankung Wilhelms II. am 9. November in einem Extrablatt. (© picture-alliance / akg-images )
Gewerkschaftsfunktionären und die linksradikale "Spartakusgruppe“ unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht riefen am 9. November zu einem Generalstreik in Berlin auf, in dessen Folge Massendemonstrationen durch die Reichshauptstadt zogen und strategische Gebäude wie das Polizeipräsidium besetzt wurden.

Das Ende der Monarchie



Dem Druck der Straße nachgebend verkündete Max von Baden noch am selben Tag eigenmächtig die Abdankung des Kaisers und übergab seine Amtsgeschäfte als Reichskanzler dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Damit nahm die Novemberrevolution ihren Lauf. Gegen 14 Uhr rief Eberts Parteikollege Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstags die "deutsche Republik“ aus – zwei Stunden später proklamierte der Spartakist Karl Liebknecht am Berliner Schloss die "freie sozialistische Republik“.

Die Regierungsgewalt übernahm zunächst der "Rat der Volksbeauftragten", der unter der Führung von Ebert und Hugo Haase aus der SPD und der von ihr aus Ablehnung der "Burgfriedenspolitik“ während des Krieges abgespaltenen USPD gebildet wurde. Das Kaiserreich war damit am Abend des 9. November 1918 faktisch am Ende.

Flucht ins Exil



Am 10. November floh Wilhelm II. verkleidet und mit falschen Papieren ausgestattet ins holländische Exil, zunächst nach Amerongen, später bis zu seinem Tod 1941 in Doorn bei Utrecht. An der Westfront ging der Krieg unterdessen weiter. Erst am 11. November endeten alle Kampfhandlungen, nachdem die Delegation der neuen Reichsregierung die Bedingungen der Alliierten für einen Waffenstillstand in einem Waldstück bei Compiègne akzeptiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Erste Weltkrieg auf dem ganzen Kontinent mehrere Millionen Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet – die genauen Opferzahlen sind umstritten.

Für Deutschland begann mit dem Ende des Kaiserreichs die parlamentarische Demokratie: Im Januar 1919 wurde die verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt, in der die gemäßigten bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien eine stabile Mehrheit bildeten. Am 14. August 1919 trat schließlich die neue Reichsverfassung in Kraft: Die Weimarer Republik war geboren.

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