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1989: Sowjetischer Abzug aus Afghanistan

13.2.2014
Am 15. Februar 1989 zogen die letzten sowjetischen Soldaten aus Afghanistan ab. 1979, in der Hochphase des Kalten Krieges, hatte die Sowjetunion in den afghanischen Bürgerkrieg eingegriffen. Als kurze Intervention geplant, dauerte der Krieg mehr als neun Jahre.

Sowjetische Truppen überqueren am 6. Februar 1989 die "Freundschaftsbrücke", die den Grenzfluß Amu Darja zwischen Afghanistan und der UdSSR überspannt. Am 27. Dezember 1979 marschierten sowjetische Truppen nach Afghanistan ein, um die Position der kommunistischen Regierung in Kabul zu sichern, die 1978 mit Hilfe Moskaus an die Macht gekommen und auf bewaffneten Widerstand der konservativen islamischen Bevölkerung gestoßen war. Gegen die hochmotivierten afghanischen Guerilla-Krieger konnte jedoch auch die Militärmaschinerie Moskaus nichts ausrichten, sie erlebte eine verlustreiche Niederlage. Gemäß dem Genfer Afghanistan-Abkommen vom April 1988 wurden bis zum 15. Februar 1989 alle sowjetischen Truppen aus dem Land abgezogen.Sowjetische Truppen überqueren am 6. Februar 1989 die "Freundschaftsbrücke" über den Grenzfluß Amu Darja zwischen Afghanistan und der Sowjetunion. (© picture-alliance/dpa)

In den 1970er-Jahren kam es in Afghanistan zu mehreren politischen Umbrüchen: Erst seit 1964 ist Afghanistan eine konstitutionelle Monarchie, regiert von König Zahir Schah. 1973 setzt der frühere Premierminister Mohammed Daoud den König mit Hilfe der afghanischen Kommunisten ab – um nur fünf Jahre später selbst von pro-sowjetischen Kräften gestürzt zu werden: Von 1978 an regiert die kommunistische Demokratische Volkspartei (DVPA). Sie setzt sozialistische Land- und Bildungsreformen durch und unterdrückt ihre politischen Gegner.

Nach Rebellionen durch islamistische Guerillakämpfer und Großgrundbesitzer sowie Machtkämpfen innerhalb der DVPA putscht sich der Geheimdienstchef Hafizullah Amin im September 1979 ins Präsidentenamt. Der bisherige Präsident, Mohammed Taraki, wird dabei getötet. Das Land gerät in einen Bürgerkrieg, indem sich Kommunisten und verschiedene Gruppen der religiös-geprägten afghanischen Stammesgesellschaft bekämpfen.

Einmarsch zu Weihnachten



An Weihnachten 1979 greift die Sowjetunion unter Führung des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei, Leonid Breschnew, in den Konflikt ein: Rund 40.000 Soldaten der Roten Armee überschreiten die Grenze nach Afghanistan.

Präsident Amin wird bereits in den ersten Kriegstagen von russischen Truppen in Kabul getötet. Bis Januar 1980 ziehen die Sowjets 75.000 Mann in Afghanistan zusammen. Eine sowjettreue Regierung wird in Kabul installiert, erst unter der Führung Babrak Karmals (bis 1986), dann unter Mohammed Najibullah (bis 1992).

Der Widerstand innerhalb Afghanistans formiert sich vor allem um religiöse Führer. Sie rufen gegen die sowjetischen Besatzer und die Regierung in Kabul den „Heiligen Krieg“ aus, die Widerstandskämpfer nennen sich Mudschahidin („die, die den ‚Heiligen Krieg’ ausüben“). Zur Zeit des russischen Einmarschs wird die Zahl der islamistischen Kämpfer auf rund 40.000 Mann geschätzt. Sie kommen vor allem aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebieten und aus arabischen Staaten.

Waffen und Geld für den Widerstand innerhalb Afghanistans liefern vor allem die USA, Pakistan und Saudi-Arabien. Schon vor dem sowjetischen Einmarsch hatte die CIA die Mudschahidin unterstützt. Nach offiziellen Angaben erhielten die Widerstandskämpfer während des Krieges rund drei Milliarden US-Dollar von den USA. Afghanistan war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Schauplätze des Kalten Krieges.

Abzug ohne Sieg



Die sowjetischen Truppen gelingt es in den 1980er-Jahren nicht, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Im Mai 1988 kontrollieren die Mudschahidin rund 60 Prozent Afghanistans. Die Aufständischen zermürben die Besatzer mit Guerillataktiken und strategischen Rückzügen in die nahezu unzugänglichen Bergregionen Afghanistans. Die militärische Führung der Sowjetunion setzt zunehmend auf massive Luftangriffe, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung fordern.

Auch die 1985 unter dem neuen Generalsekretär Michail Gorbatschow beschlossene Aufstockung der Truppen auf mehr als 100.000 Soldaten bringt nicht die erhoffte militärische Entscheidung. Die sowjetische Führung beschließt Anfang 1988 schließlich den sofortigen Abzug aller Truppen. Im April 1988 besiegelt das Genfer Abkommen zwischen Afghanistan, der Sowjetunion, den USA und Pakistan das Ende des Krieges. Am 15. Februar 1989 verlassen die letzten sowjetischen Soldaten das Land.

Die russischen Verluste belaufen sich laut offiziellen Angaben auf mehr als 15.000 Menschenleben. Die Angaben über afghanische Kriegsopfer gehen stark auseinander: zwischen 100.000 und einer Million Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Rund sieben Millionen Afghanen waren während des Krieges auf der Flucht.

Hintergründe und Internationale Reaktionen



Die Hintergründe der russischen Intervention sind bis heute umstritten. Die Sowjetunion unterhielt seit der Unabhängigkeit Afghanistans 1919 enge wirtschaftliche und militärische Beziehungen zu dem Land, die Mitte der 1960er-Jahre intensiviert wurden. Auch die Einflussnahme durch die USA durch die Nähe zum US-Verbündeten Pakistan und die kurz vor der Intervention ausgebrochene islamische Revolution in Iran werden in der Forschung als mögliche Motive diskutiert, die die Sowjetunion um ihren Einfluss in der Region haben fürchten lassen.

Der sowjetische Feldzug führte international zu heftigen Reaktionen und zu Sanktionen des Westens. Die Olympischen Spiele in Moskau im Sommer 1980 wurden von vielen westlichen Staaten boykottiert, darunter die USA und die Bundesrepublik Deutschland, insgesamt verzichteten mehr als 60 Länder auf eine Teilnahme. Im selben Jahr verlangte die Vollversammlung der Vereinten Nationen den Rückzug der sowjetischen Armee.

Nach dem Abzug: Bürgerkrieg, Taliban und ISAF



Auch nach dem Abzug unterstützten die Sowjetunion und die USA die Konfliktparteien weiter militärisch und finanziell. 1992 zerfiel das Regime, in Afghanistan kam es erneut zum Bürgerkrieg. Die radikalislamischen Taliban („Religionsschüler“) ergriffen 1996 die Macht in Kabul und riefen das „Islamische Emirat“ Afghanistan aus.

Erst der von den USA geführte Militäreinsatz gegen die Terrororganisation Al Quaida im Jahr 2001 beendete die Herrschaft der Islamisten. Eine Übergangsregierung gab dem Land eine neue Verfassung und machte es zur "islamischen Republik".

Die Sicherheit gewährleistet seitdem eine Internationale Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) unter dem Kommando der NATO und mit UN-Mandat. Russland unterstützt die Mission der ISAF logistisch. Im Rahmen des Einsatzes erlaubt die russische Regierung beispielsweise die Stationierung und den Lufttransport von NATO-Truppen über Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan.

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