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Vor 75 Jahren: Hitler-Stalin-Pakt

21.8.2014
Der Nichtangriffspakt, den das Deutsche Reich und die Sowjetunion Ende August 1939 schlossen, spielte eine große Rolle für den Beginn des Zweiten Weltkrieges: Er ebnete den Weg zum deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939.

An einem Schreibtisch mit Federhaltern, Stempeln, Papieren und Telefonen sitzt der Außenminister der Sowjetunion, Wjatscheslaw Molotow, und blickt auf ein Papier, dahinter stehen vier Männer, darunter Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop and Josef Stalin.Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (sitzend, rechts) unterschreibt am 23. August 1939 in Moskau den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt. Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop and Josef Stalin stehen hinter ihm. (© MCT)

In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 unterzeichneten die Außenminister des Deutschen Reiches und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) einen Vertrag, der weitreichende Folgen für ganz Europa haben sollte. Außenminister Joachim von Ribbentrop und Stalins Auflenkommissar Wjatscheslaw Molotow vereinbarten darin gegenseitig Neutralität, sollte einer der Vertragspartner in kriegerische Auseinandersetzungen geraten. Eine der Besonderheiten des Vertrags war, dass er beide Seiten auch dann zu Neutralität verpflichtete, sollte die Aggression von den Unterzeichnerstaaten ausgehen.

Vor allem aber sah ein geheimes Zusatzprotokoll des Vertrages die Aufteilung des Baltikums und Polens in eine russische und eine deutsche Interessensphäre vor. Eine Entscheidung darüber, ob es in Zukunft überhaupt noch einen polnischen Staat geben sollte, vertagte die Vereinbarung. Mit Abschluss des Vertrages, der als Hitler-Stalin-Pakt in die Geschichte einging, wurden die Rahmenbedingungen geschaffen für den deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939.

Die deutsche "Lebensraum"-Politik



Ziel der nationalsozialistischen Auflenpolitik war es, neuen "Lebensraum für das deutsche Volk" zu gewinnen, die "Weltherrschaft der arischen Rasse" zu sichern und die "jüdisch-bolschewistische Gefahr" einzudämmen - auch mit Hilfe eines Krieges. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, verfolgten die Westmächte Deutschland gegenüber lange eine Beschwichtigungspolitik - selbst nach der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes 1937, dem "Anschluss" Österreichs und des Sudetenlandes 1938 und der "Zerschlagung" der Tschechoslowakei im März 1939. Erst als Deutschland Polen immer deutlicher bedrohte, erklärten Groflbritannien und Frankreich am 31. März 1939, dass sie die Unabhängigkeit Polens unter allen Umständen verteidigen würden. Im April 1939 kündigte Hitler dann den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 auf.

Änderung der sowjetischen Auflenpolitik



England und Frankreich begannen nun auszuloten, ob ein Pakt mit der Sowjetunion gegen Hitler möglich sei. Doch die Verhandlungen zur Schaffung einer "Großen Allianz" gegen Hitler scheiterten, unter anderem weil Stalin auf ein Durchmarschrecht für die Sowjetunion durch Polen bestand und die polnische Regierung eine Besetzung durch die Rote Armee fürchtete. Als Wjatscheslaw Molotow dann Maxim Litwinow als Außenkommissar der Sowjetunion ersetzte, schwenkte die sowjetische Außenpolitik endgültig um: Litwinow hatte noch eine an den Westmächten orientierte Außenpolitik vertreten. Molotow aber ging nun auf Ribbentrops Vorschlag ein und bot Berlin am 17. August 1939 einen gemeinsamen Pakt an.

Die Unterzeichnung des Abkommens am 23. August ermöglichte Hitler den Überfall auf Polen am 1. September, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, durch ein sowjetisches Eingreifen in einen Zweifrontenkrieg zu geraten. Bereits am 17. September liefl Stalin die Rote Armee Ostpolen besetzen. Zehn Tage später musste Polen kapitulieren.

Am 28. September schlossen die beiden Invasoren den "Deutsch-Sowjetischen Freundschafts- und Grenzvertrag", der den Hitler-Stalin-Pakt komplettierte, indem er die Interessensphären endgültig aufteilte: Westpolen inklusive Lublins und Warschaus gingen an das Deutsche Reich, der Rest Polens sowie Finnland, Estland, Lettland, Litauen und das heutige Rumänien an die Sowjetunion. Damit setzten sich Berlin und Moskau über das Selbstbestimmungsrecht von fünf souveränen Nationalstaaten hinweg.

1941: Krieg gegen die Sowjetunion



Für Hitler-Deutschland war der Pakt ein temporärer, ein taktischer Schachzug auf dem Weg zum Weltkrieg, der Sowjetunion ermöglichte er die Ausdehnung nach Westen. Der deutsche Angriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 beendete das deutsch-sowjetische Arrangement.

Die Nachricht über den Abschluss des Vertrages überraschte nicht nur die deutsche, auch die internationale Öffentlichkeit. Der Pakt sah nicht nur die Vereinbarung über gegenseitige Neutralität vor, sondern über eine Intensivierung der kulturellen und der Handelsbeziehungen - zwischen zwei Mächten, die sich auch ideologisch konfrontativ gegenüber standen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes bekannt. In den Staaten des Warschauer Paktes wurde die Existenz der Vereinbarung bis 1989 bestritten. Dokumente, die seine Echtheit bewiesen, wurden als westliche Propaganda und Fälschung bezeichnet.

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