Erde

Das große Treffen der Hackerszene

22.12.2014
Vor 30 Jahren fand der erste "Chaos Communication Congress" statt, ein Treffen junger Hacker, das den Chaos Computer Club bei einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Heute ist der CCC einer der wichtigsten Akteure in der Debatte über Datenschutz und Digitalisierung.

Teilnehmer des 30. Chaos Communication Congress (30C3) des Chaos Computer Clubs (CCC) verfolgen am 29.12.2013 in Hamburg im Congress Center (CCH) auf einer Videoleinwand einen Vortrag von Wikileaks mit Julian Assange (Leinwand, M), Sarah Harrison (Podium, r) und Jacob Appelbaum (Podium, l).Von kleinen Anfängen 1984 zu einer Großveranstaltung mit 9.000 Teilnehmerinnen: beim 30. Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs verfolgen Besucherinnen am 29.12.2013 auf einer Videoleinwand einen Vortrag von Wikileaks mit Julian Assange. (© picture-alliance/dpa)

Am 27. und 28. Dezember 19841 veranstaltete der Chaos Computer Club in Hamburg den ersten Hackerkongress, der seither jährlich stattfindet. Die Tagesschau berichtete damals von den "jungen Tüftlern und Computerfans", in deren Arbeitsgruppen Themen wie "die Einführung ins Telefonsystem, Grundwissen über Computer, Bastelanleitungen für elektronische Briefkästen, Datenschutz und Datenknacken, aber auch juristische Informationen" auf dem Programm standen.

Geburtsstunde im September 1981



Wau Holland vom "Chaos-Computer-Club" in Hamburg an seinem Computer im November 1984. Um zu demonstrieren, daß das BTX-System der Post nicht ohne Fehlerquellen ist, haben Mitglieder des Clubs mit Infos über die Hamburger Sparkasse, die zufällig im System "herumirrten", die Bank mit 135000 Mark zu ihren Gunsten belastet.Wau Holland vom "Chaos-Computer-Club" in Hamburg an seinem Computer im November 1984 (© picture-alliance/dpa)
Der Chaos Computer Club (CCC) war 1984 ein noch junger Zusammenschluss. Drei Jahre lag seine Gründung zurück, zu der eine Anzeige in der Tageszeitung taz geführt hatte: Darin luden die beiden "Komputerfrieks" Klaus Schleisiek ("Tom Twiddlebit") und Wau Holland Gleichgesinnte zu einem Treffen ein, um Wissen über Computer zu teilen und die Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Gefahren der Computerisierung und digitalen Vernetzung der Gesellschaft zu koordinieren. Zu jener Zeit hielt der Computer Einzug in die privaten Haushalte, und schon bald war er nicht mehr nur ein von Wirtschaft und Wissenschaft benutztes Werkzeug. Auch staatliche Institutionen setzten zunehmend auf Computertechnik, um ihre Verwaltungsaufgaben zu organisieren. Das Hackertreffen in den taz-Redaktionsräumen in Berlin am 12. September 1981 gilt als Geburtsstunde des Chaos Computer Clubs.

Infokasten CCC

Den Chaos Computer Club (CCC) gibt es seit 1981. Er entstand als loser Zusammenschluss, ist heute als eingetragener Verein organisiert und bezeichnet sich als "größte europäische Hackervereinigung".

Ein Hacker ist nach der Definition des Dudens jemand, der "durch geschicktes Ausprobieren und Anwenden verschiedener Computerprogramme mithilfe eines Rechners unberechtigt in andere Computersysteme eindringen" kann.

1984, im Jahr des ersten Chaos Communication Congress, veröffentlichte der CCC erstmals das Magazin Datenschleuder, das seitdem in unregelmäßigen Abständen erscheinende "wissenschaftliche Fachblatt für Datenreisende".

Die erste Ausgabe der Datenschleuder beschreibt das grundsätzliche Anliegen des CCC in folgendem Satz: "Wir verwirklichen soweit wie möglich das 'neue' Menschenrecht auf zumindest weltweiten freien, unbehinderten und nicht kontrollierten Informationsaustausch (Freiheit für die Daten) unter ausnahmslos allen Menschen und anderen intelligenten Lebewesen."



Worum es diesem geht, erfuhr eine breite Öffentlichkeit im November 1984, kurz vor dem ersten Chaos Communication Congress: Im Heute-Journal des ZDF führten die CCC-Mitglieder Wau Holland und Steffen Wernèry vor, wie unsicher Datenübertragungssysteme sein können. Sie wählten sich in das von der Deutschen Bundespost angebotene System Bildschirmtext (BTX) ein, gelangten in Besitz von Zugangsdaten der Hamburger Sparkasse und transferierten von dieser 135.000 D-Mark auf ihr eigenes Konto. Das Geld gaben die Hacker sogleich zurück – sie wollten ja nicht stehlen, sondern die Manipulierbarkeit des BTX-Systems demonstrieren. Dessen Übertragungstechnik mit Telefon und Bildschirm ist inzwischen zwar wie andere Systeme vom Internet abgelöst worden, doch die Problematik besteht weiterhin: Wer persönliche Informationen einem digitalen System anvertraut, muss damit rechnen, dass sie ohne seine Einwilligung von anderen ausgelesen und missbraucht werden können.

"Jura für Hacker”



Scan der Einladung zum ersten Congress des Chaos Compuetr Clubs 1984 in Hamburg EidelstedtScan der Einladung zum ersten Congress des Chaos Computer Clubs 1984 in Hamburg Eidelstedt
Auch beim Chaos Communication Congress im Dezember 1984 führten Hacker diese Unsicherheit vor, indem sie in den Rechner der Citibank eindrangen. Auf dem Programm des Treffens in Hamburg standen aber auch ein Workshop über "psychische Störungen durch Computermißbrauch”, "Offene Netze – 15 Jahre Erfahrung aus den USA” oder "Jura für Hacker”.

Wandel des Bildes vom Hacker



Indem der CCC mit dem BTX-Hack und dem Kongress im Dezember 1984 mehr Öffentlichkeit erlangte, wandelte sich auch das öffentliche Bild von "Hackern”: Waren diese bis dahin vielen höchstens ein Begriff für zweifelhafte Technikfreaks, die sich illegalen Zugriff auf Datensysteme verschafften, gelangten nun die Anliegen Datensicherheit, informationelle Selbstbestimmung und barrierefreie, gleichberechtigte Teilhabe an digitaler Infrastruktur stärker in den öffentlichen Diskurs.

In den Folgejahren entwickelte sich der Chaos Communication Congress zu einem zentralen Treffen der deutschen Hackerszene, das sich in den vergangenen Jahren zunehmend internationalisiert hat. 2013 hielt der britische Journalist Glenn Greenwald, der durch die Veröffentlichungen der NSA-Dokumente von Edward Snowden bekannt geworden war, die Eröffnungsrede des Kongresses. Waren 1984 noch einige hundert Teilnehmende dabei, waren es im vergangenen Jahr schon 9.000.

Der CCC im Bundestag



Der CCC ist im Laufe der Jahre zu einem der wichtigsten Akteure in der Debatte über Fragen der Digitalisierung und des Datenschutzes geworden. Er war einer der lautstärksten Kämpfer gegen die Vorratsdatenspeicherung, hat die Unsicherheit des biometrischen Fingerabdrucks in deutschen Reisepässen offengelegt, entsendet Vertreter in parlamentarische Anhörungen zu Fragen der IT-Sicherheit – wie in diesem Jahr in den NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages – und wehrt sich gegen die gegenwärtig diskutierte Einschränkung der Netzneutralität.

Das heutige, grundlegende Problem in Sachen Datensicherheit bezeichnet CCC-Sprecher Frank Rieger in einem Essay wie folgt: "Die gesellschaftlichen Mechanismen, die eigentlich für einen Interessenausgleich und eine Beschränkung von Machtkonzentration sorgen sollten, funktionieren angesichts des doppelten Angriffs auf die Privatsphäre durch Staat und Internet-Großkonzerne nicht mehr. Das fundamentale Recht, nicht alles von sich offenbaren zu müssen, seine Gedanken, Gefühle, Ansichten und Handlungen nicht einem permanenten Rechtfertigungsdruck ausgesetzt zu sehen, ist im Kern ein Schutzrecht des Einzelnen vor den Mächtigen. Die Kombination aus Sicherheitswahn und vom Gewinnstreben getriebenem Druck zur Änderung der sozialen Normen und Gepflogenheiten haben dieses Recht in wenigen Jahren in bisher unvorstellbarer Weise erodiert."

Chaos Communication Congress 2014



Auch dieses Jahr findet der Hacker-Kongress wieder statt: Zwischen dem 27. und 30. Dezember 2014 treffen sich die Teilnehmenden zum 31. Chaos Communication Congress in Hamburg. Motto der diesjährigen Veranstaltung: A New Dawn.

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