Erde

Frauen auf dem Arbeitsmarkt der EU

6.3.2015
In allen EU-Staaten bestehen auf dem Arbeitsmarkt noch immer große Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen arbeiten im Durchschnitt weniger, werden schlechter bezahlt und gelangen seltener in Spitzenpositionen.

2014 waren in der Europäischen Union 63,5 Prozent der Frauen erwerbstätig. Damit wurde das im Jahr 2000 auf dem EU-Gipfel in Lissabon gesteckte Ziel einer Frauenbeschäftigungsquote von 60 Prozent erreicht. Allerdings gehen noch immer deutlich weniger Frauen als Männer einer bezahlten Arbeit nach. Mit 75 Prozent lag die Quote der erwerbstätigen Männer 2014 deutlich über der der Frauen.





In den letzten Jahren haben sich die Erwerbstätigkeitsquoten von Frauen und Männern dennoch langsam angenähert: 1997 arbeiteten 75,3 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen, das machte einen Unterschied von 20 Prozentpunkten aus. Dieser Abstand hat sich seither auf 11,5 Prozentpunkte verringert, was zum einen darauf zurückzuführen ist, dass 2014 mehr Frauen arbeiteten als 1995, zum anderen aber die Beschäftigung der Männer leicht zurückgegangen ist. Grund hierfür ist unter anderem die Wirtschaftskrise seit 2008, von der vor allem männlich dominierte Bereiche des Arbeitsmarktes betroffen waren.

Die Erwerbstätigkeit von Frauen in Deutschland liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt: 2014 waren 73,1 Prozent der Frauen im Alter von 20 bis 64 erwerbstätig, nur in Island, Schweden, der Schweiz und Norwegen lag die Quote noch höher.

Arbeitszeiten von Frauen und Männern im Vergleich



Im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Staaten arbeiten Frauen in Deutschland allerdings auch häufiger in Teilzeitarbeitsverhältnissen: 2014 waren hier etwa 46 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit beschäftigt – nur in den Niederlanden war die Quote noch höher. Damit liegt die Teilzeitquote von Frauen in Deutschland deutlich über dem EU-Durchschnitt.





Ein Blick auf die EU-Staaten insgesamt zeigt, dass Teilzeitarbeit in den letzten zehn Jahren sowohl bei Frauen als auch bei Männern zugenommen hat. Frauen sind aber in Teilzeitarbeitsverhältnissen noch immer deutlich überrepräsentiert: 2014 hatten EU-weit 32,4 Prozent der erwerbstätigen Frauen Teilzeitstellen; bei den Männern waren es 8,9 Prozent.

Auch aufgrund der vielen Teilzeitarbeitsverhältnisse arbeiten Frauen in der EU jede Woche im Durchschnitt einige Stunden weniger als Männer: Während bei Männern die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche bei 41 Stunden liegt, beträgt sie für Frauen durchschnittlich 34 Stunden.





Zählt man allerdings die unbezahlten Arbeitsstunden hinzu, die für Arbeiten wie Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege von Familienangehörigen oder für Lernen und Freiwilligenarbeit anfallen, ändert sich das Bild: Bezahlte und unbezahlte Arbeitszeiten zusammengenommen arbeiten Frauen jede Woche durchschnittlich 61 Stunden, Männer hingegen nur 51 Stunden im Schnitt. Hier zeigt sich, dass im Privatleben ein traditionelles Geschlechterverhältnis dominiert und Frauen noch immer den Großteil der Aufgaben übernehmen, die zu Hause und in der Familie anfallen.


Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?



Der "Gender Pay Gap" beschreibt den relativen Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern. Um diesen zu berechnen, werden die durchschnittlichen Löhne von Frauen unabhängig von Branche, Position oder Arbeitsvertrag mit denen von Männern verglichen. Man spricht deshalb auch vom "unbereinigten" Gender Pay Gap. Mit durchschnittlich 16,1 Prozent ist dieser in der Europäischen Union (EU 28) weiterhin hoch. Um auf den Missstand der Lohnungleichheit hinzuweisen, findet in Deutschland am 19. März 2016 wieder der Aktionstag "Equal Pay Day" statt. Das Datum des Aktionstages errechnet sich aus dem aktuellen Gender Pay Gap: Wird der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern in Tage umgerechnet, müssten Frauen noch bis zum 19. März arbeiten – also 79 Tage länger -, um auf den durchschnittlichen Vorjahreslohn von Männern zu kommen.




Innerhalb der Europäischen Union fallen die Lohnlücken zwischen den Geschlechtern sehr unterschiedlich aus. In Slowenien beträgt der Gender Pay Gap nur 2,9 Prozent, was dem Land in der dargestellten Erhebung aus dem Jahr 2014 den Spitzenplatz einräumt. Am schlechtesten schneiden Estland, Österreich und die Tschechische Republik mit Werten zwischen 22 und fast 29 Prozent ab. Auch in Deutschland ist der Unterschied in der Entlohnung mit 21,6 Prozent sehr hoch.

Frauen in wirtschaftlichen Führungspositionen



Ende 2015 lag der durchschnittliche Anteil von Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien der größten börsennotierten Unternehmen der EU bei 23 Prozent. Gemessen am Jahr 2010, als ihr Anteil noch bei 12 Prozent lag, zeigt sich ein langsamer Fortschritt. Allerdings liegt der Frauenanteil in allen Mitgliedsstaaten der EU weit unterhalb des Männeranteils – in den Chefetagen der Wirtschaftsunternehmen dominieren also noch immer Männer.





Deutschland liegt im EU-Vergleich mit einem Frauenanteil von 26 Prozent im vorderen Mittelfeld. Im Durchschnitt machen hier Frauen gut ein Viertel der Mitglieder in den Aufsichts- und Verwaltungsräten großer Unternehmen aus. Frankreich, Schweden und Lettland sind die drei einzigen EU-Staaten, in denen Frauen mindestens 30 Prozent der Mitglieder in den höchsten Entscheidungsgremien ausmachen. Die auffälligste Entwicklung hat Frankreich zu verzeichnen: 2010 lag der Frauenanteil dort noch bei 12 Prozent. Seit im Januar 2011 eine gesetzlich verankerte und sukzessiv steigende Frauenquote von 40 Prozent (bis 2017) festgelegt wurde, hat der Frauenanteil in den Entscheidungsgremien signifikant zugenommen. Ende 2015 lag er bereits bei 36 Prozent.





Bei den absoluten Spitzenpositionen in der europäischen Wirtschaft zeigt sich ein düstereres Bild: Nur 4 Prozent aller Vorstandsvorstände der größten Unternehmen der EU sind weiblich. Anders als in den Verwaltungs- und Aufsichtsräten gab es hier in den letzten Jahren nur einen minimalen Fortschritt. Die "gläserne Decke" zu den Spitzenpositionen ist für Frauen nach wie vor undurchdringlich.



 

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