Erde

Namibia feiert seine Unabhängigkeit

20.3.2015
Am 21. März 1990, vor 25 Jahren, erlangte Namibia von Südafrika die Unabhängigkeit. Dieses Jahr wird am Unabhängigkeitstag der neue Präsident Namibias Hage Geingob vereidigt.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung trifft der SWAPO-Führer Sam Nujoma am 14.09.1989 in Windhuk ein. Begeisterte Anhänger auf dem Dach eines Fahrzeugs.Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung trifft der SWAPO-Führer Sam Nujoma am 14.09.1989 in Windhuk ein. Begeisterte Anhänger begrüßen ihn. (© picture-alliance/dpa)

Erste deutsche Kolonie



Die Kolonialisierung eines großen Teils des heutigen namibischen Staatsterritoriums begann Ende des 19. Jahrhunderts, als ein deutscher Unternehmer, ausgestattet mit staatlichen Garantien, dort Land erwarb. Inmitten des "Scramble for Africa" (etwa: Drängelei um Afrika) der europäischen Großmächte wollte auch das Deutsche Reich zur Kolonialmacht werden. Der Bremer Kaufmann Franz Adolf Lüderitz kaufte 1883 unter zweifelhaften Umständen eine Bucht an der Atlantikküste im Südwesten des heutigen Namibia sowie ein Gebiet im Umkreis von fünf Meilen um die Bucht von den dort ansässigen Nama.

Im August 1884 erklärte das Deutsche Kaiserreich Lüderitzland zum "Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika". Damit wurde es zur ersten deutschen Kolonie. Die Kolonialherren etablierten ein rassistisches System, in dem Deutsche die Oberschicht bildeten und die teils enteigneten Afrikanerinnen und Afrikaner als abhängige Arbeiter unterdrückt wurden. Bis zum Ersten Weltkrieg 1914 kamen 15.000 Siedler ins Land, darunter mehr als 12.000 Deutsche.

Widerstand gegen die Kolonialherren



Wiederholt erhoben sich in den Folgejahren die auf dem kolonialisierten Gebiet ansässigen Khoekhoe (1894) und Herero (1896). Ihre Aufstände wurden gewaltsam niedergeschlagen. Im Januar 1904 nahmen bewaffnete Verbände der Herero erneut den militärischen Widerstand gegen die Kolonialmacht auf. Die deutschen Truppen reagierten mit extremer Härte und Brutalität. Nach der Schlacht am Waterberg flohen die Herero in die Omaheke-Halbwüste. Ihre deutschen Verfolger riegelten das Trockengebiet und die wenigen Wasserstellen ab und schossen auf alle, die zu fliehen versuchten. Auch dem zunächst erfolgreichen Guerilla-Krieg der Nama, die sich dem Widerstand gegen die deutschen Kolonialtruppen angeschlossen hatten, setzte die Kolonialmacht eine Vernichtungsstrategie entgegen: Die Deutschen vergifteten Brunnen und zerstörten Nahrungsmittel. Die wenigen Überlebenden der Herero und Nama wurden anschließend in Konzentrationslagern interniert und als Zwangsarbeiter eingesetzt. Von den 60.000 bis 80.000 Herero überlebten nur etwa 16.000 – die Opferzahlen sind allerdings umstritten. Historiker bewerten den Vernichtungskrieg gegen die Herero heute mehrheitlich als Genozid. Die Bundesregierung lehnt eine offizielle Bezeichnung als Völkermord sowie Entschädigungszahlungen bis heute mit der Begründung ab, die damaligen Taten könnten nicht nach den heutigen Regeln des humanitären Völkerrechts bewertet werden.

Südafrika übernimmt Kontrolle



Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges war die Zeit Deutschlands als Kolonialmacht vorbei. Alle Kolonien gingen gemäß des Versailler Vertrags von 1919 als Mandatsgebiete an den neu gegründeten Völkerbund , so auch Deutsch-Südwestafrika. Der Völkerbund übertrug 1921 das Mandat über Namibia an Südafrika, das Namibia wie eine fünfte Provinz verwaltete – inklusive seiner Homeland-Politik, die jeder Bevölkerungsgruppe ein festes Territorium zuteilte, und restriktiver Pass- und Arbeitsgesetze. In den 1950er Jahren etablierte Südafrika in seinen Provinzen das Apartheidsystem. Zu dieser Zeit formierte sich in Namibia der anti-koloniale Widerstand gegen die Südafrikaner, der 1960 in die Gründung der Bewegung "South West African People's Organisation" (SWAPO)" mündete. 1966 erkannten die Vereinten Nationen, als Nachfolger des Völkerbunds, Südafrika das Mandat über Namibia ab, was die südafrikanische Regierung jedoch ignorierte. Daraufhin nahm die SWAPO den militärischen Kampf auf.

Namibia

Namibia ist mit einer Fläche von 824.292 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie Deutschland (357.340) und mit etwa 2,3 Millionen Einwohnern sehr dünn besiedelt. In der Hauptstadt Windhuk leben ungefähr 320.000 Menschen.

Im Norden Namibias liegt Angola, im Süden Südafrika, im Osten Botswana. Außerdem verfügt das Land im Nord-Osten über Grenzen zu Sambia und Simbabwe.

Namibias 1989 verabschiedete Verfassung gilt als demokratisches Musterdokument. Sie gibt der Gleichstellung von Männern und Frauen sowie der Bevorzugung benachteiligter Gruppen bei der Besetzung öffentlicher Stellen Verfassungsrang und enthält einen uneinschränkbaren Katalog von Grund- und Menschenrechten; ein Ende 2014 vorgestellter Aktionsplan soll insbesondere das Recht der Bürger auf Gesundheit, Bildung, Wasser, Wohnen, Boden, Zugang zur Justiz und Schutz vor Diskriminierung verwirklichen.

Der Weg zur Selbstbestimmung



Zehn Jahre später, 1976, erkannte die UN-Vollversammlung die SWAPO als einzige legitime Vertretung des namibischen Volkes an. Doch erst mit Ende des Kalten Krieges und der schleichenden Erosion des Apartheid-Regimes in Südafrika wurde die Selbstbestimmung Namibias Realität. Ende 1988 sagte Südafrika freie Wahlen für Namibia und damit die Freigabe des von ihm annektierten Gebietes zu. In internationalen Verträgen unter Beteiligung der UN und der SWAPO waren schon zuvor Grundsätze für Namibias zukünftige Verfassung festgeschrieben worden.

Namibias erste freie Wahlen



Ende 1989 hielt Namibia die ersten allgemeinen und freien Wahlen ab, knapp 96 Prozent der Wahlberechtigten beteiligten sich. In der verfassungsgebenden Versammlung, die zum ersten Parlament wurde, errang die SWAPO 41 der insgesamt 72 Sitze, die konservative Demokratische Turnhallenallianz (DTA) 21. Letztere hatte zuvor als von Südafrika akzeptierte Interimsregierung fungiert.

Am 21. März 1990 wurde Namibia mit der Deklaration der ausgearbeiteten Verfassung unabhängig. SWAPO-Chef Sam Nujoma wurde als erster namibischer Präsident vereidigt. Seitdem ist das Land eine parlamentarische Präsidialdemokratie mit dem Parlament als Legislative und einem mit weitreichenden exekutiven Befugnissen ausgestatteten Präsidenten als Staatsoberhaupt. In der zweiten Kammer des Parlaments sitzen je drei Abgeordnete aus den 14 Regionen des Landes.

Stabile Demokratie mit schwacher Opposition



Der namibische Premierminister Hage Geingob auf dem Gipfeltreffen EU-Afrika am 3. April 2014 in Brüssel.Der namibische Premierminister Hage Geingob auf dem Gipfeltreffen EU-Afrika am 3. April 2014 in Brüssel. (© picture-alliance/dpa)
Die SWAPO konnte von 1994 an immer eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament erlangen. Nach drei Amtszeiten Nujomas wurde 2004 Hifikepunye Lucas Pohamba Präsident. Namibias Demokratie gilt als sehr stabil, wenngleich es an einer starken Opposition mangelt. Auch Abspaltungen der SWAPO konnten selten mehr als 10 Prozent der Stimmen erreichen.

Zuletzt wählten die Namibier im Dezember 2014 Parlament und Präsident. Mit 80 Prozent erreichte die SWAPO ihr bis dahin bestes Ergebnis, auf die größte Oppositionspartei DTA entfielen nur knapp fünf Prozent der Stimmen. Die Präsidentschaftswahl gewann SWAPO-Vizepräsident und Premierminister Hage Geingob mit einem Wahlergebnis von 87 Prozent. Die Vereidigung des Präsidenten findet traditionell am Unabhängigkeitstag, dem 21. März, statt. Eine der größten Herausforderungen der Zukunft stellt die weitere Umverteilung des seit der Kolonialzeit in wenigen Händen konzentrierten Landbesitzes dar.

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