Erde

Die Geiselnahme von Stockholm

21.4.2015
Vor 40 Jahren überfiel das "Kommando Holger Meins" der RAF die deutsche Botschaft in Schweden. Die Terroristen wollten die inhaftierten Köpfe der Gruppe freipressen. Sie gehörten zur zweiten RAF-Generation, deren Terror 1977 mit dem "Deutschen Herbst" ihren Höhepunkt erreichte.

Das Obergeschoss der Deutschen Botschaft in Stockholm wurde durch ein Feuer am 24. April 1975 stark beschaedigt, nachdem eine Gruppe von deutschen Terroristen der zweiten Generation der RAF das Gebäude überfallen und Geiseln genommen hatte. Nach der Detonation von Sprengstoff kam es zu einem Großbrand.Der durch die Sprengstoffexplosion ausgelöste Großbrand zerstörte große Teile des Obergeschosses der Deutschen Botschaft in Stockholm. (© picture-alliance/AP)

Am Mittag des 24. Aprils 1975 stürmten sechs Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) die deutsche Botschaft in der schwedischen Hauptstadt Stockholm und brachten zwölf Geiseln in ihre Gewalt. Sie forderten die Freilassung von 26 inhaftierten RAF-Anhängern, darunter ihre Anführer Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt lehnte noch am Abend die Forderung der Terroristen ab. Dass die meisten Geiseln dennoch entkamen, war einer Sprengstoffexplosion im Gebäude geschuldet, die die Terroristen kurz vor Mitternacht wohl unbeabsichtigt auslösten.

Vorbild Lorenz-Entführung



Als Vorbild für den Überfall diente ihnen die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz durch die "Bewegung 2. Juni" im Februar 1975. Lorenz war im Gegenzug für die Ausreise von fünf inhaftierten Terroristen freigelassen worden.

Erste Proteste gegen den Bau eines Atomkraftwerks +++ Die Frauenbewegung und der Kampf gegen den § 218 +++ RAF stürmt Deutsche Botschaft in Stockholm +++ Helmut Schmidt und Erich Honecker auf KSZE-Konferenz in Helsinki (© Rundfunk Berlin-Brandenburg)

Doch diesmal blieb die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt hart und signalisierte der schwedischen Regierung unter Ministerpräsident Olof Palme, die die Verhandlungen führte, dass sie sich auf die Forderungen der RAF nicht einlassen würde. Darauf reagierten die Geiselnehmer gegen 22 Uhr mit der Erschießung des 64-jährigen Wirtschaftsreferenten Heinz Hillegaarts. Den Militärataché Andreas von Mirbach hatten sie zuvor ermordet, weil die schwedische Polizei nicht wie gefordert die unteren Stockwerke der Botschaft geräumt hatte.

Vier Menschen starben



Als der Sprengstoff explodierte, hatten die Terroristen noch sechs Geiseln in ihrer Gewalt. Vier Mitarbeiterinnen der Botschaft waren im Laufe des Tages freigelassen worden. Die verbliebenen Geiseln erlitten durch die Explosion zum Teil schwere Verletzungen, konnten aber fliehen. Zwei der Geiselnehmer, Ulrich Wessel (29) und Siegfried Hausner (23), wurden bei der Explosion so schwer verletzt, dass sie an den Folgen starben. Zu den Tätern gehörten außerdem der 31-jährige Psychologiestudent Lutz Taufer und seine Freundin, die 29-jährige Soziologiestudentin Hanna Krabbe, der ehemalige Briefträger Karl-Heinz Dellwo (23 Jahre) und der frühere Fotograf Bernhard Rössner (28). Die Gruppe nannte sich "Kommando Holger Meins", nach dem RAF-Mitglied Holger Meins, der während eines Hungerstreiks am 9. November 1974 in Haft gestorben war. Meins’ Anwalt Siegfried Haag hatte den Überfall auf die Botschaft mitgeplant.

Warum die Sprengstoffladung um kurz vor Mitternacht explodierte, blieb ungeklärt. Die Terroristen behaupteten, der Sprengstoff sei von den Einsatzkräften vor Ort mit Billigung der deutschen Regierung gezündet worden. Das Gericht wies dies im späteren Strafverfahren zurück und vermutete eher eine versehentliche Zündung durch einen der Geiselnehmer. Am 20. Juli 1977 verurteilte das Gericht Taufer, Krabbe, Dellwo und Rössner zu lebenslangen Freiheitsstrafen wegen zweifachen gemeinschaftlichen Mordes, Geiselnahme und Nötigung eines Verfassungsorgans.

Die Rote Armee Fraktion (RAF)

Die Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) versuchten, durch gezielte terroristische Anschläge die politische und soziale Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland gewaltsam zu verändern.

Mit der "Offensive '77" erreicht der Terror der RAF im Jahr 1977 seinen Höhepunkt: im April verübt die RAF einen Mordanschlag auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Bei einem misslungenen Entführungsversuch im Juli erschießen die Terroristen Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto und Anfang September entführen RAF-Mitglieder den Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer. Die Geschehnisse während der 44 Tage andauernden Geiselnahme Schleyers, die mit dessen Ermordung endet, werden als der "Deutsche Herbst" zur größten innenpolitischen Herausforderung in der Geschichte der alten Bundesrepublik. 


Der Politikwissenschaftler Christopher Daase unterscheidet drei Phasen, in denen die RAF agierte. Die erste Generation der RAF wird zwischen 1970 und 1975 rund um die Hauptfiguren Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin datiert. Beim Prozess von Stammheim muss sich die erste Generation für ihre Verbrechen während der "Mai-Offensive" verantworten. 
Die zweite Generation (1975-1981) brachte eine neue Qualität des Terrorismus nach Deutschland. Die Ermordung "Unbeteiligter" nahm sie billigend in Kauf. Sie wird verantwortlich gemacht für eine Reihe von radikalen Aktionen, die ihren Höhepunkt im sogenannten Deutschen Herbst 1977 fanden. 
Die dritte RAF-Generation (1982-1998) ist laut Daase durch eine Internationalisierung ihrer Aktionen charakterisiert.


1998 gab die RAF ihre Selbstauflösung bekannt. 



Die zweite Generation



Die Täter gehörten zur so genannten "zweiten Generation" der RAF zwischen 1975 und 1981, die die Nachfolge der ersten Generation (1970-1975) um Baader, Meinhof und Ensslin antrat. Der Mitplaner des Stockholmer Attentats, Siegfried Haag, galt als einer ihrer Köpfe. Er wurde im November 1976 festgenommen und als "Rädelsführer" zu 15 Jahren Haft verurteilt; 1987 wurde er entlassen.

Anders als ihre Vorgänger setzten die Mitglieder der zweiten Generation weniger auf politische Erklärungen und Programme. Ihren Kampf gegen die angeprangerte staatliche Repression und für die Freilassung inhaftierter Genossen begleiteten sie lediglich durch kurze Bekennerschreiben. Der Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm war der Beginn einer Reihe terroristischer Überfälle, die das Land erschütterten. Mit der "Offensive 1977" – die unter anderem für die Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer verantwortlich war – erreichte der Terror der zweiten RAF-Generation seinen blutigen Höhepunkt.

Gezielte Morde gehen auch auf das Konto der dritten Generation der RAF. Zwischen 1982 und der Auflösung der Organisation 1998 versuchte sie ihren Terror zu internationalisieren, etwa durch Kooperationen mit französischen und italienischen Gruppen. Die Schuldigen an der Hinrichtung des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, im November 1989 sind bis heute nicht ermittelt.

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