Erde

1905: Maji-Maji-Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft

17.7.2015
Am 20. Juli 1905 wird eines der Baumwollfelder zerstört, auf dem die einheimische Bevölkerung der Kolonie Deutsch-Ostafrika Zwangsarbeit leisten soll. Ein Akt des Widerstands gegen das Deutsche Reich. Aufgrund der brutalen Niederschlagung durch die kolonialen Truppen wurde der "Maji-Maji-Aufstand" zu einem der grausamsten Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte.

Das Bild zeigt Graf von Götzen, Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, gemeinsam mit einem weiteren Angehörigen der deutschen Kolonialtruppen sowie mehreren unbekannten, einheimischen Personen.Das Bild zeigt Graf von Götzen, Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, gemeinsam mit einem weiteren Angehörigen der deutschen Kolonialtruppen sowie mehreren unbekannten, einheimischen Personen. (© picture-alliance/akg)



Deutsch-Ostafrika wird für das Kaiserreich in Besitz genommen



Als 1871 das Deutsche Kaiserreich gegründet wurde, verfolgten die politisch Verantwortlichen das Ziel, ebenso wie andere europäische Großmächte ein Kolonialreich zu besitzen. Preußen hatte sich zwischen 1683 und 1717 aktiv am Sklavenhandel beteiligt und mit "Fort Großfriedrichsburg" im heutigen Ghana einen Handelsstützpunkt auf dem afrikanischen Kontinent unterhalten. In den Jahren 1884/85 ließen Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Bismarck durch Kaufleute oder das Militär die letzten Gebiete in Afrika besetzen, die noch nicht einer europäischen Kolonialmacht unterstanden. Auf dem heutigen Gebiet der Staaten Tansania, Burundi und Ruanda wurde – zunächst durch eine private, vom deutschen Publizisten und Politiker Carl Peters geführte Expedition – die Kolonie Deutsch-Ostafrika errichtet, die später dem Kaiserreich unterstellt wurde. Auch in den Gebieten des heutigen Namibia, Togo und Kamerun wurden Kolonien gegründet bzw. diejenigen Gebiete, die sich deutsche Firmen zuvor angeeignet hatten, offiziell dem Kaiserreich unterstellt. Zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung umfasste das deutsche Kolonialreich eine Fläche von rund 3 Millionen Quadratkilometern und 14 Millionen Einwohner, davon knapp 24.000 Deutsche.

Widerstand der lokalen Bevölkerung



Während der kolonialen Eroberung ab 1884 hatte es mehrere regionale Aufstände gegeben. So wehrte sich die lokale Bevölkerung immer wieder gegen Fremdherrschaft und Ausbeutung. Zwischen 1891 und 1905 fanden in Deutsch-Ostafrika insgesamt 76 Kämpfe zwischen Einheimischen und der sogenannten "Schutztruppe" statt. So wurde sowohl der "Bushiri-Aufstand" (1889/90), benannt nach Anführer Bushiri bin Salim, als auch die Revolte der Wahehe (1891-94) militärisch niedergeschlagen, sodass das Deutsche Reich seine kolonialen Ansprüche letztendlich weitgehend durchsetzen konnte.

Allerdings stellte sich die Kolonialpolitik durch die zahlreichen militärischen Expeditionen und Feldzüge als sehr kostspielig heraus. Hatte sich das Deutsche Reich einen Gewinn erhofft, so stellte man bald fest, dass die Einnahmen weit hinter den Erwartungen zurückblieben und nicht einmal die Kosten für Militär und Verwaltung deckten. Um dies zu ändern, führte die Kolonialbehörde in Deutsch-Ostafrika 1898 eine "Hüttensteuer" als dauerhafte Einnahmequelle ein. Wer den Steuerbetrag nicht in Naturalien oder ab 1900 in Geld leisten konnte, wurde zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft verpflichtet. Weitere repressive Anordnungen und Gesetze folgten spätestens mit dem Amtsantritt des Kolonialgouverneurs Gustav Adolf Graf von Götzen im Jahre 1901. So wurde u. a. ein Jagdverbot erlassen und die einheimische Bevölkerung dazu gezwungen, die sogenannten "Kommunalschamben", von den Kolonialherren eingerichtete Agrarbetriebe, zu bewirtschaften, während die eigenen Felder brach lagen. Um den enormen Bedarf an Arbeitskräften für diese staatlichen Baumwollplantagen zu decken, ersetzte von Götzen im März 1905 die Hüttensteuer durch eine Kopfsteuer. Dies bedeutete eine Vervielfachung der Steuerschuld.

Der "Maji-Maji-Aufstand"



Arbeitszwang, Unterdrückung und die extrem hohe Abgabenlast waren schließlich Hauptauslöser für den Maji-Maji-Aufstand. Vor diesem Hintergrund fielen die Prophezeiungen von Kinjikitile Ngwale auf fruchtbaren Boden. Nach einem spirituellen Erlebnis im Sommer 1904 versprach er die Befreiung von den Unterdrückern und beschwor die Einheit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Deutsch-Ostafrika. Er verkündete, dass im Kampf gegen die überlegenen Kolonialtruppen die "Geschosse des Gegners von den Zielen wie Regentropfen" abfallen würden – mithilfe des Maji (eines Wasserzaubers). Kinjikitiles Botschaft führte dazu, dass eine Bewegung entstand, die tausende Kämpfer etwa zwanzig verschiedener Bevölkerungsgruppen aus dem Südosten der Kolonie vereinte. Unter dem Schlachtruf "Maji-Maji!" erhoben sie sich gegen das Kolonialregime.

Mit der symbolischen Zerstörung eines der Baumwollfelder, auf dem Zwangsarbeit geleistet wurde, begann am 20. Juli 1905 der Aufstand. Für die Deutschen kamen die Angriffe völlig überraschend. In den ersten Wochen verzeichneten die Maji-Kämpfer bei ihren Angriffen gegen Militärstationen, Farmen und Missionen Erfolge und konnten etwa ein Fünftel der Kolonie unter ihre Kontrolle bringen. Am 30. August 1905 scheiterte jedoch die Erstürmung des deutschen Verwaltungssitzes und Militärpostens von Mahenge, ein Wendepunkt des Krieges. Die kolonialen Truppen wehrten den Angriff ab und fügten den Maji-Kämpfern schwere Verluste zu.

Die "Strategie der verbrannten Erde"



Nach der Niederlage wechselten die Maji-Kämpfer zu einer Guerilla-Taktik. Die deutschen Truppen antworteten mit einer Strategie der verbrannten Erde. Sie zerstörten Felder und Brunnen, brannten Siedlungen nieder und vernichteten Vorräte. Ziel war es, den Menschen ihre Lebensgrundlage zu nehmen und "... mit Hunger und Not die endgültige Unterwerfung" herbeizuführen. Aufständische, die den kolonialen Truppen in die Hände fielen, wurden ermordet oder zu jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt. Im Laufe des Jahres 1906 brachten die Deutschen die Kolonie wieder nahezu vollständig unter ihre Kontrolle. Am 18. Februar 1907 wurde offiziell das Kriegsende verkündet, die letzten Kampfhandlungen im Jahr 1908 eingestellt. Die Zahl der einheimischen Opfer wurde von der Kolonialregierung auf 75.000 beziffert. Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung – rund 250.000 bis 300.000 Menschen – im Krieg, auf der Flucht und durch die Hungerkatastrophe getötet worden ist.

Wende in der Kolonialpolitik



Die Brutalität der deutschen Kolonialtruppen löste innenpolitischen Protest aus. Die Sozialdemokraten und die Zentrumspartei versuchten, durch ihre Stimmen im Parlament eine Änderung der Kolonialpolitik zu erwirken. Noch während der Maji-Maji-Aufstand andauerte, verabschiedete der Reichstag 1905 ein Gesetz, das die schrittweise Abschaffung der Sklaverei in allen deutschen Kolonien bis 1920 vorsah. Als neuer Leiter der Kolonialabteilung des Außenministeriums wurde Bernhard Dernburg eingesetzt, der einen politischen Richtungswechsel durchsetzen konnte. Es wurden keine neuen Kolonialgebiete unterworfen; nach der Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes kam es aber auch zu keinen bedeutenden Widerstandsaktionen mehr. Das koloniale Engagement der Deutschen endete mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Der Versailler Vertrag von 1919 legte fest, dass Deutschland alle Kolonien abtreten musste. Sie wurden fortan Mandatsgebiete des Völkerbundes.

Koloniale Vergangenheit



Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist noch heute beispielsweise im Stadtbild von deutschen Städten präsent. Straßen tragen weiterhin Namen von Militärs und Politikern, die für die Kolonialpolitik Verantwortung trugen. Von zivilgesellschaftlichen Gruppen wird seit langem gefordert, diese Straßen umzubenennen. So trägt das nach Otto Friedrich von der Gröben, dem Gründer von Großfriedrichsburg, benannte Gröbenufer in Berlin seit 2010 den Namen der afrodeutschen Dichterin May Ayim; die nach Carl Peters benannte Petersallee soll in Maji-Maji-Allee umbenannt werden. Im tansanischen Kilwa Kivinje erinnert eine Statue von Kinjikitile Ngwale an den Widerstand gegen die Kolonialherrschaft.

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