Erde

55 Jahre "Pille"

18.8.2015
Am 18. August 1960 kam die erste "Antibabypille" in den USA auf den Markt. Ein Jahr später war sie auch in Deutschland erhältlich, zunächst als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden.

Die Einführung der Anti-Baby-Pille im Jahre 1961 war der Startschuss zur "sexuellen Revolution". Foto: APDie Einführung der Pille war der Startschuss zur "sexuellen Revolution". (© AP)

Die Entwicklung des hormonellen Verhütungsmittels, das umgangssprachlich als "Pille" bekannt wurde, hat die Gesellschaft der Industrienationen nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend geprägt: Erstmals konnten Frauen ungewollte Schwangerschaften verhindern, indem sie regelmäßig ein Hormonpräparat einnahmen. Bis heute haben Schätzungen zufolge weltweit mehr als 200 Millionen Frauen mit der Pille verhütet.

Krankenschwester und Biologin geben den Anstoß



Bereits um 1920 entstand die Idee, Hormone als Mittel zur Empfängnisverhütung zu nutzen. Den entscheidenden Anstoß für die Entwicklung der Pille gaben die Krankenschwester Margaret Sanger und die vermögende Biologin Katharine McCormick. Die beiden Frauenrechtlerinnen hatten sich bei einem Vortrag Sangers kennengelernt. Die Aktivistin Sanger hatte im Jahr 1921 die "American Birth Control League" (Amerikanische Liga für Geburtenkontrolle) gegründet. Ihr Ziel war es, Frauen in den USA über Möglichkeiten der Verhütung aufzuklären und die Gesetzeslage zu ändern. Denn zu dieser Zeit war es noch per Gesetz verboten, Verhütungsmittel per Post zu verschicken.

1951 lernte Sanger den Endokrinologen Gregory Pincus auf einer Dinner-Party kennen. Als die Frauenrechtlerin ihn fragte, wie viel Geld er für die Entwicklung eines einfachen Mittels zur Verhütung in Form einer Pille benötigen würde, schätzte dieser 125.000 Dollar. Am Ende waren es zwei Millionen Dollar, die Katharine McCormick für das gemeinsame Unterfangen zur Verfügung stellte. Pincus gelang es, zusammen mit seinem Kollegen John Rock, und dank der Vorarbeiten der Chemiker Carl Djerassi und Franc Colton, das Schwangerschaftshormon Progesteron und das weibliche Hormon Östrogen künstlich herzustellen. Während Progesteron den Eisprung unterbindet und damit eine Befruchtung verhindert, entdeckten die Wissenschaftler durch Zufall, dass Östrogen die Einnahme verträglicher macht.

Zunächst nur für verheiratete Frauen



Nach klinischen Tests in Puerto Rico und Haiti wurde 1957 das von ihnen entwickelte Produkt "Enovid" in den USA zugelassen – zuerst noch als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden. Am 18. August 1960 kam es offiziell auch als Verhütungsmittel auf den Markt. Ein Jahr später war die Pille unter dem Markennamen "Anovlar" von Schering in der Bundesrepublik Deutschland erhältlich. Das Mittel wurde nur verheirateten Frauen mit mehreren Kindern verschrieben und sollte auch hier offiziell bei Menstruationsbeschwerden helfen. Die empfängnisverhütende Wirkung tauchte nur in der Packungsbeilage als Nebenwirkung auf. Sie war jedoch bekannt: So beschrieb das Magazin "Stern" damals die deutsche Markteinführung als einen "historischen Tag" und "gewaltigen Schritt nach vorn".

Die Kirchen dagegen protestierten gegen die Einführung des Verhütungsmittels. Am 25. Juli 1968 verurteilte der damalige Papst Paul VI. in der Enzyklika Humanae Vitae die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel. Darin heißt es, diese würden den außerehelichen Geschlechtsverkehr befördern und zur "allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht" beitragen. Auch viele Ärzte warnten etwa in der "Ulmer Denkschrift" von 1964 vor einer "wachsenden Sexualisierung unseres öffentlichen Lebens".

Sexuelle Befreiung und der "Pillenknick"



Mit der 68er-Bewegung ging eine "sexuelle Revolution" einher. Auch aufgrund der Pille wurde Sex offener diskutiert und praktiziert. Frauen setzten sich für das Recht ein, über ihren eigenen Körper frei verfügen zu können: Sexualität und Fortpflanzung sollten nicht länger direkt miteinander verknüpft, selbstbestimmte Familienplanung künftig möglich sein.

Die Einführung der Pille führte dazu, dass Frauen auch in anderen Gebieten unabhängiger wurden. Frauen wurden später Mütter und so blieb mehr Zeit für Schule, Ausbildung und Beruf: Die Zahl der Abiturientinnen und Akademikerinnen stieg noch in den 1960ern sprunghaft an.

Oft wurde behauptet, dass die Pille für den Einbruch der Geburtenrate in Westdeutschland nach dem "Babyboom" verantwortlich ist – eine Entwicklung, die als "Pillenknick" bezeichnet wurde. Nach heutiger Interpretation waren jedoch weder die Pille noch die sexuelle Befreiung allein für den Geburtenrückgang verantwortlich. In der Bundesrepublik stieg die Geburtenrate zunächst weiter, nachdem "Anovlar" eingeführt worden war. In den USA knickte die Bevölkerungskurve schon vor Einführung des hormonellen Verhütungsmittels 1960 ein. Die Pille ermöglichte es, den Wunsch vieler Paare nach weniger Kindern zu realisieren. Dieser Wunsch war auf die veränderte Lebensweise seit der Industrialisierung zurückzuführen: Die Menschen verfügten über mehr Wohlstand. Selbstverwirklichung und individuelle Autonomie wurden als immer wichtigere Werte gesehen. Dazu gehörte für viele Frauen auch der Wunsch nach Erwerbstätigkeit. Ein weiterer Faktor soll auch die wachsende Zukunftsangst seit den 1970er Jahren aufgrund von Umweltproblemen und militärischer Rüstung gewesen sein.

Kostenlose "Wunschkindpille" im Osten



Während man "Anovlar" und seine Nachfolger in der Bundesrepublik Deutschland gemeinhin "Antibabypille" nannte, wurde ihr Gegenstück in der DDR als "Wunschkindpille" bekannt gemacht. Ab 1965 war sie dort unter dem Markennamen "Ovosiston" erhältlich und wurde ab 1972 kostenlos an sozialversicherte Frauen ausgegeben. Gleichzeitig wurde auch das Angebot an Krippen, Wohnungen für Familien und günstigen Krediten drastisch ausgebaut. Einen "Pillenknick" gab es in der DDR nicht.

Situation heute



In Deutschland verhütet heute laut einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mehr als jede zweite Frau zwischen 18 und 49 Jahren mit der Pille. Für Frauen unter 20 Jahren ist sie kostenlos erhältlich

Auf dem deutschen Markt sind inzwischen mehr als 50 verschiedene Präparate erhältlich. Die Pille gilt als ein vergleichsweise zuverlässiges Verhütungsmittel. Anders als das Kondom schützt sie aber nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Außerdem können verschiedene Nebenwirkungen wie beispielsweise Gewichtszunahme, Depressionen und sexuelle Unlust auftreten. Die Pille erhöht auch das Thrombose-, Bluthochdruck- und Brustkrebsrisiko.

Bei der Verwendung der Pille tragen Frauen die Hauptverantwortung für die Verhütung. Seit 30 Jahren werden jedoch vergleichbare Mittel für Männer gesucht – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen: Bereits 2009 wurde in China eine Testosteronspritze mit 1.000 Probanden getestet. Zuletzt wurde aber eine internationale Studie der Weltgesundheitsorganisation, bei der 400 Probanden regelmäßig Hormonspritzen gegeben wurden, aufgrund von unerwünschten Nebenwirkungen nach zwei Jahren abgebrochen. Bisher wurde kein mit der Pille vergleichbares Produkt für Männer auf dem Markt zugelassen.

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