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1970: Salvador Allende wird Präsident Chiles

3.9.2015
Vor 45 Jahren entschied der Sozialist Salvador Allende die chilenischen Präsidentschaftswahlen für sich. Schon drei Jahre später endete seine Regierungszeit durch einen von den USA unterstützten Militärputsch.

Der chilenische Politiker Salvador Allende in Santiago de Chile umringt von Anhängern.Der chilenische Politiker Salvador Allende in Santiago de Chile umringt von Anhängern. Es ist der 4. September 1970, der Tag der Präsidentschaftswahl in Chile. Allende geht aus der Wahl knapp als Sieger hervor. (© picture-alliance/dpa)

Es war ein knappes Wahlergebnis: Am 4. September 1970 gewann der Sozialist Salvador Allende mit 36,29 Prozent der abgegebenen Stimmen die Präsidentschaftswahlen in Chile, während sein Gegenkandidat der Rechten, Jorge Alessandri, mit 35,76 Prozent der Stimmen fast gleichauf lag. Der christdemokratische Radomiro Tomic erhielt 27,9 Prozent.

Eine fragmentierte Gesellschaft



Das Wahlergebnis spiegelte den Zustand der chilenischen Gesellschaft wieder, die stark polarisiert war. Seit Chile 1818 seine Unabhängigkeit von Spanien erklärt hatte, stand vor allem die ungleiche Verteilung des Reichtums, der durch Rohstoffabbau und -handel erwirtschaftet wurde, im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen.

Die starken sozialen Spannungen zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen im Land und der Wunsch nach einer Überwindung der sozialen Unterschiede hatten die Präsidentschaft des konservativ-liberalen Jorge Alessandri zwischen 1958 und 1964 geprägt. Sein Nachfolger, der Christdemokrat Eduardo Frei Montalvas, schlug bis 1970 mit seinem Programm der "Revolution in Freiheit" einen reformistischen Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit ein; er konnte in seiner Amtszeit Fortschritte in der Wirtschafts- und Arbeitspolitik, der Agrarreform, im Gesundheitswesen, in der Erziehung und der gesellschaftlichen Teilhabe erzielen. Dennoch litten die Arbeiter landesweit an Hunger, waren eineinhalb Millionen Kinder unterernährt und die Kindersterblichkeitsrate lag in weiten Teilen des Landes bei rund 30 Prozent.

Salvador Allende – von Beruf Arzt, Mitbegründer der 1933 gegründeten Sozialistischen Partei und Parlamentsabgeordneter seit 1937 – hatte sich bereits 1952, 1958 und 1964 erfolglos um das oberste politische Amt in der Präsidialdemokratie beworben.

Nachdem er bei den Wahlen im Jahr 1958 nur knapp gescheitert war, begannen die Regierungen der USA, Allendes Gegner vor allem finanziell zu unterstützen. Nach der kubanischen Revolution wollten die USA inmitten des Kalten Krieges eine weitere sozialistische Regierung in Lateinamerika verhindern.

Verstaatlichung und Umverteilung



1970 trat Allende mit dem erklärten Ziel an, wichtige Industrien zu verstaatlichen und dies zu nutzen, um Reichtum umzuverteilen. Alle Bürger sollten Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen bekommen. Über eine Landreform sollte vor allem der Anteil des Großgrundbesitzes reduziert werden.

Nachdem sein Bündnis "Unidad Popular" (UP) – ein Zusammenschluss aus Sozialisten, Kommunisten, Christlicher Linker und kleineren Linksparteien – am 4. September 1970 knapp gesiegt hatte, war der Kongress gefordert, sich für einen der beiden Erstplatzierten der Präsidentschaftswahlen zu entscheiden. Dass Allende den Sieg davontrug, gelang schließlich nur, weil die christdemokratische Partei ihn unterstützte.

Die Regierung setzt Reformen um



Eine wirtschaftlich wichtige Reform Allendes war die Verstaatlichung des Kupferbergbaus. Dieser befand sich zuvor vor allem in US-amerikanischem Privatbesitz. Alle im Parlament vertretenen Parteien unterstützten diese Maßnahme. Außerdem wurden neue Sozialprogramme geschaffen, Bildungs- und Gesundheitsreformen beschlossen, Löhne erhöht, Preise gesenkt und Land umverteilt. Die Anfangszeit der Regierung galt als Erfolg.

Doch schon bald häuften sich die Probleme für den Präsidenten: Die Inflation stieg rasant, die Arbeitslosigkeit nahm zu; linke Kräfte forderten radikalere Reformen, während die rechte Opposition Allende mit antikommunistischer Rhetorik bekämpfte. Vonseiten der radikalen Rechten als auch vom eigenen radikalen Flügel der Linken kam es zunehmend zu gewaltsamen Aktionen; angesichts solcher Taten kündigten die Christdemokraten Allende die Unterstützung auf und gingen über zur Opposition. Auch versäumte es die Regierung, entschlossen gegen illegale Landnahmen vorzugehen. Die USA und deren Geheimdienst CIA unterstützten oppositionelle Kräfte und Militärs, sodass US-Außenminister Henry Kissinger später sagte konnte, die USA hätten in Chile die "bestmöglichen Bedingungen für einen Staatsstreich geschaffen".

Ein grundsätzliches Problem lag aber auch von Anfang an darin, dass es sich bei der Unidad Popular um eine brüchige Koalition aus sechs verschiedenen Parteien handelte; auch gab es keine Mehrheit im Kongress – während die UP 18 Sitze innehatte, entfielen auf die Opposition 32; vergleichbar waren die Verhältnisse im Unterhaus: UP mit 57 Sitzen, die Opposition mit 93.

Sturz Allendes und gewaltsame Verfolgung



Am 11. September 1973 kam es schließlich unter Führung von Augusto Pinochet, den Allende erst kurz zuvor zum Oberkommandeur des Heeres ernannt hatte, zum Staatsstreich. Militärs bombardierten den Regierungspalast Moneda in der Hauptstadt Santiago und übernahmen kurz darauf die Führung des Staates. Allende nahm sich im Regierungspalast das Leben.

Pinochets Junta ließ politische Gegner sofort verfolgen, foltern und inhaftieren. Sie errichtete eine Diktatur, in der politische Parteien verboten wurden, Zensur herrschte und Kritiker gewaltsam ausgeschaltet wurden. Bis 1988 wurden über 2.000 Menschen hingerichtet, über 1.000 ließ das Regime "verschwinden" (Desaparecidos). Knapp eine Viertelmillion Chilenen floh ins Exil, 2.000 davon ließen sich in der DDR nieder.

Unter Pinochet wurde die Wirtschaft stark dereguliert; Steuern und Zölle wurden gesenkt, der Mindestlohn abgeschafft und Gewerkschaften verboten. Aufgrund der radikalen Privatisierungsmaßnahmen wird häufig davon gesprochen, dass Chile unter der Diktatur zu einem "neoliberalen Laboratorium" unter Weisung US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, der sogenannten "Chicago Boys", umfunktioniert wurde.

Die Rückkehr zur Demokratie



Als 1982 eine schwere Finanz- und Wirtschaftskrise einsetzte, mehrte sich der zivile Widerstand gegen die Junta. 1988 verlor Pinochet das Plebiszit zur Verlängerung seiner Regierung. Dies bereitete den Weg Chiles zurück zu einem demokratischen Staatssystem. Die erste, wieder demokratisch legitimierte Regierung nach Ende der Diktatur trat 1990 unter Führung des Christdemokraten Patricio Aylwin ihr Amt an. Heute regiert Präsidentin Michelle Bachelet das Land. Sie ist die Tochter eines vom Pinochet-Regime gefolterten und in Gefangenschaft gestorbenen Generals. Die Tochter Salvador Allendes, Isabel Allende Bussi, ist seit Ende April 2015 Vorsitzende der Sozialisten in Chile.

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