Erde

Vor 75 Jahren: Warschauer Ghetto errichtet

30.9.2015
Am 2. Oktober 1940 wurde auf Befehl der deutschen Besatzer in der polnischen Hauptstadt das größte Ghetto im besetzten Europa errichtet. Tausende jüdische Menschen wurden dorthin zwangsumgesiedelt und interniert.

Eine Häuserzeile des ehemaligen Warschauer Ghettos. Die Ausstellung "I Can Still See Their Faces" der Schauspielerin Golda Tencer zeigt Bilder von im Warschauer Ghetto ermordeten oder deportierten Menschen.Eine Häuserzeile des ehemaligen Warschauer Ghettos. Die Ausstellung "I Can Still See Their Faces" der Schauspielerin Golda Tencer zeigt Bilder von im Warschauer Ghetto ermordeten oder deportierten Menschen. (© picture-alliance/dpa)

Vier Wochen nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 hatten die deutschen Truppen die polnische Hauptstadt besetzt. Mit 380.000 Mitgliedern war die jüdische Gemeinde Warschaus nicht nur die größte Europas, sondern machte auch rund ein Drittel der Warschauer Bevölkerung aus. Bereits kurz nach der Kapitulation Polens litten die polnischen Juden unter gewalttätigen Übergriffen der Besatzer. Sie waren zahlreichen Repressalien ausgesetzt, die Menschen wurden gezwungen, sich als Juden zu kennzeichnen und Zwangsarbeit zu leisten. Sie wurden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und ihr Eigentum wurde beschlagnahmt. Im November 1939 wurde der überwiegend von Juden bewohnten Stadtteil Muranów in der Warschauer Altstadt zum "Seuchensperrgebiet“ erklärt, das von deutschen Soldaten nicht betreten werden durfte. Am 2. Oktober 1940 gab der deutsche Gouverneur von Warschau Ludwig Fischer den Befehl zur Errichtung des Ghettos. Binnen der folgenden sechs Wochen musste die gesamte jüdische Bevölkerung Warschaus in das festgelegte Gebiet übersiedeln. Die dort ansässigen nichtjüdischen Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen.

Allein auf dem Gebiet des heutigen Polen entstanden Ghettos in nahezu 400 großen und mittleren Städten. Das Warschauer Ghetto war das größte Ghetto im besetzten Europa: Laut der Historikerin Andrea Löw waren rund 460.000[1] jüdische Menschen dort auf rund drei Quadratkilometern eingeschlossen. Am 16. November 1940 wurde der "jüdische Wohnbezirk", wie die NS-Behörden das Ghetto nannten, von einer drei Meter hohen Mauer mit Stacheldraht eingegrenzt und abgeriegelt. Knapp ein Drittel der gesamten Stadtbevölkerung war damit auf nur 2,4 Prozent des Stadtgebietes eingeschlossen. Juden, die sich ab Oktober 1941 ohne Passierschein außerhalb des Ghettos bewegten, drohte die Todesstrafe.

Katastrophale Lebensbedingungen



Im Mai 1941, als die meisten Menschen im Ghetto eingeschlossen waren, betrug die Bevölkerungsdichte rund 150.000 Personen je Quadratkilometer. Im Schnitt lebten sieben bis acht Personen in einem Zimmer. Die Versorgung mit Lebensmitteln war sehr schlecht, viele der internierten Bewohner konnten nur durch ins Ghetto geschmuggelte Nahrung überleben. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen und fehlender Medikamente breiteten sich Krankheiten wie Flecktyphus und Tuberkulose aus. Die zahlreichen jüdischen Hilfsorganisationen konnten das Leid der Menschen kaum mildern. In den knapp anderthalb Jahren bis zum Beginn der Deportationen im Juli 1942 starben rund 100.000 Bewohner infolge von Krankheiten und Hunger. Trotz dieser Umstände bemühten sich viele Menschen im Ghetto weiterhin darum, ein kulturelles und religiöses Leben aufrechtzuerhalten. Es wurden Konzerte und Theaterstücke sowie Lesungen und Diskussionsrunden veranstaltet. Der junge Historiker Emanuel Ringelblum gründete zudem das geheime Archiv Oneg Schabbat. Gemeinsam mit anderen Internierten sammelte er Material, um das Leben im Warschauer Ghetto zu dokumentieren.

Während polnische und deutsche Polizeikräfte den Wachdienst an den Außenmauern übernahmen, war innerhalb des Ghettos ein jüdischer Ordnungsdienst für die Bewachung verantwortlich. Das Leben im Ghetto wurde durch einen von den Deutschen eingesetzten "Judenrat" organisiert, dem der Ingenieur Adam Czerniaków vorstand. Der Judenrat führte dabei nur die Befehle der deutschen Besatzer aus und besaß keinerlei Autonomie. Ihm oblag die innere Verwaltung des Ghettos, die Fürsorge für die Ärmsten und die Durchführung der deutschen Verordnungen. Die deutsche Verwaltung richtete zudem die sogenannte Transferstelle Warschau ein, die den Wirtschaftsverkehr zwischen dem Ghetto und der Außenwelt reglementierte. Denn viele Juden aus dem Ghetto arbeiteten in den "arischen" Teilen Warschaus, etliche deutsche Firmen sowie die Wehrmacht profitierten dabei von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter.

Deportationen und jüdischer Aufstand



Die Auflösung des Ghettos begann am 22. Juli 1942 mit der Deportation der Warschauer Juden ins rund 90 Kilometer entfernte Vernichtungslager Treblinka. Andrea Löw zufolge wurden innerhalb von zwei Monaten etwa 280.000[2] nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Nur wenige konnten sich durch Hilfe von außen retten. Beispielsweise gelang es der Sozialarbeiterin und Leiterin der Kindersektion der polnischen Untergrundorganisation Żegota Irena Sendler rund 2.500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto zu retten.

Im verkleinerten Ghetto verblieben zunächst etwa 60.000 Juden. Einige Hundert, meist junge Männer und Frauen, organisierten einen bewaffneten Widerstand gegen weitere Deportationen. Als am 19. April 1943 SS-Einheiten einrückten, um das Warschauer Ghetto aufzulösen, setzte sich die "Jüdische Kampforganisation" (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa, ZOB) zur Wehr. Es gelang ihr, sich über mehrere Wochen hinweg den deutschen Truppen zu widersetzen. Diese erlangten erst Mitte Mai 1943 mit der Niederbrennung des Ghettogeländes die Kontrolle über das Gebiet zurück. Darüber, dass der Kampf aussichtslos war, waren sich die Aufständischen im Klaren: "Wir wollen nicht Leben retten, wir wollen unsere Würde retten", sagte Arje Wilner, einer der Gründer der Kampforganisation. Während des Aufstandes ermordeten SS- und Polizeieinheiten etwa 13.000 Menschen. Rund 7.000 Menschen wurden nach Treblinka, rund 36.000 weitere in andere Konzentrationslager verschleppt. Am 16. Mai betitelte Jürgen Stroop, SS-Brigadeführer während des Aufstands, seinen Bericht an Reichsführer-SS Heinrich Himmler mit den Worten: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr."

Erinnerung wird wach gehalten



Dem Warschauer Ghetto kommt bis heute eine hohe symbolische Bedeutung bei der deutsch-jüdischen und deutsch-polnischen Aussöhnung zu. Im Zentrum Warschaus erinnert seit 1948 das Denkmal der Helden des Ghettos an den Aufstand von 1943. 1970 zeigte Bundeskanzler Willy Brandt mit seinem Kniefall eine weltweit beachtete Versöhnungsgeste. Auf dem Gebiet des ehemaligen Warschauer Ghettos befindet sich seit April 2013 das Museum der Geschichte der polnischen Juden. Dieses zeigt in seiner Hauptausstellung die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden.


Mehr zum Thema



Fußnoten

1.
Die Angaben zu der Zahl der im Warschauer Ghetto eingeschlossenen Menschen weichen zum Teil stark voneinander ab. Sie schwanken zwischen 350.000 und rund 500.000 Menschen.
2.
Die Zahl der aus dem Warschauer Ghetto deportierten Juden wird zum Teil unterschiedlich angegeben. Die Angaben bewegen sich zwischen 240.000 und 280.000 Menschen.

 

Warschauer Ghetto

Das Ringelblum-Archiv

Emanuel Ringelblum gründete im Warschauer Ghetto ein geheimes Archiv. Dafür riskierten der junge Historiker und seine Mitstreiter ihr Leben. Die Nachwelt sollte von den Menschen im Ghetto erfahren und von der Vernichtungspolitik der deutschen Besatzer. Weiter... 

Dossier

Geheimsache Ghettofilm

Frühjahr 1942 im Warschauer Ghetto, unmittelbar vor Beginn des Massenmords: Ein NS-Filmteam dreht, ein Rohschnitt entsteht. Warum entstanden die Propagandaaufnahmen im Ghetto? Wie kann mit ihnen umgegangen werden? Die israelische Regisseurin Yael Hersonski hinterfragt und kontextualisiert die Aufnahmen. Ihr Film ergänzt Zeitzeugenberichte, Bildergalerien und Hintergründe namhafter Historiker und Filmexperten. Weiter... 

Informationen zur politischen Bildung

Nationalsozialismus: Krieg und Holocaust

Krieg und Rassismus bildeten von Beginn an Ziel und Leitprinzipien des NS-Regimes. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen der Krieg in Europa und der Massenmord an den Juden. Weiter... 

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? Weiter... 

"Die Liquidierung des jüdischen Warschau"

Es war ein Hilfeschrei: Im November 1942 richten die vereinigten Untergrundorganisationen des Warschauer Ghettos einen Bericht an die polnische Exilregierung in London und die Regierungen der Alliierten. Darin beschrieben sie die Deportationen – den "letzten Akkord des Massenmordes", wie es in dem Bericht heißt, an dem auch Emanuel Ringelblum mitschrieb. Weiter...