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Vor 75 Jahren: Die Wannseekonferenz

17.1.2017
Am 20. Januar 1942 trafen sich hochrangige Vertreter des NS-Regimes in einer Villa am Berliner Wannsee, um über die effiziente Umsetzung der "Endlösung der Judenfrage" zu beraten. Das systematische Morden war da bereits im Gange. Bis zum Kriegsende 1945 wurden über sechs Millionen europäische Juden ermordet.

Protokoll der Wannsee-Konferenz, Seite 1Protokoll der Wannsee-Konferenz, Seite 1 (© Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes)

Nichts Geringeres als einen "Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage" hatte Reichsmarschall Hermann Göring im Juli 1941 bei Reinhard Heydrich angefordert. Die sogenannte "Endlösung" war zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen. Allerdings war sie "geheime Reichssache" – Reichskanzler Adolf Hitler wollte öffentlich nicht eindeutig mit ihr in Verbindung gebracht werden – und ihre Umsetzung noch unklar.

Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), hatte sich zum Thema "Endlösung der Judenfrage" schon seit Jahren innerhalb der NS-Führung hervorgetan und auch nach Kriegsbeginn mehrere Schriften dazu verfasst. Nun sollte "die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Lösung" zugeführt werden, wie Göring an Heydrich schrieb – eine Aufgabe, die dieser bereits 1939 übertragen bekommen hatte. Für den 20. Januar 1942 lud Heydrich zu einer Staatssekretärskonferenz in das Gästehaus der SS am Großen Wannsee, um die ihm übertragene Aufgabe mit Regierungsbeamten aus anderen Ministerien abzustimmen. 14 führende Ministerialbeamte aus verschiedenen Reichsministerien sowie hohe NSDAP- und SS-Funktionäre folgten Heydrichs Einladung.



Systematische Vernichtung bereits ab 1941



Der Völkermord an den europäischen Juden hatte bereits im Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begonnen. Dort führten mobile Einsatztruppen der SS Massenerschießungen und – ab Dezember 1941 – Vergasungen von Juden durch. Allein bei dem Massaker in der nahe Kiew gelegenen Schlucht Babi Jar wurden an zwei Tagen im September 1941 über 33.000 Menschen getötet. Auch Deportationen in den Zügen der Deutschen Reichsbahn waren schon im Oktober 1941 angelaufen. Zum Zeitpunkt der Konferenz am Wannsee waren bereits über eine halbe Million Menschen ermordet worden.

Die bisher hauptsächlich praktizierten Erschießungen wurden für zu kostenintensiv und langwierig befunden. Deswegen wurden im Herbst 1941 zum ersten Mal mobile Gaswagen – umgerüstete LKWs – zur schnellen und systematischen Tötung großer Zahlen von Menschen eingesetzt. Das von Heydrich auf der Wannseekonferenz vorgestellte Programm war also in den besetzten Gebieten und Konzentrationslagern im Osten schon größtenteils in die Tat umgesetzt.

Inhalt der Konferenz



Auf der Konferenz machte Heydrich den Anwesenden noch einmal die ihm übertragenen Kompetenzen deutlich: die Verantwortung zur "Endlösung der europäischen Judenfrage" lag bei ihm. Das Treffen hatte er einberufen, um eine Koordinierung und Abstimmung zwischen den Behörden zu erleichtern.

Im Protokoll des Treffens wird – im üblichen NS-Jargon – klar ausgeführt, was mit den elf Millionen Juden in den von Deutschland kontrollierten Gebieten geschehen sollte. Ziel sei "die Zurückdrängung der Juden aus dem Lebensraum des deutschen Volkes". Bisher, so ist es im Protokoll vermerkt, habe man "rund 537.000 [Juden] zur Auswanderung gebracht". Nun sei "anstelle der Auswanderung [...] als weitere Lösungsmöglichkeit [...] die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten".

Quellentext

Das Protokoll der Wannsee-Konferenz

"In großen Arbeitskolonnen [...] werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird [...] entsprechend behandelt werden müssen [...]"

[Quelle: Das Protokoll der Wannsee-Konferenz, 20. Januar 1942, S. 7/8]


Einwände gegen die von Heydrich eingebrachten Vorschläge hatten die Konferenzteilnehmer keine. Im Gegenteil: Sie überboten sich gegenseitig mit Vorschlägen und Anregungen zur effizienten Durchführung der Vernichtungsaktionen. Weiteres Thema war die Behandlung sogenannter "Mischlinge" und jüdischer Partner in "Mischehen": hier forderten die anwesenden Beamten eine Zwangssterilisierung sowie die Ausdehnung der Nürnberger Gesetze. Auch diese Personengruppen sollten in die "Endlösung" einbezogen werden.

Protokollführer des Treffens war Adolf Eichmann, "Judenreferent" im Reichssicherheitshauptamt. Im Prozess gegen Eichmann in Jerusalem 1961 erinnerte sich dieser an die Wannseekonferenz als "die Konferenz, wo Heydrich seine Ermächtigung bekanntgab". Auch seien "verschiedene Tötungsmöglichkeiten" besprochen worden. Unter den Teilnehmern habe allgemein "freudige Zustimmung" geherrscht.

Drei Personen stehen in dem einen Ausstellungsraum mit Parkettboden und sehen sich Fotografien in schwarzweiß an.Eine ständige Ausstellung im Erdgeschoss des "Hauses der Wannsee-Konferenz" dokumentiert Vorgeschichte, Verlauf und Folgeereignisse der Konferenz. (© picture-alliance/dpa)


Historische Einordnung der Wannseekonferenz



Von Historikern wird die Konferenz im Detail unterschiedlich eingeordnet. Bis heute diskutieren Fachkreise über die tatsächlichen Motive der einzelnen Teilnehmer und die Bedeutung der Konferenz für den Verlauf des Holocaust.

So beschreibt der Historiker Mark Roseman die Konferenz als den Moment des Übergangs vom "Massenmord zum Genozid". Zwar hätten zum Zeitpunkt der Konferenz die Mordmethoden und die Orte noch nicht festgestanden, dennoch sei die Entscheidung für die systematische Ermordung der europäischen Juden definitiv beschlossen worden.

Manche Wissenschaftler wie z. B. der britische Historiker Donald Bloxham betonen, es habe keinen entscheidenden Moment gegeben, in dem die Art und Weise der Durchführung der "Endlösung" fest geplant gewesen sei – sie sei vielmehr als Prozess zu begreifen. Die Konferenz sei vor allem im Zusammenhang mit den Machtkämpfen innerhalb der NS-Verwaltung von Bedeutung.

Der Historiker Peter Longerich weist darauf hin, dass das Morden bereits vor der Wannseekonferenz begonnen hatte. Auf der Wannseekonferenz hätten die nationalsozialistischen Machthaber jedoch aus diesen Massenmorden ein Programm gemacht. Im Protokoll der Konferenz sieht der Historiker zudem zwei rivalisierende Linien in der Vernichtungsplanung und spricht von einem Kompetenzgerangel zwischen Heydrich und Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei.

Nach der Konferenz



Die Ergebnisse und Beschlüsse der Konferenz wurden bald in die Tat umgesetzt. Noch im Januar 1942 trug Adolf Eichmann in einem Schreiben allen Dienststellen im Deutschen Reich auf, die seit Oktober 1941 laufenden Deportationen fortzusetzen – die "Endlösung" habe nun begonnen. Kurze Zeit später wurden im Konzentrationslager Auschwitz die Gaskammern errichtet. Ab März 1942 trafen die ersten großen Transporte mit Juden ein. Allein in Auschwitz ermordete die SS über eine Million Menschen. Insgesamt wurden bis Kriegsende in den Vernichtungslagern und bei Massakern über sechs Millionen Juden ermordet.

Der Ort der Konferenz, die Villa am Wannsee, ist seit 1992 eine Gedenk- und Bildungsstätte.

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