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27. Januar: Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

26.1.2017
Vor 72 Jahren befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz. Hier ermordeten die Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen. Seit 1996 gedenkt Deutschland am 27. Januar offiziell der Opfer des Nationalsozialismus.

Auf einer Stele des Denkmals für die ermordeten Juden Europas liegen rote Nelken.Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin (© picture-alliance/dpa)

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz im besetzten Polen. Im Hauptlager in Auschwitz, das auf einem ehemaligen Barackengelände der polnischen Armee errichtet wurde, belief sich die Zahl der Insassen zeitweise auf mehr als 20.000. Dazu kamen mehr als 90.000 Häftlinge, die in dem noch größeren Lager im drei Kilometer entfernten Birkenau (Brzezinka) untergebracht waren. Auf dem später auch Auschwitz II genannten Gelände ließ Hitlers Schutzstaffel (SS) Anfang 1942 die ersten Gaskammern errichten. In Auschwitz wurden insgesamt schätzungsweise mehr als eine Million Menschen umgebracht.

Erinnerung und Wachsamkeit



Im Januar 1996 richtete sich der damalige Bundespräsident Roman Herzog, der am 10. Januar dieses Jahres verstarb, mit einem klaren Appell an die Deutschen: "Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen." Mit diesen Worten erklärte Herzog den 27. Januar zum zentralen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den Tag international zum Holocaust-Gedenktag zu machen.

Die Generation der Opfer – wie auch der Täter – stirbt aus und mit ihr die persönlichen Bezüge zu diesem Abschnitt der deutschen Geschichte. An jedem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung gibt es weniger Überlebende, die ihre Erfahrungen weitergeben können. Daher fordert die UN-Resolution zum Holocaust-Gedenktag Staaten weltweit auch dazu auf, Erziehungsprogramme zu entwickeln, damit die Erinnerung lebendig gehalten wird und sich Auschwitz nicht wiederholt.

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt. Grundlage sind Fotos von Martin Blume. (© 2015 Bundeszentrale für politische Bildung)

In zahlreichen Städten wird mit Gedenkveranstaltungen an die Millionen Menschen erinnert, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt und ermordet wurden. Wie jedes Jahr wehen die Flaggen öffentlicher Gebäude in Deutschland auf Halbmast.

Gedenken im Bundestag



Auch der Bundestag gedenkt jährlich am 27. Januar den Opfern des Holocaust. Dieses Jahr ist die Gedenkveranstaltung insbesondere den Opfern der Euthanasie gewidmet. "Euthanasie" heißt übersetzt "guter" oder "schöner Tod". Mit diesem Euphemismus bezeichneten die Nationalsozialisten die Massenmorde an behinderten, unheilbar kranken und psychisch kranken Menschen.

Adolf Hitler hatte im Oktober 1939 mit einem Schreiben, das auf den Kriegsbeginn zurückdatiert war, die Ermächtigung zu ihrer Ermordung gegeben: Unter dem Codenamen "Aktion T4" (nach dem Sitz der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4) begannen die Nationalsozialisten zusammen mit Ärzten und Pflegekräften den systematischen Massenmord an Menschen, deren Leben sie als "nicht lebenswert" betrachteten.

Bis 1941 wurden 70.000 Menschen in Anstalten vergast oder durch Medikamente und Giftspritzen getötet. 1941 stellte Hitler das offizielle Euthanasieprogramm ein. Grund dafür war auch eine Protestrede von Bischof Clemens August Graf von Galen gegen die Euthanasie, die Unruhe in der Bevölkerung hervorgerufen hatte. Die Morde wurden jedoch in öffentlichen Pflegeanstalten fortgeführt. Insgesamt sollen bis Kriegsende 300.000 Menschen in Europa der "Euthanasie" zum Opfer gefallen sein.

Bei einer Gedenkstunde im Bundestag wird es eine Lesung sowie eine musikalische Begleitung mit Stücken des Komponisten und Euthanasie-Opfers Norbert von Hannenheim geben. Unter den Anwesenden werden auch 80 Jugendliche aus Deutschland, Polen, Frankreich und weiteren Nachbarländern sein. Sie nehmen an einer mehrtägigen Jugendbegegnung teil, zu der der Bundestag seit 1997 jedes Jahr einlädt und die auf eine Initiative der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth zurückgeht.

Orte des Gedenkens



Im Jahr 2011 beschloss die Bundesregierung die Einrichtung eines öffentlichen Denkmals für die Opfer der Euthanasie und Zwangssterilisationen. Der Gedenk- und Informationsort wurde 2014 auf dem Grundstück der ehemaligen Organisationszentrale der "Aktion T4" in der Tiergartenstraße 4 in Berlin eröffnet.

Auch in den sozialen Netzwerken wird dieser Tage der Opfer des Holocaust gedacht: Unter dem Hashtag #WeRemember posten Menschen weltweit Fotos von sich, auf denen sie ein Schild mit den Worten "I remember" bzw. "We remember" hochhalten. Zu dieser Aktion hatte der Jüdische Weltkongress (WJC), der internationale Dachverband von jüdischen Gemeinden, Organisationen und Verbänden, Anfang des Jahres aufgerufen.


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