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Vor 100 Jahren: Februarrevolution stürzt russischen Zaren

8.3.2017
Russland vor 100 Jahren. Im Zarenreich waren die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Reformfeindlichkeit von Zar Nikolaus II unübersehbar. Hunger trieb viele Menschen auf die Straße. Im März 1917 kam es in der russischen Hauptstadt Petrograd verstärkt zu Streiks und Demonstrationen für eine bessere Versorgung. Als der Zar auf Demonstrierende schießen ließ, wechselten viele Soldaten entsetzt die Seite. Unter dem Druck seiner Militärs dankte der Zar am 15. März ab. Nun nahm ein folgenreicher Machtkampf zwischen gemäßigten und ideologisch kompromisslosen Revolutionären seinen Lauf, er mündete Monate später in der sehr viel gewalttätigeren Oktoberrevolution.

Schwarz-weiß-Bild. Eine Menschenmenge demonstriert, zwei Transparente mit kyrillischer Schrift. Im Hintergrund alte Häuser.Streikende Arbeiter und Arbeiterinnen der Putilow-Werke beim ersten Tag der Februarrevolution in Sankt Petersburg (Russland) 1917. (© picture-alliance, Heritage Images)

Der durch die Demonstrationen im März 1917 vergleichsweise friedlich herbeigeführte Machtwechsel erfolgte nach altem russischen Kalender im Februar 1917 und wird daher Februarrevolution genannt.

Im Spätwinter und Frühjahr 1917 brachen in der russischen Hauptstadt Petrograd (heute: Sankt Petersburg) folgenreiche Unruhen aus. Beschäftigte aus großen Rüstungsfabriken der Stadt traten in Streik und forderten bessere Lebensbedingungen. Infolge des Ersten Weltkriegs gab es nicht mehr ausreichend Lebensmittel und eine galoppierende Preisinflation hatte die Preise um 400 Prozent in die Höhe getrieben. Der Krieg zehrte das Land aus. Russland verlor über 1,7 Millionen Soldaten und fast 5 Millionen wurden verwundet. Viele Menschen lebten im Elend.

Petrograd – damals eine der am weitesten entwickelten Industriestädte Russlands – war zugleich Amtssitz von Zar Nikolaus II. Er residierte im sogenannten Winterpalast, einem prunkvollen Schloss im Zentrum der Stadt. Infolge des Krieges war er als oberster Befehlshaber seiner Truppen häufig abwesend, seine Kritiker nutzten das Machtvakuum aus. Im Februar 1917 verging kaum ein Tag ohne Streiks und Demonstrationen. Am 23. Februar 1917 (nach dem alten, damals in Russland geltenden julianischem Kalender) beteiligten sich zum wiederholten Male viele Soldatenmütter und Arbeiterinnen aus einem der größten Rüstungsbetriebe der Stadt, den Putilow-Werken, an den Protesten. Nach dem im übrigen Europa bereits geltenden gregorianischen Kalender fand diese Demonstration am 8. März statt, dem internationalen Weltfrauentag.

Die Streikenden forderten nicht nur Brot, sie wählten auch Arbeiter- und Soldatenräte, die für ihre Forderungen einstehen sollten. Der Zar reagierte, in dem er das Militär anwies, mit Waffengewalt gegen die aufbegehrende Menschenmasse vorzugehen. Dies weckte noch mehr Protest auch in anderen Orten und nachdem am 9. März ein Einsatz eines Garderegiments zu ersten Todesopfern führt, wechselten ganze Regimenter die Seiten.

Arbeiter- und Soldatenräte



Arbeiter- und Soldatenräte – Sowjets genannt – gab es bereits seit 1905 in Russland. Schon damals versuchten Teile der russischen Bevölkerung, den Zaren zu stürzen, was aber misslang. Während dieser Zeit wählten Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Soldaten erstmals in ihren Fabriken bzw. militärischen Einheiten, "Sowjets", bzw. Räte genannt, die in unterschiedlichem Ausmaß sowohl wirtschaftliche als auch politische Forderungen stellten.

Zwei Tage nach Beginn der Unruhen in Petrograd im Jahr 1917 befahl Zar Nikolaus II. auch, das russische Parlament, die Duma, aufzulösen. Auch sie war aus der gescheiterten Revolution von 1905 hervorgegangen, gegen die das zaristische Militär gewaltsam vorgegangen war. Der Zar hatte damals anerkennen müssen, dass ihm ein gewähltes Parlament zur Seite gestellt wird. Viel Einfluss der Duma auf die Gesetzgebung ließ er allerdings nicht zu und löste die Duma mehrfach nach Gutdünken auf. Das änderte sich 1915. Die Duma-Abgeordneten gingen nun immer stärker in Opposition zum Zaren, weil sie mit seiner Kriegsführung unzufrieden waren. Als dieser ihnen schließlich am 11. März (27. Februar) 1917 befahl, das Parlament aufzulösen, widersetzen sie sich dessen Anweisung.

Ende der Zarenherrschaft



In Petrograd bekamen die Duma-Abgeordneten einen weiteren Tag später die entscheidende Unterstützung: Soldaten der Petrograder Garnison schlugen sich auf ihre Seite. An diesem Tag, dem 12. März (27. Februar) übernahmen der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat, wie er sich nannte und die Duma gemeinsam die Macht. Der Zar verlor seine Macht.

Am 15. März (2. März) dankte Nikolaus II. unter dem Druck der Duma und seiner obersten Militärs ab und empfahl seinen Bruder Michail als Nachfolger. Unter dem Druck der Duma lehnte auch er einen Tag später ab, neuer Zar Russlands zu werden. Damit ging Russlands 370-jährige Zarenherrschaft zu Ende, 300 Jahre vom Geschlecht der Romanows bestimmt.

Provisorische Regierung aus Duma und Petrograder Sowjet



Doch die eigentlichen Revolutionsunruhen fingen nun erst an. Die Doppelherrschaft von Duma und Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat geriet zu einem auch gewalttätigen Kampf um die Macht. Da die Arbeiter- und Soldatenräte, die nun in allen großen Städten Russlands gewählt wurden, der Bevölkerung besonders nahestanden, hatten sie zunehmend mehr Autorität als das Parlament. Bereits am 14. März (1. März) befahl der Petrograder Sowjet den Soldaten, nur seine Anordnungen und nicht die der Duma zu befolgen. Und auch die Russische Orthodoxe Kirche wendete sich kurz danach von der Provisorischen Regierung – also der Zusammenarbeit von Duma und Sowjet – ab.

Vor allem in der Kriegsfrage nahmen Duma und Sowjet eine gegensätzliche Haltung ein. Die Duma hielt am Kriegseinsatz fest, während der Petrograder Sowjet sowie die vielen Sowjets in ganz Russland forderten, sich aus dem Krieg zurückzuziehen.

Zunehmend zerstritten hatte die Provisorische Regierung Schwierigkeiten, sich dauerhaft zu etablieren. Zwischen März und Oktober 1917 konstituierte sie sich vier Mal. Außerdem schaffte sie es nicht, die wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes in den Griff zu bekommen.

Bestand sie zu anfangs hauptsächlich aus bürgerlichen Ministern, regierte sie ab Mai in Absprache mit den Arbeiter- und Soldatenräten in einer Koalition aus Bürgerlichen und Sozialdemokraten. Unter letzteren waren Menschewiki und Sozialrevolutionäre.

Die Menschewiki und die später einflussreichen Bolschewiki waren Parteien, die 1903 aus der Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands entstanden. Während die Menschewiki ihre Partei demokratisch organisieren wollten, strebten die Bolschewik an, die Macht zentralistisch organisiert einer Parteielite zu überlassen.

Lenin und die Bolschewiki



Der Instabilität der Provisorischen Regierung nutzte in der Folgezeit der im April 1917 aus seinem Schweizer Exil nach Russland zurückgekehrte, kommunistische Bolschewiki-Günder und Marxismus-Theoretiker Wladimir Iljitsch Lenin (eigentlich: Wladimir Iljitsch Uljanow), der die Herrschaft der Räte in Russland mit allen Mitteln durchsetzen wollte. Schon kurz nach seiner Ankunft forderte er, die Provisorische Regierung solle durch eine sozialistische Regierung abgelöst werden. Noch war dies aber nicht so weit.

Im Juni 1917 fand der erste gesamtrussische Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte statt. Lenin beanspruchte die Führung seiner Partei, der Bolschewiki. Noch stellten sie allerdings nur zehn Prozent der Delegierten auf dem Kongress.

Oktoberrevolution



Im Juli 1917 wurde ein Aufstand der Bolschewiki gegen die Provisorische Regierung niedergeschlagen. Doch wenige Monate später, im Herbst 1917, hatten die Bolschewiki bereits die Mehrheit sowohl im Petrograder als auch im Moskauer Sowjet errungen. Zu dieser Zeit haben sie durch ihr propagandistisches "Brot, Land und Frieden"-Programm auch weite Teile der hungernden Bevölkerung hinter sich vereint.

Am 7. November (25. Oktober) stürmten bewaffnete Bolschewiki den Winterpalast in Petrograd, in dem die Provisorische Regierung tagte und setzten die amtierende Regierung über Nacht ab. Der zweite allrussische Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte stellte eine neue Regierung auf, die hauptsächlich von bolschewistischen Ministern besetzt war, mit Lenin an der Spitze. Die folgenreiche Oktoberrevolution nahm ihren Lauf. Mehr darüber finden Sie im neuen Sammel-Dossier der bpb Oktoberrevolution.

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