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12.10.2017

Welternährungstag

Noch immer hungert mehr als jeder zehnte Mensch auf dem Globus. Die Ursachen sind vielschichtig: Krieg, Korruption, Klimawandel, Landraub oder ungerechter Welthandel. Mit dem Welternährungstag will die UN am 16. Oktober diese Zusammenhänge in das Licht der Öffentlichkeit rücken.

Ein Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation bereitet Nahrungsrationen für die Konfliktregion Sanaa im Jemen vor. (Juni 2016)Ein Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation stellt Nahrungsrationen für die Bevölkerung in der Konfliktregion Sanaa im Jemen bereit. (Juni 2016) (© picture-alliance, dpa)

Er ist eine der größten humanitären Katastrophen dieses Jahrzehnts: der Krieg im Jemen. Die militärische Auseinandersetzung zwischen jemenitischen Rebellen und einer Streitmacht unter Führung Saudi-Arabiens hat in den vergangenen Jahren viele Tausend Menschenleben gefordert. Die Bomben zerstörten weite Teile der Infrastruktur und Industrie des Landes – die Nahrungsmittelproduktion liegt am Boden.

Als Folge des Krieges breitete sich nicht nur die Cholera aus, vielen Jemeniten droht der Hungertod. 17 Millionen Menschen im Jemen haben nach Schätzungen der Vereinten Nationen keinen sicheren Zugang zu Lebensmitteln und sind auf internationale Hilfe angewiesen. Doch die erfolgt – auch wegen der anhaltenden Kämpfe und zerstörten Häfen und Flughäfen – viel zu spärlich. Ungefähr 2 Millionen Kinder sind in dem arabischen Land laut der Weltgesundheitsorganisation akut mangelernährt.

Mehr als ein Zehntel der Weltbevölkerung unterernährt

Auch der Südsudan, Kenia, Somalia sowie Äthiopien wurden in den vergangenen Monaten von dramatischen Hungersnöten heimgesucht. Der 16. Oktober, der Welternährungstag, wird also auch in diesem Jahr kein Grund zum Jubeln sein. Dem aktuellen Bericht der UN-Welternährungsorganisation sowie neuesten Schätzungen des Welternährungsprogramms zufolge sind aktuell 815 Millionen Menschen weltweit unterernährt. Trotz einer in den vergangenen Jahren global immens gestiegenen Nahrungsmittelproduktion hungert demnach weltweit noch immer mehr als jeder zehnte Mensch (11 %). 52 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind nach den Zahlen der UN unterernährt – davon 17 Millionen Kinder lebensbedrohlich schwer.
Kinder im Jemen warten mit Essensgutscheinen bei einer Nahrungsausgabe in Sanaa im Jemen im April 2017.Kinder im Jemen warten mit Essensgutscheinen bei einer Nahrungsausgabe in Sanaa im Jemen im April 2017. (© picture-alliance, AP)
Bei Kindern führe "die Unterernährung zu Wachstumsverzögerungen und damit einer körperlichen und geistigen Unterentwicklung“, erläutert Bernd Bornhorst, Leiter der Abteilung Politik und globale Zukunftsfragen beim katholischen Hilfswerk Misereor. In fast der Hälfte aller Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren ist Mangelernährung mitverantwortlich – auch wenn die Mädchen und Jungen letztlich aufgrund von Lungenentzündungen oder Durchfall ums Leben kommen.

Zwar ist die Zahl der Hungernden heute niedriger als noch 1990. Doch war sie im Jahr 2016 fünf Prozent höher als im Vorjahr. Ob dies gar eine Trendwende im zuletzt immer erfolgreicheren Kampf gegen Unterernährung ist, vermag derzeit niemand zu sagen. Klar ist: Auch 2017 wurde bislang neben dem Jemen insbesondere Afrika von Hungerkatastrophen heimgesucht. "Betroffen sind vor allem die südlich der Sahara liegenden Länder Afrikas sowie Südost- und Westasien“, erklärt Bornhorst. Neben Frauen seien Kinder die Hauptleidtragenden.

Krieg und fehlende staatliche Strukturen sind Hauptursache für Misere

Doch wo liegen die Ursachen für die Hungerkrisen? Laut Unicef seien diese sehr komplex und unterscheiden sich von Land zu Land. Deutlich sei aber, dass fast die Hälfte der aktuell betroffenen Menschen in einer Konfliktregion oder in einem nicht funktionierenden Staat lebe. Im FAO-Report (Food-Organization-Report) heißt es sogar, dass mit 489 von 815 Millionen Hungernden 60 Prozent der Menschen in Ländern leben, "die von Krieg und Konflikten betroffen sind“.

Tatsächlich ist die Situation in Bürgerkriegsregionen oder gescheiterten Staaten besonders dramatisch – so etwa im Südsudan, in Nordost-Nigeria oder Somalia – die ohnehin geringe Wertschöpfung fließt dort allzu oft eher in Waffen statt in Lebensmittel oder eine funktionierende Landwirtschaft.

"Korrupte Eliten“ wirtschaften in eigene Tasche

Bornhorst vom katholischen Hilfswerk Misereor nennt auch die Korruption der örtlichen Eliten als wichtige Ursache für die Hungerkatastrophen. Tatsächlich werden in manchen der ärmsten Regionen Agrarprodukte für den Export statt Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung angebaut. Der aktuelle Dokumentarfilm "Das grüne Gold“ des schwedischen Filmemachers Joakim Demmer, ergründet die Mechanismen und Auswirkungen des weltweit zunehmenden Landraubs im spezifischen Fall von Äthiopien. Hier verpachtet die Regierung mehrere Millionen Hektar Ackerland an ausländische Investoren, um durch steigende Exportzahlen ihre Vision von Fortschritt und Wirtschaftswachstum umzusetzen.
Eine Karte des Südsudans zeigt in unterschiedlicher Einfärbung Gebiete, in denen die Bevölkerung von Hunger betroffen ist (April 2017).Die Karte des Südsudans zeigt Gebiete, in denen die Bevölkerung von Hunger betroffen ist (April 2017). (© picture-alliance, Keystone)
Selbst in rohstoffreichen Ländern habe die breite Masse aufgrund korrupter Eliten oft nichts vom eigentlich vorhandenen Wohlstand, weiß Jürgen Matthes, Experte für internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Statt in Bildung oder Infrastruktur zu investieren, würden sich herrschende Politiker und ihre Funktionärs-Cliquen selbst bedienen, analysiert der Ökonom: "Insbesondere in diktatorisch geführten Staaten fehlt der Druck, etwas für das wirtschaftliche Wohl der eigenen Bevölkerung zu tun.“

Klimawandel und weltweite Ungleichheit

Einhellig führen Experten auch den Klimawandel als Ursache an. Dieser führe zu mehr Extremwetterereignissen wie Dürren und Überschwemmungen, dies treffe die Länder des Südens und von der Landwirtschaft lebende Kleinbauern besonders hart. Die Wetterphänomene El Niño und La Niña und die damit einhergehenden Dürren und Überschwemmungen in den vergangenen 20 Monaten hätten dazu geführt, dass inzwischen Menschen in Ost- und im südlichen Afrika sowie Südostasien auf humanitäre Hilfe angewiesen seien.

Hunger in der Welt