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22.12.2017

Die "Rote Kapelle": Widerstand im NS

Die sogenannte "Rote Kapelle" war eines der wichtigsten Widerstandsnetzwerke im Dritten Reich. Im nationalen Gedenken der Bundesrepublik spielte sie trotzdem lange Zeit keine große Rolle. Am 22. Dezember jährt sich die Hinrichtung der Widerstandskämpfer zum 75. Mal.

Das Ehepaar Arvid und Mildred Harnack gehörte zu den zentralen Figuren, des losen Widestandsnetzwerkes.Das Ehepaar Arvid und Mildred Harnack gehörte zu den zentralen Figuren, des losen Widestandsnetzwerkes. (© picture-alliance / akg-images)

Heute ist der Hinrichtungsraum im ehemaligen NS-Gefängnis in Berlin Plötzensee eine Gedenkstätte. Fast 3.000 Menschen ermordeten die Nazis hier in der Zeit des Nationalsozialismus. Elf von ihnen – führende Mitglieder der sogenannten "Roten Kapelle" – wurden dort vor 75 Jahren, am 22. Dezember 1942, hingerichtet. Die "Rote Kapelle" war keine geschlossene Widerstandsgruppe, sondern ein loses, eher informelles Netzwerk. Diesem gehörten bis zu 150 Frauen und Männer unterschiedlicher politischer Weltanschauung und gesellschaftlicher Herkunft an, die sich zunächst unabhängig voneinander in kleineren Gruppen und Freundeskreisen trafen und agierten.

Der Name "Rote Kapelle" stammte von den Nationalsozialisten selbst – zunächst ein Sammelbegriff der deutschen Militärabwehr für diverse Gruppen, die unter Verdacht standen, als Spione für den sowjetischen Nachrichtendienst zu arbeiten und einem westeuropäischen Spionagenetzwerk anzugehören. Später bezeichneten die Nazis mit "Roter Kapelle" auch verschiedene linksintellektuelle Gruppen in Berlin.

Die Gruppen um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen wurde von den Nationalsozialisten diesem angeblichen Spionagenetzwerk wegen ihrer Kontaktaufnahme zur Sowjetunion zugeordnet.

Mitte der 1930er Jahre hatte sich um Arvid Harnack, seine Frau Mildred und um Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas zunächst ein loser Kreis von mehreren Diskussionsgruppen gebildet. Harro Schulze-Boysen war vor Beginn des Nationalsozialismus Publizist und seit 1934 Oberleutnant in der Nachrichtenabteilung des Reichsluftfahrtministeriums und hatte so auch Zugang zu kriegswichtigen Informationen. Arvid Harnack war Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium. Er und seine Frau Mildred trafen sich mit Intellektuellen und Wissenschaftlern. Zu ihnen gehörten der Bildhauer Kurt Schumacher, der 1942 ebenfalls in Plötzensee hingerichtet wurde und der Schriftsteller Günther Weisenborn. Hinzu kamen ein Kreis junger Kommunisten sowie eine Gruppe um den Schweizer Psychoanalytiker John Rittmeister und viele andere Nazi-Gegner – so etwa Adolf Grimme, Sozialdemokrat und Namensgeber des Grimme-Preises.

Erst zu Beginn der 1940er Jahre stellten Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen Kontakt zwischen den einzelnen Gruppen her.

Quellentext

Mildred und Arvid Harnack

Der 1901 geborene Arvid Harnack wuchs in einer Gelehrtenfamilie auf und schloss sich nach dem kriegsbedingten Notabitur 1919 einem Freikorps an. Ein Rockefeller-Stipendium ermöglichte dem Juristen von 1926 bis 1928 ein Studium in Madison/Wisconsin. Dort lernte er seine Frau Mildred kennen. 1931 promovierte Harnack in Gießen über die vormarxistische Arbeiterbewegung in den USA. Mit einer Delegation der von ihm mitbegründeten Gesellschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (ARPLAN) reiste er im Sommer 1932 in die Sowjetunion.

1933 begann Harnack einen Schulungszirkel aufzubauen. Er wollte die Beteiligten befähigen, sich mit den politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, und sie für die Zeit nach dem Sturz des NS-Regimes vorbereiten. Ab 1935 im Amerikareferat des Wirtschaftsministeriums tätig, stieg Harnack bis 1942 zum Oberregierungsrat auf.

Anfang 1942 erarbeitete Harnack die Studie "Das nationalsozialistische Stadium des Monopolkapitals", die in Berliner und Hamburger Widerstandskreisen zirkulierte. Arvid Harnack wurde am 7. September 1942 festgenommen, am 19. Dezember vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und auf Befehl Hitlers am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee erhängt.

Die 1902 in Milwaukee/Wisconsin (USA) geborene Mildred Fish stammte aus einer amerikanischen Kaufmannsfamilie und lehrte Literaturwissenschaft an der Universität Madison, wo sie Arvid Harnack während seines Studiums in den Vereinigten Staaten kennenlernte. Drei Jahre nach ihrer Heirat 1926 folgte Mildred ihrem Mann 1929 nach Deutschland. Sie lehrte am Berliner Städtischen Abendgymnasium und an der Volkshochschule Groß-Berlin. 1941 promovierte sie in Gießen und arbeitete als Dozentin an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität. Gemeinsam mit ihrem Mann beteiligte sie sich an allen Aktionen der Widerstandsgruppe.

Mildred Harnack wurde gemeinsam mit ihrem Mann festgenommen und am 19. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 21. Dezember 1942 hob Hitler das Urteil auf und beauftragte das Reichskriegsgericht mit einer zweiten Hauptverhandlung, die am 16. Januar 1943 mit der Todesstrafe endete. Mildred Harnack wurde am 16. Februar 1943 in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Quellentext

Libertas und Harro Schulze-Boysen

Der 1909 geborene Harro Schulze-Boysen engagierte sich Ende der 1920er-Jahre im national-liberalen Jungdeutschen Orden. Als Herausgeber der Zeitschrift "gegner" hatte er 1932/33 vielfältige Kontakte in politisch unterschiedliche Lager. Nach dem Verbot des "gegner" und einer kurzfristigen Haft in einem Berliner SA-Folterkeller begann Schulze-Boysen im Mai 1933 eine Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule in Warnemünde. Seit April 1934 war er im Reichsluftfahrtministerium tätig und bildete um sich Mitte der 1930er-Jahre einen engeren Freundes- und Widerstandskreis.

Gemeinsam mit Arvid Harnack informierte Harro Schulze-Boysen im ersten Halbjahr 1941 einen Vertreter der sowjetischen Botschaft über die Angriffspläne gegen die Sowjetunion. Seine Initiative, den Kontakt nach Moskau während der Kriegszeit über ein Funkgerät aufrechtzuerhalten, wurde durch technische Probleme verhindert.

Schulze-Boysen gewann nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 neue Mitstreiter, beteiligte sich an der Ausarbeitung von Flugschriften, an einer Klebezettel-Aktion und hatte Kontakte zu politisch und weltanschaulich unterschiedlich orientierten Hitler-Gegnern. Am 31. August 1942 festgenommen, wurde Harro Schulze-Boysen am 19. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und drei Tage später auf Befehl Hitlers in Berlin-Plötzensee erhängt.

Die 1913 geborene Libertas Haas-Heye begann 1933 eine Tätigkeit als Pressereferentin bei der Filmproduktionsfirma Metro-Goldwyn-Mayer in Berlin. Im Sommer 1934 lernte sie Harro Schulze-Boysen kennen, den sie im Sommer 1936 heiratete. Die Journalistin und Autorin arbeitete mit dem Autor und Schriftsteller Günther Weisenborn an einem Theaterstück "Die guten Feinde" über den Mediziner und Nobelpreisträger Robert Koch. Im Jahre 1940 schrieb sie vor allem Filmkritiken und sammelte zugleich in der deutschen Kulturfilmzentrale im Reichspropagandaministerium Bildmaterial über NS-Gewaltverbrechen. Sie unterstützte ihren Mann bei der Suche nach neuen Verbindungen im Widerstand. Ende Oktober 1941 empfing sie den aus Brüssel angereisten sowjetischen Offizier des militärischen Nachrichtendienstes und vermittelte ihm ein Gespräch mit ihrem Mann. Nach dessen Festnahme warnte sie Freunde und schaffte illegales Material beiseite. Libertas Schulze-Boysen wurde am 8. September festgenommen, am 19. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und drei Tage später in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Flugblätter gegen Misswirtschaft und Kriegsverbrechen

Die Gruppen dokumentierten Kriegsverbrechen und verteilten Flugblätter und Klebezetteln in Berlin. Sie prangerten darin die Misswirtschaft der Nazis im eigenen Land, Millionen Kriegstote und deutsche Kriegsverbrechen an.

In einem Flugblatt aus dem Frühjahr 1942 hieß es beispielsweise: "Alle, die sich den Sinn für echte Werte bewahrten, sehen schaudernd, wie der deutsche Name im Zeichen des Hakenkreuzes immer mehr in Verruf gerät." In allen Ländern würden "heute täglich Hunderte, oft Tausende von Menschen standrechtlich und willkürlich erschossen oder gehenkt". Der Hass der gequälten Menschheit belaste das ganze deutsche Volk.

Quellentext

Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk

Vergeblich müht sich Minister Goebbels, uns immer neuen Sand in die Augen zu streuen. Die Tatsachen sprechen eine harte, warnende Sprache. Niemand kann mehr leugnen, dass sich unsere Lage von Monat zu Monat verschlechtert. Niemand kann noch länger die Augen verschließen vor der Ungeheuerlichkeit des Geschehens, vor der uns alle bedrohenden Katastrophe der nationalsozialistischen Politik. […]

Bisher hat man uns mit der Hoffnung auf den Endsieg vertröstet. Man hat von der Unfehlbarkeit des Führers und von den Errungenschaften des Dritten Reiches gesprochen. Wo alle Stricke rissen, da machte man uns Angst mit der Gestapo, da holt man immer noch einmal die alte Platte vom Bolschewistenschreck aus der Rumpelkammer, da spricht man von der entsetzlichen Rache, die das ganze deutsche Volk für die Taten der bisherigen Regierenden über sich werde ergehen lassen müssen. Man will uns Angst vor der Zukunft einflößen.

Mögen sich diejenigen weiter belügen lassen, die zu schwach sind, die Wahrheit zu erfahren. Mögen diejenigen weiter untätig bleiben, die zu träge sind, die Wahrheit zu suchen. Alle Verantwortungsbewussten müssen mit den Tatsachen rechnen: Ein Endsieg des nationalsozialistischen Deutschland ist nicht mehr möglich. Jeder kriegverlängernde Tag bringt nur neue unsagbare Leiden und Opfer. Jeder weitere Kriegstag vergrößert nur die Zeche, die am Ende von Allen bezahlt werden muss. […]

Was kann der Einzelne tun, um seinen Willen zur Geltung zu bringen? Jeder muss Sorge tragen, dass er – wo immer er kann – das Gegenteil von dem tut, was der heutige Staat von ihm fordert. […] Die Wahrheit über die wirkliche Lage muss ins Volk dringen. Lasst darum keine Gelegenheit vorübergehen, der Propaganda entgegenzutreten. […] Wendet Euch gegen die Fortsetzung eines Krieges, der im besten Falle nicht das Reich allein, sondern den ganzen Kontinent zum Trümmerfeld macht. […]"

Flugschrift von Harro Schulze-Boysen unter Mitarbeit von John Sieg, im Februar 1942 in mehreren hundert Exemplaren in Berlin versandt, Bundesarchiv

Warnung vor Angriffskrieg gegen die Sowjetunion

Ab Beginn der 1940er Jahre hatten Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen Kontakt zum sowjetischen Nachrichtendienst in Berlin aufgenommen. Harnack und Schulze-Boysen sollen diesem Mitte 1941 konkrete Informationen über Angriffspläne Hitlers auf die zu dieser Zeit noch mit dem Deutschen Reich verbündete Sowjetunion übermittelt haben. Der sowjetische Staatschef Josef Stalin höchstpersönlich soll den Informationen nicht geglaubt haben. Am 21. Juni 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion ein.

Was und wie viel Harnack und Schulze-Boysen tatsächlich der sowjetischen Seite berichteten, war in der historischen Forschung lange umstritten. Ein durchgängiger Kontakt kam wohl nicht zustande. Klar ist jedoch: Der Kontakt mit Moskau wurde der Widerstandsgruppe zum Verhängnis – im Sommer 1942 fing die deutsche Militärabwehr einen sowjetischen Funkspruch ab, in dem Harro Schulze-Boysen mit Klarnamen benannt wurde.

Durch sowjetischen Funkspruch enttarnt

Andere Mitglieder der "Roten Kapelle" wurden ebenfalls rasch entdeckt. Zwischen August 1942 und Frühjahr 1943 verhaftete die Gestapo 126 angebliche Kollaborateure, die sie der Gruppe zurechnete. Sie wurden wegen "Spionage", "Vorbereitung zum Hochverrat" oder "Feindbegünstigung" vom Volksgerichtshof zum Tod oder zu hohen Haftstrafen verurteilt. Der 1943 eingerichtete Volksgerichtshof war im Nationalsozialismus ein politisches Gericht, das vor allem Prozesse gegen politische Gegner des NS-Regimes fällte. Insgesamt hat der Volksgerichtshof bis 1945 5.200 Todesurteile gesprochen.

Am 22. Dezember 1942 wurden Harro Schulze-Boysen, seine Frau und Mitkämpferin Libertas, Arvid Harnack sowie acht weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Viele weitere wurden in den Wochen und Monaten darauf ermordet, darunter Harnacks Frau Mildred. Nur wenige überlebten.

Erinnerungspolitik und geteiltes Gedenken an die "Rote Kapelle"

Das Gedenken an die sogenannte "Rote Kapelle" war über Jahrzehnte von der ideologischen Gegnerschaft des Kalten Krieges geprägt. In der Bundesrepublik wurden die Mitglieder der "Roten Kapelle" noch Jahrzehnte nach Kriegsende als kommunistische "Vaterlandsverräter" diffamiert. Viele westdeutsche Historiker hatten die Widerständler als Spionageorganisation im Dienste des Feindes eingeordnet. Die DDR-Geschichtsschreibung dagegen idealisierte und instrumentalisierte die "Rote Kapelle" als antifaschistische Helden und stellte die eigentlich lose Gruppierung als straff organisierte kommunistische Kadergruppe dar, die Moskaus Befehle ausführte.

Der neueren Forschung zufolge jedoch gehörten neben Kommunisten und Sozialdemokraten auch viele bürgerliche Regimegegner dem Netzwerk an. Neben einer großen Zahl an Künstlern und Intellektuellen konspirierten in der Widerstandsgruppe auch Beamte und Militärs sowie Studenten, Ärzte und Arbeiter.


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