Blick auf den Erdball vom Weltall aus. Im Zentrum des Betrachters ist die nördliche Halbkugel zu sehen. Sie ist kaum von Wolken bedeckt. Im Westen liegt der amerikanisch Kontinent, im Osten liegt Europa. Dazwischen leuchtet blau der Ozean Atlantik.

27.9.2019

Vor 30 Jahren: Ausreise aus der Prager Botschaft

Am 30. September 1989 verkündete Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag die Ausreisegenehmigung für Tausende DDR-Flüchtlinge. Es war ein Meilenstein auf dem Weg zum Mauerfall.

Ausreisewillige DDR-Bürger kampieren im Herbst 1989 vor der bundesdeutschen Botschaft in Prag.Ausreisewillige DDR-Bürger kampieren im Herbst 1989 vor der bundesdeutschen Botschaft in Prag. (© picture-alliance, ZB/ dpa-Report)

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." lautet der wohl berühmteste unvollendete Satz im Vorfeld des Mauerfalls am 9. November 1989. Die übrigen Worte des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher gingen im Jubelsturm unter. Mehr als 4.000 DDR-Flüchtlinge lagen sich an diesem Abend des 30. September 1989 in der westdeutschen Botschaft in Prag vor Freude in den Armen. Einige von ihnen hatten dort seit Wochen ausgeharrt, um nach Westdeutschland auszureisen.

Flucht in westdeutsche Botschaften

Bereits seit Mitte der 1980er Jahre hatten sich immer mehr DDR-Bürgerinnen und -Bürger in bundesdeutsche Botschaften in den Ländern des Ostblocks, vor allem in Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei, geflüchtet, um ihre Ausreise in den Westen durchzusetzen.

Die Ausreisewilligen harrten etwa in Prag, Budapest, Warschau, aber auch in Ost-Berlin aus. Einige der Botschaftsbesetzer/-innen wurden von der Bundesrepublik freigekauft. Der Großteil kehrte jedoch in die DDR zurück, nachdem die DDR-Behörden ihnen Straffreiheit und die Genehmigung ihrer Ausreiseanträge zugesichert hatten. 1989 waren bereits mehrere Tausend Ostdeutsche über Ungarn in den Westen geflohen, erst über die grüne Grenze - durch Wälder und über Felder -, später über die offiziellen Grenzübergänge zwischen Ungarn und Österreich. Ungarn hatte bereits am 10. September 1989 offiziell seine Grenze für DDR-Bürger/-innen geöffnet.

Im Sommer 1989 erreichte die Zahl der Flüchtlinge in den bundesdeutschen Botschaften einen neuen Höhepunkt. Auf dem Gelände der Prager Botschaft im Palais Lobkowicz hielten sich bis Mitte August bereits über 120 Menschen auf, am 22. August musste die Botschaft wegen Überfüllung für den Publikumsverkehr geschlossen werden. Jeden Tag stiegen mehr Menschen über den bis zu vier Meter hohen Zaun.

Quellentext

Stasi-Bericht vom 9. September '89 über Ausreisemotive

Die überwiegende Anzahl dieser Personen wertet Probleme und Mängel an der gesellschaftlichen Entwicklung, vor allem im persönlichen Umfeld, in den persönlichen Lebensbedingungen und bezogen auf die so genannten täglichen Unzulänglichkeiten, im Wesentlichen negativ und kommt, davon ausgehend, insbesondere durch Vergleiche mit den Verhältnissen in der BRD und in Westberlin, zu einer negativen Bewertung der Entwicklung in der DDR.

Die Vorzüge des Sozialismus, wie zum Beispiel soziale Sicherheit und Geborgenheit, werden zwar anerkannt, im Vergleich mit aufgetretenen Problemen und Mängeln jedoch als nicht mehr entscheidende Faktoren angesehen. [...] Das geht einher mit der Auffassung, dass die Entwicklung keine spürbaren Verbesserungen für die Bürger bringt, sondern es auf den verschiedensten Gebieten in der DDR schon einmal besser gewesen sei. Derartige Auffassungen zeigen sich besonders auch bei solchen Personen, die bisher gesellschaftlich aktiv waren, aus vorgenannten Gründen jedoch "müde" geworden seien, resigniert und schließlich kapituliert hätten. [...]
Diese Personen gelangen in einem längeren Prozess zu der Auffassung, dass eine spürbare, schnelle und dauerhafte Veränderung ihrer Lebensbedingungen, vor allem bezogen auf die Befriedigung ihrer persönlichen Bedürfnisse, nur in der BRD oder Westberlin realisierbar sei. [...]
Als wesentliche Gründe/Anlässe für Bestrebungen zur ständigen Ausreise bzw. das ungesetzliche Verlassen der DDR - die auch in Übereinstimmung mit einer Vielzahl von Eingaben an zentrale und örtliche Organe/Einrichtungen stehen - werden angeführt:
  • Unzufriedenheit über die Versorgungslage;
  • Verärgerung über unzureichende Dienstleistungen;
  • Unverständnis für Mängel in der medizinischen Betreuung und Versorgung;
  • eingeschränkte Reisemöglichkeiten innerhalb der DDR und nach dem Ausland;
  • unbefriedigende Arbeitsbedingungen und Diskontinuität im Produktionsablauf;
  • Unzulänglichkeiten/Inkonsequenz bei der Anwendung/Durchsetzung des Leistungsprinzips sowie Unzufriedenheit über die Entwicklung der Löhne und Gehälter;
  • Verärgerung über bürokratisches Verhalten von Leitern und Mitarbeitern staatlicher Organe, Betriebe und Einrichtungen sowie über Herzlosigkeit im Umgang mit den Bürgern;
  • Unverständnis über die Medienpolitik der DDR. [...]
Diese Argumentation erfährt ihre Zuspitzung durch den Verweis darauf, dass die Besitzer von Devisen [...] im Wesentlichen alles erwerben könnten. Es wird Kritik am so genannten doppelten Währungssystem, an Intershops, Valutahotels und an "Privilegien" für Devisenbesitzer geübt. [...]
Im untrennbaren Zusammenhang damit wirken aktuelle Entwicklungstendenzen in anderen sozialistischen Staaten, insbesondere in der Ungarischen Volksrepublik, Volksrepublik Polen und der Sowjetunion, durch die in beachtlichem Umfang Zweifel an der Einheit, Geschlossenheit und damit der Stärke der sozialistischen Staatengemeinschaft entstanden sind, die zunehmend auch zu Zweifeln an der Perspektive und Sieghaftigkeit des Sozialismus überhaupt führen.

Arnim Mitter, Stefan Wolle (Hg.), Ich liebe euch doch alle. Befehle und Lageberichte des MfS, Berlin 1990, S. 141 ff.

Diplomatische Vermittlung

Die angespannte Situation in den westdeutschen Botschaften führte dazu, dass die BRD-Regierung stärkeren Druck auf die DDR-Führung ausübte, in der Flüchtlingsfrage einzulenken.

Am Rande der UN-Vollversammlung in New York setzte sich der damalige Außenminister der Bundesrepublik, Hans-Dietrich Genscher (FDP), für eine schnelle Lösung ein und forderte eine Ausreise der Flüchtlinge ohne Umwege in die Bundesrepublik. Unterstützung erhielt er schließlich von seinem sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse. Der DDR-Außenminister Oskar Fischer pochte hingegen auf eine vorübergehende Rückkehr der Botschaftsbesetzer/-innen in die DDR, um die Souveränität seines Staates zu wahren.

Überraschender Kompromiss

Doch dann ließ sich die Führung in Ost-Berlin überraschend auf einen Kompromiss ein: Die Flüchtlinge sollten in Sonderzügen über DDR-Territorium in den Westen ausreisen. Damit wollte die SED-Führung den Anschein wahren, die Ausreisenden offiziell auszuweisen. Der Ständige Vertreter der DDR, Horst Neubauer, überbrachte Genscher diese Nachricht nach dessen Rückkehr aus New York. An dem Treffen am Morgen des 30. Septembers im Bonner Kanzleramt nahm auch der damalige Kanzleramtschef Rudolf Seiters teil, der für die deutsch-deutschen Verhandlungen in der Flüchtlingsfrage mitverantwortlich war. Im Anschluss flogen Genscher und Seiters nach Absprache mit Bundeskanzler Helmut Kohl unverzüglich nach Prag.

Außenminister Gescher und Kanzleramtsminister Seiters werden gleich bei ihrer Ankunft in Prag von Journalisten belagert.Außenminister Genscher (rechts) und Kanzleramtsminister Seiters bei ihrer Ankunft in Prag. (© AP Photo / Dieter Endlicher)
Als Genscher am 30. September um kurz vor 19 Uhr den Balkon der Prager Botschaft betrat, befanden sich über 4.000 Flüchtlinge auf dem Gelände. Sie hatten zum Teil seit Wochen auf dem matschigen Gelände kampiert. Dann erklärte Genscher, dass ihre Ausreise genehmigt wurde und sie in Sonderzügen durch die DDR in die Bundesrepublik gebracht würden. Nachdem das Wort „Ausreise“ gefallen war, brachen die Menschen in Jubelschreie aus. Zunächst waren viele der Geflüchteten besorgt, dass die Züge auf dem Gebiet der DDR doch angehalten werden könnten. Die westdeutschen Diplomaten garantierten ihnen jedoch eine sichere Durchreise und entsendete Botschaftsmitarbeiter, um die Züge zu begleiteten.

Mit Sonderzügen in den Westen

Noch am Abend des 30. September wurden die ersten Flüchtlinge mit Bussen zum Bahnhof Praha-Libeň gebracht. Wie mit der DDR-Führung vereinbart, ging ihre Fahrt über Dresden in das bayerische Hof, wo der erste Sonderzug am Morgen des 1. Oktober eintraf.

Das Bild zeigt die Ankunft von DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft am 5. Oktober 1989 in Hof (Bayern). Menschen winken aus den Zugfenstern und am Bahnsteig stehen viele Leute, die sie willkommen heißen.Ankunft der Flüchtlinge aus der Prager Botschaft am 5. Oktober 1989 in Hof (Bayern). (© picture-alliance/dpa)
Dem historischen Balkonauftritt Genschers und der Ausreise der DDR-Bürger/-innen folgten weitere Ausreisewellen. Am 3. Oktober befanden sich erneut mehr als 5.000 Menschen auf dem Gelände der Prager Botschaft und weitere 2.000 auf dem Vorplatz. Auch ihnen wurde die Ausreise gewährt. Bei der Durchfahrt der Sonderzüge durch Dresden ereigneten sich zum Teil dramatische Szenen. Menschen versuchten auf die Züge aufzuspringen, weil sie ihre Chancen auf eine Ausreise auf anderen Wegen schwinden sahen: Die DDR-Führung hatte die Grenzen zur Tschechoslowakei kurzfristig geschlossen, um weitere Ausreisen unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 zu verhindern. Am 3. November wurde den Bürgerinnen und Bürgern der DDR die direkte Ausreise aus der Tschechoslowakei in den Westen erlaubt. Sechs Tage später, am 9. November, fiel die Berliner Mauer.

Mehr zum Thema:



Dossier

Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Dossier

Lange Wege der Deutschen Einheit

Schockartige Umwälzungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und persönlichen Lebensumständen: Welche Folgen brachte der Systemumbruch mit sich? Und wie verläuft seitdem der Einigungsprozess in Ost und West?

Mehr lesen

Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur

In der DDR gab es keine freien Medien, die Bevölkerung nutzte oft westdeutsche Sender zur Information. Mehr als 30 Magazinbeiträge der Sendung "Kontraste" aus den Jahren 1987 bis 2001 dokumentieren den Prozess der deutschen Einheit.

Mehr lesen

Ostzeit

Die Fotografen der Agentur Ostkreuz erzählen in ihren Bildern Geschichten aus einem vergangenen Land – authentisch und ungeschönt. Sie zeigen den Alltag, die Arbeit und die Menschen hinter der DDR.

Mehr lesen

Online-Angebote

Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Jugendopposition in der DDR

Ausgezeichnet mit Grimme Online Award: Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Videos, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Wir waren so frei...

Internetarchiv mit fast 7.000 privaten Filmen und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitenden Erinnerungstexten. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

HanisauLand

Berliner Mauer

Am 9. November 1989 ist die Mauer, die Ost-Berlin von West-Berlin seit dem 13. August 1961 trennte, gefallen. Endlich! Das hatten sich viele, viele Menschen lange gewünscht. Und knapp ein Jahr später war Deutschland wieder vereinigt. Wir geben euch einen kurzen Überblick über die Geschichte der Mauer - bis sie fiel.

Mehr lesen auf hanisauland.de

Unternehmen Sie mit der Mauer-App eine interaktive Tour durch die Geschichte der Berliner Mauer.
Smartphone-App

Die Berliner Mauer

28 Jahre, zwei Monate und 28 Tage teilte die Berliner Mauer Ost- und West-Berlin. Die App von "Chronik der Mauer" macht die Geschichte der Berliner Mauer von Mauerbau bis Mauerfall erlebbar, mit Fotos, Videos, Texten, Tondokumenten und geführten Mauertouren.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de