Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

11.8.2014 | Von:
Guido Zinke

Wie bilden sich (Tarif-)Löhne?

Wie sich Löhne bilden, welchen Einfluss das sogenannte Insider-Outsider-Phänomen auf die Lohnbildung und mögliche Arbeitslosigkeit hat, wie sich Tarifauseinandersetzungen gestalten, wie tarifliche Vereinbarungen durchgesetzt werden und mit welchen Herausforderungen der Tarifertrag heute konfrontiert ist, stellen die folgenden Ausführungen vor.

Gebäudereiniger bei der ArbeitGebäudereiniger bei der Arbeit (© AP)


Wie bilden sich (Tarif-)Löhne?

Die Lohnbildung ist ein wichtiger Prozess für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Er qualifiziert in seiner Höhe die Knappheit des Produktionsfaktors Arbeit. Nicht allein, sondern im Zusammenspiel mit den weiteren Faktorpreisen Zins (für den Produktionsfaktor Kapital) und Bodenrente (Boden), ist daher die Höhe der Löhne eine entscheidende Determinante der betriebswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Unternehmens bzw. ein volkswirtschaftlicher Entwicklungsparameter einer Region, einer Branche oder eines ganzen Landes.

Freie Lohnbildung: Das theoretische Grundgerüst

Existieren kein Mindestlohn oder sonstige Regulierungen des Arbeitsmarktes, ist der Lohn, also die Höhe der Vergütung des Arbeitnehmers durch den Arbeitgeber, gemäß des Grundsatzes der Vertragsfreiheit völlig frei gestalt und offen vereinbar. Entscheidend für die Höhe der Vergütung sind die Qualität der Angebotsseite (Qualifikation, berufliche Erfahrungen und weitere Eigenschaften des Arbeitnehmers) und der Nachfrageseite (Arbeitsplatzbedingungen, die der Arbeitgeber anbietet) - sowie die aus diesem Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage resultierende Marktsituation. Dazu stelle man sich einen Arbeitsmarkt vor,
  • auf dem vollkommener Wettbewerb und vollständige Konkurrenz herrscht,
  • ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage gefunden wird,
  • ein funktionierender Preismechanismus existiert und deshalb
  • Markträumung möglich ist
In einer solchen Situation kann es zu einer völlig freien Lohnbildung kommen. Das vollkommene Wechselspiel von Angebot und Nachfrage sorgt dafür, dass leistungsgerechte Löhne angeboten und auch gezahlt werden, schafft Vollbeschäftigung und sichert daher die volkswirtschaftliche Effizienz. Auf diesem Arbeitsmarkt wären die Arbeitnehmer in der Lage, zwischen Freizeit und Arbeitszeit abzuwägen, hieraus einen exakten Lohn zu finden und diesen auch gegenüber den Arbeitgebern durchzusetzen. Letztere würden wiederum den "richtigen" Preis akzeptieren. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, dann stellt sich durch den Prozess der freien Lohnbildung Vollbeschäftigung ein. Gleichzeitig sind die Unternehmen in der Lage auf dem vollkommenen Gütermarkt ihre Produktionsleistung abzusetzen, somit Auslastung für ihre Beschäftigten zu schaffen und dadurch die Lohnsätze zu zahlen.

Die folgende Grafik illustriert den Prozess der freien Lohnbildung zwischen Arbeitsnachfrage (durch die Arbeitgeber) und Arbeitsangebot (durch die Arbeitnehmer) auf diesem Arbeitsmarkt. Dargestellt ist das Gleichgewicht im Punkt A, in dem sich die Arbeitsnachfrage- und -angebot bei einem Reallohnsatz von W0 kreuzen. An diesem Punkt sind sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber über Umfang der Arbeit (A0) und Entlohnung (W0) einig. Der Lohnmechanismus funktioniert also. Gesamtwirtschaftlich besteht in Punkt A eine Vollbeschäftigung.

Freie Lohnbildung zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot auf einem vollkommenen ArbeitsmarktFreie Lohnbildung zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot auf einem vollkommenen Arbeitsmarkt (PDF-Icon Grafik zum Download 51 KB) (© bpb)


Diese Situation könnte sich im Zeitverlauf natürlich ändern. Zum Beispiel, weil sich das Arbeitsangebot vergrößert (AS1), da das unveränderte Potenzial Arbeitskräfte entscheidet, Freizeit zu Gunsten einer größeren Arbeitszeit zu reduzieren oder weil schlichtweg die Zahl der Arbeitskräfte steigt. In beiden Fällen käme es zu einer Ausweitung des Arbeitspotenzials, wodurch sich die Arbeitsangebotskurve nach rechts von AS0 auf AS1 verschiebt. Dies würde – bei gleichbleibendem Lohnsatz W0 - zunächst zu einer unfreiwilligen Arbeitslosigkeit im Umfang der Strecke AB führen. Denn die Arbeitgeberseite steigert nicht ihre Nachfrage zum konstanten Lohn. Es werden keine weiteren Beschäftigungsverhältnisse aufgebaut. Die hieraus resultierende Arbeitslosigkeit wird deshalb einen Lohndruck auslösen, der zu einem neuen gleichgewichtigen Reallohnsatz W1 führt. Durch das Absinken des Reallohnsatzes wurde die Arbeitsnachfrage wieder ausgeweitet. Auf diese Weise würde die Arbeitslosigkeit abgebaut, der Arbeitseinsatz auf A1 gesteigert und gleichzeitig der Reallohnsatz auf W1 gesenkt werden. Aus einer weiteren Ausweitung des Arbeitspotenzials sind daher auch weiter sinkende Reallohnsätze zu erwarten, um eine gleichgewichtige Situation zu erreichen.

Tariflohnbildung: Lohnfixierung als Ergebnis von Tarifverhandlungen

Der Prozess der freien Lohnbildung unterstellt, dass ein vollkommener Arbeitsmarkt besteht und jeder Marktakteur (Arbeitnehmer und Arbeitgeber) hinreichend informiert ist, vollständig rational entscheidet und flexibel agiert. Auf diesem Wege kommt es zu einem Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot. Also zu einer Situation, die in der Realität nur selten anzufinden ist.

Auf Arbeitsmärkten bestehen zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite erhebliche Machtasymmetrien, da typischerweise eine strukturelle Unterlegenheit einzelner Arbeitnehmer gegenüber den Unternehmen besteht. Diese asymmetrischen Konstellationen führen im Rahmen einer uneingeschränkten Vertragsfreiheit zu einem ständigen Absinken der Löhne. Um die Rolle der Arbeitnehmer zu stärken, entwickelte sich im Zeitverlauf das tarifpolitische Instrumentarium heraus. In Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften, die die Angebotsseite vertreten und Arbeitgeberverbänden bzw. einzelnen Unternehmen, wird das Machtungleichgewicht zwischen Arbeitsnachfrage und –angebot minimiert. Deren Ergebnisse werden in verbindlichen Tarifverträgen zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite festgelegt. Zwar sind diese in erster Linie nur für Gewerkschaftsmitglieder wirksam aber sie gewinnen nicht selten durch die Allgemeinverbindlichkeitserklärung eine gesamtwirtschaftliche Wirkung.

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Autor: Guido Zinke für bpb.de
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