Demografischer Wandel

26.9.2018 | Von:
Olga Pötzsch

"Die Vorausberechnung ist keine Zukunftsvision"

Die Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes prägt entscheidend die Demografie-Debatte mit. Olga Pötzsch gehört zum Autorenteam. Sie erklärt, warum die Vorausberechnung nicht die Zukunft vorhersagen muss. Sicher ist sie sich, dass die deutsche Bevölkerung immer älter wird. Ab wann wir schrumpfen? Das sei unklar und hänge von verschiedenen Faktoren ab.

Statistisches Bundesamt WiesbadenSeit 1966 veröffentlicht das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die Bevölkerungsvorausberechnung. Die Ergebnisse sind keine Prognosen, sondern lediglich Wenn-Dann-Aussagen. Über die Aussagekraft der Vorausberechnung wird diskutiert. (© picture-alliance/dpa)

bpb.de: Seit 1966 veröffentlicht das Statistische Bundesamt die Bevölkerungsvorausberechnung. Aktuell liegt die 13. Vorausberechnung vor. Frau Pötzsch, was genau ist das? Eine Art Prognose oder Voraussage, wie sich die deutsche Bevölkerung entwickelt?

Olga PötzschOlga Pötzsch, Statistisches Bundesamt (© Statistisches Bundesamt)
Olga Pötzsch: Es ist weder eine Prognose noch eine Voraussage. Eine langfristige Vorausberechnung liefert Wenn-Dann-Aussagen und zeigt, wie sich Bevölkerungszahlen unter bestimmten Annahmen entwickeln würden.

Das heißt, es ist keine Zukunftsvision. Hier gibt es oft ein Missverständnis. Vermutlich, weil wir mit einer Berechnung von Zukunftsszenarien eine Sonderstellung in der amtlichen Statistik einnehmen. Dennoch: Unsere Vorausberechnung muss die Zukunft nicht vorhersagen, sondern sie schreibt – und zwar statistisch fundiert – demografische Strukturen fort.

Sie selbst gehören zum Autorenteam der aktuellen Vorausberechnung. Wie gehen Sie bei dieser Arbeit vor? Welche Daten nutzen Sie zum Beispiel?

Wir nutzen unterschiedliche Datenquellen. Zum einen die Bevölkerungszahlen nach Alter und Geschlecht, Angaben zu Geburten und Sterbefällen sowie Daten zur Zu- und Abwanderung. Außerdem ist ein großer Teil unserer Arbeit die Analyse der langfristigen Entwicklungen im Geburtenverhalten, in der Sterblichkeit und Migration [Diese Faktoren werden ausführlich erklärt in der Dossier-Einführung "Die demografische Entwicklung in Deutschland", Anm. d. Red.].

Für die Vorausberechnung unterscheiden wir zwischen kurzfristigen Veränderungen einerseits und mittel- und langfristigen Trends andererseits. Denn für die Vorausberechnung ist nur wichtig, was wirklich zukunftsweisend ist. Das heißt, bei bestimmten Ausreißern, wie zum Beispiel sehr hohen Zuwanderungszahlen in einem einzelnen Jahr, müssen wir gut abwägen, ob sie für einen Trend wirklich bedeutsam sind.

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Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht seit 1966 in unregelmäßigen Abständen die mit den Statistischen Landesämtern koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Zurzeit liegt die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung vor, die für Deutschland die mögliche Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2060 zeigt. Zugrunde liegt der Bevölkerungsbestand am 31. Dezember 2013, der sich wiederum auf die Fortschreibung des Zensus 2011 stützt. Die Ergebnisse im Überblick finden sich hier (PDF, 66 Seiten).

Die Vorausberechnungen arbeiten mit verschiedenen Varianten: Zum Beispiel mit der Annahme „schwächere Zuwanderung“ beziehungsweise „stärkere Zuwanderung“. Die starke Zuwanderung nach Deutschland in den Jahren 2014 und vor allem 2015 führte dazu, dass eine Teilaktualisierung der Vorausberechnung nötig war. Ergänzend zu den Gesamtergebnissen (PDF, 325 Seiten) gibt es deshalb die aktualisierte Annahme der Variante "Kontinuität bei stärkerer Zuwanderung" (Exceldokument).

Dieses Abwägen klingt schwierig. Sie arbeiten in der Bevölkerungsvorausberechnung mit acht Varianten. Ist das der Grund dafür?

Es können acht, aber auch mehr Varianten sein. Und ja, die Varianten gibt es, eben weil es nicht die EINE wahrscheinliche Entwicklung gibt. Die Zukunft ist letztlich unbekannt. Auch wenn wir davon ausgehen, dass wir anhand unseres Wissens und den Daten, die uns vorliegen, die Trends relativ gut und sicher ableiten können, können bestimmte Entwicklungen neu auftreten.

Die Ergebnisse der Bevölkerungsvorausberechnung sind auch nicht in Stein gemeißelt. Wir aktualisieren regelmäßig – als Antwort darauf, dass sich Trends verändern können.

Sie sagen, die Zukunft ist unbekannt. Ich versuche es trotzdem mit zwei Aussagen zur Bevölkerungsentwicklung: Wir werden älter und wir werden weniger. Stimmt das?

Zumindest die Alterung steht außer Frage. Denn diese liegt stark begründet in unserer aktuellen Altersstruktur. Die Menschen sind schon da; die Jahrgänge im mittleren Alter sind stark besetzt. Das heißt, die Entwicklung hängt weniger von bestimmten Annahmen ab, sondern von der bestehenden Altersstruktur. Einer unserer zentralen Befunde ist, dass die Zahl der Hochaltrigen in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich steigen wird. Man kann relativ sicher schon jetzt sagen, dass sich die Zahl der 80-Jährigen und Älteren von derzeit knapp fünf auf zehn Millionen bis 2050 verdoppeln wird. Oder es lässt sich sagen, dass künftig generell deutlich mehr Menschen im Rentenalter sein werden. Wahrscheinlich ist auch, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, wenn wir dieses mit 20 bis 65 Jahren abgrenzen, zurückgehen wird – trotz hoher Zuwanderung. Außerdem muss damit gerechnet werden, dass ab 2020 die Zahl der potenziellen Mütter sinken wird.

Wann jedoch das Schrumpfen der Bevölkerung einsetzt, das ist eine Frage, die momentan ziemlich in den Sternen steht. Zwischen 2003 und 2010 hat die Bevölkerungszahl abgenommen. Der Wanderungssaldo konnte die zahlenmäßige Differenz zwischen den geborenen und den gestorbenen Menschen nicht kompensieren. Seit 2012 wird diese Lücke durch die Zunahme der Nettozuwanderung geschlossen und die Bevölkerung wächst. Wie lange dieser Zustand anhält, ist offen. Nach unserer letzten Berechnung wird die Bevölkerungszahl bis 2025 stabil sein; wenn der Wanderungssaldo noch länger sehr hoch bleibt, dann vielleicht noch darüber hinaus. Aber auf längere Sicht wird die Bevölkerung schrumpfen.

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Wanderung

Bevölkerungszahlen verändern sich durch Geburten und Sterbefälle. Aber sie verändern sich auch, weil Menschen nach Deutschland kommen oder aus Deutschland ins Ausland gehen. Wanderungssaldo bezeichnet die Differenz zwischen den Zuzügen nach Deutschland und den Fortzügen ins Ausland. Nettozuwanderung bedeutet, dass in einem bestimmten Zeitraum mehr Menschen nach Deutschland gekommen als fortgegangen sind. Mehr Zahlen zur Wanderung hat das Statistische Bundesamt.

Dieses "auf längere Sicht" ist schwierig. Die aktuelle Vorausberechnung gilt bis 2060. Das wäre vergleichbar damit, dass jemand 1973 die Bevölkerungszusammensetzung 2018 hätte beschreiben sollen. 1973 wusste man aber nicht, dass es die Wiedervereinigung geben wird. Oder dass wir 2015 eine Nettozuwanderung von 1,1 Millionen Menschen haben, also ein starkes Zuwanderungsplus. Warum streben Sie mit der Bevölkerungsvorausberechnung trotzdem so einen langen Zeithorizont an?

Eben weil es keine Prognose ist. Das Ziel ist eben nicht, die Zukunft genau vorauszusagen. Die demografischen Prozesse haben große Kraft, aber sie entwickeln ihre Wirkung sehr langsam, sodass sich das volle Ausmaß ihres Einflusses erst nach 30 bis 60 Jahren vollständig entfaltet und sichtbar wird. Deshalb kann eine Bevölkerungsvorausberechnung erst dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie entsprechend lange Zeiträume umfasst.

So konnten wir Anfang der 2000er-Jahre aufzeigen, welche Ungleichheiten sich innerhalb der Altersstruktur ergeben, wenn die damals noch 33- bis 43-Jährigen – also die sogenannte Babyboomer-Generation – in 30 Jahren ins Rentenalter wechseln würden. Das geht nur, wenn man sich solche Entwicklungen lange im Voraus anschaut [Als Babyboomer werden die geburtenstarken Jahrgänge 1954 bis 1969 bezeichnet; in diesen Jahren wurden jeweils über 1,1 Millionen Kinder geboren, Anm. d. Red.]. Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Punkt: Wenn aufgrund der Vorausberechnung heute absehbare Trends durch politische Gegensteuerung abgemildert oder gar nivelliert werden, muss die Realität zwangsläufig von der Vorausberechnung abweichen. Das betrifft zum Beispiel die politischen Entscheidungen der letzten 15 Jahre, wie die Anhebung des Renteneintrittsalters, das Elterngeld, den Ausbau der Kleinkindbetreuung sowie den ganzen Diskurs über die Geburtenentwicklung. Diese Entscheidungen und Diskurse wären vielleicht gar nicht zu Stande gekommen, wenn es keine langfristigen Vorausberechnungen gäbe.

Da drin steckt aber auch ein Dilemma für Bevölkerungsforscher. Sie sind da ganz klar und sagen, dass Sie mit der Vorausberechnung nicht die Zukunft beschreiben. In der öffentlichen Diskussion über Demografie stecken aber auch Angst und Unsicherheit. Wie lässt sich sicherstellen, dass die Vorausberechnung nicht von der Politik genutzt wird oder von den Medien als Aufregerthema?

Solch einen Alarmismus haben wir vor allem Anfang der 2000er-Jahre gespürt, als Auswirkungen des demografischen Wandels auf die sozialen Sicherungssysteme in den Fokus der politischen Diskussion rückten. Das war auch der Tatsache geschuldet, dass über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte die Warnungen der Demografen nicht wahrgenommen wurden. Die Vorausberechnungen gibt es ja schon sehr lange, sie wurden aber ignoriert.

In den letzten Jahren hat sich die Bevölkerungsentwicklung eher stabilisiert. Unsere Vorausberechnungen zeigen aber, dass damit noch nicht alle Probleme gelöst sind.

Die Herausforderung für uns ist, richtige Signale zu senden. Wir müssen die Situation möglichst genau analysieren, um zu zeigen, was sind tatsächliche Trends. Im Idealfall kann die Politik solch eine fundierte Vorausberechnung nutzen, um daran ihr Handeln auszurichten. Sie kann Entwicklungen gegensteuern oder sie fördern.

Das Interview führte Sonja Ernst.

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Autor: Olga Pötzsch für bpb.de
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