Dossier Familienpolitik
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Mütter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche


16.9.2014
Was ist eigentlich heutzutage eine "gute" Mutter? Die Assoziationen sind facettenreich und bewegen sich zwischen Mythos und Alltag. Mütter sollen beispielsweise fürsorglich sowie aufopferungsvoll sein und für ihre Kinder die eigene Berufstätigkeit aufgeben. Mutterleitbilder haben eine lange Tradition, sie sind historisch gewachsen und in allen Kulturen mit besonderen Eigenschaften verbunden.

Mutter sitzt mit ihrem Baby am Schreibtisch, auf dem ein Computer stehtViele Mütter arbeiten heute und sind häufig einer Doppelbelastung ausgesetzt, nämlich Beruf und Fürsorge der Kinder parallel zu stemmen. Auch die Gesellschaft hat bestimmte Vorstellungen von "guten" Müttern. Solche Leitbilder sind jedoch nicht zementiert, sondern wandeln sich. (© picture-alliance/dpa)

Zumeist scheinen Frausein und Muttersein mit der Vorstellung von Fürsorglichkeit und Häuslichkeit eng verknüpft: In der griechischen Mythologie gibt es die Göttin Hestia, Hüterin des heiligen Feuers, d. h. Göttin von Heim und Herd. Hier spiegelt sich die (weit verbreitete) gesellschaftliche Zuschreibung der Hausarbeit als eine Tätigkeit, die "typischerweise" Frauen erledigen. Neben der Fürsorglichkeit ist auch die Fruchtbarkeit Bestandteil der Definition von Weiblichkeit: In der Kunst z. B. werden Frauen häufig als Fruchtbarkeitsgöttinnen dargestellt, in einigen Kulturen erlangen Frauen durch die Mutterschaft ein höheres soziales Ansehen. Auch in politischen Ideologien wie im Mutterkult der Nazi-Zeit (z.B. Mutterkreuz für Frauen, die mindestens vier Kinder geboren hatten) wird die Mutter in besonderer Weise hervorgehoben.

Jenseits dieser historischen Dimension ist die Mutterrolle auch in der heutigen Zeit in der Medienlandschaft stark präsent: Mütter werden besonders in der TV-Werbung vielfach als perfekt organisierte und attraktive Familienmanagerinnen inszeniert, gleichermaßen vielfach medial berichtet werden tagespolitische Debatten über das Betreuungsgeld, die Wirkung des Elterngeldes oder über den Ausbau der Krippen- und Kindergartenplätze, die von den verschiedenen politischen Lagern zum Teil mit wertenden Kommentaren in die Bevölkerung hineingetragen werden. Die Frage, was eine "gute Mutter" bedeutet, ist eine ganz und gar persönliche Frage. Jedoch ist sie, wie die erwähnten kulturhistorischen, politischen und medialen Beispiele zeigen, auch eine gesamtgesellschaftliche, von der sich Einzelne schwer lösen können. Und daher sehen sich (werdende) Mütter, aber auch Frauen generell, ob mit oder ohne Kinderwunsch, im Kontext der gesellschaftlichen Definition von Frausein und Muttersein mit vielen Fragen und einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung konfrontiert. Gesellschaftliche Leitbilder, persönliche Wünsche und die Rahmenbedingungen, die Lebensrealität, in denen Frauen und Mütter sich befinden, hängen zusammen und führen zu vielschichtigen Herausforderungen. Wie die genannten Aspekte miteinander wirken, soll nachfolgend erläutert werden.

Leitbilder der Familie sind Normalitätsvorstellungen



Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung davon, wie eine Familie im "Normalfall" aussehen kann. "Normal" ist zunächst das Selbstverständliche, Unhinterfragte, von dem ausgegangen wird, dass es meist oder immer der Fall und unter Umständen sogar unumgänglich sei. Und dementsprechend haben Menschen ein Bild im Kopf, wie eine dazu gehörige Mutter idealerweise sein soll. Demnach gibt es ein individuelles Leitbild (Diabaté und Lück 2014; Giesel 2007), das als Orientierungspunkt für das eigene Verhalten dient. Was eine Mehrheit als "normal", richtig und wichtig empfindet, bewerten einzelne andere als "anormal", falsch und unwichtig. Geht man davon aus, dass bestimmte Familienleitbilder aber von vielen Menschen geteilt werden, könnte man auch von gesellschaftlichen Leitbildern sprechen. Solche Familienleitbilder entstehen im Laufe des Lebens durch Erziehung und Erfahrungen. Mutterleitbilder können je nach Kontext unterschiedlich aussehen: Ihre Beschaffenheit hängt von verschiedenen Ländern, Kulturen, sozialen Milieus oder bestimmten gesellschaftlichen Gruppen ab. Zudem sind sie nicht fixiert, sondern unterliegen einem gesellschaftlichen Wandel. Es ist jedoch anzunehmen, dass Wandel nur langsam geschieht und daher weit verbreitet Familienleitbilder über den Zeitverlauf recht stabil sind. Allerdings können Leitbilder von den Menschen auch neu definiert oder an die Rahmenbedingungen angepasst werden, so dass sich Leitbilder inhaltlich leicht verschieben, sich ausdifferenzieren oder auch alte, lang bestehende Familienleitbilder an Bedeutung verlieren zugunsten von neuen. Am Beispiel des Mutterleitbildes wird nachfolgend deutlich, dass es historisch äußerst stabile Elemente gibt, die seit vielen Jahrzehnten bestehen, jedoch auch (neuere) Elemente hinzugekommen sind, die das Mutterleitbild über die vergangenen sechs Jahrzehnte vielschichtiger haben werden lassen.

Wie soll Erwerbs- und Familienarbeit innerhalb der Familie verteilt werden?



Die Frage nach einer angemessenen Verteilung der beiden Bereiche von Erwerbs- und Familienarbeit bewegt sich zwischen zwei teilweise widerstreitenden Polen und ist mit der Rollenverteilung in Partnerschaften verknüpft: Zwischen der Orientierung am Kindeswohl und dem am Elternwohl bzw. am Partnerschaftswohl. Wer sich eigentlich um ein Kind kümmern soll, sei es Windeln wechseln oder bei der Unterstützung in schulischen Belangen, für den konkurrieren zwei Prinzipien miteinander (Schneider, Diabaté und Lück 2014): Hier steht das Prinzip der Gleichberechtigung innerhalb der Partnerschaft (Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit werden zwischen den Elternteilen gleich verteilt) dem Prinzip der "verantworteten Elternschaft" (Kaufmann 1990) und dem "Mythos Mutterliebe" (Schütze 1986) gegenüber. Darunter wird verstanden, dass eine leibliche Mutter von Natur aus stärker mit ihrem Kind verbunden ist, als es der Vater sein kann. Aus dieser Vorstellung folgt, dass die Mutter intuitiv, also "naturgegeben", für ihr Kind immer weiß, was es braucht und sich aufgrund ihres besonders engen Verhältnisses zum Kind stärker engagieren sollte. Diese Norm von Mutterschaft, dass Mütter die "wichtigeren" Elternteile für die Kindesentwicklung wären, spiegelt sich auch im Bürgerlichen Gesetzbuch wider: "Mutter" ist rechtlich gesehen ein biologischer Begriff, weil das Kind durch die Geburt eindeutig der Mutter zugeordnet werden kann. Eine Mutter hat von Geburt an das (alleinige) Sorgerecht für ihr Kind. Der Begriff "Vater" hingegen ist nicht nur biologisch, er ist aus dem juristischen Verständnis in Deutschland ein sozial konstruierter: Der Vater eines Kindes ist nach § 1592 Nr. 1 BGB der Ehemann der Mutter, unabhängig davon, ob er auch der biologische Vater ist. Ohne bestehende Ehe muss die Vaterschaft anerkannt werden, entweder durch den Erzeuger selbst oder durch eine gerichtliche Feststellung. Erst durch die Eheschließung vor der Geburt oder die Anerkennung der Vaterschaft nach der Geburt, bei nicht verheirateten Elternpaaren, kann der biologische Vater auch gesetzlich als Vater anerkannt werden und damit das Sorgerecht erhalten. Ein weiterer Beleg für die besondere Rolle der Mütter für die Erziehungsarbeit ist, dass der überwiegende Anteil der Alleinerziehenden Frauen sind. Auch hier spiegeln sich die zentrale Rolle, die einer Mutter gesellschaftlich zugesprochen wird – und auch das Selbstverständnis von Müttern und Vätern (siehe hierzu auch "Väter heute: Leitbilder, Lebensrealitäten und Wünsche"), im Falle einer Trennung, den Lebensmittelpunkt der Kinder bei der Mutter zu belassen.

Neben dem Prinzip der Mutterliebe steht das Prinzip der "Verantworteten Elternschaft", die beide Hand in Hand gehen: Damit verknüpft sind gesellschaftlich weit verbreitete Vorstellungen davon, wie Kindheit heutzutage idealerweise aussehen sollte. Dazu zählt das Aufwachsen in "optimalen und risikoarmen Lebensbedingungen" (pädagogisch wertvolles Spielzeug, Platz zum Spielen, Natur etc.), mit gesunder Ernährung und frühzeitiger (elterlicher UND institutioneller) Förderung, um nur einige der Ansprüche zu nennen. Daraus wiederum leitet sich ein hohes Bedürfnis vieler (werdender) Eltern nach umfassender Information ab. Dies zeigt sich in den vielen Internetforen für Eltern, aber auch in der Fülle von Ratgeberliteratur. Diese Faktoren, die aus Sicht vieler Menschen zum Gelingen einer "glücklichen" Kindheit beitragen sollen, stellen (werdende) Eltern vor eine große Herausforderung und erzeugen Druck, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Das heißt, Eltern müssen, wenn das Kind da ist, bereit sein, sich komplett darauf einzustellen bzw. sich aufzuopfern. Aus dieser Idee der "verantworteten Elternschaft" resultiert wiederum die Entscheidung, sich die Aufgaben auch dementsprechend aufzuteilen und die Mutterschaft zu professionalisieren: Die Frau trägt in dem daraus abgeleiteten Mutterleitbild die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung, das dazu komplementär ergänzende Vaterleitbild besagt, dass der Vater der Mutter den Rücken finanziell freihalten sollte, damit sie sich ganz um die Kinder kümmern kann. Diese Vorstellung eines Familienleitbildes und diese Art der Aufgabenteilung war seit den 1950ern in Deutschland weit verbreitet, ist heute aber nicht mehr das alleinige Familienleitbild: War beispielsweise das Mutterleitbild in den 1950er Jahren in Deutschland mit klaren Aufgaben assoziiert, ist das gesellschaftliche Bild der "idealen Mutter" oder einer "richtigen Familie" heutzutage vielfältiger geworden. Sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene gibt es ein breites Spektrum an Familienmodellen und Lebensrealitäten, in denen Mutterschaft unterschiedlich gelebt wird, wie beispielsweise in einer sogenannten "Regenbogenfamilie" mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen (Gründler und Schiefer 2013, Rupp 2009). Insgesamt ist festzustellen, dass neben das früher sehr weit verbreitete Modell der Alleinverdienerpartnerschaft heutzutage das Hinzuverdienermodell weit verbreitet ist. Dies bedeutet, dass die Mutter nach der Geburt Teilzeit arbeiten geht und ihren Erwerbsumfang schrittweise an die Bedürfnisse des Kindes anpasst, solange sie ausreichend für ihr Kind da sein kann, so die Sicht derjenigen, die dieses Familienmodell favorisieren. Auch der Vater soll sich aus dieser Vorstellung heraus nun um das Kind kümmern, aber nur so, dass er noch in der Lage ist, für das Familieneinkommen zu sorgen. Dies zeigt sich auch empirisch in den Familienleitbildern:

Zustimmung zu verschiedenen Dimensionen des MutterleitbildesZustimmung zu verschiedenen Dimensionen des Mutterleitbildes (© bpb)
In einer Studie zu Elternleitbildern (FLB 2012) fällt auf, dass die Frauen im Gegensatz zu den Männern einerseits eine höhere Zustimmung (83% vs. 71%) aufweisen, dass Mütter nachmittags Zeit für ihre Kinder haben sollten, um ihnen beim Lernen zu helfen. Andererseits stimmen die weiblichen Befragten jedoch häufiger als die männlichen Befragten den Aussagen zu, dass Mütter erwerbstätig sein sollten, um unabhängig vom Mann zu sein (84% vs. 73%) und dass Mütter, die nur zu Hause sind und sich um die Kinder kümmern, irgendwann unzufrieden werden (76% vs. 72%).

Damit ist das Leitbild der nicht-erwerbstätigen Mutter, die vor allem die Erziehungs- und Hausarbeit erledigt, nicht mehr weit verbreitet, dieses Bild scheint knapp ein Drittel der Befragten noch als bewährtes Lebenskonzept zugunsten des Kindeswohls zu sehen. Insgesamt ist festzustellen, dass es einerseits für die überwiegende Mehrheit der jungen Deutschen ein sehr deutliches Leitbild der Mutter gibt, welche nachmittags zu Hause präsent sein sollte, um sich um die Erziehung zu kümmern. Dem gegenüber steht aber auch eine große Akzeptanz von Lebensmodellen, bei denen die Mutter idealerweise für ihre Unabhängigkeit berufstätig sein sollte, weil sie sonst irgendwann unzufrieden mit ihrem Leben werden könnten bzw. weil wegen des Scheidungsrisikos auch nicht dauerhaft von einer finanziellen Versorgung durch den Partner ausgegangen werden kann. Aus diesen Zahlen könnte geschlossen werden, dass es mehrheitlich als optimal gesehen wird, wenn eine Mutter Teilzeit arbeitet und lediglich am Vormittag nicht zuhause ist. Die Ergebnisse zeigen auch die verschiedenen Anforderungen innerhalb der gesellschaftlichen Debatte über "gute Mütter": Eine ideale Mutter soll aus Sicht der jungen Erwachsenen nachmittags zu Hause, gleichzeitig aber auch erwerbstätig und unabhängig vom Mann sein.

Insgesamt lässt sich bei der Betrachtung des Mutterleitbildes feststellen, dass die beiden beschriebenen Grundprinzipien der Geschlechtergleichheit und der "Verantworteten Elternschaft" miteinander konkurrieren und sie werden in der öffentlichen Debatte breit diskutiert. Dabei wird jedoch eine weitere Frage eher überlagert: Wie soll die Arbeit zwischen Eltern und der Gesellschaft verteilt werden? Einerseits werden dabei Lösungen gesucht bzw. angeboten (z.B. "Vätermonate"), um das familiäre Engagement der Väter zu ermöglichen bzw. zu stärken, also die Familienarbeit innerhalb von Elternpaaren gleich zu verteilen und Mütter zu entlasten. Andererseits wird diskutiert, Eltern insgesamt von der Familienarbeit ein Stück weit zu entlasten, indem vermehrt in die Infrastruktur von Kinderbetreuung investiert wird.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Sabine Diabaté für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

" width="1" height="1" alt="counter" />
 

Aus Politik und Zeitgeschichte

Erwerbstätigkeit von Frauen und Kinderbetreuungskultur in Europa

Ein Vergleich Deutschlands mit anderen europäischen Staaten zeigt: Der "Knackpunkt" einer fortschrittlichen Frauen- und Familienpolitik liegt in der Bereitstellung von Betreuungseinrichtungen für Kinder. Weiter... 

Sozialkunde

Familie - Zwischen traditioneller Institution und individuell gestalteter Lebensform

Seit Jahrzehnten finden tiefgreifende Veränderungen statt, die Wesen und Gestalt von Familie und das Verhältnis von Familie und Gesellschaft betreffen. Der Wandel hat die Familie fraglos verändert. Grundlegende Regelmäßigkeiten von Familienstruktur und Familienentwicklung bestehen aber fort. Weiter... 

Die soziale Situation in Deutschland

Familie und Kinder

Trotz der wachsenden Bedeutung alternativer Familienformen machen Ehepaare mit Kindern immer noch knapp drei Viertel der Familien in Deutschland aus. Allerdings variiert der Anteil auf Länderebene zwischen 53 Prozent in Berlin und 80 Prozent in Baden-Württemberg. Weiter... 

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte. Weiter...