Dossier Familienpolitik
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Familienbezogene Infrastruktur


5.11.2014
Neben Geldleistungen, wie dem Kindergeld, investiert die deutsche Familienpolitik in verschiedene Infrastrukturangebote. Dazu gehört die Tagesbetreuung von Kindern, der eine besondere Rolle zukommt. Die Bildungsökonomin Katharina Spieß schlüsselt die verschiedenen Angebote auf, ebenso die Finanzierung.

Kindergarten in LübbenauDie Tagesbetreuung ihrer Kinder ist für viele Eltern ein zentrales Thema und für die Familienpolitik eine wichtige Infrastrukturleistung. (© dpa)

Infrastrukturangebote sind für Familien von zentraler Bedeutung. Dies belegen unterschiedliche sozialwissenschaftliche Untersuchungen. Die Familienpolitik in Deutschland umfasst eine Vielzahl von Infrastrukturangeboten. Die bedeutendste Leistung ist die Tagesbetreuung für Kinder, welche Angebote für Kinder ab dem ersten Lebensjahr umfasst – dies sind Bildungs- und Betreuungsangebote in Kindertageseinrichtungen, Angebote für Schulkinder im Hortbereich und die öffentlich geförderte Kindertagespflege (§§ 22 bis 26 Sozialgesetzbuch (SGB) VIII – Kinder- und Jugendhilfegesetz). Andere Infrastrukturangebote umfassen insbesondere die Hilfen zur Erziehung (§§ 27ff SGB VIII), ambulante und stationäre Hilfen (§§ 27 bis 35 SGB VIII) oder auch Maßnahmen zur Eingliederung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung (§ 35a SGB VIII und §§ 53ff SGB XII).

Unter den Hilfen zur Erziehung werden verschiedene individuelle und/oder therapeutische Maßnahmen zusammengefasst. Diese Leistungen gehören alle zur Kinder- und Jugendhilfe. Ein weiteres für Familien zentrales Infrastrukturangebot, was formal nicht der Familien- sondern der Bildungspolitik zugeordnet wird, sind ganztätige Betreuungsangebote an Schulen bzw. Ganztagsschulen.

Öffentliche Ausgaben für familienbezogene Infrastruktur



Die öffentliche Hand – das sind der Bund, die Länder und Kommunen – haben im Jahr 2010 etwa 27 Milliarden Euro für die Kindertagesbetreuung und andere Infrastrukturleistungen ausgegeben. Dies entspricht in etwa 22 Prozent der Ausgaben für familienbezogene Leistungen insgesamt (siehe hierzu auch "Familienpolitische Geldleistungen"). Denn wesentlich mehr öffentliche Mittel werden in Deutschland für monetäre Transfers (wie z.B. das Elterngeld), steuerliche Leistungen (wie z.B. das Kindergeld und der Kinderfreibetrag) und familienbezogene Ausgaben in der Sozialversicherung (wie z.B. die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern in der gesetzlichen Krankenversicherung) ausgegeben (BMFSFJ 2010). Andere europäische Länder, wie z.B. die skandinavischen Länder geben dagegen relativ betrachtet mehr für Infrastrukturleistungen aus. Von daher wird insbesondere im Bereich der Infrastrukturleistungen der deutschen Familienpolitik vielfach ein Nachholbedarf bescheinigt.

Die öffentlichen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe teilen sich größtenteils die Länder und Gemeinden, gleichwohl sich in bestimmten Bereichen auch der Bund finanziell beteiligt. Ausschließlich für die Kindertagesbetreuung hat die öffentliche Hand im Jahr 2013 etwa 19,5 Milliarden Euro ausgegeben. Hier beträgt der Finanzierungsanteil der Gemeinden im bundesweiten Mittel etwas unter 60 Prozent und der Anteil der Länder etwas über 40 Prozent.

Seit dem Jahr 2007 trägt auch der Bund zur öffentlichen Finanzierung von Kindertageseinrichtungen bei. Außerdem beteiligt sich der Bund an den Betriebskosten für Kindertageseinrichtungen indirekt durch den Verzicht auf einen Teil des Umsatzsteueraufkommens (Statistisches Bundesamt 2012, Spieß 2011). Insgesamt finanziert die öffentliche Hand etwa 80 Prozent der Kosten der Kindertagesbetreuung. Zusätzlich zur öffentlichen Hand beteiligen sich andere Akteure an der Finanzierung der Kindertagesbetreuung. Dies sind die Familien, die Elternbeiträge entrichten, und die freien Träger mit ihren Eigenanteilen. Die Elternbeiträge variieren regional sehr stark. In einigen Bundesländern und Kommunen ist eine Einkommensstaffelung der Elternbeiträge festzumachen – vielfach sind die Gebühren für Familienhaushalte mit sehr niedrigem Einkommen sehr gering oder sie werden von der öffentlichen Hand übernommen.

Auch die Ausgaben der Jugend- und Jugendverbandsarbeit werden in erster Linie durch die Gemeinden getragen. Ihr Ausgabenanteil entspricht etwa 68 Prozent der Gesamtausgaben. Der Bund stellt in diesem Bereich etwa 13 Prozent und die Länder etwa 18 Prozent der öffentlichen Ausgaben (Statistisches Bundesamt 2012).

Tagesbetreuung für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen



Tagesbetreuungsangebote in Deutschland sind Angebote, welche die frühe Förderung von Kindern unterstützen sollen. Sie sollen auch Eltern dabei unterstützen Familie und Erwerbsarbeit besser miteinander zu vereinbaren. Dabei sind diese Infrastrukturangebote zum einen dem Bereich der (frühen) Bildung zuzuordnen und zum anderen einer Familienpolitik, welche eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Ziel hat. Die Tagesbetreuung für Kinder unterscheidet sich in Deutschland sehr stark nach dem Alter der Kinder, und es sind große regionale Unterschiede festzumachen, insbesondere zwischen West- und Ostdeutschland sowie den Stadtstaaten und westlichen Flächenländern.

Seit dem Jahr 1996 hat in Deutschland jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr einen Anspruch auf einen Platz in einer Kindertageseinrichtung – dies können Kindergärten sein oder Einrichtungen, die eine Betreuung in altersgemischten Gruppen ermöglichen. Die öffentlich geförderte Kindertagespflege hat für diese Altersgruppe keine größere Bedeutung. Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz hat mit dazu beigetragen, dass inzwischen nahezu alle Kinder, zumindest für ein oder zwei Jahre, eine Kindertageseinrichtung besuchen. In Deutschland besuchten im Jahr 2013 fast 94 Prozent aller Kinder im Alter von drei bis unter sechs Jahren eine Kindertagesbetreuung – in Westdeutschland waren dies 93 und in Ostdeutschland 96 Prozent (Statistisches Bundesamt 2013a).

Die Angebote im Bereich der Tagesbetreuung von Kindern unter drei Jahren haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen, da dem sogenannten "U3-Ausbau" familienpolitisch ein großer Stellenwert zukam (Spieß 2011). Die im internationalen Vergleich niedrigen Versorgungsquoten mit Plätzen für in Westdeutschland lebende Kinder haben im Jahr 2005 zu ersten Reformen im Bereich von Kindertageseinrichtungen geführt. Mit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) sollte der Ausbau der "U3-Betreuung" um 230.000 neue Plätze stufenweise bis 2010 vorangebracht werden. Mit einem weiteren Gesetz, dem Kinderförderungsgesetz (KiföG) aus dem Jahr 2008, wurde ein noch höheres Ausbauziel gesetzt: Für 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren sollte im Jahr 2013 ein außerhäuslicher Betreuungsplatz zur Verfügung stehen. Im August 2013 trat außerdem der Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem zweiten Lebensjahr in Kraft. Für dieses Reformvorhaben stellte der Bund mit der Einführung des KiföG vier Mrd. Euro zur Verfügung. Es folgten weitere Bundesmittel. Dieses Ausbauziel ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Lissabon-Strategie der Europäischen Union aus dem Jahr 2000 vorsah, dass für 33 Prozent der Kinder unter 3 Jahren ein Platz in einer Kindertagesbetreuung zur Verfügung stehen sollte.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: C. Katharina Spieß für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Sozialkunde

Familie - Zwischen traditioneller Institution und individuell gestalteter Lebensform

Seit Jahrzehnten finden tiefgreifende Veränderungen statt, die Wesen und Gestalt von Familie und das Verhältnis von Familie und Gesellschaft betreffen. Der Wandel hat die Familie fraglos verändert. Grundlegende Regelmäßigkeiten von Familienstruktur und Familienentwicklung bestehen aber fort. Weiter... 

Die soziale Situation in Deutschland

Familie und Kinder

Trotz der wachsenden Bedeutung alternativer Familienformen machen Ehepaare mit Kindern immer noch knapp drei Viertel der Familien in Deutschland aus. Allerdings variiert der Anteil auf Länderebene zwischen 53 Prozent in Berlin und 80 Prozent in Baden-Württemberg. Weiter... 

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte. Weiter...