Dossier Familienpolitik
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Vielfalt der Familie


28.5.2015
Es wird weniger geheiratet, es werden weniger Kinder geboren und die Vielfalt an Lebensformen hat zugenommen. Mancher sieht da das Ende der Familie gekommen. Doch ein Blick in die Historie der Familie zeigt, dass es Wandel und Vielfalt schon immer gab. Die Pluralität von Familie ist nicht ihr Ende, sondern die Voraussetzung für ihr Überleben, so Norbert F. Schneider. Der Soziologe ist Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

FamilieVielfalt ist typisch für Familie. Variation ist kein Indikator für die Auflösung von Familie, sondern vielmehr eine notwendige Voraussetzung für ihre Überlebensfähigkeit. Das zeigt auch die Geschichte. (© Damian Longerich/www.cupitronic.net)

Familie. Bei kaum einem anderen Thema wird der Begriff von der guten alten Zeit, die unwiederbringlich vorbei sei, so schnell bemüht. Warum ist das so? Ein Grund mag sicherlich darin liegen, dass es beim Thema Familie häufig nicht in erster Linie um objektiv feststellbare Sachverhalte geht, sondern um idealisierte Vorstellungen. Legenden und die Ideen von Wollen und Sollen stehen eher im Mittelpunkt als die empirische Realität von Familie. Soweit Fakten bemüht werden, basiert das Bild von Familie vielfach auf der Betrachtung ihres Wandels während der vergangenen 30 oder 40 Jahre. Ein fundiertes Verständnis von Familie kann mit dieser kurzfristigen Perspektive jedoch nicht gewonnen werden. Dafür bedarf es einer Gesamtschau ihrer historischen Entwicklung.

Die Vielfalt der Familie im sozialhistorischen Wandel



Fundierte wissenschaftliche Befunde über den Wandel der Familie existieren für die Zeit ab dem späten 18. Jahrhundert. Sie zeichnen ein sehr facettenreiches Bild von Familie und lassen gleichzeitig ihre hohe Formbarkeit erkennen (Mitterauer/Sieder 1991; Gestrich 2013). Versucht man diese vielschichtigen Befunde zu verdichten, werden drei Wesensmerkmale von Familie erkennbar:

Familie als Versorgungs- und Verantwortungsgemeinschaft

Das erste Wesensmerkmal besteht in der "Grundidee" von Familie als Versorgungs- und Verantwortungsgemeinschaft von zumeist miteinander verwandten Menschen, die solidarisch füreinander sorgen, um so das Wohl aller zu mehren. Die Befunde der historischen Familienforschung verweisen hier aber auch auf die typische Ambivalenz der Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern. Familie ist nicht nur als Hort von Harmonie, Glück und Gemeinsamkeit zu denken, sondern auch als Spannungsfeld, in dem Menschen mit konkurrierenden Absichten miteinander ringen und um knappe Ressourcen wie Nahrung, Wertschätzung oder Erbe streiten.

Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit der Familie

Das zweite Wesensmerkmal von Familie besteht in der offenkundigen Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit der Familie an sich ändernde gesellschaftliche Verhältnisse. Diese Eigenschaft verdeutlicht, dass es sich bei Familie nicht um etwas Naturwüchsiges handelt, sondern um etwas Soziales. Angemessen ist es, Familie als soziale Institution zu begreifen, die in fast allen Gesellschaften vorzufinden ist. Ihre Strukturen und Aufgaben sind kulturell geprägt und nicht universell gegeben. Daher variiert die Ausgestaltung von Familie in verschiedenen Regionen, sozialen Schichten und Epochen beträchtlich.

Vielfalt ihrer Erscheinungsformen

Das dritte Wesensmerkmal von Familie, auch das lehrt der Blick in ihre Historie, besteht in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen. Das Neben- und Nacheinander unterschiedlicher Familienformen ist typisch für die meisten Zeiten. Soweit Belege vorliegen, lässt sich für Westdeutschland nur für die Zeit zwischen 1955 und 1975 eine außergewöhnliche Einheitlichkeit der Familienformen im Sinne einer ausgeprägten Dominanz der bürgerlichen Kleinfamilie feststellen. Die Charakteristika dieses Familientyps bestehen im Zusammenleben von Eltern und Kindern unter einem Dach, in der Ehelichkeit der Partnerbeziehung und in der strengen Arbeitsteilung der Geschlechter, mit der Ernährerrolle beim Mann und der Zuständigkeit für Haus und Kinder bei der Frau. Historisch betrachtet handelt es sich bei dieser Einheitlichkeit um eine Sondersituation im Nachkriegsdeutschland. In der DDR dominierte, politisch gewollt, ebenfalls eine Familienform: die sozialistische Familie. Ihr Kennzeichen bestand in der Vollerwerbstätigkeit beider Ehepartner. Die jüngsten Entwicklungen hin zu einer wieder zunehmenden Pluralität der Familienformen, die später unter dem Stichwort "Pluralisierung" ausführlicher behandelt wird, kann im historischen Vergleich als Rückkehr zur altbekannten Normalität der Vielfalt interpretiert werden. Diese besondere Situation der Familie vor 50 Jahren ist daher auch nicht als Bezugspunkt zur Deutung ihres Wandels in den vergangenen Jahrzehnten geeignet.

Vielfalt ist typisch für Familie und besteht in verschiedener Hinsicht. Zunächst ist ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und der jeweiligen Familienform feststellbar (Rosenbaum 1982). Stets war die bäuerliche Familie anders als die Familie im städtischen akademischen Milieu. Nachweisbar sind zudem unmittelbare Einflüsse gesellschaftlicher Strukturmerkmale auf die Familienformen. Ein Beispiel dafür aus der Vergangenheit ist das Erbrecht: In Gegenden mit Anerbenrecht, das heißt, ein Kind, meist der älteste Sohn, erbt alles, dominierten große Familien. In Gegenden mit Realteilung, das heißt jedes Kind erbt den gleichen Teil, haben dagegen kleine Familien überwogen.

Familie ist eine Strukturform, die durch ihre Größe und personelle Zusammensetzung charakterisiert ist. Familie ist aber stets auch ein Entwicklungsverlauf, der durch Phasen und Übergänge gegliedert ist. Heirat, Geburt, Tod, Auszug und Scheidung markieren relevante Übergänge in der Familienentwicklung. In dieser Hinsicht sind ebenfalls ausgeprägte Variationen im Hinblick auf Häufigkeit, Timing im Lebensverlauf und sozialer Bewertung zu verzeichnen. Auch dazu ein Beispiel: Lange Zeit war Eheschließung ein Privileg. Feudalherren, Magistrat, Gilde oder Zunft gestatteten nur denjenigen die Heirat, die aufgrund von Besitz oder Einkommen in der Lage waren, eine Familie zu ernähren. In Deutschland fielen die letzten Heiratsbeschränkungen dieser Art erst mit der Reichsgründung 1871. Vielen aus den unteren sozialen Schichten blieb davor die Eheschließung verwehrt, da sie die dafür nötige materielle Grundlage nicht nachweisen konnten und keine Heiratserlaubnis erhielten. Nichteheliche Verbindungen, nichteheliche Elternschaft und ein hohes Heiratsalter waren die häufige Folge.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Norbert F. Schneider für bpb.de

 

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