Dossier Familienpolitik

21.9.2015 | Von:
Martin Bujard

Wirkt Familienpolitik auf die Geburtenrate?

Verschiedene Methoden, verschiedene Ergebnisse

Warum das so ist, lässt sich anhand eines Blicks auf die Methoden der Wirkungsforschung erklären. Hierbei gibt es zwei komplett verschiedene Ansätze: Auf der einen Seite Analysen mit Individualdaten – sogenannte Mikrostudien anhand einzelner Personen. Auf der anderen Seite Analysen mit aggregierten Daten – sogenannte Makrostudien anhand von Ländern.

Analysen mit Individualdaten (Mikrostudien) können Effekte für unterschiedliche Gruppen und differenziert nach der Zahl der Kinder identifizieren. Dadurch kann man verstehen, wann im Lebensverlauf einer Person eine Maßnahme wirkt und wann nicht. Eine typische Mikrostudie analysiert zum Beispiel das Geburtenverhalten in einem Land vor und nach einer Reform, um herauszufinden, ob und bei welchen Alters-, Bildungs- oder Einkommensgruppen sich Veränderungen zeigen. Daher zeigen solche Studien oft auch dann Effekte einer Reform, wenn sich der Indikator "Zusammengefasste Geburtenrate" (TFR) nicht verändert. Mikrostudien haben aber gewisse Grenzen: So lassen sich Befunde anderer Länder nicht einfach auf Deutschland übertragen. Vor allem aber können Mikrostudien das Zusammenwirken der analysierten Politikmaßnahme mit anderen familienpolitischen Maßnahmen sowie mit kulturellen Faktoren kaum ergründen.

Analysen mit aggregierten Daten (Makrostudien) können viele Länder gleichzeitig untersuchen und durch den Vergleich stärker den Zusammenhang mehrerer familienpolitischer Maßnahmen im Kontext kultureller, ökonomischer und institutioneller Rahmenbedingungen identifizieren. Allerdings können Makrostudien nicht ergründen, bei welchen Bevölkerungsgruppen eine Politikmaßnahme stärker oder schwächer wirkt. Zudem sind sie blind gegenüber dem Zeitpunkt von Geburten im Lebenslauf. Makrostudien können also den breiten kulturellen, politischen und ökonomischen Kontext berücksichtigen, dafür ermöglichen sie aber nur eine geringe Differenzierung innerhalb eines Landes. Beide Ansätze haben folglich ihre Grenzen. Sie ergänzen sich aber in ihrem Erkenntnisgewinn, sodass man zusammen durchaus ein Gesamtbild der Wirkungen von Familienpolitik auf die Fertilität erhalten kann.

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Autor: Martin Bujard für bpb.de
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