Dossier Familienpolitik

Teilzeit ist ein Karrierekiller

Deshalb variable 32-Stunden-Woche für Männer wie Frauen


10.4.2017
Die Soziologin Jutta Allmendinger fordert die 32-Stunden-Woche: im Durchschnitt und über das komplette Berufsleben verteilt. Frauen sollen raus aus der Teilzeitfalle, damit endlich Gleichberechtigung und Chancengleichheit besteht. Bei der Debatte um neue Arbeitszeitmodelle geht es ihr aber auch um die Frage, ob wir als Gesellschaft am Statuserhalt festhalten und soziale Ungleichheit fortsetzen wollen.

Jutta Allmendinger

Jutta Allmendinger (© Businessfotografie Inga Haar)
Frau Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität Berlin sowie Honorarprofessorin für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Zuvor war sie Professorin an der Ludwigs-Maximilians-Universität München und Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Nürnberg. Sie wurde unter anderem mit dem Communicator-Preis ausgezeichnet.

bpb.de: Frau Allmendinger, Sie leiten mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) eine Forschungseinrichtung mit rund 360 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie sind auch Professorin. Wie viele Stunden haben Sie vergangene Woche gearbeitet?

Jutta Allmendinger: Auf sieben oder auf fünf Tage gerechnet?

bpb.de: Sagen wir auf fünf Tage.

Da habe ich jeden Tag zehn Stunden gearbeitet. Mit dem Ergebnis, dass ich ein ganzes Wochenende frei hatte, inklusive Montag.

Sie setzen sich für eine Verkürzung der Arbeitszeit ein. Sie fordern eine 32-Stunden-Woche für Männer und Frauen, für Väter und Mütter. Wie könnte solch ein Modell speziell für Eltern aussehen?

Mein Ansatz ist, dass man diese 32 Stunden pro Woche im Durchschnitt über ein ganzes Berufsleben hinweg erzielt. Das heißt, ich hätte vergangene Woche genauso gut 80 Stunden oder auch nur eine Stunde arbeiten können.

Die 32 Stunden sind aus einer Berechnung abgeleitet. Ich habe die Arbeitszeiten von Männern und Frauen addiert – und dann einfach durch zwei dividiert. Das heißt, dem Arbeitsmarkt würden bei einer Verteilung zu gleichen Teilen insgesamt keine Stunden entzogen.

Mit meinem Ansatz orientiere ich mich an den neuen Herausforderungen: eine höhere Lebenserwartung, auch höhere Pflegeleistungen. Und am Primat, endlich so etwas wie Gleichberechtigung und Chancengleichheit bei der Erwirtschaftung eines selbständigen Lebens für Männer und Frauen zu erreichen. Die Umsetzung meines Ansatzes würde Schluss machen mit der sehr niedrigen Teilzeit, von der Frauen selbst keine auch nur annähernd angemessene Rente erwirtschaften können.

Auf Familien bezogen bedeutet mein Ansatz, dass man am Anfang des Erwerbslebens viele Stunden arbeiten kann. Dann kommt meist eine Zeit der Familienbildung: Man hat Kinder und weniger Zeit für den Beruf. Man will auch weniger Zeit dafür aufbringen. Denn wollen wir wirklich Kinder haben, wenn wir für sie keine Zeit haben? Die Betreuung durch andere ist wichtig, aber sie muss auch Grenzen haben.

Als Vater oder Mutter kleiner Kinder würden Sie also mit der Arbeitszeit 'runtergehen, aber nicht komplett aus dem Beruf aussteigen und nicht den Kontakt zum Arbeitgeber verlieren. Wenn die Kinder älter werden, können sie die Stunden wieder hochfahren. Es schließt sich dann meist noch eine Zeit der Pflege der eigenen Eltern oder Großeltern an.

Funktioniert dieser Ansatz einer 32-Stunden-Woche für alle? Ich denke da an Familien mit mehreren Kindern und niedrigem Einkommen. Oder auch an Alleinerziehende.

Es gibt Beschäftigungen, bei denen zwei Mal 32 Stunden die Woche nicht ausreichen, um die materiellen Grundlagen für das Leben zu erarbeiten. Aber da würde ich staatliche Aufstockungen erwarten. So wie es Familienministerin Manuela Schwesig im Prinzip mit dem Vorschlag eines Familiengeldes getan hat. Das finde ich den richtigen Ansatz. [Anmerk. d. Red.: Bundesfamilienministerin Schwesig (SPD) hat im Juli 2016 vorgeschlagen, dass Eltern junger Kinder unabhängig von ihrem Einkommen 300 Euro im Monat erhalten sollen, wenn sie ihre Wochenarbeitszeit auf 28 bis 36 Stunden reduzieren.]

Ihr Ansatz setzt Flexibilität bei den Unternehmen voraus. Ist die Wirtschaft schon so weit? Im Moment ist es oft noch nicht einmal möglich, dass Väter in Teilzeit arbeiten.

Man kann nicht von DER Wirtschaft sprechen. Wir haben ein breites Spektrum. Zum Beispiel große Unternehmen, die wissen, dass sie die Leute nur bekommen und auch halten können, wenn ihre Arbeitszeitmodelle es ermöglichen, Beruf, Familie, Freundschaften und Engagement miteinander in Einklang zu bringen.

Ich habe den Eindruck, dass auch hier im WZB, als – wenn ich das so sagen darf – meinem Kleinunternehmen, solche Zeitmodelle akzeptiert werden. Eben dann, wenn man den Leuten die Sicherheit gibt, von Teilzeit auch wieder in Vollzeit gehen zu können.

Aber es geht – das möchte ich unterstreichen – bei meinem Ansatz nicht allein um Beruf und Kinder. Wir haben heute noch eine andere Herausforderung: Wir haben einen digitalen Umbruch, der eine radikale Umstellung unseres Bildungssystems erfordert. Wir brauchen Bildung und Ausbildung nicht nur am Anfang des Lebens. Wir werden im Lauf des Lebens ein, zwei oder drei Berufe erlernen. Sonst sind wir nicht auf der Höhe der Zeit. Und es muss im Interesse der Unternehmen sein – großer sowie der vielen kleinen und mittelständigen –, dass sie eine sehr gute Mitarbeiterschaft haben.

Junge Köchin und junger Koch in einer Restaurantküche.Nach wie vor sind es vor allem Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Doch das bedeutet häufig Altersarmut aufgrund niedriger Renten. Echte Gleichberechtigung wäre zum Beispiel möglich, wenn Männer und Frauen im Durchschnitt 32 Arbeitsstunden pro Woche erzielen - und zwar über das komplette Berufsleben hinweg. (© GoodwinDan / photocase.de)

Bleiben wir nochmal bei den Familien. Man hat das Gefühl, in den vergangenen Jahren wurden vor allem die Familien kompatibel für den Arbeitsmarkt gemacht. Zum Beispiel gibt es mehr Ganztagsschulen. Seit 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf Betreuung ihrer Kinder, sobald diese ein Jahr alt sind. Aber die Wirtschaft wurde nicht viel familienfreundlicher. Was kann die Politik da ändern?

Zum Beispiel müsste man Quotenregelungen für Frauen flankieren mit Regelungen für andere Arbeitszeitmodelle, etwa durch Modelle, die eine größere Parität zwischen Männern und Frauen hervorbringen. Denn wir verlieren die jungen Frauen nicht in der Bildung, nicht in der Ausbildung, nicht in den ersten Erwerbsjahren. Wir verlieren diese Frauen, wenn sie Kinder bekommen.

Wir hätten weit weniger Probleme, davon bin ich überzeugt, wenn es mehr Möglichkeiten in den Betrieben gäbe, Arbeitszeiten über den Lebensverlauf hinweg flexibel anzupassen. Man kann auch über Führung in Teilzeit nachdenken. Es gibt durchaus Unternehmen, die zeigen, dass das geht.

Aber ich glaube, dass der Problemdruck im Moment noch nicht hoch genug ist.

Wir haben schon über Gleichberechtigung gesprochen. Sie haben drei Mal in Folge die Lebensentwürfe junger Menschen untersucht. Männer und Frauen wurden 2007, 2010 und 2012 für die Studie "Frauen auf dem Sprung" befragt. Darin wird klar, dass Kindererziehung immer noch Frauensache ist. Das zeigen auch die Zahlen zum Elterngeld: 34 Prozent der Väter nehmen Elterngeld – und davon im Durchschnitt lediglich für drei Monate. Wo bleibt die Gleichberechtigung? Sind es die Väter, die nicht mutig genug sind, Änderungen auf dem Arbeitsmarkt einzufordern?

Wir wissen, dass Phasen in Teilzeit immer noch Karriere-Killer sind. Neue WZB-Untersuchungen für das Familienministerium zeigen, dass Männer hier die sehr realistische Einschätzung haben: einmal Teilzeit, immer Teilzeit. Niemals Karriere. Geringe Renten. Warum sollten Männer das wählen?

Deshalb müssen wir das Recht auf Wiederaufnahme von Vollzeit oder auch niedriger Vollzeit fest verankern. Die Betriebe haben die Aufgabe zu zeigen, dass Beschäftigte, die einmal temporär rausgehen, trotzdem noch alle Chancen haben. Männer brauchen bei Teilzeit, genauso wie Frauen, das Gefühl, dass sie damit nicht weg vom Fenster sind.

Aber kommen wir zurück zum Punkt Elternzeit. Ich finde die Tatsache, dass Männer im Durchschnitt nur drei Monate nehmen, bedauerlich. Auf der anderen Seite kann ich ebenso den Blick auf die vergangenen zehn Jahre werfen und argumentieren: Wir haben eine Situation, die vor zehn Jahren noch undenkbar war.

Man darf nicht vergessen, wir sind ein Land, das seit den Bismarckschen Sozialreformen ganz klar darauf ausgerichtet ist, dass wir einen Verdiener im Haushalt haben und eine Person, die sich um die Familie kümmert. Heute haben wir eine völlig andere Ordnung. Die Reform des Unterhaltsrechts besagt, dass Frauen gehalten sind drei Jahre nach ihrer Scheidung selbstständig ihren Unterhalt zu erwirtschaften. Da komme ich nochmal auf den Punkt Wahlfreiheit zurück: Diese Situation schränkt natürlich die Wahlmöglichkeiten ein und spielt auch eine Rolle für die Vielfalt der Lebensmodelle. Man muss als Frau sehr genau überlegen, was man tut. Eine ununterbrochene Vollzeit ist nicht meine Forderung, sondern erweiterte Möglichkeiten für ein sich wandelndes Leben.

Das Elterngeld ist als Einkommensersatz konzipiert. Es honoriert nicht pauschal und für alle Eltern gleich die Sorge und Erziehung der Kinder. Halten Sie das für Fehler?

Deutschland ist eine Gesellschaft, die stark auf Statuserhalt setzt. Sie bekommen eine Rente proportional zu ihrem letzten Einkommen. Sie bekommen das Elterngeld proportional zu ihrem Einkommen. Alles soll sozusagen auf Statuserhalt abzielen.

Ich aber habe damit ein großes Problem. Denn die Leute haben ganz unterschiedliche Voraussetzungen, um überhaupt ein höheres Einkommen zu erzielen. Der Grad der Bildung hängt nach wie vor vom Elternhaus ab. Das heißt, wir reproduzieren die in Deutschland bestehende große soziale Ungleichheit.

Ich schlage ein Konzept vor – und das geht natürlich nicht von heute auf morgen –, mit dem ich für Auszeiten wie Bildung, Pflege der Eltern oder Erziehung von Kindern einen bestimmten Betrag gezahlt bekomme, der jedoch nicht proportional ist. Und dann, davon bin ich überzeugt, werden sich die innerfamiliären Auseinandersetzungen – nämlich, wer bleibt mehr zu Hause – anders darstellen.

Ich sehe hier zwei große normative Fragen, die die Familienpolitik heute beantworten muss. Nämlich: Wie viel Zeit wollen wir für die reine Erwerbstätigkeit über ein Leben hinweg reservieren – und wie viel Zeit für Bildung, Pflege und Kinder? Außerdem die Frage: Wollen wir eine Gesellschaft weiterführen, in der es zu allererst um den Statuserhalt geht? Oder wollen wir eine Gesellschaft, die einen Lohn für Kinder, Pflege, Bildung bezahlt – der allen gleichermaßen gezahlt wird.

Das Interview führte Sonja Ernst.


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