Dossier Familienpolitik

11.12.2017 | Von:
Susanne Garsoffky
Britta Sembach
Sebastian Heimann
Michael Hüther
Helmut Rainer

Debatte: Arbeitsmarkt versus Familienwohl

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Eltern genauso wie für pflegende Familienangehörige eine Herausforderung. Als Antwort darauf wird zum Beispiel das Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche immer weiter ausgebaut – von der Betreuung der unter 3-Jährigen bis zur Ganztagsschule. Aber welche Bedürfnisse haben Familien – vor allem Kinder? Wie lassen sich Arbeit und Familienzeit verbinden? Welche Forderungen kommen aus der Wirtschaft? Zu diesem strittigen Thema hat bpb.de vier Meinungen eingeholt.

Standpunkt Britta Sembach und Susanne Garsoffky: Erwerbsarbeit und intensive Familienzeiten sinnvoll über ein ganzes Leben verteilen

Susanne Garsoffky und Britta SembachSusanne Garsoffky, Geschäftsführerin der Produktionsfirma Elternhaus Media, und Britta Sembach, Redakteurin, Reporterin und Autorin, zurzeit als Korrespondentin in New York (© Gudrun Senge)
Beim Thema "Vereinbarkeit" fragt nie jemand danach, was eigentlich die Kinder wollen. Sicher, wir haben es mit dem Credo "kleine-Kinder-brauchen-die-Mutter" lange vor allem im Westen des Landes übertrieben. Aber fast genauso extrem ist die heute hoffähig gewordene Maxime: Kinder brauchen nur Betreuung, am besten rund um die Uhr und von wem ist eigentlich egal – Hauptsache, es ist nicht die eigene Mutter. Denn ihre Arbeitskraft und ihre Beiträge in die Sozialkassen werden dringend gebraucht.

Alle Extrempositionen in dieser Debatte führen zu schlechten Ergebnissen. Dabei könnten wir alles haben: Wir könnten Erwerbsarbeit und intensive Familienzeiten viel sinnvoller auf ein ganzes Leben verteilen. Wir müssen endlich anerkennen, dass Care-Arbeit nicht disqualifiziert. Der reine Blick auf ununterbrochenen Erwerb wertet diese wichtige gesellschaftliche Arbeit extrem ab – ein Unding. Auch partnerschaftliche Arrangements helfen in Zeiten, in denen viele Mütter alleinerziehend sind, wenig.

Wir müssen Familienarbeit aufwerten, absichern und flexible Lebensverläufe, Stichwort "späte Karrieren", unterstützen. Eine Politik, die mehr Wirtschafts- denn Familienpolitik ist, ist dabei wenig hilfreich.

Standpunkt Sebastian Heimann: Wir brauchen familiengerechte Arbeitswelten

Sebastian HeimannSebastian Heimann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbands e.V. (DFV) (© Photo und Design Studio Klam)
Familienleben bedeutet Liebe, Verantwortung, wenig Zeit, Glück und knappe Kasse. Den familiären und beruflichen Ansprüchen gerecht zu werden, ist heute für Viele unmöglich. Während Kinder oder pflegebedürftige Eltern Zeit und Zuwendung brauchen, setzt die Arbeitswelt auf Unverbindlichkeit und Flexibilität. Familie stört da eher.

Wir brauchen dringend familiengerechte Arbeitswelten! Familienarbeit steht Erwerbstätigkeit in nichts nach! Denn für Menschen zu sorgen, kommt der gesamten Gemeinschaft zugute. Unser Sozialversicherungssystem verlässt sich zwar gern auf Nachwuchs, doch Zeit und Geld kosten darf er nicht. Die doppelte Beitragslast tragen allein die Eltern – und obwohl sie Leistungsträger sind, werden sie wie Bittsteller behandelt.

Auch der Ausbau von Krippen und Kitas ist wichtig – doch er darf nicht dazu führen, dass Eltern bei der Betreuung keine Wahl haben. Priorität hat das Kindeswohl, nicht das Bedürfnis des Arbeitsmarktes. Familien sind die Säulen unserer Gemeinschaft und gehören wieder in den Fokus der Politik! Familien verdienen Anerkennung, finanzielle Sicherheit und Arbeitsbedingungen, die einen guten Rahmen bilden und ihnen nicht die Luft abschnüren!

Standpunkt Michael Hüther: Kein Zwang, wo kein Zwang nötig ist

Michael HütherMichael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln
Familienbezogene Arbeitszeitwünsche von Mitarbeitern sind den Unternehmen in Deutschland von großer Wichtigkeit – eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit ist an der Tagesordnung. Vorschläge aus der Politik, Regelungen zur Arbeitszeit gerade für Familien per Gesetz zu flexibilisieren, gehören daher grundsätzlich auf den Prüfstand.

Gerade die Umsetzung der 32-Stunden-Woche geht an der wirtschaftlichen Realität vorbei. Allein in der Metall- und Elektroindustrie etwa müssten durch die Veränderungen über 100.000 Vollzeitstellen geschaffen werden. Das ist in Zeiten des Fachkräftemangels schlicht nicht praktikabel. Würden keine entsprechenden Arbeitnehmer gefunden, käme es allein in der Metall- und Elektroindustrie zu einem wirtschaftlichen Schaden von rund 7,5 Milliarden Euro. Das kann nicht das Ziel einer zukunftsorientierten Familienpolitik sein.

Bundesmittel sollten daher besser in die schlechte Betreuungsinfrastruktur investiert werden, die es jungen Eltern derzeit nicht ermöglicht, in (Vollzeit-)Beschäftigung zurückzukehren. Für unter Dreijährige fehlen beispielsweise noch immer 200.000 Betreuungsplätze. Ein vermehrtes Engagement an dieser Stelle hilft allen und straft niemanden.

Standpunkt Helmut Rainer: Mehr Investitionen für eine qualitative und bedarfsgerechte Bildung

Seit Anfang der 2000-er Jahre verfolgt die deutsche Familienpolitik vier Zielsetzungen: die Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität der Familien, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die frühe Förderung von Kindern und die Erfüllung von Kinderwünschen. Dabei zeigt sich, dass monetäre familienpolitische Leistungen und infrastrukturelle Maßnahmen konträre Wirkungen entfalten. Investitionen in die Kinderbetreuungsinfrastruktur unterstützen die Erfüllung von Erwerbswünschen von Müttern und verbessern damit die wirtschaftliche Situation von Familien. Sie erleichtern die Realisierung von Kinderwünschen und können die Entwicklung von Kindern – vor allem auch benachteiligter – fördern.

Dem widersprechen rein monetäre Leistungen – wie das Kinder- oder das Betreuungsgeld – eher. Sie tragen nicht zur Erfüllung von Erwerbswünschen bei. Stattdessen können sie zu einer Reduktion der Erwerbstätigkeit von Müttern führen, was die Transferleistungen des Staates wieder wettmacht.

Vorhandene finanzielle Mittel sollten in infrastrukturelle Leistungen mit einem höheren Zielerreichungsgrad investiert werden, zum Beispiel in qualitative und bedarfsgerechte Kitaplätze sowie Ganztagsschulen.


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