Yehya E., Berlin, Neukölln, Jugendkriminalität, Gangsterläufer, Film

"Mehr Konsequenz, nicht mehr Härte"


12.5.2015
Stephan Kuperion ist Jugendrichter am Amtsgericht Berlin-Tiergarten. Seit über 15 Jahren urteilt er über junge Kriminelle. Jost Reinecke forscht zur Entwicklung von Jugendkriminalität. Der Soziologe ist Mitautor einer großen Langzeitstudie, die wiederholt Schüler zu ihrem delinquenten Verhalten befragt. Im Interview fordern beide die konsequente Umsetzung von erzieherischen Maßnahmen und mehr Ressourcen für Präventionsarbeit.

Gefangene der Jugendvollzugsanstalt im brandenburgischen Wriezen.Die sogenannten Intensivtäter sind für einen Großteil der Jugendkriminalität verantwortlich. Die Frage ist, was hilft: harte Strafen, schnellere Verhandlungen, mehr Prävention? (© picture-alliance)

bpb.de: Sie beschäftigen sich beide mit Jugendkriminalität – aus unterschiedlichen Perspektiven: Herr Reinecke, Sie als Wissenschaftler und Soziologe; Herr Kuperion, Sie als Jugendrichter. Wo sehen Sie beide zurzeit das dringendste Problem beim Thema Jugendkriminalität?

Stephan Kuperion: Das dringendste Problem sehe ich in der Erwartungshaltung der Politik und der Gesellschaft. Da wird erwartet, dass wir hier am Jugendgericht das verkorkste Leben eines Jugendlichen mit ein, zwei oder drei Prozessen wieder in die entsprechenden Bahnen lenken. Aber die Problemerkennung müsste viel früher einsetzen, noch weit vor den Straftaten, die sich oft ankündigen. Und natürlich haben wir auch das Problem, dass wir im Jugendstrafvollzug nicht das tun können, was wir tun könnten oder auch müssten. Denn hier fehlen die entsprechenden Ressourcen.

Jost Reinecke: Das sehe ich ähnlich. Der präventive Aspekt beim Phänomen Jugendkriminalität ist ungeheuer wichtig. Wir können anhand von Untersuchungen zeigen, dass man da, wo die Entwicklung bei Jugendlichen schiefläuft, schon frühzeitig mit Maßnahmen eingreifen könnte und müsste – zum Beispiel durch Sozialarbeit. Die polizeiliche oder justizielle Kontrolle wäre dann gar nicht nötig.

Die Forderung nach mehr Prävention ist nicht neu. Warum passiert auf diesem Gebiet nicht mehr? Warum gibt die Politik nicht mehr Ressourcen frei?

Kuperion: Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Aber ich glaube, dass die Politik vor Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität zurückschreckt, eben weil es ein Problemfeld ist, dem sie nie wirklich Herr werden kann. Es gibt kein Land, keine Insel auf dieser Welt ohne Kriminalität. Auch nicht ohne Jugendkriminalität. Ich würde mir mehr Ressourcen für Präventionsarbeit wünschen. Auch weil die Bevölkerung ein gewisses Unbehagen und Angstgefühl entwickelt ob dieser Vorfälle von Jugendkriminalität, die wir gerade auch in Berlin haben. Zum Beispiel Überfälle an Bahnhöfen: Von der Politik wird ein Rückgang der Zahlen propagiert. Diese Sichtweise kann ich nicht nachvollziehen. Denn es geht immer um einzelne Fälle und um einzelne Opfer. Ob das nun 80 oder 100 solcher Vorfälle sind. Jedes Opfer von massiver Gewalt ist eines zu viel.

Jugendkriminalität in Berlin

2013 wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) Berlin 23 781 Tatverdächtige zwischen 8 und 21 Jahren erfasst. Das waren 3,4 Prozent weniger als noch 2012 und insgesamt die niedrigste Zahl seit 2003. Auch bei den Rohheitsdelikten (Körperverletzung, Raub- und Freiheitsdelikt) kommt es seit 2007 zu einem Rückgang. 2006 gab es mit über 10 000 Tatverdächtigen zwischen 8 und 21 Jahren einen Höchststand; 2013 waren es knapp 7000. Demografische Entwicklungen können den Rückgang allein nicht erklären, denn der Anteil der unter 21-Jährigen an der Berliner Bevölkerung wächst.

Weitere Informationen:
Polizeiliche Kriminalstatistik Berlin
PKS 2013
Jahresbericht Jugenddelinquenz 2013

Dennoch: Seit wenigen Jahren ist ein Rückgang der Jugendkriminalität festzustellen. Noch ab den 1990er-Jahren bis Mitte der 2000er-Jahre hatte es einen stetigen Anstieg gegeben. Was sind die Gründe dafür, dass wir seither einen Rückgang bei der Jugendkriminalität erleben?

Reinecke: Hier muss man zunächst fragen, ob es ein „echter“ Rückgang ist. Wir haben es hier mit Hellfeld-Statistiken zu tun. Es geht also um angezeigte Kriminalität. Bei dem Rückgang kann eine gesunkene Anzeigebereitschaft eine Rolle spielen, auch demografische Entwicklungen oder eine polizeiliche Fokussierung weg von jugendlichen Straftäterinnen und Straftätern. Aber wir sehen eher einen echten Rückgang als wahrscheinlich. Das belegen auch unsere Dunkelfeld-Statistiken. Der Rückgang hat zum Teil mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun: Bei der Mehrheit der Jugendlichen nimmt die Missbilligung von Gewalt und Kriminalität unter Gleichaltrigen zu. Auch gibt es mehr Engagement gegen Gewalt und Kriminalität an Schulen. Und wir können feststellen, dass der Konsum von Gewaltmedien eher rückläufig ist.

Hell- und Dunkelfeld

Das Hellfeld umfasst Straftaten, die bei der Polizei angezeigt werden. Diese polizeilich registrierte Kriminalität ist auch Grundlage für die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Dabei handelt es sich um die Erfassung von Tatverdächtigen. Dunkelfeld-Statistiken umfassen nicht registrierte Kriminalität und damit Straftaten, die nicht angezeigt werden. Angaben zum Dunkelfeld basieren auf Befragungen zum kriminellen Verhalten.

Bleiben wir bei den jugendlichen Kriminellen. Herr Kuperion, Sie arbeiten als Jugendrichter am Amtsgericht Berlin-Tiergarten. Wer steht da im Gerichtssaal vor Ihnen? Gibt es den typischen jugendlichen Kriminellen?

Kuperion: In Berlin sind die derzeit 28 Jugendrichterinnen und Jugendrichter für einzelne Stadtbezirke zuständig. Die zwölf Bezirke sind sehr unterschiedlich geprägt. Wir haben in allen fast die gleichen Straftaten, aber natürlich haben wir Problembezirke. Dazu gehört Neukölln mit einem hohen Anteil arabischer Großfamilien. Aber Gewaltkriminalität haben wir auch in den anderen Bezirken, mit nicht minderer Brutalität. Aus unserer Sicht als Praktiker können wir keine Typisierung jugendlicher Krimineller vornehmen. Wir stellen aber fest, dass der Anteil der Gewalttäter in der Migrantenszene im Vergleich zur Bevölkerung relativ hoch ist. Insgesamt sind es aber nicht DIE Jugendlichen, die kriminell sind. Es gibt eine kleine Gruppe Jugendlicher, die viele Straftaten auf sich vereinigt und immer wieder straffällig wird. Seit einiger Zeit sind diese als Intensivtäter bekannt.

Duisburger Verlaufsstudie "Kriminalität in der modernen Stadt"

Die Studie der Universitäten Bielefeld und Münster wird in Duisburg seit 2002 durchgeführt. Zu Beginn wurden 3 411 Jugendliche anonym befragt, die im Schnitt 13 Jahre alt waren. Diese wurden bis zum 20. Lebensjahr jährlich zu ihrem delinquenten Verhalten befragt. Danach – bis zum 24. Lebensjahr – jedes zweite Jahr. Die Studie bietet damit Einblick in das Dunkelfeld, also die nicht registrierte Kriminalität. Rund 84 Prozent der Jungen und 69 Prozent der Mädchen bis zum 18. Lebensjahr gaben zu, mindestens einmal eine meist leichte oder mittelschwere Straftat wie Ladendiebstahl begangen zu haben. Die Delinquenz geht bereits ab dem 15. bis 16. Lebensjahr wieder weitgehend zurück, ohne Eingriff von Polizei oder Justiz. Die Forscher gehen davon aus, dass sich viele Ergebnisse auf andere Großstädte übertragen lassen.

Weitere Informationen:
http://www.krimstadt.de/
Website der Studie "Kriminalität in der modernen Stadt"

Herr Reinecke, deckt sich das mit den Ergebnissen Ihrer Studie? Sie haben in Duisburg wiederholt über mehr als zehn Jahre hinweg dieselben Schülerinnen und Schüler über ihr delinquentes Verhalten befragt. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich Jugendkriminalität quasi auswächst und damit ein alterstypisches Phänomen ist. Was hat ihre Studie genau gezeigt?

Reinecke: Unsere Studie ist die einzige größere Langzeitstudie in Deutschland, die auf der wiederholten Befragung der gleichen Schüler basiert. Wenn man die gleichen Personen befragt, kann man auch Veränderungen sehr gut untersuchen. Wir haben nicht nur Straftäterinnen und Straftäter befragt, sondern eine repräsentative Untersuchung Jugendlicher für die Stadt Duisburg vorgenommen. Wir können eine weite Verbreitung von Delinquenz nachweisen. Bis zum vierzehnten oder fünfzehnten Lebensjahr steigt die Delinquenz an und dann erleben wir eine Spontanbewährung, so der kriminologische Ausdruck. Der überwiegende Anteil der Delinquenz geht wieder zurück und wächst sich entwicklungstypisch aus. Das betrifft nicht die Gruppe der Intensivtäter, die Herr Kuperion angesprochen hat. Eine kleine Gruppe von Intensivtätern ist darunter, die konsistent delinquent bleibt. Aber auch diese Gruppe zeigt, zumindest in unserer Studie, rückläufige Tendenzen, was das delinquente Verhalten angeht.

Das klingt, als ob es einerseits „normale“ Jugendkriminalität gebe als alterstypisches Phänomen und andererseits einen harten Kern an Intensivtätern. Was braucht es denn, um die einen nicht zu hart zu bestrafen und aus der Bahn zu werfen und die anderen früh und konsequent zu erreichen?

Kuperion: Ja, das ist das große Problem. Alle Entscheidungen und erzieherischen Maßnahmen sind letztlich nichts anderes als Prognose-Entscheidungen. Natürlich gibt es einen Großteil von jungen Menschen, für die Kriminalität eine Episode ist und die ein gewisses Maß an Intensität gar nicht überschreiten. Dagegen muss man nicht mit aller Härte vorgehen. Wobei keiner von uns Härte fordert, in dem Sinne, dass wir sagen, unter sechs Monaten Jugendstrafe läuft gar nichts. Entscheidend ist die Konsequenz. Und was noch wichtiger ist als die erzieherischen Maßnahmen ist der Umstand, was passiert, wenn ein Jugendlicher der erzieherischen Maßnahme fernbleibt. Da krankt es in vielen Bereichen. Es dauert sehr lange, bis etwas passiert, wenn etwa die Freizeitmaßnahme oder das Anti-Gewalt-Seminar nicht absolviert werden. Oder in einer Weise, die nicht sinnvoll ist. Und nochmal: Es gibt Anzeichen, die noch vor der Straftat liegen. Auffälligkeiten in der Schule, Schulversäumnisse. Nicht jeder Schulschwänzer wird zum Intensivtäter, aber eines ist klar, die Schulsäumnis ist ein Alarmzeichen. Wir müssten zum Beispiel viel mehr Betreuung durch Sozialarbeiter und Psychologen an den Schulen haben. Wir haben auch noch lange nicht das nötige Ausmaß an Zusammenarbeit zwischen Jugend- und Familiengerichten erreicht. Da laufen oft Maßnahmen parallel oder sogar gegeneinander.

Reinecke: Dazu habe ich volle Zustimmung. Man muss viel früher eingreifen. Hier hat die Politik das Instrumentarium, um etwas zu tun. Es geht nicht darum, Strafen härter zu machen. Es geht um die Koordination von Maßnahmen. Gerade auch beim Schulschwänzen: Das ist einer der frühen Indikatoren, wo man sagen kann, hier läuft etwas falsch.

Aktenstapel, Prozess, Gericht, JugendkriminalitätGerichtliche Kontrollverfahren haben meist nicht den gewünschten Effekt: Wichtiger ist der koordinierte Einsatz der Justiz an der richtigen Stelle. (© picture-alliance)

Herr Reinecke, Sie haben in Ihrer Studie auch festgestellt, dass der Kontakt zur Justiz Jugendliche nicht abschreckt. Dass hingegen straffällig gewordene Jugendliche enge soziale Bindungen untereinander eingehen. Es entsteht eine Peer-Group, eine Bezugsgruppe, die sich nach außen abschottet. Sollte sich die Justiz also mehr zurückhalten?

Reinecke: Wir haben bei unserer Studie mit dem Einverständnis der Jugendlichen auch ihre Kontakte mit der Justiz erfassen dürfen. Dabei haben wir feststellen können, dass im Zusammenhang mit Justizkontakten das Ausmaß dieser Kontakte nicht dazu führt, dass Straftaten zurückgehen. Sondern eher ein zeitversetzter Exklusionsprozess stattfindet. Das heißt, die Jugendlichen isolieren sich immer mehr. Und wenn diese Jugendlichen einmal in diesem Kreislauf drin sind, finden sie sozusagen auch nicht wieder heraus. Man kann feststellen, dass justizielle Kontrollverfahren eben nicht immer den gewünschten Effekt haben. In diesem Sinne braucht man weniger Justiz beziehungsweise man braucht Justiz an der richtigen Stelle und richtig koordiniert.

Kuperion: Aber dass die Gewalt an den Berliner Schulen zurückgegangen ist, hängt nach meiner festen Überzeugung auch damit zusammen, dass die Schulen im Gegensatz zu früheren Zeiten Fälle anzeigen. Erzieherische Maßnahmen – und dabei geht es ja im Jugendstrafrecht – möchte ich nicht als unwichtigen Faktor ansehen. Was wäre die Alternative? Wir reagieren gar nicht? Es braucht eine Reaktion. Die erste Frage ist: Wie finden wir die richtige erzieherische Maßnahme? Und die zweite Frage muss lauten: Können wir nicht besser auf die Ausführung der erzieherischen Maßnahme einwirken? Hieraus ergibt sich dann wieder die Frage, wie viel Geld es dafür gibt. Ein vernünftiger Jugendstrafvollzug kann in die richtige Richtung weisen. Jugendstrafvollzug kann aber auch zur Isolierung, zur Verhärtung führen.

Sprechen wir noch einmal über die jungen Intensivtäter. Herr Kuperion, haben Sie als Jugendrichter das Gefühl, dass Sie hier vor einer neuen Herausforderung stehen? Oder handelt es sich um ein Phänomen, das es schon immer gab und über das heute einfach häufiger berichtet wird?

Kuperion: Ich glaube schon, dass häufiger darüber berichtet wird. Es ist ein Phänomen, das es schon immer gab. Es wird jetzt namhafter durch die Bezeichnung Intensivtäter, durch die besondere Bearbeitung bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Ich bin seit 20 Jahren Strafrichter, seit 15 Jahren Jugendrichter – und natürlich hat es auch schon vor 15 Jahren Täterinnen und Täter gegeben, die immer und immer wieder kamen. Und man hat sich gefragt: Was passiert da eigentlich? Wieso ändert sich in dessen Leben nichts?

Intensivtäter wird schnell gleichgesetzt mit einem vorhandenen Migrationshintergrund der Jugendlichen. Herr Reinecke, Ihre Studie hat gezeigt, dass zwischen Jugendkriminalität und Migrationshintergrund kein enger Zusammenhang besteht. Nochmal zum Hintergrund der Studie: Sie haben nicht gezielt Intensivtäter befragt, sondern Jugendliche generell. Lassen sich Ihre Ergebnisse aus Duisburg auch auf andere Städte übertragen?

Reinecke: Das lässt sich meiner Ansicht nach übertragen. Wir reden hier wie gesagt über Täterraten im Dunkelfeld. Also Kriminalität, die nicht angezeigt wurde. Mittlerweile zeigen unsere und auch andere Untersuchungen, dass die Täterraten bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund – in Duisburg sind es vor allem türkischstämmige Jugendliche – auf ähnlichem Niveau liegen wie bei deutschstämmigen Befragten. Bei uns kam auch heraus, dass Mädchen einen weitaus geringeren Anteil an Gewalttätern aufweisen. Wobei türkischstämmige Mädchen noch deutlich weniger gewalttätig sind als deutschstämmige. Ein anderes Ergebnis ist, dass – im Gegensatz dazu – bei jungen männlichen Spätaussiedlern, also bei Russlanddeutschen, in den letzten Jahren eine erhöhte Gewaltdelinquenz zu beobachten ist. Man muss das also sehr differenziert angehen.

Das Neuköllner Modell

Das "Neuköllner Modell" (NKM) startete in Berlin im Jahr 2008, zunächst im Probelauf. Seit 2010 wird es stadtweit angewandt. Es geht auf die Initiative der Jugendrichterin Kirsten Heisig und einige ihrer Kollegen zurück. Sie entwickelten den Ansatz im Berliner Bezirk Neukölln zusammen mit dem lokalen Polizeiabschnitt, der Jugendgerichtshilfe und weiteren Akteuren. Das NKM sieht ein beschleunigtes Jugendverfahren für tatverdächtige Jugendliche bis 18 Jahren vor und zwar bei leichteren und mittleren Delikten (Diebstahl, einfache Körperverletzung) und einer einfachen Beweislage. 2013 wurden insgesamt 236 Verfahren nach dem NKM durchgeführt; einen Höchststand gab es 2011 mit 358 Fällen. Die Vorschläge für ein beschleunigtes Verfahren gehen von der Polizei an die Staatsanwaltschaft. Je nach Bezirk gibt es deshalb Unterschiede bezüglich der Zahl beschleunigter Verfahren.

Herr Kuperion, Sie waren Freund und Kollege der verstorbenen Jugendrichterin Kerstin Heisig, die für das Neuköllner Modell steht. Dabei sollen Verfahren gegen jugendliche Tatverdächtige so verkürzt werden, dass zwischen Tat und Prozess nur wenige Wochen liegen. Wenn man sich das Neuköllner Modell jetzt nochmal anschaut, was ist davon übrig geblieben?

Kuperion: Wir haben einen Durchschnitt von vier bis acht Monaten zwischen Tat und Prozess. Das ist für eine erzieherische Reaktion natürlich viel zu lang. Das heißt, eine erzieherische konsequente Maßnahme muss nicht unbedingt härter sein, muss aber schneller und zeitnah erfolgen. Deshalb muss die Forderung sein: Wir brauchen so viele Jugendrichterinnen und Jugendrichter, eine so gute Ausstattung bei Polizei und Staatsanwaltschaft, dass wir Jugendsachen grundsätzlich schnell bearbeiten können. Die Geschwindigkeit, die wir hier erreichen können, ist in erster Linie eine Frage der Ressourcen, die wir haben.

Und wie sieht zurzeit die Umsetzung des Neuköllner Modells aus?

Kuperion: Es ist schwieriger als am Anfang gedacht. Berlin ist ein riesiges Gebilde mit einer großen Zahl an Polizeibeamten, einer vergleichsweise hohen – wenn auch für eine schnelle Entscheidung in allen Fällen nicht ausreichenden – Zahl an Jugendstrafanwälten, Jugendrichtern und so weiter. Wir sind weiterhin dabei, das Modell umzusetzen und auch so anzupassen, damit es langfristig funktioniert. Was das Neuköllner Modell schon gebracht hat, ist eine Vernetzung zwischen den vier Beteiligten an einem Jugendstrafverfahren: Jugendgerichtshilfe, Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendgericht. Wir treffen uns in regelmäßigen Arbeitsgruppen. Wir hatten in den letzten Jahren 200 bis 300 Verfahren nach dem Neuköllner Modell. Das entspricht nach meiner Sicht noch nicht der Zahl der Fälle, für die das Modell gedacht, geeignet und erzieherisch sinnvoll ist. Und darum geht es. Es geht mir weder darum, dass wir unglaublich hohe Fallzahlen erzeugen. Noch darum, dass wir unglaublich schnell sind, nur um der Schnelligkeit willen. Mir geht es darum, dass wir es schaffen, in den Fällen, wo es besonders wichtig erscheint, schnell zu reagieren, das auch umsetzen zu können. Daran arbeiten wir. Aber das Neuköllner Modell ist kein Allheilmittel. Es ist EIN Baustein im Rahmen der Kriminalitätsbekämpfung.

Das Interview führte Sonja Ernst.


Weiterführende Links



Duisburger Verlaufsstudie "Kriminalität in der modernen Stadt"

Projektübersicht "Kriminalität in der modernen Stadt"
http://www.uni-bielefeld.de/soz/krimstadt/

Pressemitteilung zu den aktuellen Ergebnisse der Langzeituntersuchung in Duisburg, 22. Mai 2014 (PDF) http://www.uni-bielefeld.de/soz/krimstadt/pdf/Pressemitteilung-22.05.2014.pdf

Print-Medienecho zu den aktuellen Ergebnissen der Langzeituntersuchung in Duisburg, 22. Mai 2014 (PDF) http://www.uni-bielefeld.de/soz/krimstadt/pdf/Medienecho_Print_23.05.2014.pdf

Detektor.fm über die Studienergebnisse, "Jugendkriminalität - Ein Problem löst sich von selbst?" (Audio-Beitrag)
http://detektor.fm/wissen/forschungsquartett-langzeitstudie-ueber-kriminelles-verhalten-bei-jugendlichen

Neuköllner Modell

DVJJ (Deutscher Verein für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V.), Abschlussbericht der Evaluation zum "Neuköllner Modell", 25. November 2014
http://www.dvjj.de/nachrichten-aktuell/abschlussbericht-der-evaluation-zum-neuk-llner-modell-ver-ffentlicht

Clemens Hoffmann, Modell Neukölln im Behördentrott, Audio-Beitrag auf WDR 5, 13. Januar 2015
http://www.wdr5.de/sendungen/politikum/wiedervorlage/neukoelln104.html

Kirsten Heisig, Angst ist ein schlechter Ratgeber, Spiegel Magazin, 19. Juli 2010
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71892545.html

Christian Denso und Heinrich Wefing, Jugendgewalt: Das Ende der Ungeduld, Zeit Online, 28. Dezember 2010
http://www.zeit.de/2010/52/Heisig


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Autoren: Jost Reinecke, Stephan Kuperion für bpb.de
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