Yehya E., Berlin, Neukölln, Jugendkriminalität, Gangsterläufer, Film
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Jugendkriminalität - Zahlen und Fakten

18.10.2016

Mehrfach- und Intensivtäter



Eine kleine Gruppe von Tatverdächtigen und Verurteilten fällt durch mehrfache Straftatbegehung innerhalb eines Jahres auf. Über die quantitativen und qualitativen Ausmaße gibt es nur wenig präzise Angaben, weil es keine eindeutige Definition gibt. In verschiedenen polizeilichen Studien und Projekten wurde zum Beispiel als Mehrfachtäter erfasst, wer mindestens zweimal im Berichtsjahr mit insgesamt mindestens fünf Straftaten registriert wurde. In anderen polizeilichen Projekten wurde das Kriterium teils weiter (es genügten bereits drei Straftaten), teils enger gefasst (es waren mehr als zehn Ermittlungsfälle erforderlich). In der neueren Forschung wird versucht, durch quantitative, qualitative und zeitliche Kriterien diese Gruppe besser einzugrenzen. Während die mehrfache Deliktsverübung innerhalb eines bestimmten Zeitraums, zum Beispiel eines Jahres, die Mehrfachtätereigenschaft begründet, gelten Intensivtäter als eine Untergruppe, die sich beispielsweise durch die wiederholte Verübung von Gewaltdelikten auszeichnet.

Aber auch hier weichen die Definitionen noch voneinander ab. So wurden in einer etwas anderen Abgrenzung in der bundesweiten Schülerbefragung als Intensivtäter alle Jugendlichen gewertet, die mindestens drei Deliktstypen und insgesamt über zehn Delikte verübt haben. Dies waren 6,5 Prozent aller Jugendlichen, die aber nach eigenen Angaben 51,5 Prozent aller Ladendiebstähle, 55,7 Prozent aller Sachbeschädigungen und 60,6 Prozent aller leichten Körperverletzungen verübt hatten.[17]

Mehrfach auffällig sind vor allem männliche Jugendliche. Die Situation dieser Jungen ist typischerweise durch soziale und individuelle Defizite und Mängellagen gekennzeichnet, wie "Frühauffälligkeiten im Verhalten, familiäre Probleme, insbesondere auch durch erfahrene und beobachtete Gewalt in der Familie, materielle Notlagen bis hin zu sozialer Randständigkeit und dauerhafter sozialer Ausgrenzung, ungünstige Wohnsituation, Fehlen schulischer Abschlüsse und brauchbarer beruflicher Ausbildungen, dadurch (mit)bedingte subjektive wie objektive Chancen- und Perspektivlosigkeit".[18] Hinzu kommen häufig noch persönliche Probleme durch Alkohol- oder Drogenkonsum.

In weiten Teilen der Öffentlichkeit und der Politik wird angenommen, Kriminalität und damit die Gefährdung/Verletzung von Opfern könne dadurch vermieden werden, dass diejenigen, die am Beginn einer "kriminellen Karriere" stehen, gezielt behandelt und gegebenenfalls sicher verwahrt werden. Dieser Ansatz ist gescheitert. Denn prognostisch ist es bislang nicht gelungen, diese kleine Gruppe von mehrfach Auffälligen von jenen Jugendlichen zu unterscheiden, die eine Spontanbewährung aufweisen, die also ohne Intervention durch Polizei oder Justiz ihr kriminelles Verhalten aufgeben. Die Forderung nach einem "Wegschließen" mehrfach auffälliger Jugendlicher geht deshalb auf Kosten einer unverantwortbar hohen Zahl zu Unrecht Identifizierter.

Außerdem gilt auch für die Tätergruppe der Mehrfach- und Intensivtäter, dass – entgegen der Annahme "einmal Verbrecher, immer Verbrecher" – die große Mehrzahl nur während einer begrenzten Altersphase polizeilich auffällig wird. Die Duisburger Verlaufsstudie hat nunmehr gezeigt, dass dies nicht etwa darauf beruht, dass die Mehrfachtäter geschickter werden und den polizeilichen Ermittlungen entgehen können. Denn auch im Dunkelfeld gehen die Anteile an Intensivtätern bereits im Jugendalter deutlich zurück – auch ohne polizeiliche Intervention. Festgestellt wurde dies durch eine jährlich wiederholte Befragung, die ihren Ausgang nahm bei sämtlichen Schülern, die im Jahr 2002 die 7. Klasse einer Duisburger Schule besuchten. Diese Gruppe ist inzwischen bis zum 22. Lebensjahr befragt worden. Als Intensivtäter wurden hier alle Jugendlichen eingestuft, die angaben, jeweils fünf oder mehr Gewaltdelikte in den letzten 12 Monaten verübt zu haben. Diese Gruppe umfasste im 14. bis 15. Lebensjahr sechs Prozent ihrer Altersgruppe, verübte aber über drei Viertel aller Gewaltdelikte ihrer Altersgruppe. Schon ab dem 15. (weiblich) beziehungsweise dem 16. Lebensjahr (männlich) ging der Intensivtäteranteil im Wege einer Spontanbewährung zurück.[19] Im 20. Lebensjahr gab es nur noch 1,5 Prozent männliche Intensivtäter. Damit wurde zugleich die Annahme widerlegt, dass insbesondere diejenigen, die schon im Kindesalter auffällig werden, auch bis weit in das Erwachsenenalter hinein straffällig sind.

Sozialpolitik als wirksame Kriminalpolitik



"Kriminalität" – und zwar sowohl im Hell- als auch im Dunkelfeld – ist kein naturalistisch gegebener und einfach zu messender Sachverhalt. Was als "Kriminalität" wahrgenommen wird, ist sowohl das Ergebnis gesellschaftlicher Festlegungen als auch von (zumeist) mehrstufig erfolgenden Prozessen der Wahrnehmung von Sachverhalten, deren Interpretation und Bewertung. Es gibt deshalb auch nicht "das" eine Messinstrument. Dementsprechend gibt es mehrere, sich zumeist nur teilweise überlappende "Bilder" von "Kriminalität". Eine rationale Kriminalpolitik wird sich nicht nur auf ein "Bild" verlassen, wird Ursachen statt Symptome angehen, wird vor allem Prävention statt Repression betreiben und die begrenzte Leistungskraft eines Strafrechts in Betracht ziehen, das immer zu spät kommt und bestenfalls begrenzt wirkt.

Zusammenfassung



Welche der verschiedenen Messinstrumente auch immer gewählt werden – sie zeigen, dass Jugendkriminalität in ihren leichten Formen ubiquitär ist, dass sie bagatellhaft und vor allem episodenhaft ist. Einen empirischen Beleg gibt es weder für eine zunehmende Brutalisierung noch für eine Zunahme des Anteils der Mehrfachtäter. Vor allem zeigen die vorliegenden Zahlen, dass für eine Dramatisierung der Jugendkriminalität und für eine Verschärfung des Strafrechts kein Anlass besteht. Die sich nicht nur im Hellfeld, sondern auch bei selbstberichteter Delinquenz abzeichnende Höherbelastung einiger ethnischer Gruppen im Gewaltbereich deutet freilich auf Integrationsprobleme hin, insbesondere im Bildungsbereich. Die bereits vor 100 Jahren aufgestellte These "Sozialpolitik (stellt) zugleich die beste und wirksamste Kriminalpolitik dar",[20] ist deshalb immer noch und unverändert gültig.

Literaturverzeichnis:



Baier, Dirk: Jugendliche als Täter und Opfer, in: DVJJ (Hrsg.): Achtung (für) Jugend!, Mönchengladbach 2012, 173-196.)

Baier, Dirk; Pfeiffer, Christian; Simonson, Julia; Rabold, Susann: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. KFN-Forschungsbericht 107, Hannover 2009.

Block, Tobias: Jugendkriminalität und staatliche Reaktion in Harnburg 1997 - 2007. Entwicklungen und Hintergründe, Hamburg 2010.

Boers, K., Reinecke, J., Daniel, A., Kanz, K.-M., Schulte, P., Seddig, D., Theimann, M., Verneuer, L. & Walburg, C. (2014): Vom Jugend- zum frühen Erwachsenenalter. Delinquenzverläufe und Erklärungszusammenhänge in der Verlaufsstudie "Kriminalität in der modernen Stadt". In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform. Jg. 97, Heft 3, S. 183-202.
http://www.uni-bielefeld.de/soz/krimstadt/

Bundesministerium des Innern; Bundesministerium der Justiz (Hrsg.): Zweiter Periodischer Sicherheitsbericht, Berlin 2006.

Bundesverband der Unfallkassen: Gewalt an Schulen. Ein empirischer Beitrag zum gewaltverursachten Verletzungsgeschehen an Schulen in Deutschland 1993–2003, München 2005. http://www.dguv.de/medien/inhalt/zahlen/documents/Gewalt_an_Schulen.pdf

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (Hrsg.): Achtung in der Schule - Informationen zur Gewaltprävention für Lehrkräfte und Eltern, o.J.
http://www.8ung-schule.de/media/pdf/Achtung-in-der-Schule_Statistik.pdf

Heinz, Wolfgang: Kriminelle Jugendliche – gefährlich oder gefährdet?, Konstanz 2006.

Heinz, Wolfgang: Jugendkriminalität aus rechtswissenschaftlicher Perspektive, Konstanz 2014
http://www.ki.uni-konstanz.de/kik/

Liszt, Franz von: Das Verbrechen als sozial-pathologische Erscheinung, in: von Liszt: Strafrechtliche Aufsätze und Vorträge, Bd. 2, Berlin 1905, S. 230-250.

LKA NRW - Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle: Junge Mehrfachtatverdächtige in NRW. Forschungsberichte Nr. 1/2005.
https://www.polizei.nrw.de/media/Dokumente/Behoerden/LKA/Junge_Mehrfachtatverdaechtige.pdf

Melzer, Wolfgang u.a. (Hrsg.): Handbuch Aggression, Gewalt und Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen, Bad Heilbrunn 2014.

Steffen, Wiebke: Junge Intensiv- und Mehrfachtäter – eine neue Herausforderung? Überblick über kriminologische Befunde zu intensiv und dauerhaft auffälligen jungen Menschen, in: BMJ (Hrsg.): Das Jugendkriminalrecht vor neuen Herausforderungen?, Mönchengladbach 2009, 83-100.

Walburg, Christian: Migration und Jugenddelinquenz. Mythen und Zusammenhänge. Ein Gutachten im Auftrag des Mediendienstes Integration, Berlin 2014.
http://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Gutachten_Kriminalitaet_Migration_Walburg.pdf

Wilmers, Nicola; Enzmann, Dirk; Schaefer, Dagmar; Herbers, Karin; Greve, Werner; Wetzels, Peter: Jugendliche in Deutschland zur Jahrtausendwende: Gefährlich oder gefährdet?, Baden-Baden 2002.


Fußnoten

17.
Baier 2012, S. 185.
18.
Steffen 2009, S. 93.
19.
Boers et al. 2014, S. 187 f. Mehr Informationen zur Längsschnittstudie finden sich hier: http://www.krimstadt.de/.
20.
von Liszt 1905, S. 246.
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Autor: Wolfgang Heinz für bpb.de
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