Yehya E., Berlin, Neukölln, Jugendkriminalität, Gangsterläufer, Film

"Wir wollen nicht bespaßen, und wir wollen nicht helfen"


12.5.2015
Der Verein Paidaia arbeitet mit jugendlichen Intensivtätern. Dabei setzt er auf geistiges und körperliches Training. Darauf, dass die Jugendlichen selbst die Kehrtwende vollziehen und sich Zukunftsperspektiven erarbeiten. Der Verein ist damit sehr erfolgreich. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer von Paidaia, Ibrahim Ismail.

Ein Mann redet mit einem jüngeren Mann.Der Weg raus aus der Kriminalität ist möglich. Für jugendliche Intensivtäter gibt es verschiedene Maßnahmen und Projekte, um den Ausstieg zu schaffen. (© picture-alliance/dpa)

bpb.de: Herr Ismail, Sie sind Geschäftsführer des Vereins Paidaia. 2013 wurden Sie in die westfälische Gemeinde Ascheberg gerufen. Eine Gruppe randalierender Jugendlicher sorgte in der Kleinstadt für Angst und Schrecken. Es gab 60 offiziell angezeigte Straftaten in einem Jahr – begangen von nur sieben Intensivtätern. Familienhilfe, Jugendhilfe, Arrest: nichts nutzte. Sie und ihr Team konnten mit ihrem Projekt, dem Sinn-Projekt, die Straftaten innerhalb der Gruppe fast auf Null senken. Wie sah ihre Arbeit aus? Womit haben Sie begonnen?

Ibrahim Ismail: Da will ich zunächst einen Schritt zurückgehen. In Ascheberg hatte sich eine Ordnungspartnerschaft zusammengetan aus Polizei, Justiz und Jugendamt, weil die kriminelle Situation so eskalierte. Dann wurden wir gerufen. Und ich habe zunächst deutlich gemacht: Wir müssen hier neue Wege gehen, ungewohnte Wege. Dazu gehörte zum Beispiel meine Forderung, dass die jugendlichen Intensivtäter mit uns freiwillig arbeiten und das auf freiem Fuß. Wir setzen auf ein komplett neues Denken in Bezug auf die Arbeit mit Intensivtätern.

Bevor Sie mehr zu Ihrer Arbeit erzählen: Wie ging es zunächst in Ascheberg weiter?

Bevor wir mit dem Projekt starteten gab es noch eine Analysephase. Ich muss ja auch sehen, ob die Situation für uns passt. Dafür nehme ich die ganzen Daten auf, schaue mir die Fälle an. Ich übernachtete für ein paar Tage in dem Ort, auch um zu sehen, was da genau passiert.

Es gibt bei den Jugendlichen immer einen harten Kern. Das sind die Intensivtäter, die die zentralen Akteure sind. Darum sammeln sich, quasi als erster Ring, die Mitmacher. Da gibt es auch noch ein hohes Kriminalitätspotenzial, aber sie sind nicht die zentralen Gestalter und nicht unbedingt selbst kriminell. Der harte Kern umfasst vielleicht nur fünf Täter, wirkt aber verstärkend und kann eine negative Dynamik in einem ganzen Stadtteil auslösen.

Sie haben sich dann entschlossen, mit den Jugendlichen in Ascheberg zu arbeiten. Wie sah das konkret aus?

Es gab ein erstes Treffen von mir und den Jugendlichen. Ohne Termin, ohne festen Raum. Ich habe die draußen auf der Straße abgefangen. Ich habe erzählt, dass ich gefragt wurde, ob ich mit ihnen arbeiten will. Und dass ich sie erst einmal kennenlernen will, um festzustellen, ob sich das überhaupt für mich lohnt. Ich konnte das Interesse der Jugendlichen für mich gewinnen.

Wir haben dann einen Vertrag geschlossen, den habe ich heute noch. Diesen haben die Jugendlichen formuliert – mit sehr harten Regeln. Drei Mal in der Woche ein festes Treffen. Dann nochmal an mobilen Tagen. Wenn ein Jugendlicher nicht erscheint, trägt er einen Schaden von 85 Euro. Diesen kann er dann binnen eines Monats im Rahmen von Sozialstunden zu acht Euro die Stunde abzahlen. Ansonsten Arrest. Fehlen geht nur mit ärztlichem Attest oder in Absprache mit einer Woche Vorlauf.

Info-Box: Verein Paidaia

Der Verein Paidaia e.V. wurde 2009 gegründet und ging aus der Arbeit am sportpädagogischen Lehrstuhl der Ruhr-Universität Bochum hervor. Ziel ist es, sozial benachteiligte und/oder kriminelle Jugendliche zu fördern und ihnen Alternativen zu weisen. Das Leitmotiv der Arbeit lautet: „Ich fordere dich, weil ich dich achte.“ Die Teams setzen sich aus Sportwissenschaftlern und Pädagogen zusammen, ebenso aus aktiven Vereinsmitgliedern aus der freien Wirtschaft, der Justiz oder Kultur. Auch Jugendliche aus vergangenen Projekten werden Teil des Vereins und teils in die aktuelle Arbeit eingebunden. Neben Ascheberg arbeitete Paidaia unter anderem in Leverkusen, Bochum, Wuppertal und Hamburg.


Diese selbst gemachten Regeln klingen wirklich sehr streng. Sie haben auch mit einem Punktesystem gearbeitet. Wie funktionierte das?

Die Jugendlichen konnten anhand eines Punktesystems, im Sinne eines Verhaltens-Index, Geld sammeln. Ein Punkt sind drei Euro. Pro Tag waren maximal 24 Punkte möglich, da muss man aber wirklich Mutter Teresa sein. Diese Punkte verteilen die Jugendlichen selbst: für ihre Mitarbeit, für ihr soziales Verhalten. Sie haben sich auch den Raum gestaltet, in dem wir uns dann regelmäßig getroffen haben. Die Möbel dafür haben sie über Kleinanzeigen organisiert. Sie haben sich ihre Basis aktiv erarbeitet.

Die Jugendlichen konnten auch eine Vollversammlung einberufen. Zum Beispiel, damit ein Gericht Vorfälle klärt. Für dieses Gericht gab es feste Ämter: eine Richterin und einen Pflichtverteidiger. Diese wurden von den Jugendlichen gestellt und gewählt. Durch dieses Gericht konnten die Jugendlichen selbst die Sinnhaftigkeit von Regeln erfahren und selbst anwenden.

Das sind die äußeren Strukturen. Wie sah sonst die Arbeit mit den Jugendlichen aus?

Wir setzen auf Persönlichkeitsbildung und die "Stärkung der Geisteskraft". Für uns ist die Frage: Wie kann man einen Menschen intrinsisch motivieren, einen anderen Weg einzuschlagen? Wir machen mit den Jugendlichen ein mentales Coaching. Wir reden über Schopenhauer, Sokrates, Martin Luther King; über Philosophie und was das mit dem Leben der Jugendlichen zu tun hat. Wir machen auch Anti-Gewalt-Training. Ergänzend gibt es ein körperliches Coaching, also Sport, vor allem um Spannungen zu kanalisieren.

Wir bauen nach und nach zu den Jugendlichen eine enge Bindung auf. Und wir führen sie, so sagen wir, zum Null-Punkt. Und diesen Null-Punkt erleben wirklich alle. Es ist die Erkenntnis: Mir geht es beschissen; ich bin nicht in diesem Leben angekommen. Die Jugendlichen fallen komplett in sich zusammen. Und wir sagen dann: Wo du gerade stehst – nämlich ganz unten –, diese Erkenntnis ist das Beste, was dir passieren kann. Jetzt kannst du mal alles ablegen und dir nichts vormachen. Jetzt weißt du, wo du real stehst und hast die Chance, davon wegzukommen. Und jetzt schauen wir, dass du dich selbst heraushievst. Und wir sind deine Wegbegleiter.

Der stellvertretende Jugendamtsleiter im Kreis Coesfeld, dazu gehört Ascheberg, hat in einem Interview gesagt, Sie und Ihr Team machen keine Sandalenpädagogik – und das sei erfrischend. Wo sehen Sie Unterschiede zu anderen pädagogischen Ansätzen?

Es gibt viele Angebote für Jugendliche, die aber nicht wirken. Wir bespaßen nicht. Wir wollen auch nicht helfen, denn das würde heißen, wir können alles und die Jugendlichen können nichts. Wir gehen eine Kooperation ein. Und wir glauben an die Jugendlichen.

Diese enge Bindung wiederum darf nicht instrumentalisiert werden, indem ich den Jugendlichen sage, was "gut" für sie ist. Das müssen sie selbst herausfinden. Diesen Richtungswechsel im Kopf müssen die Jugendlichen wollen. Und zwar nicht, weil ich das toll finde oder die Gesellschaft. Weil ihnen dann alle auf die Schulter klopfen und sagen: Toll, früher hast du Scheiße gebaut, heute bist du ein toller Typ. Das funktioniert so nicht. Die Jugendlichen müssen sich selbst aktivieren, ihre Persönlichkeit bilden und Perspektiven wählen. Das ist nicht einfach, denn die Verhaltensmuster sind tief verwurzelt.

Sie haben in verschiedenen Projekten mit jugendlichen Intensivtätern gearbeitet. Was zeichnet die jungen Männer und Frauen aus?

Es gibt viele sozialisationsbedingte Faktoren für kriminelles Verhalten. Viele kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen. Sie kommen sich im Schulsystem oft als Mangelwesen vor. Sie scheitern immer wieder. Und in einer Gesellschaft, die auf Erfolg und Leistung setzt, ist das hart. Es fehlt ihnen an Anerkennung und Selbstwertgefühl. Hinzu kommt eine Marginalisierung, ein An-den-Rand-gedrängt-Sein. Ihre Defizite werden ihnen von außen gespiegelt und dieses Fremdbild wird irgendwann zum Selbstbild. Sie denken: Ich gehöre nicht zur Gesellschaft dazu. Gewalt wird dann zu einem Mittel, um für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Welche Rolle spielen Drogen?

Unterschiedlich. In Ascheberg zum Beispiel hatten wir damit zu kämpfen. Haschisch, Alkohol, teils auch Kokain und Ecstasy. Wenn die Jugendlichen so bedröhnt sind, lässt sich nicht mit ihnen arbeiten – weder mental noch körperlich. Aber ich hatte keine Zeit für eine Drogentherapie. Wir hatten ja insgesamt nur ein Jahr Zeit.

Da mussten wir einen pädagogischen Trick anwenden – im Rahmen des Legalen. Ich habe in Abstimmung mit Eltern und Polizei etwas inszeniert. Wir haben ein paar Leute im Gebüsch versteckt. Die Jugendlichen sollten das bemerken. Dann habe ich ihnen erzählt, dass sie aufgeflogen seien. Sie würden von der Bundespolizei überwacht und die wüssten von den Drogen. Ich habe denen richtig Druck gemacht. Dann habe ich gesagt, dass sie noch eine Chance hätten, sonst drohe ihnen endgültig Jugendhaft. Die Jugendlichen sind dann schnurstracks zur Polizeiwache gegangen und haben gesagt: Wir nehmen Drogen. Damit hören wir jetzt auf. Und wir machen alle vier Wochen Drogentests.

Solche Tricks haben wir noch zu anderen Gelegenheiten eingesetzt, aber immer im Rahmen des Legalen und in Absprache mit Eltern, Behörden und so weiter. Dabei geht es auch darum, außerhalb der institutionalisierten Strukturen zu denken. Man muss immer wieder schauen, was läuft in dieser Gruppe. Man muss permanent die derzeitige Situation lesen und Strömungen entgegenwirken. Das ist wie beim Football-Spiel: Der Trainer legt immer wieder neu die Strategien fest.

Sie stellen eine enge Bindung zu den Jugendlichen her. Doch irgendwann ist das Projekt zu Ende. Wie schaffen Sie und die Jugendlichen es, sich voneinander zu lösen?

Das ist nicht schwierig. Wir kündigen von vornherein an, dass das Projekt ein Ende haben wird. Und die Aufgabe eines Pädagogen ist ja eigentlich, sich zu neutralisieren – von Anfang an. Es geht darum, die Jugendlichen auf eigene Beine zu stellen. Auch sind wir nach Projektende nicht komplett weg. Wir bleiben in Kontakt mit den Jugendlichen. Dazu verpflichten wir uns. Außerdem haben sich die Jugendlichen noch untereinander.

Dazu kommt: Die Jugendlichen in Ascheberg zum Beispiel haben ein Jahr lang an sich gearbeitet. Die sind danach anders. Und mit diesem neuen Bewusstsein ist es gar nicht mehr so schwer, dass es für sie weitergeht – auch ohne uns. Die Jugendlichen haben selbst Strategien für sich entwickelt, das Leben in die Hand zu nehmen.

In Ascheberg haben sie mit deutschen Jugendlichen gearbeitet, ohne Migrationshintergrund. In anderen Projekten arbeiten sie mit Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte. Sie sind selbst Flüchtlingskind aus dem Libanon. Sie haben ihren Weg von der Sonderschule über die Oberstufe bis zum Lehrbeauftragten an der Hochschule gemacht. Wie viel bewirkt Ihre eigene Person bei den Jugendlichen – vor allem bei jenen mit Migrationshintergrund?

Mein Leben ist nicht das Entscheidende. Die Jugendlichen erkennen sofort, ob man authentisch ist oder nicht. Ob man wirklich mit ihnen arbeiten will oder nicht. Ob man an sie glaubt.

Man braucht Pädagogen, die selbst eine Quelle der Motivation für die Jugendlichen sind. Die Charisma haben und für die Sache brennen. Die Vitalität in sich tragen und ein offenes Wesen haben. Alter oder Herkunft sind nicht entscheidend. Und als Menschenarbeiter, so nenne ich das, darf man nicht Dienst nach Vorschrift machen.

Wie viel Geld braucht es, um ein Projekt wie in Ascheberg erfolgreich umsetzen zu können?

Wir haben ein Jahr mit den Jugendlichen zusammengearbeitet. Seit nun einem Jahr und acht Monaten ist das Projekt beendet. Und die Kriminalitätsrate ist bei nahezu null. Das Sinn-Projekt hat insgesamt rund 320 000 Euro gekostet. Innerhalb dieses einen Jahres wurden laut Jugendamt 500 000 Euro gespart. Und zwar nur vom Jugendamt für Maßnahmen, die es nicht brauchte. Und man hat langfristig natürlich noch viel mehr Geld gespart: Denn ein Intensivtäter kann im Verlauf seiner kriminellen Karriere an Schädigungen locker die Eine-Million-Euro-Marke knacken.

Das Interview führte Sonja Ernst.



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Autor: Ibrahim Ismail für bpb.de
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