Yehya E., Berlin, Neukölln, Jugendkriminalität, Gangsterläufer, Film

Jugendarbeit im sozialen Brennpunkt


12.5.2015
Susanne Korbmacher ist Lehrerin in München-Hasenbergl, einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Und das seit fast 30 Jahren. Sie kennt die Familien und die Jugendlichen im Norden Münchens, und sie weiß um die Probleme durch soziale Benachteiligung. 2000 hat sie den Verein "ghettokids - Soziale Projekte e.V." mitgegründet, der seitdem erfolgreich Jugendarbeit macht. In einem Audio-Beitrag beschreibt sie die Herausforderungen und ihr Engagement.

Audio-Beitrag über Susanne Korbmacher, Mitgründerin des Vereins „ghettokids - Soziale Projekte e.V.“ in München. (© Bundeszentrale für politische Bildung)

Ein Audio-Beitrag über ...

Susanne Korbmacher

Susanne KorbmacherSusanne Korbmacher (© picture-alliance)
Susanne Korbmacher: "Und da haben die Jugendlichen gesagt: Nein, das ist doch viel zu brav. Wir wollen mal ein bisschen provozieren. Wir nennen uns Ghettokids. Weil, so sehen sie uns ja. Die nichts können, die nichts mitbringen. Wir haben doch keinen Wert für die anderen. Dann beweisen wir denen, dass wir doch was können. Und, dass wir doch was sind."

Sonja Ernst: Und der Beweis ist erbracht. Der Verein "ghettokids" macht seit 2000 erfolgreich Jugendarbeit in München. Anfangs nur im nördlichen Hasenbergl: Einem sogenannten sozialen Brennpunkt, einem Problemviertel. Inzwischen arbeitet der Verein in vielen Stadtteilen.

Mehrfach wurde der Verein ausgezeichnet. Auch die Initiatorin von "ghettokids" – Susanne Korbmacher – wurde für ihre Arbeit immer wieder geehrt. Sie erinnert sich an die Namensfindung damals. Eigentlich sollte der Verein "Menschenskinder" heißen, also irgendwie nett und gewinnend. Doch die Jugendlichen waren da viel nüchterner: Ghettokids, so sollte der Name lauten.

Seit fast 30 Jahren ist Korbmacher Lehrerin in München-Hasenbergl. Sie ist Studienrätin für das Förderschulwesen, früher hieß das Sonderschuloberlehrerin. Seit fünf Jahren ist sie auch "Beraterin Migration" in München – im Auftrag der Regierung von Oberbayern. Sie arbeitet Vollzeit. Ist 61 Jahre alt, Mutter eines erwachsenen Sohnes. 2004 lieferte sie mir ihrem Buch "Ghettokids. Immer da sein, wo’s weh tut" eine wichtige Innenperspektive. Es ist ein sehr persönliches Buch. Über sie selbst. Über Jugendliche, die sie begleitet hat. Und über den Verein "ghettokids".

Dieser Verein kümmert sich. Um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der unteren Schultypen: Förderschule, Grundschule, Hauptschule. Selten Realschule. Teils sind es bis zu 500 Kinder und Jugendliche im Monat, die eines der vielen Angebote wahrnehmen.

Susanne Korbmacher: "Die Schwerpunkte sind die Förderung von allen Lebensbereichen, die Kinder und Jugendliche betreffen. Das heißt, natürlich im schulischen, sprachlichen, kreativen Bereich. Sportlichen Bereich auch. Da versuchen wir eben etwas zu initiieren. Workshops anzubieten, zu Schulabschlüssen hinzuführen, bei Praktika zu helfen."

Sonja Ernst: Die Arbeit teilen sich Susanne Korbmacher und viele andere ehrenamtlich Engagierte. Schwerpunkte sind Hilfen für den Schulabschluss; das Fördern von Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit; die Kinder und Jugendlichen zu unterstützen, ihre Talente und Stärken zu entdecken; ihre emotionalen und sozialen Kompetenzen zu entwickeln.

Dafür gibt es zum Beispiel "Bilsuma" – den Bildungs-Super-Markt. Quasi ein Shop fürs Lernen. Die Kinder finden hier Schulmaterialien. Sie nehmen sich, was sie wollen und lernen eigenständig für alle Fächer. Es gibt Lexika, Jugendliteratur, eine Mediathek und Computerkurse. Kunst-, Theater- und Sportangebote.

Bei dem Projekt "Thealimuta" wiederum geht es um Gemeinschaft und Spaß. Gefördert werden Theater, Lieder, Musik und Tanz. Denn wer zusammen tanzt und singt, der schlägert nicht, wie Susanne Korbmacher dazu sagt.

Aber warum das alles? Im Norden von München konzentriert sich die Arbeit vom Verein "ghettokids". Dort gibt es Viertel mit einem hohen Maß an sozialer Benachteiligung. Solche "Quartiere" gibt es in vielen deutschen Städten. Ihr Ruf ist schlecht, der Blick von außen bleibt meist klischeehaft. Susanne Korbmacher kennt dort den Alltag. Sie weiß, was das Leben in einem sozialen Brennpunkt mit den Kids macht.

Susanne Korbmacher: "Natürlich spielt es eine Rolle, wo man aufwächst. Es muss nicht unbedingt. Das heißt nicht, dass jeder der dort lebt, plötzlich auffällig wird. Aber es spielt eine riesige Rolle. Weil, dort lernt man Dinge kennen, die man in anderen Stadtteilen nie kennenlernt."

Sonja Ernst: Dazu gehört die Erfahrung von Armut. Auch von dem gesellschaftlichen Stigma, in einem "Problemviertel" zu leben. Ganz konkret gehört der soziale Ausschluss von Bildung, von Chancengleichheit dazu. Dazu gehören Eltern, die sich teils nicht kümmern können oder wollen. Und auch das Gefühl von Enge gehört dazu, denn viele Wohnungen, wie im Hasenbergl, sind viel zu klein. Susanne Korbmacher kennt das alles. Von persönlichen Besuchen und aus Gesprächen. Die Kinder "flüchten" sich teils auf die Straße, hin zur Peergroup – also zu anderen Jugendlichen. Eine Lösung ist das nicht.

Susanne Korbmacher: "Die Kinder und Jugendlichen haben mir immer gesagt: Es ist zwar ganz cool, auf der Straße zu sein. Aber nach ein paar Stunden wird dir auch langweilig. Und dann weiß man nicht, was man tun soll. Und dann wird man auch hungrig."

Sonja Ernst: Der Verein ist eine Anlaufstelle für die Kids. Eine große Bespaßung finden sie nicht, keine Action. Wir halten uns im Hintergrund, sagt die Lehrerin. Wie das eben Eltern zu Hause machen – im besten Fall. Sie sind da und ansprechbar, aber sitzen nicht die ganze Zeit mit im Kinderzimmer.

Susanne Korbmacher: "Ein Jugendlicher hat mal zu mir gesagt, man findet bei ghettokids das, was man nicht einmal auf der Straße findet. Und dafür lohnt es sich, Regeln einzuhalten. Das sind nicht wir Erwachsene, die das ständig einfordern, sondern das sind die Jugendlichen selber. Und das ist wichtig. Sie strengen sich an, weil sie dazugehören wollen. Zu ihrer geliebten Gruppe."

Sonja Ernst: Bei ghettokids finden sie eine Gruppe, finden sie Gemeinschaft. Der Verein leistet damit auch Prävention – nämlich vor Kriminalität. Man will hier Kinder und Jugendliche stärken, ihnen Alternativen bieten – vor den ersten Straftaten.

Warum Jugendliche, manchmal sogar schon Kinder kriminell werden – und das natürlich nicht nur in Vierteln mit sozialer Benachteiligung – dafür gibt es viele Gründe, weiß Korbmacher.

Ist es die Erziehung zu Hause? Ja. Muss aber nicht, sagt sie. Das Fehlen rechtsstaatlicher Werte in der Familie? Ja. Muss aber nicht. Das Leben in Armut? Ja, muss aber nicht. Selten brechen alle Geschwister einer Familie Gesetze. Kriminelle Jugendliche haben ihre eigene Geschichte. Viele ähneln sich, aber nie zu 100 Prozent.

Susanne Korbmacher: "Da spielt sicherlich die Biografie eine Rolle. Der familiäre Werdegang oder Wohnort. Die Wurzeln, also auch die Migrationswurzeln sicherlich. Dann spielt der Erziehungsstil eine Rolle, also besonders so ambivalente Erziehungsstile, wie Zuckerbrot und Peitsche. Und dieser patriarchalische Erziehungsstil kann, muss nicht, eine Rolle spielen. Oder Familien, die völlige Gleichgültigkeit zeigen."

Sonja Ernst: Besonders schwierig sei es, sagt Korbmacher, wenn Jugendliche anfangen zu manipulieren, sich zu verstellen. Wenn sie in der Familie, bei der Peergroup und bei Institutionen wie der Schule ein jeweils komplett anderes Bild von sich abgeben.

Susanne Korbmacher: "Wenn diese Welten nichts mehr miteinander zu tun haben. Dann gibt dieses Kinder oder der Jugendliche – ist es ja meist – ein völlig widersprüchliches Erscheinungsbild ab. Der Jugendliche selbst muss sich ja ständig umstellen auf diese verschiedenen Welten. Und wenn man überhaupt keinen Halt mehr hat, und auch nicht mehr in die Schule geht und keinen Tagesrhythmus mehr hat, ist die Gefahr sehr groß, dass man sich selbst verliert."

Sonja Ernst: Hier will ghettokids früh entgegenwirken – eben durch Prävention, möglichst noch vor den ersten Straftaten. Oder eine Kehrtwende bewirken.

Der Verein arbeitet nicht mit kriminellen Jugendlichen, mit Intensivtätern – das überfordert die Strukturen. Und für einen Verein wie ghettokids und für die vielen engagierten Menschen ist es wichtig, die Grenzen zu kennen. Sich nicht zu übernehmen.

Und Susanne Korbmacher? Wo sieht sie ihre Grenzen? Woher kommt ihre Motivation?

Susanne Korbmacher: "Ich mache ja meine Arbeit nicht, auch mein Engagement nicht, weil ich denke, es kommt irgendwann mal ein Ende. Wenn ich mit dieser Einstellung an meine Arbeit gehen würde, dann könnte ich gleich aufgeben. Ich bin ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das heißt, das, was wir schaffen und machen, ist nur in unserem kleinen Bereich etwas. Und es ist erfolgsversprechend. Und wenn man diese Erfahrung gemacht hat, dann macht das immer noch sehr, sehr viel Freude."

Sonja Ernst: Und die Arbeit von ghettokids ist sicherlich mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es ist eine Arbeit, die gesellschaftliche und politische Unterstützung verdient.




Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Susanne Korbmacher, Sonja Ernst für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Dossier

Neukölln Unlimited

Die Geschwister Lial, Hassan und Maradona wachsen in Berlin Neukölln auf, ihre Jugend ist von der Leidenschaft für Breakdance und Musik geprägt, aber auch vom Kampf der Familie für ihr Bleiberecht. Der Dokumentarfilm "Neukölln Unlimited" zeigt den Alltag und die Träume selbstbewußter junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und kann für wichtige Fragen der politischen Bildung sensibilisieren in den Themenfelder Migration, Asyl, Bildung und Jugendkultur. Weiter... 

Eine Maedchen mit einem weissen Luftballon liest am Samstag (18.12.10) am U-Bahnhof Wittenau in Berlin an der Stelle, an der der 17-jaehrige Cavit H. in der Nacht zum Sonntag (12.12.10) bei einer Messerattacke toedlich verletzt wurde, Trauerbekundungen.Christian Miesner

Jugendkriminalität - Tatsachen und öffentliche Wahrnehmung

Überfälle in der U-Bahn, emotionale Debatten: Spektakuläre Fälle lassen den Eindruck entstehen, dass schwere Gewalttaten unter Jugendlichen stark zugenommen haben. Immer wieder werden schärfere Sanktionen gefordert. Tatsächlich begehen Jugendliche hauptsächlich Bagatelldelikte, und härtere Strafen erscheinen oft kontraproduktiv. Weiter... 

Die Ausländerkriminalität ist höher – auch weil es "ausländerspezifische" Delikte gibt, die von Deutschen nicht begangen werden können, z.B. Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz oder das Asylverfahrensgesetz. Ausländerbehörde in Stuttgart. Foto: APIlka Sommer

"Ausländerkriminalität" – statistische Daten und soziale Wirklichkeit

Bei der Interpretation von Daten zur Straffälligkeit von Deutschen und Nichtdeutschen müssen zahlreiche Aspekte beachtet und differenziert werden: Wer gilt als Ausländer, wie wird Kriminalität polizeilich erfasst, und begehen Ausländer andere Straftaten als Deutsche? Weiter...